Podcast-und Geschichtsenthusiasten mögen aufhorchen. Denn es gibt wieder neue Folgen aus der Reihe „Rheinische Kirchengeschichte(n)“.
Waren die bisherigen Beiträge alles Stand-alone-Folgen, gibt es diesmal eine vierteilige Sonderreihe zum Umgang der Kirche mit im Dritten Reich verfolgten Jüdinnen und Juden. Beleuchtet werden die Jahre 1933, 1935, 1938 und der Zeitraum zwischen 1941-1945.
„Wie positionierte sich die rheinische Kirche während der Zeit des Nationalsozialismus? Welche Reaktionen gab es auf den Boykott jüdischer Geschäfte, die zunehmende Ausgrenzung und Entrechtung jüdischer Menschen, die Reichspogromnacht und die späteren Deportationen? Und was erlebten die Verfolgten in Städten wie beispielsweise Köln, Düsseldorf und Essen?“. Das sind einige der Fragen, die Prof. Dr. Siegfried Hermle näher beleuchtet. Näheres über Episoden und Autor gibt es in der Pressemitteilung.
Die Ev. Kirche und die Verfolgung von Jüdinnen und Juden in der NS-Zeit. Das Jahr 1933
Die Ev. Kirche und die Verfolgung von Jüdinnen und Juden in der NS-Zeit. Das Jahr 1935
Die Ev. Kirche und die Verfolgung von Jüdinnen und Juden in der NS-Zeit. Das Jahr 1938
Die Ev. Kirche und die Verfolgung von Jüdinnen und Juden in der NS-Zeit. Die Jahre 1941-45
Am 21. Juni 1946 beschloss der Rat der EKD die „Verordnung zur Versorgung und Verwendung von Ostpfarrern“. Als solche galten alle Pfarrer aus dem Gebiet der ehemaligen DEK (Deutsche Evangelische Kirche) östlich der Oder-Neisse-Linie (einschließlich Wartheland und Sudetengau), nicht aber die Pfarrer, die in der russischen Besatzungszone tätig waren. Folglich bietet der Bestand „1OB019M – Ostpfarrerversorgung” einen ganz besonderen Einblick in die zwangsläufige Veränderung der Gesellschaft und die damit einhergehende Neustrukturierung der Kirche. Bei den meisten „Ostpfarrern“ handelte es sich um vertriebene Volksdeutsche, die zusammen mit ihren Gemeinden aus den östlichen Gebieten der ehemaligen DEK vertrieben worden sind. Demnach erscheint es nicht verwunderlich, dass sich im Bestand spektakuläre und teils unglaubliche Biografien finden lassen.
Eine dieser besonderen Biografien findet sich unter der Aktennummer „287, Pfarrer Ferdinand Sommer“. Seinen Pfarrdienst trat Pfarrer Sommer im Jahre 1913 in der Gemeinde Przemysl-Galizien an. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges bescherte dieser Tätigkeit allerdings ein rasches Ende. Am 3. Juli 1951 schrieb Georg Faust, Propst i.R. an die „Amtsbrüderliche Hilfskasse des Bayr. Pfarrvereins“, dass Pfarrer Sommer „als die Festung Przemysl von den Russen eingenommen wurde“ vom Festungskommandanten zum evangelischen „k.u.k. Militär-Subsidiar Seelsorger“ ernannt worden ist. In dieser Funktion habe er 10 000 Soldaten betreut und beerdigt. Hierbei soll es sich nicht nur um Volksdeutsche, sondern auch um Polen, Tschechen, Ungarn und Slowaken gehandelt haben. Nach dem Fall der Festung ging Pfarrer Sommer freiwillig mit seiner Mannschaft in russische Gefangenschaft, die erst 1918 (aus gesundheitlichen Gründen) ein Ende fand. Anschließend wurde ab 1919 die Pfarrstelle innerhalb der deutschen Gemeinde in Schutzberg/Glogovac (Bosnien) bekleidet. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges wurden die deutschen Siedlungen in Bosnien nach Litzmannstadt umgesiedelt. In einem Vermerk an die „Evang. Luth. Landeskirche München“ vom 15. April 1953 wird das Schicksal der Deutschen wie folgt beschrieben: „Im November 1942 wurden die Bosniendeutschen durch einen Staatsvertrag zwischen dem Deutschen Reiche und dem Unabhängigen Staate Kroatien aus letzterem herausgenommen und in die deutschen Ostgebiete umgesiedelt. Bargeld, Sparbücher und Wertpapiere mussten an die Reichsregierung abgeliefert werden. (…) Das Vermögen der Kirchengemeinde fiel durch diesen Staatsvertrag der Evang. Luth. Kirche in Kroatien (Agran) zu (…)“ (1)
1OB019M – Ostpfarrerversorgung
Mit der Umsiedlung wurden die Aussiedler deutsche Staatsbürger und so den anderen Bürgern gleichgestellt. In einem Schreiben argumentiert Sommer, dass allen Beamten und Angestellten die lückenlose Zahlung der Ruhestandsgelder vertraglich zugesichert worden wäre. Wie in der Akte Nr. 287 ausführlich dokumentiert, gestaltete sich die Anerkennung der geleisteten Tätigkeiten in der Praxis äußerst problematisch. Pfarrer Sommer musste daher bis zu seinem Tod im Jahr 1966 um die Rentengewährung kämpfen.
1OB019M – Ostpfarrerversorgung
Anzumerken ist hierbei, dass es sich bei beschriebenen „unabhängigen“ Staat Kroatien um einen Staat handelte, der unter dem Regime der Ustascha stand und somit als enger Verbündeter des Deutschen Reiches agierte.
Am 17. November des vergangenen Jahres feierte meine Heimatgemeinde, die Thomasgemeinde in Essen Stoppenberg/Frillendorf, das 125-jährige Jubiläum ihrer Thomaskirche. (1) Anlässlich des Jubiläums wurde selbstverständlich eine Vielzahl von Vorträgen gehalten, welche das Gemeindeleben oder die ökumenische Arbeit mit der umliegenden kath. Gemeinde thematisierten. Der für mich interessanteste Vortrag referierte die Gründungsgeschichte der Gemeinde. Folglich existiert die Gemeinde bereits seit 1896 und wurde von evangelischen Migranten und Migrantinnen gegründet, die als Arbeitskräfte für den Kohle- und Stahlbau angeworben wurden und so den Weg in das Ruhrgebiet fanden. Geschenke der örtlichen Zechen und der Landeskirche ermöglichten schlussendlich den Bau des ersten Gemeindegebäudes, ehe am 17. November 1900 dann die heutige Thomaskirche eingeweiht werden konnte. (2) Auch meine Großeltern und Urgroßeltern, die in den 1930er Jahren die Reise in das Ruhrgebiet antraten, waren Teil dieser „migrantischen“ Gemeinde. Die Ortsakten (1OB 008 – Ortsakten) veranschaulichen die Symbiose, welche zwischen der Industrie und Migration herrschte. Der „Siedlungsverband Ruhrkohlebezirk zu Essen“ ermöglichte 1923 den Bau von 37 Wohnungen, die aus dem Ruhrkohlefond finanziert worden sind. (3) In einem weiteren Aktenstück ist gar die Rede von 224 Siedlungswohnungen, die ebenfalls aus dem Ruhrkohlefond finanziert wurden, wobei ganze 60 Wohnungen auf die Gemeinde Stoppenberg/Frillendorf entfielen. (4)
Bild 1; Nummeratio zu ganzen Zahlen; 8Sl059 – Horst Neeb
Das Rechenbuch stammt aus dem Jahre 1783 und führte die „Schüler“ und „Schülerinnen“ des späten 18. Jahrhunderts in die Welt der „Ganzen Zahlen“ ein. Hierbei umfasst das Werk, welches von Johannes zu Klein Selbeck verfasst worden ist, Textaufgaben und Rechenbeispiele zu den vier mathematischen Grundrechenarten. Eine klassische Textaufgabe zur Division lautete folglich: „Item drei haben zu teilen 987 fl. (?) was gebühret Jedem davon?“.
Interessant erscheinen auch die Rechenmethoden, die identisch zu den in der Gegenwart geläufigen Methodiken der „Schriftlichen Division“ und „Multiplikation“ erscheinen. Neben den bekannten Rechenwegen finden sich allerdings auch, zumindest für die Moderne, eher unbekanntere Methoden. Bild 3 zeigt beispielsweise ein Zahlendreieck, welches in seinem Aufbau an ein „Pascalsches Dreieck“ erinnert.
Das Archiv der EKiR ist durch eine Abgabe der Familie zum Kolk in den Besitz des wunderbaren Rechenbuches gekommen. Aufgrund des Provenienzverfahrens wurde das Objekt dem Bestand 8SL059 – Horst Neeb zugeordnet und findet sich nun unter der Nr. 73.
Es gibt wieder neue Folgen für alle, die Podcasts lieben und sich für rheinische Kirchengeschichte interessieren!
In der 11. Podcast Folge „Kampf für Frauen im Pfarramt – Aus dem Leben von Ina Gschlössel (1898-1989)“ wird der Werdegang einer Frau beleuchtet, die sich mit dem Status Quo nicht zufrieden gab und sich für die Rechte von Mädchen und Frauen stark machte.
Die Podcast Folge 12. „Klare Positionierung in der NS-Zeit – Pfarrer Hans Encke (1896-1976)“ lenkt den Fokus auf die Vita eines Mannes, der sich in seiner Gemeinde stark machte gegen den Einfluss der Deutschen Christen und des Nationalsozialismus.
Wer schon immer mal einen „Blick hinter die Kulissen“ des Podcasts werfen wollte, erhält nun die Gelegenheit dazu. Prof. Dr. Thomas Schneider und Dr. Bettina Förster stellen den Podcast vor.
Das landeskirchliche Archiv erhält täglich Post – nur nicht unbedingt vom anderen Ende der Welt. Eine Buchsendung aus Japan ließ das Archivteam daher letztens kurz grübeln, wer denn möglicherweise was und wann aus Japan bestellt haben mochte? Ein Blick in die Mails und ein Abgleich mit dem Namen des Absenders lösten das Rätsel schnell auf.
Mitsuaki Yamagata: Christen, die Hitler nicht fürchteten – Buchcover, Veröffentlichung 2026.
Die an uns zugestellte Publikation stammt vom Autor Mitsuaki Yamagata und trägt (übersetzt in etwa) den Titel: Christen, die Hitler nicht fürchteten: Eine Reise auf den Spuren des Widerstands gegen die Nazis. Eigenen Angaben nach ist Yamagata ein Doktor der Philosophie und interessiert sich sehr für das Thema Kirchenkampf, v.a. für diejenigen Christen, die sich der nationalsozialistischen Diktatur nicht beugten. Konkret nannte er u.a. Friedrich Weißler, Karl Friedrich Stellbrink, Konrad Graf von Preysing, Bernhard Lichtenberg, Alfred Delp und Paul Schneider, der ihn besonders beindruckt hatte. In seiner an uns gestellten Anfrage erklärte er, ein Buch über diese Persönlichkeiten schreiben zu wollen und erbat die Erlaubnis, eine Fotografie von Paul Schneider verwenden zu dürfen.
Das Porträt von Paul Schneider im Halbprofil, dem Archiv durch die Tochter zur Verfügung gestellt, ist sowohl in unserem Online-Bildarchiv als auch flickr einsehbar. Die Fotografie gilt mittlerweile als gemeinfrei. Das Archiv erlaubte Herrn Yamagata natürlich die Verwendung und wies auch darauf hin, dass der Nachlass auf unserer Homepage digitalisiert vorliege. Als Dankeschön erhielten wir eine Ausgabe der Veröffentlichung, was uns natürlich freute. Zugegebenermaßen sind die Japanischkenntnisse des Archivteams leider nicht existent, was die Lektüre erheblich erschwert.
Die Historie der heutigen Nationalstaaten Tschechiens und der Slowakei gestaltet sich sicherlich als eine der spannenderen hinsichtlich der eigenen Nationen- und Identitätsbildung. Neben einer gemeinsamen Geschichte, weisen beide Nationalstaaten auch diverse unterschiedliche Prägungen auf, die oftmals im Gedächtnis der Öffentlichkeit wenig Beleuchtung finden. Offiziell konstituierte sich ein moderner Staat der „Tschechoslowakei“ erst im Jahre 1918 und zerfiel 1992 in die beiden heutigen Staaten. Bereits im 10. Jahrhundert fand eine Trennung der beiden „Völker“ statt, die de jure bis in das 20. Jahrhundert existierte. Während Tschechien zum österreichischen Reichsteil der Habsburger gehörte, wurde die Slowakei als „Oberungarn“ vor 1918 politisch und kulturell vornehmlich durch das königliche Ungarn geprägt. Natürlich darf die geographische Trennung nicht darüber hinweg täuschen, dass aufgrund der gemeinsamen mittelalterlichen Geschichte und Zugehörigkeit zu der westslawischen Sprachfamilie durchaus kulturelle und politische Verbindungen konserviert blieben, wie sich anschaulich am sogenannten „Völkerfrühling“ (Mitte des 19. Jahrhunderts) analysieren lässt. Dennoch erscheint es aufgrund der faktisch vorherrschenden Trennung ebenfalls nicht verwunderlich, dass beide Staaten eine durchaus weitreichende Pluralität aufweisen, die sich auch in konfessioneller Hinsicht zeigt.
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