Feldpost von Pfarrer Harry Weisberg an Oberkirchenrat Schlingensiepen

Feldpostbriefe stellen eine vielbeachtete Quelle innerhalb der Disziplin der Geschichtswissenschaft dar. Umso wichtiger erscheint es, den Charakter dieser Dokumente richtig zu erfassen. Dr. Stefan Flesch berichtete bereits in „Feldpost und sonstige Kriegskorrespondenz im Archiv der EKiR„, dass die regulären Feldpostbriefe in allen Kriegen einer rigiden Zensur mit ggf. scharfen Verfolgungsmaßnahmen unterlagen. Zumal wurde die Feldpost in den Jahren 1939-1945 unter den Bedingungen des nationalsozialistischen Staates weiter verschärft. Umso erstaunlicher erscheint der Brief von Pfarrer Harry Weisberg an Oberkirchenrat Schlingensiepen vom 1. März des Jahres 1944, welcher durchaus kritische Töne anklingen lässt. Der Brief findet sich im Bestand „6HA002 – Oberkirchenrat Johannes Schlingensiepen„. Wie besonders diese Form des Dokuments ist zeigt sich auch anhand des Findbuches, wo sich folgendes Zitat finden lässt:

„Die Feldpostbriefe wie auch die Briefe der Nachkriegszeit geben Auskunft über die
persönlichen Lebensumstände des Schreibers, so z.B. über seinen Gesundheitszustand, seine Familie, seine Fronterlebnisse, seine Nöte als Seelsorger,
seine Sorgen hinsichtlich der Gemeinde, usw. Stellungnahmen zur Lage der Bekennenden Kirche, zum Nationalsozialismus, zum Krieg, usw. sind rar.“

6HA002 – Oberkirchenrat Johannes Schlingensiepen

Im Egodokument des Pfarrers finden sich sowohl Angaben bezüglich seiner Familie und seiner Gesundheit als auch kritische Stimmen zum Krieg. Eine weitere Besonderheit ist, dass auch konkrete Ortsangaben getroffen werden, sodass der Einsatzverlauf von Herrn Weisberg teilweise rekonstruiert werden kann. Folglich formuliert Pfarrer Weisberg bereits in der Einleitung, wie sehr er bedaure, dass die früheren Verbindungen so sehr unterbrochen werden durch diesen „bösen“ Krieg. Weiter berichtet Weisberg von der Taufe seines zweiten Kindes, welches in seiner Anwesenheit getauft werden konnte. Interessant erscheint auch, dass der Feldpostbrief zum einen Aussagen über die Gesundheit des Pfarrers enthält und zum anderen auch konkrete Orte inkludiert. So schrieb Weisberg: „Am 3. Dezember kam ich nach einem Schuß durch das rechte Unterarmgelenk vom Brückenkopf Nikopol weg (nachdem ich im Oktober noch rechtzeitig von der Krim weggekommen war!)“ und zurück – und war dann vom 20.12. bis zum 2.2. im Lazarett im Erzgebirge.(…)“ Nach Aufenthalten im Lazarett und einem Urlaub, müsse der Pfarrer wieder zurück bei seinem Ersatztruppenteil sein. Im weiteren Verlauf wird der Wunsch eines raschen Kriegsendes geäußert. So findet sich folgende Aussage: „Hoffentlich setzt GOTT diesem Kriege bald ein Ende. Möchte er doch Seine Hand ausrecken und Seine erklärten Feinde demütigen und ganz entmächtigen, damit seine Gemeinde nicht weiter zerstört werde und sein Wort in allen Ländern frei verkündigt werden kann! (…)“. Des Weiteren wusste Pfarrer Weisberg scheinbar von der „Bedrängung“ der Kirche durch die Nationalsozialisten. So spricht er jene selig, die „um des Evangeliums willen leiden“. Weiter führt er aus, dass dazu wohl die „meisten Diener am Wort zu rechnen“ wären, welche „heute noch in ihren Gemeinden das Wort verkünden. (…)“ Weisberg ist hierbei bewusst, dass die Geistlichen „Schmähungen“ und „Nachstellungen“ ausgesetzt sind.

6HA002 – Oberkirchenrat Johannes Schlingensiepen

Gesammelte Predigten vom 3. Oktober 1990

Beim Anlegen einer thematischen Sammlung im Archiv ist es manchmal gar nicht so einfach zu entscheiden, was in der Zukunft einmal wichtig und interessant wird. Bei diesem Ereignis waren sich aber wohl alle Stellen einig. Die Wiedervereinigung Deutschlands sollte auf möglichst vielfältige Weise dokumentiert werden.

Einsendung für die Predigtsammlung zum 3. Oktober 1990, aus Bestand: 8SL 042

Als Beitrag der evangelischen Kirchen initiierte die EKD noch im Herbst 1990, unmittelbar nach der erfolgten Wiedervereinigung, eine Sammlung von Predigten, die im Zusammenhang mit dem 3. Oktober 1990 gehalten worden waren.

„Wahrscheinlich wird die Nachwelt wissen wollen, wie die evangelische Christenheit sich angesichts des 3. Oktober verhalten hat“, stand in dem Aufruf des EKD-Kirchenamtes an die Gliedkirchen.

In der rheinischen Kirche übernahmen Archivdirektor Dr. Dietrich Meyer und Oberkirchenrätin Gisela Vogel die Koordination. Rund 80 Predigten aus dem Rheinland flossen in die Auswertung aller eingesandten Predigten durch Frau Dr. Ingrid Goldhahn-Müller mit ein.

„In ihrer Vielfalt und Verschiedenheit sind die Predigten repräsentativ für die vielen ungenannten Stimmen, die im Oktober 1990 in den Gemeinden zu hören waren“, befand sie. Als thematische Schwerpunkte der Predigten stellte sie Freude, Dank und Gotteslob zum einen heraus, zum anderen aber auch einen vorsichtigen Realismus im Hinblick auf die Aufgaben und Herausforderungen, die mit der Wiedervereinigung einher gingen.

Heute bilden die Predigten im Archiv der EKiR den Bestand 8SL 042. Auch im Hinblick auf die heutige Erinnerungskultur sind solche Quellen wichtig, denn sie helfen, die Wiedervereinigung nicht nur als politisches Ereignis, sondern auch auf einer persönlichen und emotionalen Ebene zu begreifen. Die Entscheidung, diese Sammlung anzulegen war auch aus heutiger Sicht die richtige.

„Rheinische Kirchengeschichte(n)“ – neue Podcast-Folgen

Podcast-und Geschichtsenthusiasten mögen aufhorchen. Denn es gibt wieder neue Folgen aus der Reihe „Rheinische Kirchengeschichte(n)“.

Waren die bisherigen Beiträge alles Stand-alone-Folgen, gibt es diesmal eine vierteilige Sonderreihe zum Umgang der Kirche mit im Dritten Reich verfolgten Jüdinnen und Juden. Beleuchtet werden die Jahre 1933, 1935, 1938 und der Zeitraum zwischen 1941-1945.

„Wie positionierte sich die rheinische Kirche während der Zeit des Nationalsozialismus? Welche Reaktionen gab es auf den Boykott jüdischer Geschäfte, die zunehmende Ausgrenzung und Entrechtung jüdischer Menschen, die Reichspogromnacht und die späteren Deportationen? Und was erlebten die Verfolgten in Städten wie beispielsweise Köln, Düsseldorf und Essen?“. Das sind einige der Fragen, die Prof. Dr. Siegfried Hermle näher beleuchtet. Näheres über Episoden und Autor gibt es in der Pressemitteilung.

Die Ev. Kirche und die Verfolgung von Jüdinnen und Juden in der NS-Zeit. Das Jahr 1933

Die Ev. Kirche und die Verfolgung von Jüdinnen und Juden in der NS-Zeit. Das Jahr 1935

Die Ev. Kirche und die Verfolgung von Jüdinnen und Juden in der NS-Zeit. Das Jahr 1938

Die Ev. Kirche und die Verfolgung von Jüdinnen und Juden in der NS-Zeit. Die Jahre 1941-45

Bestand 1OB019M – Ostpfarrerversorgung

Am 21. Juni 1946 beschloss der Rat der EKD die „Verordnung zur Versorgung und Verwendung von Ostpfarrern“. Als solche galten alle Pfarrer aus dem Gebiet der ehemaligen DEK (Deutsche Evangelische Kirche) östlich der Oder-Neisse-Linie (einschließlich Wartheland und Sudetengau), nicht aber die Pfarrer, die in der russischen Besatzungszone tätig waren. Folglich bietet der Bestand „1OB019M – Ostpfarrerversorgung” einen ganz besonderen Einblick in die zwangsläufige Veränderung der Gesellschaft und die damit einhergehende Neustrukturierung der Kirche. Bei den meisten „Ostpfarrern“ handelte es sich um vertriebene Volksdeutsche, die zusammen mit ihren Gemeinden aus den östlichen Gebieten der ehemaligen DEK vertrieben worden sind. Demnach erscheint es nicht verwunderlich, dass sich im Bestand spektakuläre und teils unglaubliche Biografien finden lassen.

Eine dieser besonderen Biografien findet sich unter der Aktennummer „287, Pfarrer Ferdinand Sommer“. Seinen Pfarrdienst trat Pfarrer Sommer im Jahre 1913 in der Gemeinde Przemysl-Galizien an. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges bescherte dieser Tätigkeit allerdings ein rasches Ende. Am 3. Juli 1951 schrieb Georg Faust, Propst i.R. an die „Amtsbrüderliche Hilfskasse des Bayr. Pfarrvereins“, dass Pfarrer Sommer „als die Festung Przemysl von den Russen eingenommen wurde“ vom Festungskommandanten zum evangelischen „k.u.k. Militär-Subsidiar Seelsorger“ ernannt worden ist. In dieser Funktion habe er 10 000 Soldaten betreut und beerdigt. Hierbei soll es sich nicht nur um Volksdeutsche, sondern auch um Polen, Tschechen, Ungarn und Slowaken gehandelt haben. Nach dem Fall der Festung ging Pfarrer Sommer freiwillig mit seiner Mannschaft in russische Gefangenschaft, die erst 1918 (aus gesundheitlichen Gründen) ein Ende fand. Anschließend wurde ab 1919 die Pfarrstelle innerhalb der deutschen Gemeinde in Schutzberg/Glogovac (Bosnien) bekleidet. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges wurden die deutschen Siedlungen in Bosnien nach Litzmannstadt umgesiedelt. In einem Vermerk an die „Evang. Luth. Landeskirche München“ vom 15. April 1953 wird das Schicksal der Deutschen wie folgt beschrieben: „Im November 1942 wurden die Bosniendeutschen durch einen Staatsvertrag zwischen dem Deutschen Reiche und dem Unabhängigen Staate Kroatien aus letzterem herausgenommen und in die deutschen Ostgebiete umgesiedelt. Bargeld, Sparbücher und Wertpapiere mussten an die Reichsregierung abgeliefert werden. (…) Das Vermögen der Kirchengemeinde fiel durch diesen Staatsvertrag der Evang. Luth. Kirche in Kroatien (Agran) zu (…)“ (1)

1OB019M – Ostpfarrerversorgung

Mit der Umsiedlung wurden die Aussiedler deutsche Staatsbürger und so den anderen Bürgern gleichgestellt. In einem Schreiben argumentiert Sommer, dass allen Beamten und Angestellten die lückenlose Zahlung der Ruhestandsgelder vertraglich zugesichert worden wäre. Wie in der Akte Nr. 287 ausführlich dokumentiert, gestaltete sich die Anerkennung der geleisteten Tätigkeiten in der Praxis äußerst problematisch. Pfarrer Sommer musste daher bis zu seinem Tod im Jahr 1966 um die Rentengewährung kämpfen.

1OB019M – Ostpfarrerversorgung
  1. Anzumerken ist hierbei, dass es sich bei beschriebenen „unabhängigen“ Staat Kroatien um einen Staat handelte, der unter dem Regime der Ustascha stand und somit als enger Verbündeter des Deutschen Reiches agierte.

Neuzugang in Boppard: Das Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Hermeskeil

Die Evangelische Archivstelle Boppard hat vor einigen Monaten das Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Hermeskeil übernommen. Dort wurde der Bestand geordnet, verzeichnet und durch ein Findbuch erschlossen, dass jetzt online verfügbar ist. Die Geschichte der evangelischen Gemeinde in Hermeskeil beginnt im Jahr 1807, als sich der erste Protestant im Ort niederließ. In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Zahl der evangelischen Einwohner vor allem durch den Zuzug von Beamten und Familien aus Birkenfeld und den östlichen Provinzen Preußens. Ab 1843 hielt der Züscher Pfarrer Geibel regelmäßig Bibelstunden im Hermeskeiler Gerichtszimmer. Nachdem dieser Versammlungsort nicht mehr zur Verfügung stand, erwarben die Gemeindeglieder bereits 1844 ein Grundstück für den Bau einer eigenen Kirche, die am 16. November 1853 eingeweiht werden konnte. Nur wenige Jahre später, am 13. Juni 1858, wurde Hermeskeil selbständige Kirchengemeinde. Mit dem Erwerb eines Pfarr- und Schulhauses im Jahr 1869 waren die wichtigsten Grundlagen für das Gemeindeleben geschaffen.

Hermeskeiler Jungmädchen auf einem Ausflug zu den Eifelmaaren, 1927; aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 145B (Hermeskeil), Nr. 15

Die Laufzeit des Archivs reicht von 1843 bis 2006, der zeitliche Schwerpunkt liegt allerdings zwischen der Mitte des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts und nur vereinzelte Unterlagen reichen bis 1997 bzw. 2006. Die Überlieferung insgesamt sehr fragmentarisch. Vergleichsweise gut dokumentiert ist die Entstehung und organisatorische Entwicklung der Kirchengemeinde mit Dokumenten zur Gemeindegründung, darunter Einladungen zur Gründungsversammlung, Unterlagen zum Kirchenbau, Inventare, Dienstanweisungen für den Hilfspfarrer, Dokumente zur Einrichtung der Pfarrstelle sowie zur evangelischen Schule und zur Besoldung der Geistlichen. Ergänzt werden diese Akten durch Gemeindegliederverzeichnisse, Kirchenvisitationen und Unterlagen über Ein- und Austritte. Zwei Protokollbücher dokumentieren darüber hinaus die Arbeit des Hermeskeiler Presbyteriums von 1854 bis 1926. Erwähnenswert ist auch die umfangreiche Materialsammlung zur Geschichte der Gemeinde. Sie vereint Manuskripte, Zeitungsausschnitte und zahlreiche Fotografien von Gebäuden, Gemeindefesten, Amtseinführungen, Konfirmationen, Jubelkonfirmationen und liturgischen Geräten. Ergänzt wird diese Überlieferung durch Jahresberichte sowie weitere statistische Unterlagen.

Weiterlesen →

Laurenz die Staubmaus zu Besuch im Archiv

Mitte Juli durften wir einen ganz besonderen Gast bei uns begrüßen: Maria Wego besuchte gemeinsam mit ihrer neugierigen Staubmaus Laurenz unser Archiv. Der Besuch fand im Rahmen der beliebten Kinderreihe „Laurenz – Eine Staubmaus im Archiv“ statt, die auf NRWision veröffentlicht wird.

Die Sendereihe richtet sich vor allem an Kinder und zeigt auf spielerische und leicht verständliche Weise, was Archive eigentlich sind und warum sie für unsere Geschichte so wichtig sind. Gemeinsam mit der kleinen Staubmaus Laurenz entdeckt das junge Publikum spannende Orte, interessante Objekte und die vielfältige Arbeit von Archivarinnen und Archivaren.
Auch bei uns gab es für Laurenz viel zu entdecken. Mit seiner typischen Neugier warf die kleine Staubmaus einen Blick hinter die Kulissen unseres Archivs, stellte viele Fragen und begab sich auf eine spannende Entdeckungsreise durch das Neandertal und unsere Bestände.

Wir freuen uns sehr, Teil dieses besonderen Projekts zu sein. Das fertige Ergebnis können sie sich nun hier anschauen.

Ein herzliches Dankeschön an Maria Wego und Staubmaus Laurenz für den schönen Besuch – wir freuen uns schon auf ein Wiedersehen!

Mein Praktikum im Archiv der EKiR – Geschichte hautnah

Im Zuge meines Geschichtsstudiums und meines Schwerpunktes der Kirchen- und Reformationsgeschichte habe ich mich dazu entschlossen, mich initiativ für ein sechswöchiges Praktikum im Archiv der EKiR zu bewerben.

Trotz meines Geschichtsstudiums hatte ich – anders als man vielleicht erwarten würde – bislang kaum direkte Berührungspunkte mit der Archivarbeit. Abgesehen von einer kleinen Übung im Rahmen meines Studiums hatte ich bisher keine Gelegenheit, praktische Erfahrungen in diesem Bereich zu sammeln, weshalb ich nicht genau wusste, was auf mich zukommen wird. Umso positiver überrascht bin ich gewesen, als mir bewusst wurde, wie vielfältig die Aufgaben des Archivteams eigentlich sind. Zu meinen Hauptaufgaben gehörte es, mithilfe des Programms ACTApro den Ortsaktenbestand 10B008 II zu verzeichnen, was mir eine neue Perspektive auf die EKiR und ihre Vielzahl an Kirchengemeinden im Detail gegeben hat. Des Weiteren sollte ich die Bilder des Fotografen Hans Lachmann digitalisieren, welche in ihren Themen und Orten extrem facettenreich sind und ein breites Spektrum des alltäglichen Lebens abbilden. Von Portraits und Momentaufnahmen bis hin zu kirchlichen und kulturellen Veranstaltungen ist alles dabei. Darüber hinaus hatte ich die Gelegenheit, die Notizen über die Asylistinnen des Magdalenenstifts (1856-1870) zu transkribieren. Die höchst interessanten, teils leider auch tragischen Notizen über die Lebensgeschichten der Frauen und Mädchen boten mir einen unmittelbaren Eindruck in den Umgang mit historischen Quellen.

Weiterlesen →