Gesammelte Predigten vom 3. Oktober 1990

Beim Anlegen einer thematischen Sammlung im Archiv ist es manchmal gar nicht so einfach zu entscheiden, was in der Zukunft einmal wichtig und interessant wird. Bei diesem Ereignis waren sich aber wohl alle Stellen einig. Die Wiedervereinigung Deutschlands sollte auf möglichst vielfältige Weise dokumentiert werden.

Einsendung für die Predigtsammlung zum 3. Oktober 1990, aus Bestand: 8SL 042

Als Beitrag der evangelischen Kirchen initiierte die EKD noch im Herbst 1990, unmittelbar nach der erfolgten Wiedervereinigung, eine Sammlung von Predigten, die im Zusammenhang mit dem 3. Oktober 1990 gehalten worden waren.

„Wahrscheinlich wird die Nachwelt wissen wollen, wie die evangelische Christenheit sich angesichts des 3. Oktober verhalten hat“, stand in dem Aufruf des EKD-Kirchenamtes an die Gliedkirchen.

In der rheinischen Kirche übernahmen Archivdirektor Dr. Dietrich Meyer und Oberkirchenrätin Gisela Vogel die Koordination. Rund 80 Predigten aus dem Rheinland flossen in die Auswertung aller eingesandten Predigten durch Frau Dr. Ingrid Goldhahn-Müller mit ein.

„In ihrer Vielfalt und Verschiedenheit sind die Predigten repräsentativ für die vielen ungenannten Stimmen, die im Oktober 1990 in den Gemeinden zu hören waren“, befand sie. Als thematische Schwerpunkte der Predigten stellte sie Freude, Dank und Gotteslob zum einen heraus, zum anderen aber auch einen vorsichtigen Realismus im Hinblick auf die Aufgaben und Herausforderungen, die mit der Wiedervereinigung einher gingen.

Heute bilden die Predigten im Archiv der EKiR den Bestand 8SL 042. Auch im Hinblick auf die heutige Erinnerungskultur sind solche Quellen wichtig, denn sie helfen, die Wiedervereinigung nicht nur als politisches Ereignis, sondern auch auf einer persönlichen und emotionalen Ebene zu begreifen. Die Entscheidung, diese Sammlung anzulegen war auch aus heutiger Sicht die richtige.

Bestand 1OB019M – Ostpfarrerversorgung

Am 21. Juni 1946 beschloss der Rat der EKD die „Verordnung zur Versorgung und Verwendung von Ostpfarrern“. Als solche galten alle Pfarrer aus dem Gebiet der ehemaligen DEK (Deutsche Evangelische Kirche) östlich der Oder-Neisse-Linie (einschließlich Wartheland und Sudetengau), nicht aber die Pfarrer, die in der russischen Besatzungszone tätig waren. Folglich bietet der Bestand „1OB019M – Ostpfarrerversorgung” einen ganz besonderen Einblick in die zwangsläufige Veränderung der Gesellschaft und die damit einhergehende Neustrukturierung der Kirche. Bei den meisten „Ostpfarrern“ handelte es sich um vertriebene Volksdeutsche, die zusammen mit ihren Gemeinden aus den östlichen Gebieten der ehemaligen DEK vertrieben worden sind. Demnach erscheint es nicht verwunderlich, dass sich im Bestand spektakuläre und teils unglaubliche Biografien finden lassen.

Eine dieser besonderen Biografien findet sich unter der Aktennummer „287, Pfarrer Ferdinand Sommer“. Seinen Pfarrdienst trat Pfarrer Sommer im Jahre 1913 in der Gemeinde Przemysl-Galizien an. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges bescherte dieser Tätigkeit allerdings ein rasches Ende. Am 3. Juli 1951 schrieb Georg Faust, Propst i.R. an die „Amtsbrüderliche Hilfskasse des Bayr. Pfarrvereins“, dass Pfarrer Sommer „als die Festung Przemysl von den Russen eingenommen wurde“ vom Festungskommandanten zum evangelischen „k.u.k. Militär-Subsidiar Seelsorger“ ernannt worden ist. In dieser Funktion habe er 10 000 Soldaten betreut und beerdigt. Hierbei soll es sich nicht nur um Volksdeutsche, sondern auch um Polen, Tschechen, Ungarn und Slowaken gehandelt haben. Nach dem Fall der Festung ging Pfarrer Sommer freiwillig mit seiner Mannschaft in russische Gefangenschaft, die erst 1918 (aus gesundheitlichen Gründen) ein Ende fand. Anschließend wurde ab 1919 die Pfarrstelle innerhalb der deutschen Gemeinde in Schutzberg/Glogovac (Bosnien) bekleidet. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges wurden die deutschen Siedlungen in Bosnien nach Litzmannstadt umgesiedelt. In einem Vermerk an die „Evang. Luth. Landeskirche München“ vom 15. April 1953 wird das Schicksal der Deutschen wie folgt beschrieben: „Im November 1942 wurden die Bosniendeutschen durch einen Staatsvertrag zwischen dem Deutschen Reiche und dem Unabhängigen Staate Kroatien aus letzterem herausgenommen und in die deutschen Ostgebiete umgesiedelt. Bargeld, Sparbücher und Wertpapiere mussten an die Reichsregierung abgeliefert werden. (…) Das Vermögen der Kirchengemeinde fiel durch diesen Staatsvertrag der Evang. Luth. Kirche in Kroatien (Agran) zu (…)“ (1)

1OB019M – Ostpfarrerversorgung

Mit der Umsiedlung wurden die Aussiedler deutsche Staatsbürger und so den anderen Bürgern gleichgestellt. In einem Schreiben argumentiert Sommer, dass allen Beamten und Angestellten die lückenlose Zahlung der Ruhestandsgelder vertraglich zugesichert worden wäre. Wie in der Akte Nr. 287 ausführlich dokumentiert, gestaltete sich die Anerkennung der geleisteten Tätigkeiten in der Praxis äußerst problematisch. Pfarrer Sommer musste daher bis zu seinem Tod im Jahr 1966 um die Rentengewährung kämpfen.

1OB019M – Ostpfarrerversorgung
  1. Anzumerken ist hierbei, dass es sich bei beschriebenen „unabhängigen“ Staat Kroatien um einen Staat handelte, der unter dem Regime der Ustascha stand und somit als enger Verbündeter des Deutschen Reiches agierte.

Neuzugang in Boppard: Das Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Hermeskeil

Die Evangelische Archivstelle Boppard hat vor einigen Monaten das Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Hermeskeil übernommen. Dort wurde der Bestand geordnet, verzeichnet und durch ein Findbuch erschlossen, dass jetzt online verfügbar ist. Die Geschichte der evangelischen Gemeinde in Hermeskeil beginnt im Jahr 1807, als sich der erste Protestant im Ort niederließ. In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Zahl der evangelischen Einwohner vor allem durch den Zuzug von Beamten und Familien aus Birkenfeld und den östlichen Provinzen Preußens. Ab 1843 hielt der Züscher Pfarrer Geibel regelmäßig Bibelstunden im Hermeskeiler Gerichtszimmer. Nachdem dieser Versammlungsort nicht mehr zur Verfügung stand, erwarben die Gemeindeglieder bereits 1844 ein Grundstück für den Bau einer eigenen Kirche, die am 16. November 1853 eingeweiht werden konnte. Nur wenige Jahre später, am 13. Juni 1858, wurde Hermeskeil selbständige Kirchengemeinde. Mit dem Erwerb eines Pfarr- und Schulhauses im Jahr 1869 waren die wichtigsten Grundlagen für das Gemeindeleben geschaffen.

Hermeskeiler Jungmädchen auf einem Ausflug zu den Eifelmaaren, 1927; aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 145B (Hermeskeil), Nr. 15

Die Laufzeit des Archivs reicht von 1843 bis 2006, der zeitliche Schwerpunkt liegt allerdings zwischen der Mitte des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts und nur vereinzelte Unterlagen reichen bis 1997 bzw. 2006. Die Überlieferung insgesamt sehr fragmentarisch. Vergleichsweise gut dokumentiert ist die Entstehung und organisatorische Entwicklung der Kirchengemeinde mit Dokumenten zur Gemeindegründung, darunter Einladungen zur Gründungsversammlung, Unterlagen zum Kirchenbau, Inventare, Dienstanweisungen für den Hilfspfarrer, Dokumente zur Einrichtung der Pfarrstelle sowie zur evangelischen Schule und zur Besoldung der Geistlichen. Ergänzt werden diese Akten durch Gemeindegliederverzeichnisse, Kirchenvisitationen und Unterlagen über Ein- und Austritte. Zwei Protokollbücher dokumentieren darüber hinaus die Arbeit des Hermeskeiler Presbyteriums von 1854 bis 1926. Erwähnenswert ist auch die umfangreiche Materialsammlung zur Geschichte der Gemeinde. Sie vereint Manuskripte, Zeitungsausschnitte und zahlreiche Fotografien von Gebäuden, Gemeindefesten, Amtseinführungen, Konfirmationen, Jubelkonfirmationen und liturgischen Geräten. Ergänzt wird diese Überlieferung durch Jahresberichte sowie weitere statistische Unterlagen.

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Kirchengemeinde Becherbach: Findbuch und Fotosammlung gehen gemeinsam online

Evangelische Kirche Becherbach anlässlich des 850-jährigen Kirchweih-Jubiläums 1951; Signatur: AEKR 8SL046 (Bildarchiv), 201_0151

Die Evangelische Archivstelle Boppard hat im Frühjahr dieses Jahres das Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Becherbach übernommen. Dort wurde der Bestand geordnet, verzeichnet und durch ein Findbuch erschlossen, das jetzt online verfügbar ist. Der Bestand deckt einen Zeitraum von 1707 bis 1976 mit einzelnen Nachträgen bis 2000 ab. Der zeitliche Schwerpunkt der Überlieferung liegt im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Einen wesentlichen Anteil bilden Unterlagen aus dem Finanz- und Rechnungswesen, vor allem Rechnungen und Rechnungsbelege der Kirchen-, Pfarr-, Bau-, Almosen- und Schulfondskassen.

Vergleichsweise gut dokumentiert ist auch das Bauwesen. Überliefert sind Unterlagen zur Kirche in Becherbach, etwa zum Neubau, zum Simultaneum sowie zu Bau-, Renovierungs- und Instandsetzungsmaßnahmen. Darüber hinaus sind Akten zur Kirche in Limbach, zur Kapelle in Krebsweiler sowie zum alten und neuen Pfarrhaus in Becherbach vorhanden.

Festakt der Kirchweih-Jubiläums vor dem Schulhaus, 1951; Signatur: AEKR 8SL046 (Bildarchiv), 7_0066029

Weitere Schwerpunkte bilden Unterlagen zu Schulverwaltung, Ortsschulinspektion, Lehrerbesoldung, Schulstatistik und Schulversäumnissen seit 1789 sowie die 1773 einsetzenden Pfarrstellenakten. Bei den Amtsbüchern sind unter anderem Protokollbücher des Presbyteriums und des Schulvorstandes, Lagerbücher, Abkündigungs- und Kollektenbücher, Heberollen, ein Sammelamtsbuch sowie eine Kriegschronik erhalten.

Becherbacher Konfirmanden mit Pfarrer Johannes Müller, 1931; Signatur: AEKR 8SL046 (Bildarchiv), 028_0033

Parallel zu der Verzeichnung in Boppard wurden im Landeskirchlichen Archiv Düsseldorf Fotografien aus Becherbach digitalisiert und im Mediencenter des Archivs online gestellt. Die Fotosammlung dokumentiert unter anderem eine Glockenweihe, Konfirmationen, das 850-jährige Jubiläum der Kirche sowie weitere Ereignisse aus dem Gemeindeleben.

Evangelische Minderheiten in der Welt: Protestantische Migrationsbewegungen im Ruhrgebiet um das Jahr 1900

Am 17. November des vergangenen Jahres feierte meine Heimatgemeinde, die Thomasgemeinde in Essen Stoppenberg/Frillendorf, das 125-jährige Jubiläum ihrer Thomaskirche. (1) Anlässlich des Jubiläums wurde selbstverständlich eine Vielzahl von Vorträgen gehalten, welche das Gemeindeleben oder die ökumenische Arbeit mit der umliegenden kath. Gemeinde thematisierten. Der für mich interessanteste Vortrag referierte die Gründungsgeschichte der Gemeinde. Folglich existiert die Gemeinde bereits seit 1896 und wurde von evangelischen Migranten und Migrantinnen gegründet, die als Arbeitskräfte für den Kohle- und Stahlbau angeworben wurden und so den Weg in das Ruhrgebiet fanden. Geschenke der örtlichen Zechen und der Landeskirche ermöglichten schlussendlich den Bau des ersten Gemeindegebäudes, ehe am 17. November 1900 dann die heutige Thomaskirche eingeweiht werden konnte. (2) Auch meine Großeltern und Urgroßeltern, die in den 1930er Jahren die Reise in das Ruhrgebiet antraten, waren Teil dieser „migrantischen“ Gemeinde. Die Ortsakten (1OB 008 – Ortsakten) veranschaulichen die Symbiose, welche zwischen der Industrie und Migration herrschte. Der „Siedlungsverband Ruhrkohlebezirk zu Essen“ ermöglichte 1923 den Bau von 37 Wohnungen, die aus dem Ruhrkohlefond finanziert worden sind. (3) In einem weiteren Aktenstück ist gar die Rede von 224 Siedlungswohnungen, die ebenfalls aus dem Ruhrkohlefond finanziert wurden, wobei ganze 60 Wohnungen auf die Gemeinde Stoppenberg/Frillendorf entfielen. (4)

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Start der Sommerferien

Das Archiv der EKiR wünscht allen Schülerinnen und Schülern in NRW einen tollen Start in die Sommerferien. Das gilt selbstverständlich auch für alle Lehrkräfte und Eltern. Allen viel Sonne, Ruhe und gute Erholung!

Ev. Mädchenwerk macht Ferien; Fotograf: Hans Lachmann; Datum: 1954; Ort: Borkum; AEKR 8SL 046 (Bildarchiv), 6_00300001; CC BY-SA 3.0/Hans Lachmann.

Rechenbuch aus dem 18. Jahrhundert ergänzt den Bestand 8SL 059 – Horst Neeb

Bild 1; Nummeratio zu ganzen Zahlen; 8Sl059 – Horst Neeb

Das Rechenbuch stammt aus dem Jahre 1783 und führte die „Schüler“ und „Schülerinnen“ des späten 18. Jahrhunderts in die Welt der „Ganzen Zahlen“ ein. Hierbei umfasst das Werk, welches von Johannes zu Klein Selbeck verfasst worden ist, Textaufgaben und Rechenbeispiele zu den vier mathematischen Grundrechenarten. Eine klassische Textaufgabe zur Division lautete folglich: „Item drei haben zu teilen 987 fl. (?) was gebühret Jedem davon?“.

Interessant erscheinen auch die Rechenmethoden, die identisch zu den in der Gegenwart geläufigen Methodiken der „Schriftlichen Division“ und „Multiplikation“ erscheinen. Neben den bekannten Rechenwegen finden sich allerdings auch, zumindest für die Moderne, eher unbekanntere Methoden. Bild 3 zeigt beispielsweise ein Zahlendreieck, welches in seinem Aufbau an ein „Pascalsches Dreieck“ erinnert.

Das Archiv der EKiR ist durch eine Abgabe der Familie zum Kolk in den Besitz des wunderbaren Rechenbuches gekommen. Aufgrund des Provenienzverfahrens wurde das Objekt dem Bestand 8SL059 – Horst Neeb zugeordnet und findet sich nun unter der Nr. 73.