Die Historie der heutigen Nationalstaaten Tschechiens und der Slowakei gestaltet sich sicherlich als eine der spannenderen hinsichtlich der eigenen Nationen- und Identitätsbildung. Neben einer gemeinsamen Geschichte, weisen beide Nationalstaaten auch diverse unterschiedliche Prägungen auf, die oftmals im Gedächtnis der Öffentlichkeit wenig Beleuchtung finden. Offiziell konstituierte sich ein moderner Staat der „Tschechoslowakei“ erst im Jahre 1918 und zerfiel 1992 in die beiden heutigen Staaten. Bereits im 10. Jahrhundert fand eine Trennung der beiden „Völker“ statt, die de jure bis in das 20. Jahrhundert existierte. Während Tschechien zum österreichischen Reichsteil der Habsburger gehörte, wurde die Slowakei als „Oberungarn“ vor 1918 politisch und kulturell vornehmlich durch das königliche Ungarn geprägt. Natürlich darf die geographische Trennung nicht darüber hinweg täuschen, dass aufgrund der gemeinsamen mittelalterlichen Geschichte und Zugehörigkeit zu der westslawischen Sprachfamilie durchaus kulturelle und politische Verbindungen konserviert blieben, wie sich anschaulich am sogenannten „Völkerfrühling“ (Mitte des 19. Jahrhunderts) analysieren lässt. Dennoch erscheint es aufgrund der faktisch vorherrschenden Trennung ebenfalls nicht verwunderlich, dass beide Staaten eine durchaus weitreichende Pluralität aufweisen, die sich auch in konfessioneller Hinsicht zeigt.
WeiterlesenSchlagwortarchiv: Nachkriegszeit
Pfingstbesuch aus Tschechoslowakei 1962 in Kaiserswerth
In den 1960er und 70er Jahren nimmt der Kaiserswerther Pfarrer Bernhard Wiebel als Mitglied der Kirchlichen Bruderschaft im Rheinland an den Allchristlichen Friedensversammlungen in Prag teil und ist an der Arbeit der Christlichen Friedenskonferenz (CFK) in der Bundesrepublik aktiv beteiligt. Die Christliche Friedenskonferenz war eine 1958 ins Leben gerufene internationale Friedensorganisation, die maßgeblich vom tschechischen protestantischen Theologen Josef L. Hromádka geprägt wurde.

Quelle: AEKR 7NL 017, Nr. 145; Fotograf unbekannt
Bernhard Wiebel war von 1951 bis zu seiner Emeritierung 1972 Pfarrer an der Evangelischen Diakonissenanstalt Kaiserswerth. Zuvor war er vier Jahre Superintendent des Kirchenkreises Trier und Pfarrer in Gerolstein (1934-1951).
WeiterlesenEvangelische Minderheiten in der Welt: Evangelische Minderheiten in Jugoslawien
„Der Balkan“ beschreibt einen nicht genau definierten geografischen Raum im Südosten Europas, der historisch durch seine religiöse und ethnische Pluralität geprägt wurde. Als Paradebeispiel dient das ehemalige Jugoslawien, das Bevölkerungsgruppen beheimatete, die sowohl der Katholischen Kirche, der Orthodoxen Kirche als auch dem Islam angehörten. (1) Historisch lassen sich bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ebenfalls größere jüdische Zentren nachweisen. Für die Zeit des Königreichs Jugoslawiens (Kraljevina Jugoslavija), das nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gegründet worden war (2), ist beispielsweise eine größere jüdische Diaspora in Sarajewo belegbar. Folglich erscheint es nicht verwunderlich, dass der geografische Raum Ex-Jugoslawiens in der jüngeren Vergangenheit vermehrt in das Blickfeld der Geschichts- und Religionswissenschaften rückte. Schließlich ereigneten sich mit den Jugoslawienkriegen der 1990er Jahre und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges gleich zwei der bedeutendsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet des Balkans. Der Ausbruch beider Ereignisse ist sicherlich keinesfalls monokausal anhand der ethnisch, religiösen Pluralität zu begründen. Dennoch kann nicht unterschlagen werden, dass die Pluralität einen gewichtigen Teil zum Ausbruch der Konflikte beigetragen hat. Die Metapher „das Pulverfass Balkan“, die bereits zum ausgehenden 19. Jahrhundert geprägt wurde, veranschaulicht diese Explosivität eindrücklich. (3)
WeiterlesenFotorückblick: Wiederaufbau der bombenzerstörten Johanneskirche Düsseldorf


Signatur: AEKR 8SL046 (Bildarchiv), 200_190
Die am 6. Dezember 1881 eingeweihte Johanneskirche wurde bei dem sog. Pfingstangriff in der Nacht vom 11. auf den 12.06.1943 durch Fliegerbomben stark beschädigt. Zunächst gab es Überlegungen, aus städtebaulichen Gründen die Kirche an anderer Stelle neu zu errichten, da aber große Teile der Kirche erhalten blieben, konnte am 10. Juni 1951 der Wiederaufbau der sog. Stadtkirche feierlich begonnen werden.
Heute vor 73 Jahren fand die Grundsteinlegung der größten evangelischen Kirche in Düsseldorf statt. Der Pressefotograf Hans Lachmann dokumentierte dieses Ereignis. Auf den Fotos hält ehemaliger Düsseldorfer Superintendent und Oberkirchenrat Rudolf Harney, der sich für den Wiederaufbau auf dem Martin-Luther-Platz eingesetzt hatte, eine feierliche Rede. Auf einem weiteren Foto präsentieren zwei Mädchen stolz die Urkunde, die den Beschluss des Wiederaufbaus der Johanneskirche enthält.
WeiterlesenQuellen zu Spruchkammerverfahren und Entnazifizierung online
Mit der vollständigen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8./9. Mai 1945, dem Ende kriegerischer Auseinandersetzungen auf europäischem Boden (global endete der Krieg erst mit der Kapitulation des japanischen Kaiserreichs am 2. September 1945) und dem Zusammenbruch des Dritten Reiches galt es Deutschland für den demokratischen Neustart zu positionieren. Essentiell hierfür wurde die Ausmerzung der nationalsozialistischen Ideologie angesehen. Die Entnazifizierung Deutschlands wurde zur obersten Priorität und wurde dementsprechend im Schlussdokument der Potsdamer Konferenz vom 2. August 1945 festgehalten.
Im weitesten Sinne zielte die Entnazifizierung darauf ab, alles was nationalsozialistisch behaftet war – wie Gesetzgebung, Organisationen, Symbole, Schriften etc. – auszurotten. Im engeren Sinne versteht man heute darunter die Entfernung belasteter Personen aus allen wichtigen Ämtern der politischen, wirtschaftlichen wie sozialen Lebensbereiche. Die Sphäre der Kirche sollte hiervon nicht ausgenommen bleiben. Der für den Bereich der Nordrheinprovinz zuständige Major General schrieb diesbezüglich am 27. Juni 1945 recht missmutig in einem Brief u.a. an die SHAEF (Supreme Headquarters, Allied Expeditionary Force – Oberstes Hauptquartier der Alliierten Expeditionsstreitkräfte):
„1. At the present time the one place where the German people can gather together in large numbers and yet where little check can be kept on proceedings is in their Churches.
2. At the same time the one class of Germans of standing who have not been screened is the clergy.
3. This position ist obviously unsatisfactory. Steps will be taken to have the clergy fill in Fragebogen forthwith and to have these examined in the usual way (…)“ (1OB 005 Nr. 31).
Die Veredlungswirtschaft GmbH und die Rheinische Hauptstelle des Evangelischen Hilfswerks: Ein überaus spannungsvolles Miteinander
Eugen Gerstenmaier, der Initiator und bis 1951 erste Leiter des Evangelischen Hilfswerks, hatte früh die Vision entwickelt, mit ausländischen Spendengeldern Rohstoffe im Ausland zu kaufen und diese in Deutschland weiterzuverarbeiten („zu veredeln“), um dadurch sowohl Arbeitsplätze zu schaffen wie auch Einnahmen für die Arbeit des Hilfswerks zu erzielen. Es sollten also nicht nur Hilfsgaben weitergeleitet, sondern eine Produktion in Gang gesetzt werden. 1949 wurden diese Aktivitäten unter dem Dach der Veredlungswirtschaft GmbH (kurz VERWI) in Stuttgart gebündelt. Heute hat sich der Begriff Veredlungswirtschaft auf Landwirtschaft und Nutztierhaltung verengt; damals standen vor allem textile Ausgangsstoffe im Mittelpunkt. Das Geschäftsfeld erwies sich von Beginn an als nicht unumstritten.
Als Geschäftsführer der VERWI fungierte Walther Gerstenmaier, der jüngere Bruder von Eugen. Wiederholt hatte er sich mit den -wenigstens aus seiner Sicht- aufsässigen Rheinländern vom Hauptbüro in Essen auseinander zu setzen. Ein eindrückliches Beispiel ist sein Brief vom 2. Juni 1950 an den Essener Geschäftsführer Constantin Rößler, einen Bruder des Oberkirchenrates Helmut Rößler. Der Brief sei hier vollständig im Wortlaut wiedergegeben:
WeiterlesenMedikamentenspenden für die DDR. Ein Beispiel für die Arbeit des Evangelischen Hilfswerks in der Nachkriegszeit
Der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie e.V. in Frankfurt/Main zeigte sich definitely not amused: Am 27. August 1955 richtete dessen Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Laar ein galliges Schreiben an das Hauptbüro Rheinland des Hilfswerks der EKD. „Außerordentlich große Mengen“ gespendeter amerikanischer Medikamente seien über das Hilfswerk an Krankenhäuser in Norddeutschland weitergegeben worden. Abgesehen von geltend gemachten Sicherheitsbedenken werde somit „der amerikanischen Industrie die Möglichkeit gegeben, auf einfache Weise Propaganda für ihre Arzneimittel zu machen“. Das Hilfswerk solle doch vielmehr Interesse an einer leistungsstarken und spendenwilligen deutschen Pharmaindustrie haben und daher Sorge tragen, dass derartige Spendenaktionen nicht mehr durchgeführt würden.
Innerhalb des Hilfswerks (Zentralbüro Stuttgart, das kritisierte Hauptbüro Schleswig-Holstein in Rendsburg, das angeschriebene Hauptbüro Düsseldorf) liefen nun die Drähte heiß, wie man auf diese heikle Kritik reagieren solle. Anfang Oktober brachte ein Telefonat zwischen Dr. Laar und Ludwig Geißel vom Zentralbüro „ein mehr als befriedigendes Ergebnis“, über dessen Details in unseren Akten aber nichts zu finden ist.
Weiterlesen

