Die Spanische Grippe 1918 in Düsseldorf: Eine statistische Auswertung anhand der Kirchenbücher

Meine Urgroßmutter starb im Herbst 1918 im saarländischen Industrierevier als junge Frau. Sie hinterließ eine zwölfjährige Tochter, meine Großmutter, von der ich als Jugendlicher erfuhr, ihre Mutter sei wie viele andere damals an einer grassierenden Grippeepidemie innerhalb von nur drei Tagen gestorben. Warum starb man als junger kräftiger Erwachsener an einer Grippe? Erst viel später fand ich historische Literatur zum Thema und verstand die Zusammenhänge: Die nur zufällig so benannte Spanische Grippe forderte weitaus mehr Opfer als der Erste Weltkrieg und zählt zu den schwersten Pandemien der Geschichte. Allein im Deutschen Reich sind 1918-1920 zwischen 300.000 und 600.000 Menschen an der Grippe gestorben. Weltweit belaufen sich die vorsichtigsten Schätzungen auf 25 Milionen Grippetote, kalkuliert wird auch mit der doppelten bis dreifachen Zahl.

Auf der Grundlage der Sterberegister der evangelischen Kirchengemeinde Düsseldorf (damals mit ca. 90.000 Gemeindegliedern eine der größten Kirchengemeinden im gesamten Reich) soll die Dramatik des Geschehens an einem regionalen Beispiel veranschaulicht werden.

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Das Evangelische Zentralarchiv Saar stellt sich vor

Geordnete Bestände des ehemaligen Kirchenkreises Völklingen, Foto: © Maurice Jelinski (@fotostube).

Archivarbeit war im Bereich der evangelischen Kirchenkreise an der Saar bisher weitgehend ein „Verwahren“ der Verwaltungsakten. Doch der Kirchenkreisverband An der Saar hat im Jahre 2018 richtig Geld in die Hand genommen und im evangelischen Gemeindehaus in Riegelsberg-Walpershofen ein Evangelisches Zentralarchiv Saar (EZAS) eingerichtet. Den Umzug nahmen drei mit dem Archiv ehrenamtlich betraute Personen in die Hand. Sie brauchten dafür drei Wochen, konnten aber so eine nie vorhandene Ordnung herstellen. 

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Das Kreuz mit der deutschen Kurrentschrift (Teil II)

Vor knapp zwei Jahren haben wir hier über die ersten Versuche einer automatisierten Erkennung älterer Handschriften berichtet. Hierzu wurde das Tool Transkribus entwickelt. Nun wird zur ersten Transkribus User Conference eingeladen, die am 2.-3. November 2017 in Wien stattfinden wird. Die Tagung wird ausgerichtet von der EU-Initiative READ (Recognition and Enrichment of Archival Documents). Im Mittelpunkt steht das Feedback der Testnutzer der Software:

„The event will shed light on the latest technological advances in the fields of Automated Text Recognition, Layout Analysis, Writer Identification, Keyword Searching and Information Extraction.  It will also provide many opportunities for users to give feedback to Transkribus developers and ask questions about how automated processing can work on their documents.“

Es ist gut vorstellbar, dass in vielleicht zehn Jahren die Entzifferung und Transkription handschriftlicher Dokumente des 16.-20. Jahrhunderts wie selbstverständlich über solche Tools laufen wird.

Ahnenforschung boomt und kann zur Identitätsfindung beitragen

“ Dank des Internets kann Roth allerdings auf ganz andere Quellen und Mittel zurückgreifen. Mit ein Grund, warum die Ahnenforschung seit Anfang der 2000er-Jahre einen neuen Boom erlebt. Viele Archive sind heute online zugänglich, die Community der Ahnenforscher unterstützt sich gegenseitig in Foren, und auf Facebook gibt es diverse Gruppen zum Thema. …“

Online-Genealogie der Zukunft

Im Bereich der genealogischen Vereine ebenso wie bei der Bereitschaft der Archive, sich für entsprechende Kooperationsprojekte zu öffnen, ist erfreulicherweise viel in Bewegung geraten. Neben dem technischen Fortschritt (Stichwort Handwriting Text Recognition) eint beide Seiten das Interesse an einer Auswertung und Online-Stellung der relevanten Bestände.

Unter dem Titel „Genealogie Plus: Partnership, Open Access und maschinengestützte Indexierung“ findet jetzt kommende Woche eine Tagung im Staatsarchiv Marburg statt, auf der die aktuellsten Plattformen und Publikationskanäle vorgestellt werden. Programm und Anmeldeformular finden Sie hier.

Das Archiv der EKiR ist gerade eine erste Kooperation mit dem Verein für Computergenealogie eingegangen: Die Militärkirchenbücher der Garnison Köln 1816-1919 werden von Vereinsmitgliedern ausgewertet und im Anschluss online gestellt. Der Verein ist mit 3.600 Mitgliedern der größte genealogische Verein in Deutschland und hat durch Referenzprojekte wie die Verlustlisten des Ersten Weltkriegs seine Leistungsstärke unter Beweis gestellt.

Liste der Rheinischen Militärkirchenbücher jetzt online

Militärkirchenbücher wurden seit dem 18. Jahrhundert geführt und bilden ebenso wie ihr ziviles Pendant eine wichtige, oft unterschätzte Quellengruppe für genealogische Forschungen. Man unterscheidet dabei zwischen Garnisonskirchenbüchern für einen Standort und Regimentskirchenbüchern für einzelne Einheiten. Die insgesamt ca. 250 erhaltenen preußischen Militärkirchenbücher aus dem Rheinland werden in der Evangelischen Archivstelle Boppard verwahrt und haben eine wechselvolle Geschichte erlebt. Weiterlesen

Die Quellen schweigen zum Tod der Tochter Maria („Mulla“) des Düsseldorfer Pfarrers Samuel Keller

Hier soll von einem Beispiel dafür berichtet werden, dass sich Berichte in autobiographischen Darstellungen nicht immer in den Quellen wiederfinden: Von 1892 bis 1898 amtierte in der fünften Pfarrstelle der Evangelischen Gemeinde Düsseldorf Pfarrer Samuel Keller. Er wurde 1856 in St. Petersburg als Sohn eines aus der Schweiz zugewanderten Waisenhausvaters und Lehrers geboren.

Keller, Samuel, Pfarrer in Düsseldorf; aus Bestand: AEKR Bibliothek BK3005

Keller, Samuel, Pfarrer in Düsseldorf; aus Bestand: AEKR Bibliothek BK3005

Seine ersten Pfarrstellen hatte Samuel Keller in Grunau (Russland, 1880-1884) und Neusatz auf der Krim (1884-1891) inne, wo er die deutschen Kolonisten als Seelsorger betreute. Da seine Arbeit „eine ungewöhnlich dichte Frucht“ brachte, „wurde er ‚oben‘ unliebsam, und wenn er nicht ostwärts, d.h., nach Sibirien, verschwinden wollte, mußte er sich westwärts wenden.“, so Oskar Brüssau, S. 37.

Samuel Keller und seiner Frau Elisabeth Wilhelmine geb. Clever wurden vier Kinder geboren, Hans (1881), Margarete („Grete“, 1882), Maria („Mulla“, 1884) und als Nachzüglerin in Düsseldorf Elisabeth („Lia“, 1897). Keller erwähnt diese in seiner Autobiographie „Aus meinem Leben„, die in zwei Bänden 1917 und 1922 erschien. Drei der Kinder sind auch in „Wer ist’s„, V. Ausgabe 1911, auf Seite 708 aufgeführt. Maria fehlt – und damit sind wir beim Kern dieses Beitrages. Weiterlesen