Alte Heimat – Neue Heimat: Ein paar Worte zur Eingliederung der Heimatvertriebenen in die evangelischen Kirchengemeinden Düsseldorfs.

Die Beschäftigung mit der Eingliederung der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg liegt beim Thema „Alte Heimat – Neue Heimat“ natürlich nahe. Zunächst auch für die Präsentation des Landeskirchlichen Archivs auf dem Tag der Düsseldorfer Archive. Das Problem ist jedoch, das Landeskirchliche Archiv hat dafür nur wenige Unterlagen, denn die tatsächliche Arbeit geschah in den Kirchengemeinden und den freien kirchlichen Werken. Die Landeskirche ließ ein paar Statistiken erstellen, insgesamt leider ziemlich nichtssagend. Die Landes-, bzw. zunächst Provinzialkirche war nur für die Versorgung der vertriebenen Pfarrer und Kirchenbeamten zuständig, hierzu haben wir auch reichlich Quellen (die sogenannte „Ostpfarrerversorgung“). Natürlich gibt es bei den Sachakten des Landeskirchenamtes das Aktenzeichen 13-6 „Kirchliche Versorgung der Gemeinden“, vor allem 13-6-2 „Versorgung der Flüchtlinge und dadurch entstandenen Diasporagebiete“. Hier finden sich interessante Einzelberichte zu Problemen in den Gemeinden, jedoch nicht aus Düsseldorf (nächstgelegen Neuss und Ratingen-Homberg). Aber der Schwerpunkt wanderte sehr schnell zu Flüchtlingen aus der SBZ bzw. dann DDR, ab 1956 wurde unter diesem Aktenzeichen auch die Hilfe für Flüchtlinge aus Ungarn abgelegt. Und von hier war es nur noch ein kleiner Schritt zu Notständen auf der ganzen Welt, hier finden sich auch Akten zur Gründung von „Brot für die Welt“. Die Versorgung der deutschen Vertriebenen geriet in den Hintergrund. Was blieb, war Verbands- und Gremienarbeit (Ostkirchenausschuß, Flüchtlingsräte, die Frühgeschichte des „Öffentlichkeitsausschusses“ usw.).

Also ein Blick in die Literatur. Die ausführliche Geschichte der alten Düsseldorfer Gemeinde von Helmut Ackermann endet 1948 mit der Gemeindeteilung. Das Thema „Vertriebene“ wird nicht erwähnt, obwohl sie bereits mit Kriegsende kamen. Natürlich stiegen die Unterbringungs- und Versorgungsprobleme mit der Zahl eintreffender Vertriebener in den Jahren 1946-1950, aber auch die Zahl zurückströmender evakuierter Düsseldorfer stieg an, so daß das Zahlenverhältnis ungefähr gleich blieb. Und mehr Menschen bedeutete nicht nur mehr Esser, sondern auch mehr helfende Hände für den Wiederaufbau. Aber im Unterschied zu den Rückkehrern aus Evakuierung und Gefangenschaft brachten die Vertriebenen häufig andere Lebensauffassungen mit. Man hätte sich bei Ackermann schon ein paar Worte zum Aufeinanderprallen der unterschiedlichen kirchlichen Mentalitäten gewünscht. Andernorts war dies durchaus erwähnenswert. So bieten im Kirchenkreis Gladbach die beiden Kirchengemeinden Rheydt und Kirchherten zwei gegensätzliche Arten des Umgangs: Rheydt versuchte die andere, stärker lutherisch geprägte Tradition der Vertriebenen aus der Gemeindearbeit herauszuhalten und setzte dafür auch das Kooptationsverfahren bei den Presbyteriumswahlen ein (mit der Gefahr einer eigenständigen Gemeindegründung durch Vertriebene). Kirchherten nutzte das gleiche Kooptationsverfahren, um Vertriebene möglichst bald in die Gemeindeleitung einzubinden. Und man kam ihnen entgegen, indem ein Kreuz (sogar mit Corpus) auf den Abendmahlstisch der von der sonstigen Gestaltung her sehr reformierten Kirche von 1684 gestellt wurde. Allerdings stammte der neue Kirchhertener Pfarrer aus der Provinz Posen. Es wäre sehr verwunderlich, hätte es ähnliche Konflikte nicht auch in den Düsseldorfer Gemeinden gegeben.

Auch die durchgesehenen Gemeindegeschichten von Rath und Urdenbach bieten nichts zum Thema. Eine Erklärung könnten die Gemeindebücher des Kirchenkreises Düsseldorf von 1949/50 und 1956 bieten: wenn das Thema erwähnt wird, dann im Zusammenhang mit dem Gemeindedienst für Innere Mission, dem CVJM oder dem Hilfswerk, die beiden ersteren waren formal garnicht, und tatsächlich nur locker mit den Kirchengemeinden verbunden.

AEKR 8SL 046 (Bildarchiv) Hilfswerk 17/2089, Fotograf: Hans Lachmann

Will man etwas über das Ausmaß des Themas erfahren, muss man in die allgemeinen Darstellungen zur Düsseldorfer Geschichte blicken. Der von Peter Hüttenberger verfasste dritte Band der Stadtgeschichte geht im letzten Abschnitt „Düsseldorf unter britischer Besatzung“ auf den Seiten 700ff. ausführlich auf das Thema ein. Auch wenn die Formulierung „Kaufleute, Handwerker, Facharbeiter, Ingenieure und Fabrikanten verließen zu diese Zeit die deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße“ in ihrer Verharmlosung der Umstände doch sehr unangenehm berührt. Im Begleitband zur Ausstellung des Stadtmuseums „1946 Neuanfang: Leben in Düsseldorf“ von 1986 gibt es ein eigenes Kapitel zur Eingliederung der Vertriebenen (S. 56-58). Im gleichen Werk hat Rudolf Mohr die evangelische Kirche dargestellt (S. 323-329). Auch er erwähnt keine Probleme mit den unterschiedlichen Frömmigkeitsformen. Der Unterabschnitt „Schwerpunkte des geistlichen Wiederaufbaus“ behandelt den Umgang mit ehemaligen Deutschen Christen.

Ergebnis: Wer etwas über die Eingliederung der Vertriebenen erfahren will, muß sich mit den Archivbeständen der Kirchengemeinden befassen. Als Überblicksliteratur kann das Buch von Felix Teuchert „Die Verlorene Gemeinschaft“ (Vandenhoeck & Ruprecht 2018) empfohlen werden.

Die Zerstörung der Stadt Bitburg

Am 24. Dezember des Jahres 1944 wurde die Stadt Bitburg durch einen alliierten Fliegerangriff fast gänzlich zerstört. Auch die evangelische Gemeinde wurde bei diesem Angriff hart getroffen.

Bitburg / Eifel – Einweihung der Kirche vor der Kirche 28.09.1952 Bestand: 7NL008 (Nachlass Präses Heinrich Held), Abgabe: 15.03.2017

So zählten zu den zerstörten Gebäuden der Stadt Bitburg, die fast gänzlich zerstört worden war, auch die Gustav-Adolf-Kapelle und das ansässige Pfarrhaus. Besonders tragisch erscheint hierbei, dass auch der Weihnachtsschmuck der Gustav-Adolf-Kapelle dem Luftangriff zum Opfer fiel. Zusätzlich zu diesem Umstande war ein Ausweichen in die benachbarte Kyllburger Kirche unmöglich, da diese ebenfalls bei einem Artilleriebeschuss zerstört wurde. Folglich suchte die evangelische Gemeinde eine neue, provisorische Heimat, die sich in der Kapelle des kath. Krankenhauses der Stadt Bitburg fand. Die Gottesdienste der Gemeinde Bitburg wurden in den Jahren 1945-1950 in jener Kapelle gefeiert, ehe in den 1950er Jahren ein neues Pfarrhaus errichtet wurde. Der Neubau wurde erst 1951 fertiggestellt und inkludierte erhalten gebliebene Teile des Altbaus. Die Weihung der neuen Kirche hingegen erfolgte erst am 28. September 1952, womit die Gemeinde Bitburg fast acht Jahre ohne eigene Kirche auskommen musste und somit auch die Weihnachtsfeste in der „Diaspora“ gefeiert wurden.

Literatur:

Festschrift 125 Jahre Evangelische Kirche Kyllburg. 100 Jahre Evangelische Kirche Bitburg (28. Oktober 2000)

Rosenkranz, Albert: Das Evangelische Rheinland, in: Schriftenreihe des Vereins für Kirchengeschichte, Nr. 7, Bd. 1, 1956.

Neue Folgen des Podcasts „Rheinische Kirchengeschichte(n)“

Der Podcast „Rheinische Kirchengeschichte(n)“ wartet mit zwei neuen Folgen auf! In der sechsten Folge „Paul Schneider (1897-1939) und der Schulstreik“ geht es um die Überlegungen und die Intention des Hunsrücker Pfarrers, mit einem Schulstreik ein Zeichen gegen die Politik des NS-Regimes zu setzen.

Der Nachlass von Paul Schneider, verwahrt im Archiv der EKiR, liegt größtenteils auch digitalsiert vor. Auf unserer Homepage steht er Interessierten zur Verfügung.

In der siebten Folge „Christsein in der NS-Zeit – Die Gründung der Bonner Evangelischen Studentengemeinde (ESG)“ wird ein Schlaglicht auf die Studierendenschaft der Bonner Universität geworfen. Hier wird der Frage nachgegangen, wie sich die Studierenden im Dritten Reich positionierten.

Alle Folgen des Podcast können gerne nochmal nachgehört werden. Den Link gibt es hier.

Adventssammlung damals und heute

In einer Pressemitteilung vom 4. November 2025 verkündeten Diakonie und Caritas den Start der diesjährigen Adventssammlung, einer „der erfolgreichsten ökumenischen Fundraising-Aktionen“, heute am 16. November. Die Spendensammlung geht bis zum 6. Dezember. Unterstützt werden zahlreiche Hilfsangebote und Projekte, die in den Gemeinden vor Ort konkrete und unmittelbare Hilfe leisten.

Dementsprechend lautet das diesjährige Motto „Füreinander. Für hier.“

Die Adventssammlung hat eine lange Tradition. Seit mehr als 75 Jahren gibt es sie. Im Jahr 1948 sammelten Caritas und Diakonie, damals noch Evangelisches Hilfswerk, erstmals gemeinsam in Nordrhein-Westfalen, um der immensen materiellen und seelischen Not zu begegnen, die drei Jahre nach dem Ende des Krieges allerorten herrschte. Das Plakat dieser ersten gebündelten Spendenaktion findet sich in unserer Plakatsammlung.

Plakat Adventssammlung 1948 des Evangelischen Hilfswerks Westfalen/ Caritas-Verband, Design: H. Lange, aus Bestand: 8SL 049 (Plakatsammlung), Nr. 2595
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Weitere Digitalisate zum Beckmann Kirchenkampf-Bestand ONLINE!

Zweifelsfrei bildet die Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar des Jahres 1933 eine tiefe Zäsur innerhalb der Geschichte, welche die Erinnerungskultur bis in die Gegenwart entscheidend prägt. Demnach erscheint es nicht verwunderlich, dass auch die Geschichte der Ev. Kirche durch die Machtergreifung des diktatorischen Regimes nicht unberührt bleiben konnte. Der Handaktenbestand Joachim Beckmanns (Bestand: 6HA004) bietet einen einzigartigen Einblick in die Entwicklung der Evangelischen Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus und ist freilich von enormer Bedeutung für die moderne Geschichtswissenschaft.

Kirchenkampfakten Joachim Beckmann (6HA004 B29), Ev. Bekenntnissynode im Rheinland: Rundbriefe und Materialien, 05.01.1937-28.02.1938

Der Sieg der Deutschen Christen bei der Kirchenwahl am 23. Juli 1933 bot für Pfarrer Beckmann Anlass, sich dem staatlichen Eingriff in die Kirche zu widersetzen. Unter der Leitung Beckmanns organisierte ein kleiner Kreis von Theologen die Gründung des „Rheinischen Bundes um Wort und Kirche“ (Rheinische Pfarrerbruderschaft). In Kooperation mit dem von Martin Niemöller begründeten „Pfarrernotbund“ bildete die „Rheinische Pfarrerbruderschaft“ den Widerstand gegen das NS-Regime und protestierte gegen die Etablierung der regimetreuen Organisation der „Deutschen Christen“. Der Bestand 6HA004 bietet umfangreiche Auskünfte hinsichtlich jenes kirchlichen Widerstandes und inkludiert u.a. „konstituierende Schriften zur Organisation des Rheinischen Rates“ oder „Verfassungsentwürfe für die Neuordnung der Landeskirchen“. Freilich können Sie vermutlich unzweifelhaft erahnen, dass es sich bei den archivierten Schriftstücken um Dokumente von enormer historischer Relevanz handelt, die einen authentischen Einblick in die theologischen Debatten und Probleme zur Zeit des NS-Regimes bieten. Dennoch möchte ich Ihnen anhand der Akte „6HA004 B29“ die Besonderheit unseres Bestandes skizzieren:

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Ernteeinsatz statt Schulferien 1942

In Nordrhein-Westfalen genießen Schülerinnen und Schüler zur Zeit die Herbstferien. Sei es im Urlaub mit den Eltern, bei den Großeltern oder zu Hause mit Freunden. Hauptsache ist, man hat endlich etwas Freizeit und keine Hausaufgaben oder sonstig lästige Schulpflichten.

Für Mädchen der Julius-Stursberg-Schule galt das im Jahre 1942 nicht. Die Mädchen der 5. und 6. Klasse sollten zum Ernteeinsatz „eingezogen“ werden. So schrieb die Mädelführerin Pabst des Bannes Moers 237, einer regionalen Gliederungseinheit der Hitler-Jugend für den Bereich Moers, am 15. Mai 1942 dem Schulleiter mit der Bitte, ihr Schülerinnenlisten für den Ernteeinsatz im Herbst zu kommen zu lassen.

AEKR 2LR 020 – Nr. E20b
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Christi Himmelfahrt – „Der am wenigsten verstandene Feiertag“

Vor knapp zwei Jahren übergab Prof. Dr. Joachim Conrad dem Landeskirchlichen Archiv einen geordneten und verzeichneten Bestand (Repertorium) im Umfang einer Archivmappe mit Dokumenten des am 12. Februar 1944 bei Michailowka / Nikopol gefallenen rheinischen Hilfspredigers Werner Bernhardt. Der Bestand wurde zur Biografischen Sammlung (8SL 045) aufgenommen. Geboren wurde Bernhardt als Sohn eines Malermeisters am 1. März 1911 in Barmen. Er studierte Theologie in Marburg, Göttingen und Bonn. Nach dem Vikariat in Speldorf verrichtete er seinen Hilfsdienst zuletzt in Waldniel, als er 1940 in den Militärdienst eingezogen wurde. Neben Arbeiten aus Studium und Examen hat der Nachlass vornehmlich Predigten und Andachten zum Inhalt.

Bernhardt, Werner (1911-1944)
Signatur: AEKR 8SL046 (Bildarchiv), 012B_0269

Exemplarisch soll hier eine Predigt an Himmelfahrt 1938 vorgestellt werden. Der 27-jährige Hilfsprediger Bernhardt hält eine Predigt zu Markus 16,14-20 und fordert die Gemeinde auf, sich zu „besinnen, auf das, was uns dieser heutige Feiertag sein soll und was er ist.“ Denn auch schon 1938 wird der Feiertag gerne dafür genutzt, einen „schönen traditionellen Himmelfahrtsausflug“ zu machen und den „beginnenden Frühling würdig zu begrüßen“. Bernhardt stellt fest, dass Christi Himmelfahrt „dasjenige von allen christl. Festen (ist,) welches eigentlich am wenigsten verstanden wird.“

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