„Franzosenzeit“ im Rheinland

Die französische Herrschaft in den Rheinlanden seit 1794/95 bringt den Protestanten in den Kurfürstentümern Trier und Köln die lang ersehnte Gleichberechtigung. Neue Gemeinden entstehen nun u. a. in Aachen, Koblenz, Köln und Neuss, die auch erstmals eigene Kirchen zugewiesen bekommen.

1802 geben die „Organischen Artikel“ Napoleons den zersplitterten evangelischen Landeskirchen eine neue einheitliche Struktur. Im gleichen Jahr veröffentlichen der lutherische Pfarrer von Stolberg und sein reformierter Kollege ein gemeinschaftliches Gesangbuch mit nicht weniger als 1.300 (!) Liedern. Die von der Aufklärung beeinflusste Sammlung soll „zur Beförderung einer vernünftigen Gottesverehrung und einer wahrhaft christlichen Toleranz“ dienen. Eindrücklich dokumentiert sie, wie die bisherigen innerprotestantischen Konfessionsunterschiede zwischen Reformierten und Lutheranern zugunsten des Unionsgedankens zurücktreten.

Gemeinschaftliches Gesangbuch der beyden protestantischen Gemeinen in Stollberg bey Aachen, herausgegeben von Johann Reisig und Heinrich Simon von Alpen, Frankfurt / Main 1802 aus AEKR 8SL 046 (Bildarchiv), 57_0006
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Festlich herausgeputzt zur Konfirmation

Pfarrer Ulrich Kulke mit dem Konfirmandenjahrgang 1929 aus Niederkleen (KK Wetzlar), aus Bestand: AEKR 7NL176B (Pfarrer Ulrich Kulke), Nr. 54

Auf dem Land war es bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts üblich und ist es in manchen Gegenden Deutschland heute noch Brauch, bei wichtigen familiären Festtagen Tracht zu tragen. Das galt neben Hochzeiten vor allem für die traditionell am Palmsonntag gefeierte Konfirmation, an der sich die Mädchen in der Regel erstmals öffentlich in der örtlichen Tracht zeigten. Im Nachlass des Pfarrers Ulrich Kulke (1892-1986), der zwischen 1926 und 1957 in Niederkleen (heute Kirchenkreis An Lahn und Dill) amtierte und zwischen 1946 und 1957 auch Superintendent des damaligen Kirchenkreises Wetzlar war, befinden sich zahlreiche Fotos von Niederkleener Frauen und Mädchen in der so genannten Hüttenberger Tracht, benannt nach der historischen Landschaft zwischen Wetzlar, Gießen und Butzbach. Unter den Bildern sticht besonders ein Konfirmationsfoto aus dem Jahr 1929 hervor, das den damals 37 jährigen Pfarrer Kulke mit den sieben Niederkleener Konfirmationskindern dieses Jahres zeigt, von denen drei Mädchen die Hüttenberger Tracht tragen. Was Kulke dazu veranlasst hat, eine solche Trachtenfotosammlung anzulegen, ist nicht überliefert. Möglicherweise übte für ihn als Berliner Großstadtjungen die Lebendigkeit der historischen Traditionen, wie er sie in der ländlichen Gesellschaft Mittelhessens kennenlernte und wie sie sich vor allem in der Tracht manifestierte, eine besondere Faszination aus.

Neue Kollegin im Archiv der EKiR

Wir begrüßen Maike Schwaffertz im Archivteam der EKiR als neue Mitarbeiterin. Frau Schwaffertz hat ihren Doppelmaster in Geschichte und Soziologie an der RWTH Aachen erhalten und hat als Angestellte im Hochschularchiv mehrere Jahre praktische Erfahrungen sammeln dürfen. Sie wird unser Team als Vertretung für Frau Rockel-Boeddrig bei Erschließung und Digitalisierung unterstützen.

Die momentane Ausnahmesituation gestaltet die Einarbeitung etwas herausfordernd, aber glücklicherweise sind die Digitalisierungen und Online-Angebote im letzten Jahrzehnt im Bereich des Archivwesens stark ausgebaut worden, so dass eine ganze Menge Material auch von zu Hause aus zur Verfügung steht.

Für Maulbeerbäume und gegen „unnütze Wortklaubereien“: Kirche im aufgeklärten Absolutismus

Im späten 18. Jahrhundert trägt das Gedankengut der Aufklärung einen Reformimpuls auch in die deutsche Kleinstaaterei. Lesegesellschaften werden gegründet, zaghafte Toleranzedikte verkündet sowie Maßnahmen zur Wirtschaftsmodernisierung eingeleitet. Die evangelischen Geistlichen werden zunehmend als Staatsbeamte interpretiert, die von der Kanzel aus die mehr oder minder zukunftsweisenden Anregungen der Regierung öffentlich zu verkünden haben.

Eine wahre Flut gedruckter Verordnungen geht nun auf die Geistlichen nieder. Einige Beispiele des auch für St. Goar zuständigen Fürstlich Hessischen Konsistoriums in Kassel veranschaulichen dies.

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Historische Einladungen für Urlauber zu Gottesdiensten

In diesen schwierigen Zeiten des Corona-Virus scheint das Thema dieses Beitrags etwas abseitig: Weder kann man zur Zeit als Urlauber den Alltag hinter sich lassen noch können Gottesdienste durchgeführt werden. 1932/33 hatte eine Plakataktion des Evangelischen Landespreßverbandes für Sachsen das Ziel, Urlauber auf Gottesdienste in den Kirchen in ihrer Nähe hinzuweisen. Die beiden Postkarten zeigen die Motive für die Winter- und die Sommeraktion, für die Plakate im Format 32 x 44 cm angeboten wurden.

Postkarte „Wintersportler“, Evang. Landesverband für Sachsen, Dresden im November 1932, aus Bestand: AEKR 8SL 049 (Plakatsammlung)

Die beiden Motive eines Künstlers (Heinz) Walter bestechen durch ihre klaren Linien. Die Verwendung von lediglich zwei Farben macht die Darstellungen schlicht, aber auch prägnant.

Die Einladung an Wintersportler ist in blau und weiß gehalten. Die – größere – weiße Fläche kann man als verschneiten Berg und damit Abfahrtsmöglichkeit für Skifahrer oder als Kirchengiebel deuten. Links verbindet ein Paar Skier – gezeigt werden Ober- und Unterseite in verschiedenen Farben – die weiße mit der oberen blauen Fläche, die den strahlend blauen Himmel darstellen kann. Daneben steht der Skistock. Ein schmales, aber großes weißes Kreuz nimmt die rechte Hälfte der blauen Fläche ein und stellt den christlichen Hintergrund des Motivs klar. Der Schriftzug „Wintersportler besucht den evangelischen Gottesdienst in der Kirche zu […]“ fällt gut ins Auge. Interessant ist die Verwendung zweier Schrifttypen: Das Wort „Gottesdienst“ ist in einer rationalen Type ohne Serifen in Großbuchstaben gesetzt.

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Aus dem Homeoffice eines Archivars

Morgens direkt vom Bett zum Arbeitsplatz. Die Jogginghose einfach anlassen. Keine Bahn fahren und kein Fußweg im dunklen bis hin ins Büro. Für viele Arbeitnehmer eine Traumvorstellung. Seit heute ist dies erstmal auf unbestimmte Zeit die Realität, denn auf Grund des Corona-Virus befinden wir uns aus dem Archiv der Evangelischen Kirche alle im Homeoffice. Dies stellte uns zu Beginn doch vor einige Herausforderungen, denn was macht ein Archivar im Homeoffice? Okay, Literatur lesen, Emails beantworten, die Homepage und den Blog pflegen, dass geht so gerade noch. Aber mehrere Wochen damit füllen? Optimistisch. So entschieden wir uns kurzerhand dazu, unsere Bestände einfach mit nach Haus zu nehmen. An dieser Stelle ein paar Impressionen.

Tag 1 im Homeoffice

Auch die Fotodigitalisierung ist von Zuhause aus mit Scanner und Bildbearbeitungsprogrammen weiterhin umsetzbar. Und so kann man dann auch mal eben die Mittagspause auf dem Balkon verbringen oder sich zwischendurch einen Kaffee genehmigen.

Nichts desto trotz denke ich, spreche ich im Namen aller, wenn ich sage, dass ich froh bin, wenn der Betrieb im Archiv wieder fortgesetzt wird und man sich Face-to-Face mit den Kollegen austauschen und bei Fragen besprechen kann.

Rückblick: Tag der Archive 2020 in Düsseldorf

Tag der Archive in Düsseldorf 2020

Nachdem den Besuchern des Tages der Archive in Düsseldorf in der vergangenen Woche ein umfangreiches Programm zum Thema Archivwesen, Kultur, Sport- und Lokalgeschichte geboten wurde, möchten wir hier auf unserem Blog einmal resümieren.

Für uns im Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland startete die Woche am Montag mit einer Führung durch unsere „Katakomben“. Anhand von Quellen des Mittelalters bis hin zum 20. Jahrhundert (z.B. Mittelalterliche Urkunden; Protokollbücher, Kirchenbücher, Plakate und Tagebücher), wurde den Teilnehmern ein kleiner Eindruck über unsere Archivbestände gegeben. Im Anschluss war noch genügend Zeit für Fragen und gegenseiten Austausch.

Am Dienstag waren wir dann im Heinrich-Heine-Institut auf der Bilker Straße vertreten. An diesem Abend stellten sich die teilnehmenden Archive vor. Dazu referierten Dr. Michael Matzigkeit (Archiv des Theatermuseums), Eva Lanzerath M.A.  und Markus Nemitz (Fotoarchiv des LVR-Zentrums für Medien und Bildung), Dr. Stefan Flesch (Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland) unter der Moderation von Dr. Enno Stahl.

Dr. Stefan Flesch beim Vortrag im Heinrich-Heine-Institut

Am Mittwoch besuchten wir das Universitätsarchiv der Heinrich-Heine Universität. Dabei bot Herr Dr. Julius Leonhard Einblicke in die Universitäts- und Archivgeschichte anhand eines ausführlichen Vortrags und der Präsentation von verschiedenen Archivalien.

Ausgewählte Quellen des Universitätsarchivs der HHU

Für Donnerstag hatten wir Quellen zur Geschichte der evangelischen Gemeinden in Düsseldorf ausgewählt, sowie Koch- und Arzneirezepte des 18. Jahrhunderts. Diese wollten wir in der Neanderkirche auf der Bolker Straße präsentieren. Im Hinblick auf die Präventionsmaßnahmen zum Schutz vor der Verbreitung von CoV19 haben wir beschlossen, diese Veranstaltung zu vertagen. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Gerne informieren wir sie, sobald eine Entscheidung über einen Ersatztermin getroffen wurde.

Festhalten lässt sich, dass der Tag der Archive schöne Einblicke in die verschiedenen Archivsparten gegeben hat und sich die teilnehmenden Archive große Mühe mit dem Programm gegeben haben.