#nichtnurpapier

Bekanntlich besteht die klassische Archivalie aus Papier und wird zahlreich als Schriftstück, Brief, Plakat, Urkunde, Akte oder sonstiges Dokument aufbewahrt. Hin und wieder finden aber auch Gegenstände ihren Weg ins Archiv, die verwundern und die man dort nicht unbedingt vermuten würde.

Ein solches Sammelsurium an Kuriositäten kann auch das Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland aufweisen. Um einen Eindruck zu vermitteln, was in den Tiefen der Magazine so alles schlummern kann, starten wir auf Twitter die Reihe #nichtnurpapier. Wöchentlich laden wir unter https://twitter.com/Archiv_EKiR Bilder unserer Fundstücke hoch. Eine Verlinkung der Bilder wird es auch auf Facebook geben, sodass sich der Blick auch auf diesen Kanal lohnt.

Den Beginn macht kein Bild, sondern gleich ein Video. Aus dem Bestand 6HA 045 Präses Manfred Kock stammt diese Glocke. Überreicht wurde sie dem Präses am 16. Dezember 1997 anlässlich seiner Befahrung der Saarbergwerke.

Spröde Quellen zum Sprechen bringen – Presbyteriumsprotokolle und Jahresrechnungen

Unter diesem Titel warben wir bereits 2012 bei einer Fortbildungsveranstaltung für ehrenamtliche Archivbetreuer für das Crowdsourcing bei der Transkription früh-
neuzeitlicher Amtsbücher. In erster Linie kommen hier die Protokolle der örtlichen Presbyterien oder Konsistorien in den Blick. Sie bilden eine Quellengruppe von kaum zu überschätzender Bedeutung, von der bislang nur wenige Gemeindeserien als Editionen vorliegen. Einen aktuellen Überblick für das Rheinland finden Sie hier.

Im Unterschied zum Sprachgebrauch seit preußischer Zeit, der den Begriff Konsistorium auf die zentralen kirchlichen Oberbehörden einengt, ist hierunter in der frühen Neuzeit, vor allem im reformierten Kontext, das gewählte ehrenamtliche Leitungsgremium der Kirchengemeinde zu verstehen. Es entspricht dem heutigen Presbyterium und setzte sich zusammen aus den Ältesten, den Diakonen und dem
oder den Predigern. In den Protokollen bietet sich der historischen Forschung nun wirklich das alltägliche Leben in der dörflichen oder städtischen Gemeinde dar.

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NS-kritische Satire „Das Rotkäppchen“ fand ihren Weg auch nach Weiler

Im Archiv der Kirchengemeinde Merxheim-Weiler fand sich bei der Verzeichnung des Bestandes unter den von Pfarrer Martin Ernst Heinrich aus der Zeit des „Dritten Reiches“ nachgelassenen Dokumenten ein maschinenschriftlicher Durchschlag der NS-kritischen Satire „Das Rotkäppchen“, die 1937 in den „Münchner Netteste Nachrichten“, Faschingsausgabe der „Münchner Neueste Nachrichten“, erschienen und unter der Hand reichsweit verbreitet worden war. Die Satire erzählt das bekannte Märchen mit nationalsozialistischem Kolorit:

aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 121B Merxheim-Weiler

Es ist nicht bekannt, wie das Schriftstück in Pfarrer Heinrichs Besitz kam. Da das Blatt nicht gefaltet und demnach nicht per Brief verschickt worden ist, wurde es vermutlich in seinem näheren Umfeld verteilt oder dort sogar vervielfältigt. Es verwundert nicht, dass Pfarrer Heinrich die Satire aufbewahrte. Der Pfarrer, seit 1934 Mitglied der Bekennenden Kirche, kam des Öfteren mit NS-Behörden in Konflikt. Schon im Oktober 1932 beschwerte er sich schriftlich massiv bei Ernst Schmitt aus Staudernheim, Abgeordneter der NSDAP im Preußischen Landtag, über Vorkommnisse bei einem nationalsozialistischen „Deutschen Abend“ der Hitler-Jugend in Weiler am 23. Oktober 1932. Dort hätte man gotteslästerliche Reden gehalten und sich verächtlich über Geistliche und die Religion allgemein geäußert.

Im Juli 1933 ermahnte ihn der Oberbannführer Koblenz der Hitler-Jugend, seine Einstellung gegenüber der HJ „etwas wohlwollender zu gestalten, damit wir nicht denselben Kampf mit der evangelischen Jugend bekommen, wie wir ihn an vielen Orten leider gegen die kath. Jugendverbände führen müssen.“ Pfarrer Heinrich hingegen verlangte eine Entschuldigung für das Verhalten einiger Hitler-Jungen, die nach einem Ausflug der Konfirmanden, bei dem ein Wimpel mit Kreuz getragen wurde, ins Pfarrhaus eingedrungen wären, ihm Aufmärsche verboten und den Wimpel an sich gerissen hätten. Eine solche Behandlung von 15-Jährigen müsse er sich nicht gefallen lassen. Die Angelegenheit kam auch Provinzialjugendpfarrer Theodor Voß zu Ohren, der am 2. August 1933 an den Landesjugendpfleger in Düsseldorf schrieb, dass „die Entgleisung in Weiler unbedingt richtig gestellt werden [muss], um nicht durch solche Vorkommnisse […] die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat empfindlich stören zu lassen. Die Evangelische Kirche wird es jedenfalls nicht einfach hinnehmen […].“

aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 121B Merxheim-Weiler

Auch mit der NS-Frauenschaft kamen Pfarrer Heinrich und seine Schwester in Konflikt. Die Ortsfrauenschaftsleiterin beschwerte sich 1935 in einem langen Brief bei ihm über die Abhaltung von Kindergottesdiensten durch die Diakonisse, und an die Schwester schrieb sie im folgenden Jahr, dass durch deren Engagement für die Frauenhilfe „die Frauenschaft vernichtet werden soll.“ Pfarrer Heinrich seinerseits beklagte sich beim Schulrat über Lehrer Lötzberger, der auch im Religionsunterricht wiederholt längere Vorlesungen aus dem „Stürmer“ gehalten und die Kinder mit der Aussage verstört hätte, „Es ist wichtiger, den Stürmer zu kennen, als die Bibel!“

Reagierten die NS-Behörden zunächst noch beschwichtigend auf die Eingaben des Pfarrers, verschärfte sich ab 1937 der Ton. Nach eigener Auskunft wurde Heinrich vom Amtsbürgermeister von Gemünden beim Landrat in Simmern angezeigt, weil er in Kellenbach eine halbe Stunde lang die verbotene Fürbittenliste der Bekennenden Kirche für gefangene und gemaßregelte Pfarrer verlesen und mit der Bemerkung ergänzt hätte „Die um ihres Glaubens Willen verfolgt werden.“ Das war offenbar nur eine von mehreren Anzeigen. Die Gottesdienste wurden regelmäßig überwacht, wie man einem Schreiben Pfarrer Heinrichs vom November 1946 entnehmen kann: „Pfarrer Wüsthoff“, heißt es darin, „hielt 1937 in Weiler einen Aufklärungsabend der BK […]. Im überfüllten Gotteshaus sprach er mit grossem Mut von den Religionsbedrückungen des Nationalsozialismus. Nach seiner eignen Mitteilung erfolgte darauf eine Anzeige, was mich nicht wunderte, da ich Überwachung in der Kirche selbst bemerkt hatte.“

Über die Kriegsjahre 1939-45 gibt das Archiv nur wenig Auskunft. Erst nach Kriegsende wird Pfarrer Heinrich wieder „aktenkundig“: Er engagierte sich für aus seiner Sicht zu Unrecht der NS-Mittäterschaft verdächtigte, zum Teil inhaftierte Personen und schrieb zahlreiche Eingaben und Bescheinigungen.

Neues Online-Findbuch: Kirchengemeinde Oberstein

Neu auf der Website des Archivs ist das Online-Findbuch der Kirchengemeinde 4KG 119B Oberstein. Die Herrschaft Oberstein gehörte zur pfälzischen Grafschaft Falkenstein und stand bis 1675 den Grafen von Daun, bis 1766 den Grafen von Leiningen-Heidesheim und bis 1794 den Grafen von Limburg-Styrum zu. Die Siedlung entstand unterhalb der Burgen Bosselstein und Schloss Oberstein, Sitz der beiden Hauptlinien der 1075 erstmals genannten Herren von Stein (Oberstein). An einer Felswand unterhalb von Burg Bosselstein ließ Graf Wirich IV. von Daun zwischen 1482 und 1484 die Felsenkirche errichten. Nach Einführung der Reformation durch Graf Philipp Franz von Daun 1572 ging die Kirche an die evangelische Gemeinde Oberstein über und blieb bis 1964 deren einziges Gotteshaus. Nach Bildung des Fürstentums Birkenfeld 1817 wurden die nun preußischen Ortschaften Breungenborn, Ausweiler, Frauenberg und Hammerstein der Kirchengemeinde Reichenbach zugewiesen, gleichzeitig die vier Abteigemeinden Göttschied, Regulshausen, Gerach und Hintertiefenbach von Georg-Weierbach nach Oberstein umgepfarrt. Hintertiefenbach ging 1842 an die Kirchengemeinde Fischbach; Göttschied wurde zum 1.1.1963 zur eigenständigen Gemeinde erhoben.

Zwei der ältesten Schriftstücke, aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 119B Nr. 48

Das Schriftgut umfasst im Kern einen Zeitraum von 1814-1935, einige wenige Schriftstücke reichen in das späte 17. und 18. Jahrhundert zurück, die Jahresrechnungen des Kirchen-, Pfarrei- und Kirchenbaufonds gehen bis 1947. Unterlagen die ehemalige Filiale Göttschied betreffend wurden offenbar nach deren Erhebung zur eigenständigen Kirchengemeinde dem Bestand weitgehend entnommen. Schwerpunkt des Schriftguts bildet das Rechnungswesen (v.a. Jahresrechnungen des Kirchen-, Pfarrei- und Kirchenbaufonds), recht gut dokumentiert sind auch das Grundstücks- und Gebäudewesen, das Unterrichtswesen sowie das Personalwesen. Erhalten sind auch zahlreiche Verfügungen betreffend besondere Gottesdienste und Veranstaltungen anlässlich von Gedächtnisfeiern oder Familienangelegenheiten des großherzoglich-oldenburgischen Hauses, außerdem eine entsprechende Überlieferung aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Der Bestand wird in der Evangelischen Archivstelle Boppard aufbewahrt.

Kirchenpässe als Mitgliedsausweis?

Mitgliedskarten für alle möglichen Einrichtungen und Unternehmen begleiten unser Leben, heute zumeist in Plastikform. Bereits vor über hundert Jahren legte ein privater Verlag der Evangelischen Kirchengemeinde Köln einen solchen Kirchenpass zur Einführung vor.

Stefanie Schensar, Leiterin des Archivs des Ev. Kirchenverbandes Köln und Region, erläutert in ihrer Reihe „Archivale des Monats“ in der Zeitung „Unsere Kirche“ anschaulich die Zusammenhänge. Das Kölner Presbyterium sah jedenfalls 1908 kein rechtes Verhältnis von Kosten und Ertrag und lehnte die Einführung ab. Ein Muster befindet sich noch im Kölner Archiv.

Neues Findbuch: Der MBK-Rheinland – Mehr als der Name verrät

Das Kürzel MBK stand ursprünglich für Mädchen-Bibelkreise und umschrieb die zwanglosen Bibeltreffen von Schülerinnen und Lehrerinnen aus der Gründungszeit in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Aber als sich der rheinische Verband dem Bund der MBK 1920 anschloss, verbarg sich bereits mehr dahinter. Natürlich war die Arbeit mit Schülerinnen und jungen Frauen immer ein Kerngeschäft, wobei auch dort die Bibeltreffen nur einen kleinen Teil des Programms beschreiben, viel bedeutender für die Vereinsmitglieder waren die jährlichen Freizeiten und Wochenenden, dies geht zumindest aus dem im Archiv der EKiR gelagerten Bestand hervor. Zahlreiche, liebevoll gestaltete Freizeitberichte von jungen Teilnehmerinnen bis in die 60er Jahre bezeugen die Beliebtheit und dankbare Annahme des Angebots. Begleitet wurden die Mädchen von sogenannten Reisesekretärinnen, die ihr Engagement nicht selten lebenslang dem MBK widmeten. Die Arbeit fruchtete. Viele der Mädchen übernahmen mit dem Heranwachsen ebenfalls Aufgaben der Vereinsarbeit.

Aber das war nur eine Seite des MBK-Rheinlands. Bei der Erschließung des Bestandes fiel mir ein Schreiben von November 1988 auf, dessen Inhalt ich so nicht erwartet habe. Es ist ein Brief an den japanischen Kronprinzen Akihito von der christlichen Gemeinde in Japan, der harmlos mit Beileidsbekundungen aufgrund der schweren Krankheit seines Vaters, der japanische Kaiser Hirohito, beginnt, aber dann recht schnell zum eigentlichen Thema kommt:

Wie Sie wissen, beherrschte Japan in Namen Ihres Vaters bis zur Niederlage im August 1945 Taiwan und Korea als Kolonien und machte sich nicht nur in China, sondern in ganz Asien durch viele schreckliche Gewaltakte schuldig. Die Verantwortung dafür hat Ihr Vater immer noch nicht übernommen. Das erregt immer mehr den heftigen Zorn vieler Asiaten, darunter auch vieler Japaner.

AEKR 5WV045 (MBK-Rheinland), 33

Diese offenen Worte werden im nächsten Absatz mit der couragierten Bitte gekrönt, der Prinz möge seinen Vater dazu bringen, gerade in Angesicht des Todes, Verantwortung zu bekennen, aus Sorge, dass er sonst das „Gericht Gottes“ nicht bestehen könne.

Auch wir, die christliche Gemeinde in Japan, bereuen zutiefst die Schuld, die wir durch unsere Unterstützung der japanischen Kriegspolitik, z. B. durch die Nötigung der übrigen Asiaten zum Besuch der Shinto-Tempel, auf uns geladen haben. Dafür bitten wir Gott und unsere Nächsten um Verzeihung.

AEKR 5WV045 (MBK-Rheinland), 33

Eine Antwort gab es vermutlich nicht, zumindest gibt es im Bestand keinen Hinweis darauf. Aber wie kam dieser Brief überhaupt in die Akten des MBK-Rheinlands?

Dies hängt mit dem anderen großen Tätigkeitsbereich des MBK-Rheinlands zusammen, der äußeren Mission. Nach der Gründung einer eigenen Missionsgesellschaft 1925 reisten bereits ein Jahr darauf die ersten Missionarinnen nach China. Die japanische MBK-Mission ist auch als „German Midnight Mission“ bekannt. [1]

AEKR 5WV045 (MBK-Rheinland), 2_14

1969 gründete sich als Ableger des MBK-Rheinlands der Missions-Arbeiter-Kreis (MAK), der bis zu seiner Auflösung 1989 dreimal jährlich tagte. Die rund zwanzigjährige Arbeit ist im Bestand auf zwei Akten reduziert und in einer dieser Akten befindet sich der erwähnte Brief. Ein Blick ins Findbuch, das nun unter den Archivbeständen unserer Website aufrufbar ist, und in die Geschichte des MBK lohnt sich!



[1] Geschichte des MBK. http://www.mbk-web.de/geschichte.html

Bauprojekt mit Hindernissen: Der lange Weg zu einer neuen evangelischen Kirche in Oberstein

Dass Bauprojekte sich verzögern, ist nicht ungewöhnlich. In Oberstein aber vergingen von der Planung bis zur Errichtung einer neuen evangelischen Kirche sogar mehr als 200 Jahre. Der bemerkenswerte Vorgang hat im Archiv der Kirchengemeinde seinen Niederschlag gefunden:

Oberstein mit der Felsenkirche, aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 119B Oberstein

Schon 1742 gab es erste Überlegungen zu einem Neubau. Zwar verfügte die evangelische Gemeinde mit der 1482/84 in einer Höhle oberhalb der Stadt errichteten Felsenkirche über ein ebenso einmaliges wie beeindruckendes Gotteshaus und Wahrzeichen von Oberstein. Aufgrund ihrer exponierten Lage wurde die Kirche jedoch immer wieder von Steinschlägen getroffen – im Dezember 1742 so schwer, dass man es seitens der gräflichen Regierung nicht mehr für angemessen hielt, sie wieder aufzubauen. Vielmehr wurde „an deren Hof zu Heidesheim zuerst der Gedanke, eine Kirche in das Tal der Stadt Oberstein zu bauen und dafür Mittel zu beschaffen, ausgesprochen“, so zu lesen in den Statuten der 1878 gegründeten Obersteiner Elisabeth-Stiftung, von der noch die Rede sein wird. Graf Christian Karl Reinhard von Leiningen-Dagsburg-Falkenburg ordnete an, das noch brauchbare Inventar aus der Felsenkirche zu bergen und ließ Kollektanten umherreisen, um Geld für den geplanten Neubau zu sammeln. Dieser sollte hinter dem alten Pfarrhaus am Marktplatz entstehen. Da die Kollekten nur spärlich flossen und sich zudem bald herausstellte, dass eine Reparatur der Felsenkirche deutlich günstiger wäre, wich Graf Christian nur ein Jahr nach dem Felssturz von den Neubauplänen ab und verfügte nunmehr doch die Instandsetzung der alten Kirche.

Steinschläge waren allerdings nicht die einzige Gefahr, derer sich die Gottesdienstbesucher aussetzen. Der Visitationsbericht von 1836 konstatierte: „Die Kirche ist zwar merkwürdig, aber nichts weniger als zweckmäßig angebracht. Im hohen Sommer bey großer Hitze, und Winter bey Schnee und Eis werden viele abgeschreckt, die nicht unbedeutende Höhe zu ersteigen; […] auch sind schon Arm und Bein gebrochen worden. Eine der wesentlichsten Wohlthaten würde daher […] in dem schon längst gewünschten Neubau einer Kirche im Flecken selbst [liegen].“ Ähnlich argumentierte Pfarrer Dr. Otto Schmid 1862 in einem Spendenaufruf Ueber den Bau einer zweiten evangelischen Kirche: Schmid klagte darin, dass die Felsenkirche „zu einer eigentlichen Gemeindekirche […] doch nicht passend [ist]. […] Im Winter ist der Aufgang zur Kirche durch Sturm und Regen, Schnee und Glatteis oft sehr erschwert, ja gefährlich; die Luft in der Kirche ist dann, weil es an der rechten Lüftung fehlt, dumpf und beengend; im heissen Sommer ist sie kalt. Der Unterzeichnete musste selbst aus dem Munde etlicher Wittwer hören: meine Frau hat sich da droben den Tod geholt.“ Auch Ohnmachtsanfälle erlitten Gottesdienstbesucher aufgrund der schlechten Luft nicht selten.

Einnahmen des Kirchenbaufonds 1862-64, aus Bestand: AEKR Boppard 4KG119B Oberstein

Der Spendenaufruf des Pfarrers zum Besten des 1862 gegründeten Kirchenbaufonds erschien sogar im Ausland in englischer und französischer Sprache. Erster Einzahler war die Pfarrersfamilie selbst, die aus ihrer Sparbüchse sechs Mark beisteuerte. Trotz einiger Zuwendungen sogar aus dem Ausland, ließ das Spendenaufkommen jedoch auch diesmal zu wünschen übrig. 1877 betrug das Vermögen des Kirchenbaufonds lediglich 2005 Mark und 58 Pfennig. Zur Unterstützung des Fonds gründete sich daher 1878 die Elisabeth-Stiftung, benannt nach Gräfin Anna Elisabeth von Oberstein, die den Gedanken zu einem Neubau 1742 zuerst ausgesprochen haben soll (in Wahrheit aber gar nichts damit zu tun hatte). Die Stiftung plante, zur Finanzierung des Kirchenneubaus in Oberstein reichsweit 350.000 Lose zu je einer Mark zu verkaufen. Vorbild waren ähnliche Lotterien wie etwa jene zur Fertigstellung der Türme des Kölner Domes. Doch auch diesem Vorhaben war kein rechtes Glück beschieden. Immerhin aber setzten die Damen offenbar gut 30.000 Lose für eine Tombola ab, bei der es von Fußschemeln über Schlummerkissen, Pantoffeln, Teppichen, Zigarren, Kaiserbildern oder Haussegen die unterschiedlichsten Gegenstände zu gewinnen gab.

„Ein feste Burg“ – Entwurf der neuen evangelischen Kirche von 1909, aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 119B Oberstein

Und tatsächlich war es mit vereinten Kräften bald darauf endlich gelungen: Die Finanzierung stand! 1894 bzw. 1909 konnte die evangelische Gemeinde zwei Grundstücke an der Hauptstraße erwerben und mit konkreten Planungen für einen Kirchenneubau beginnen. Im Archiv der Gemeinde ist ein ungewöhnlicher Entwurf von 1909 erhalten, der treffend mit „Ein feste Burg“ betitelt ist. Baubeginn sollte im Frühjahr 1916 sein, doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs durchkreuzte die Pläne. Mit dem anschließenden Währungsverfall musste die Kirchengemeinde Oberstein ihre Hoffnungen auf eine neue Kirche erneut begraben. Es dauerte weitere vier Jahrzehnte, bis 1965 endlich am ursprünglich vorgesehen Ort die moderne Christuskirche mit Gemeindezentrum eingeweiht werden konnte. Über die „Feste Burg“ von 1909 war da schon längst die Zeit hinweggegangen.

Literatur: 500 Jahre Felsenkirche Oberstein 1484-1984, hg. v. d. Evangelischen Kirchengemeinde Oberstein, Idar-Oberstein 1984.