Über Dr. Andreas Metzing

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Woche 1 nach Corona – Lesesaal der Archivstelle Boppard wieder geöffnet

Archivbenutzung in Zeiten von Corona: Mundschutzpflicht und Abstandsregeln

Nach zehnwöchiger Pause wurde am 26. Mai 2020 der Lesesaal der Archivstelle Boppard wieder für die Benutzung geöffnet. Seit Mitte März waren aus Gründen des Infektionsschutzes keine Forscherinnen und Forscher mehr angenommen worden, zwei Wochen später ordnete das Landeskirchenamt dann den völligen Lockdown des Archivs an, und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Archivstelle Boppard  gingen – wie auch die Düsseldorfer Kolleginnen und Kollegen – ins Home-Office.

Nachdem die Bund-Länder-Einigung vom 15. April 2020 einen eingeschränkten Betrieb von Archiven ab dem 4. Mai grundsätzlich wieder erlaubte, wechselte das Bopparder Team in den regulären Präsenzmodus zurück. Eine der vordringlichen Aufgaben bestand nun darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, die auch wieder eine externe Benutzung der Archivstelle ermöglichten.

Zunächst wurde in enger Abstimmung mit der Düsseldorfer Zentrale und der Verwaltungsleitung des Landeskirchenamts ein entsprechendes Hygienekonzept entwickelt. Die Platzverhältnisse in den Räumlichkeiten der Archivstelle Boppard ließen es zu, unter Beachtung der Mindestabstandsregelungen bis zu zwei Benutzer pro Öffnungstag aufzunehmen. Gleichzeitig mussten Schutzvorkehrungen getroffen werden, die das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich halten sollten. Dazu gehörte u.a. die Entwicklung eines digitalen Benutzungsantrags, der bereits im Vorfeld des geplanten Archivbesuchs am heimischen PC ausgefüllt werden kann und muss, sowie eine Maskenpflicht für die gesamte Dauer des Aufenthalts im Archiv und das obligatorische Händewaschen und -des­infizieren unmittelbar nach Betreten der Archivräumlichkeiten.

Der digitale Benutzungsantrag wird im Vorfeld am heimischen PC ausgefüllt.

Bei der konkreten Umsetzung des Konzepts und mit Blick auf seine Akzeptanz wurde dann vor allem auf größtmögliche Transparenz geachtet: Jeder Benutzer bekommt mit dem digitalen Benutzungsantrag zugleich ein Merkblatt mit den wichtigsten Verhaltensregeln übersandt, das darüber hinaus auch auf der Homepage des Landeskirchlichen Archivs veröffentlicht ist. In der Archivstelle selbst weisen Piktogramme auf das richtige Verhalten hin. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Archivs sowie die externen Reinigungskräfte wurden mit den besonderen Anforderungen hinsichtlich Desinfektion des Benutzerbereichs und regelmäßigen Lüftens des Benutzerraums vertraut gemacht.

Insbesondere beim letzten Punkt waren und sind allerdings auch Aspekte der Bestandserhaltung zu bedenken, denn gerade in der warmen Jahreszeit weist die Außenluft gelegentlich einen Feuchtegrad auf, der Papier alles andere als zuträglich ist. Weil jedoch über 90 Prozent der Benutzerinnen und Benutzer der Archivstelle Boppard Kirchenbücher einsehen wollen und diese ohnehin nicht im Original, sondern ausschließlich als Digitalisate oder Mikrofiches vorgelegt werden, stellt sich das Problem nur in sehr entschärfter Form. Für die im Unterschied zu vielen anderen Archiven eher seltenen Fälle, in denen die Benutzer der Archivstelle Boppard Originale einsehen möchten, werden einzelfallbezogene Lösungen entwickelt werden müssen, die die Corona-bedingten Hygienemaßnahmen, die Anforderungen der Bestandserhaltung und das berechtigte Nutzungsinteresse sinnvoll unter einen Hut bringen.

Nutzungsbedingungen zur Minderung des Infektionsrisikos

An den ersten beiden Öffnungstagen im Corona-Modus waren Archivpersonal und Benutzer jedoch glücklicherweise noch nicht mit solchen Spezialproblemen konfrontiert. Die Forscherinnen und Forscher signalisierten großes Verständnis für die Einschränkungen, und es überwog die Freude, dass nach dem Wochen langen Lockdown eine Archivbenutzung überhaupt wieder möglich ist. Für das Personal der Archivstelle ist der Benutzerverkehr im Corona-Modus zwar mit einem leichten Mehraufwand verbunden (Maskenpflicht der Aufsicht, regelmäßiges Lüften und Desinfizieren), der aber durch das befriedigende Gefühl, endlich wieder dem zentralen Auftrag des Archivs nachkommen zu können, nämlich die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit durch Bereitstellung von Quellen aus erster Hand zu ermöglichen, mehr als aufgewogen wird.

„Eine sehr merckwürdige Nachricht aus unserer Gegend“ – Gnadenhochzeit Anno 1766

Bekanntlich war die Lebenserwartung der Menschen in der vorindustriellen Zeit sehr viel geringer als heute. Aufgrund der extrem hohen Kindersterblichkeit betrug sie im 17. und 18. Jahrhundert im Mittel keine 30 Jahre. Selbst wenn man ausschließlich die Personengruppe betrachtet, die das Erwachsenenalter erreicht hat, so lag das durchschnittliche Sterbealter auch nur bei etwa Mitte 50.

Wenn dann doch einzelne Personen ein deutlich höheres Alter als die meisten ihrer Zeitgenossen erreichten,  dann erregte das eine ganz besondere Aufmerksamkeit. So mag es auch dem Pfarrer der hessischen Kirchengemeinde Hochelheim bei Wetzlar gegangen sein, der sich bemüßigt fühlte, im Kirchenbuch einen derartigen Fall auf einer eigenen Seite zu dokumentieren, der er die bezeichnende Überschrift gab: „Eine sehr merckwürdige Nachricht aus unserer Gegend“.

Auf der letzten Seite des Hochelheimer Kirchenbuchs steht der Hinweis auf den 70. Hochzeitstag des Ehepaares Zörb (Zürb)-Köcher im Jahr 1766 (KB 285/3, S. 331)

Das Besondere an diesem Fall war, dass er gleich drei Personen ein und derselben Familie betraf, die alle ein Alter von über 90 Jahren erreichten. Der kurz vor Ende des Dreißigjährigen Krieges am 27. August 1648 im Nachbardorf Hörnsheim geborene Andreas Köcher war am 9. Mai 1740 im gesegneten Alter von 91 Jahren gestorben. Seine kräftigen Gene hatte er offenbar an seine am 9. April 1676 geborene Tochter Anna Catharina weitergegeben, die noch älter als ihr Vater wurde und mit fast 94 Jahren am 21. März 1770 in Hörnsheim starb. Verheiratet gewesen war sie mit dem ein halbes Jahr älteren, am 24. Oktober 1675 in Hochelheim getauften Johann Caspar Zörb, der genau wie seine Frau und sein Schwiegervater ebenfalls mit einem langenLeben beschenkt wurde und 91jährig am 4. Mai 1767 in Hörnsheim starb.

Sterbeeintrag der Catharina Zörb vom 21. März 1770 im Kirchenbuch von Hörnsheim (KB 286/1). Außer dem Leichentext aus Psalm 71 ist auch der Hinweis enthalten, sie habe „fast 71 Jahr in der Ehe gelebt, und 124 Nachkömmlinge erlebt, von welchen noch 80 am Leben waren.“

Da Anna Catharina Köcher und Caspar Zörb bei ihrer Hochzeit am 18. Juni 1696 erst 19 und 20 Jahre alt gewesen waren, waren sie über 70 Jahre lang verheiratet und konnten somit am 18. Juni 1766 ihre Gnadenhochzeit begehen – ein selbst in unserer Zeit extrem seltenes Fest, das im 18. Jahrhundert noch viel außergewöhnlicher und deshalb im wahrsten Sinn des Wortes „merckwürdig“ war. Als Anna Catharina Zörb geb. Köcher dann dreieinhalb Jahre später starb, hat der Hörnsheimer Pfarrer den Leichentext aus Psalm 71 vermutlich mit Bedacht ausgesucht: „Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und bis hierher verkündige ich deine Wunder. Auch verlass mich nicht, Gott, im Alter, wenn ich grau werde, bis ich deinen Arm verkündige Kindeskindern und deine Kraft allen, die noch kommen sollen.

Festlich herausgeputzt zur Konfirmation

Pfarrer Ulrich Kulke mit dem Konfirmandenjahrgang 1929 aus Niederkleen (KK Wetzlar), aus Bestand: AEKR 7NL176B (Pfarrer Ulrich Kulke), Nr. 54

Auf dem Land war es bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts üblich und ist es in manchen Gegenden Deutschland heute noch Brauch, bei wichtigen familiären Festtagen Tracht zu tragen. Das galt neben Hochzeiten vor allem für die traditionell am Palmsonntag gefeierte Konfirmation, an der sich die Mädchen in der Regel erstmals öffentlich in der örtlichen Tracht zeigten. Im Nachlass des Pfarrers Ulrich Kulke (1892-1986), der zwischen 1926 und 1957 in Niederkleen (heute Kirchenkreis An Lahn und Dill) amtierte und zwischen 1946 und 1957 auch Superintendent des damaligen Kirchenkreises Wetzlar war, befinden sich zahlreiche Fotos von Niederkleener Frauen und Mädchen in der so genannten Hüttenberger Tracht, benannt nach der historischen Landschaft zwischen Wetzlar, Gießen und Butzbach. Unter den Bildern sticht besonders ein Konfirmationsfoto aus dem Jahr 1929 hervor, das den damals 37 jährigen Pfarrer Kulke mit den sieben Niederkleener Konfirmationskindern dieses Jahres zeigt, von denen drei Mädchen die Hüttenberger Tracht tragen. Was Kulke dazu veranlasst hat, eine solche Trachtenfotosammlung anzulegen, ist nicht überliefert. Möglicherweise übte für ihn als Berliner Großstadtjungen die Lebendigkeit der historischen Traditionen, wie er sie in der ländlichen Gesellschaft Mittelhessens kennenlernte und wie sie sich vor allem in der Tracht manifestierte, eine besondere Faszination aus.

Warum sind die rheinischen Superintendenten geborene Mitglieder der Landessynode?

Wenn vom 12. bis 16. Januar 2020 die 73. Rheinische Landessynode tagt, dann wird möglicherweise auch ein Thema zur Sprache kommen, das schon ein Jahr zuvor im Zusammenhang mit Überlegungen zur Verkleinerung der Landessynode die Gemüter bewegt hatte – die Frage nämlich, ob es gerechtfertigt ist, dass alle rheinischen Superintendenten qua Amt automatisch Mitglieder der Landessynode sind. Eine von der Kirchenleitung eingesetzte Arbeitsgruppe konnte keine theologische Begründung für diese Regelung finden und sah ihre Ursprünge „in der preußischen konsistorialen Verwaltung“. Doch ist dies tatsächlich so? Es ist reizvoll, dieser Thematik anhand der Protokolle der Rheinischen Provinzialsynoden des 19. Jahrhunderts nachzugehen.

Deckblatt und erste Seite des Protokolls der Provinzialsynode der Provinz Großherzogtum Niederrhein vom 20. bis 26. April 1819. Da im Kirchenkreis Saarbrücken damals drei Superintendenten amtierten und im Kirchenkreis Kreuznach zwei, wurden aus diesen Kirchenkreisen keine weiteren Pfarrer zur Synode zuzgezogen. Die Kirchenkreise Trarbach, Sobernheim, Wied, Koblenz, Aachen, Altenkirchen, Braunfels, Wetzlar und Simmern waren mit dem Superintendenten und je einem weiteren Pfarrer vertreten. (AEKR Boppard, Bestand Kirchenkreis Koblenz, Reg.-Nr. 06-1-2)

1817 hatte der preußische König in allen Provinzen die Einberufung von Provinzialsynoden angeordnet. Auch in den damals noch zwei rheinischen Provinzen Jülich-Kleve-Berg und Großherzogtum Niederrhein traten daraufhin im November 1818 bzw. im April 1819 Provinzialsynoden zusammen, die freilich nur aus den vom König ernannten Superintendenten und einer weiteren Anzahl von Pfarrern, nicht jedoch aus Laienvertretern bestanden. Diese Zusammensetzung entsprach allerdings in keiner Weise der presbyterial-synodalen Tradition von Rheinland und Westfalen, in der das Prinzip der gemeinschaftlichen Beratungen von Theologen und Nichttheologen sowie das Wahlprinzip einen hohen Stellenwert hatten.

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„Die Vorurtheile und Sorgenlosigkeit besonders bei den Landbewohnern“ – Ein Impfkonflikt im frühen 19. Jahrhundert

Die Forderung nach einer staatlichen Impfpflicht geistert regelmäßig durch die Medien und wird genauso regelmäßig von radikalen Impfgegnern heftig zurückgewiesen. Dieser Konflikt hat bereits eine über zweihundertjährige Tradition, wie aus einem Schriftstück aus dem Jahr 1815 hervorgeht, das jetzt im Rahmen einer Benutzung des Archivbestandes der Evangelischen Kirchengemeinde Meisenheim zutage kam.

Schreiben des Birkenfelder Kreisdirektors an die Pfarrer des reformierten Lokalkonsistoriums Meisenheim, 31. März 1815 (AEKR, Bestand 4KG 003B, Kirchengemeinde Meisenheim, Nr. 32)
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Kirchengemeinde Bislich-Diersfordt-Flüren lagert ältere Kirchenbücher in die Archivstelle Boppard aus

Das Diersfordter Kirchenbuch 1818-1926 (KB 433/3)

Schon seit längerer Zeit trug sich die Kirchen-gemeinde Bislich-Diersfordt-Flüren (Kirchenkreis Wesel), deren Wurzeln bis in das Reformationsjahrhundert zurückreichen, mit dem Gedanken, die älteren Kirchen-bücher der beiden Vorgängergemeinden Bislich (Kirchenbuchüberlieferung ab 1711) und Diersfordt (Kirchenbuchüberlieferung ab 1649) in die Archivstelle Boppard aus-zulagern. Jetzt machten Pfarrer Winfried Junge und Archivbetreuer Siegfried Meding Nägel mit Köpfen und überbrachten 21 Kirchenbücher und ältere Presbyteriums-protokollbücher vom Nieder- an den Mittelrhein.

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Süddeutscher Kirchenarchivtag in Boppard 2019

28. Tagung der süddeutschen Kirchenarchive in Boppard

Zur alljährlichen Fachtagung der süddeutschen Kirchenarchive hatte am 3. und 4. Juni 2019 die Evangelische Archivstelle Boppard eingeladen. Bei strahlendem Sommerwetter waren 35 Kolleginnen und Kollegen an den Mittelrhein gereist, um sich über das Thema „Archive im Zeitalter von Web 2.0 – Neue Wege durch Kooperation“ auszutauschen. Gerade angesichts der fachlichen Herausforderungen des digitalen Zeitalters, so betonte der Bopparder Archivleiter Andreas Metzing in seinen Begrüßungsworten, sei eine archivspartenübergreifende Zusammenarbeit das Gebot der Stunde. Bewusst waren deshalb für die Fachvorträge nicht nur Referentinnen und Referenten aus kirchlichen Archiven, sondern auch aus anderen Archivsparten eingeladen worden, insbesondere aus dem kommunalen Bereich.

In der ersten Tagungssektion standen die verschiedenen Kooperationsmodelle digitaler Langzeitarchivierung im Mittelpunkt. Zunächst gab Ulrich Fischer vom Historischen Archiv der Stadt Köln eine Einführung in die Thematik, verbunden mit einem Überblick über die derzeit in Deutschland bestehenden Langzeitarchivierungsverbünde. Er betonte, dass sich die digitale Archivierung inzwischen zur Kernaufgabe archivarischen Handelns entwickelt habe. Gerade für kleinere Archive, die bei der Bewältigung dieser fachlichen, organisatorischen und juristischen Herausforderung manchmal noch ganz am Anfang stünden, sei es deshalb umso wichtiger, durch geeignete Kooperationsmodelle von der Erfahrung anderer, die auf diesem Weg schon weiter seien, zu profitieren.

Im Anschluss an den Einführungsvortrag wurden die beiden derzeit in Deutschland existierenden Langzeitarchivierungsverbünde detailliert vorgestellt. Johanna Schauer-Henrich erläuterte den Tagungsteilnehmern die Kooperationsmöglichkeiten kleinerer Archive mit dem Digitalen Magazin des Landesarchivs Baden-Württemberg (DIMAG). Als frühere Mitarbeiterin des Landeskirchlichen Archivs Karlsruhe und derzeitige Kreisarchivarin von Biberach an der Riß erklärte sie anschaulich und praxisbezogen die Vorteile, die der Verbund DIMAG sowohl für kirchliche als auch für kommunale Archive bietet. Auch Hannah Ruff vom Archivamt für Westfalen in Münster betonte in ihrer Präsentation der Langzeitarchivlösung DiPS.kommunal die archivspartenübergreifende Dimension. Primäre Zielgruppe des Verbundes sind zwar zunächst die nordrhein-westfälischen Kommunalarchive, doch ist er prinzipiell offen für die Beteiligung auch anderer Archivtypen. Beide Referentinnen unterstrichen die Notwendigkeit, von archivischer Seite bereits bei der Entwicklung der in den Verwaltungen eingesetzten digitalen Fachverfahren Einfluss darauf zu nehmen, dass eine Schnittstelle zu einem Langzeitarchivierungsverbund eingeplant wird. Von ebenfalls grundlegender Wichtigkeit ist die Kooperation mit einem leistungsstarken Rechenzentrum.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der 28. Tagung der süddeutschen Kirchenarchive am 3. und 4. Juni 2019 in Boppard. (Foto: André Mageney)

Nach einer Führung durch zwei der schönsten Bopparden Kirchen klang der Tag mit einem gemeinsamen Abendessen unter freiem Himmel an den Bopparder Rheinanlagen gemütlich aus. Am folgenden Vormittag, der mit einer Andacht in der evangelischen Christuskirche begann, stand in der zweiten Tagungssektion das Thema „Neue Präsentationsformen für Archive im Web 2.0“ im Mittelpunkt. Joachim Kemper vom Stadtarchiv Aschaffenburg sprach über Social-Media-Strategien für kleinere Archive und führte an ausgewählten Besipielen vor, wie die ganze Bandbreite der heutigen  sozialen Medien für die archivische Öffentlichkeitsarbeit sinnvoll nutzbar gemacht werden kann. Aktivitäten wie etwa eine eigene Facebookseite oder ein Blog, aber auch Präsenz  auf Twitter oder in einem eigenen Youtube-Kanal böten auch für kleinere Archive Möglichkeiten, ihr traditionelles Image zu überwinden und sich neue und jüngere Interessenten- und Nutzerkreise zu erschließen. Selbst WhatsApp-Gruppen können heutzutage für die archivische Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt werden.

Als Beispiel einer für Archive besonders geigneten Form der interaktiven Öffentlichkeit im Web 2.0 stellte Tatjana Klein das Blog des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland vor. Neben einer Einführung  in den Aufbau und die Funktionsweise dieses Blogs legte sie einen besonderen Focus auf die mannigfachen Vernetzungsmöglichkeiten. Durch Verlinkungen mit anderen Blogs werden die geposteten Inhalte Teil einer komplexen Blogosphäre. Den Usern wird dadurch ein unkomplizierter Zugriff auf inhaltlich ähnlich gelagerte Beiträge anderer Blogs ermöglicht, während den Archiven ein niederschwelliges Angebot zur digitalen Kommunikation mit ihren Nutzern zur Verfügung steht. In der anschließenden, äußerst lebhaften Diskussion wurde neben großer Zustimmung auch die Sorge geäußert, dass die eher flüchtigen Kommunikationsformen via Blog, Facebook oder Twitter zu einem Absinken des Niveaus der inhaltlichen Anfragen an die Archive führen könnten. Dem hielten beide Referenten übereinstimmend entgegen, dass bei der Heranführung neuer Interessenten an die spezifisch archivischen Arbeitsbedingungen zwar durchaus ein gewisser Mehraufwand erforderlich sei, der aber durch die Chancen, die in der Kontaktaufnahme zu einem medienaffinen, jungen Publikum liegen, bei weitem überwogen würde.

In der dritten Sektion der Tagung, die unter dem Titel „Web 2.0 als neuer Weg der Erschließung?“ stand, stellte Andreas Metzing den aktuellen Sachstand des Crowdsourcing-Projekts „Erschließung der Kölner Miltärkirchenbücher“ vor, das seit einem Jahr von der Evangelischen Archivstelle Boppard gemeinsam mit dem Verein für Computergenealogie betrieben wird. Durch die Netzcommunity werden genealogisch relevante Daten aus den im Internet frei einsehbaren Kirchenbüchern mithilfe der Software DES erfasst und in eine Datenbank eingespeist, die in Echtzeit online abrufbar ist und eine digitale Alternative zu den klassichen Familienbücher darstellt. Nach einem Jahr lässt sich sagen, dass das Projekt zwar bisher nicht alle anfänglichen Erwartungen erfüllt hat und insbesondere die erhoffte größere Wahrnehmbarkeit des Archivs aufgrund des langesamen Fortgangs des Projekts bislang noch nicht eingetreten ist. Dennoch zog Metzing eine insgesamt positive Zwischenbilanz, da das Projekt praktisch keine Sach- oder Personalressourcen bindet, aber trotzdem qualitativ sehr zufriedenstellende Ergebnisse liefert. Ein Anschlussprojekt in Kooperation mit dem Kirchenbuchportal Archion ist grundsätzlich möglich.

In der Abschlussbesprechung äußerten sich alle Beteiligten hochzufrieden mit dem inhaltlichen Ertrag der diesjährigen Südschienentagung. Die Vorträge beleuchteten die unterschiedlichsten Aspekte der Herausforderungen, aber auch der Chancen des Web 2.0 für die Archive, während das Thema Kooperation, das sich wie eine roter Faden durch alle Beiträge zog, eine Perspektive aufwies, die in Zukunft immer größere Bedeutung haben wird.