Über Dr. Andreas Metzing

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Jüdisches Leben in Koblenz und Umgebung

2021 jährte sich zum 1700. Mal der erste gesicherte Nachweis jüdischen Lebens auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Auch im Raum Koblenz ist jüdisches Leben seit mehr als 900 Jahren nachweisbar. Um dieses bedeutende Jubiläum gebührend zu feiern und die Geschichte des jüdischen Lebens in Koblenz und Umgebung einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren, fanden sich Interessierte aus unterschiedlichen Bereichen zusammen. Neben dem Koblenzer Stadtarchiv und dem Institut für Evangelische Theologie der Universität in Koblenz war auch die Archivstelle Boppard des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland beteiligt. Die von der Arbeitsgruppe herausgegebene Publikation ist im Januar 2022 erschienen.

Das von Benjamin Rensinghoff gestaltete Titelblatt der Publikation zeigt den „Schängel“, die Symbol- und Identifikationsfigur der Stadt Koblenz, mit Kippa.

Was ursprünglich als öffentliche Ausstellung zur jüdischen Geschichte im Raum Koblenz auch mit Angeboten für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte geplant war, mündete schließlich in ein Sach- und Arbeitsheft. Zu dessen Erarbeitung haben viele Personen auf unterschiedliche Weise beigetragen. Mit einem Abriss der Geschichte der Juden im Raum Koblenz von den Anfängen bis heute sowie einigen Schlaglichtern aus dem jüdischen Leben, exemplarischen Arbeitsvorschlägen für den Unterricht, einem chronologischen Überblick und einer Auswahlbibliografie will die Publikation „Jüdisches Leben in Koblenz und Umgebung“ einen Beitrag zur tieferen Auseinandersetzung mit der jüdischen Kultur in historischer, aber auch in gegenwartsbezogener Perspektive leisten.

Tag der rheinland-pfälzischen Landesgeschichte in Ingelheim

Am 9. Oktober 2021 fand in Ingelheim der 2. Tag der Landesgeschichte Rheinland-Pfalz statt, an dem auch das Team der Evangelischen Archivstelle Boppard aktiv beteiligt war.

Das Team der Evangelischen Archivstelle Boppard am Infostand auf dem Tag der Landesgeschichte in Ingelheim. V.l.n.r.: Andrea Rönz M.A., Dr. Andreas Metzing, Dipl.-Archivar Uwe Hauth (Foto: N. Reichert).
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Wenn ein Kollektenbeutelchen erzählen könnte…

Kollektenbeutelchen und -büchlein zur Sammlung für den Mörschieder Schulhausbau 1707 (AEKR Boppard, Bestand 4KG 025B, Hintersponheimisches Archiv, Bd. 21, Nr. 5)

Bauen war schon immer eine teure Angelegenheit – und für kleine Kirchengemeinden auf dem Land galt das ganz besonders. Als im Jahr 1707 die Gemeinde Mörschied im Hunsrück ein eigenes Schulhaus bauen wollte, um den Kindern den beschwerlichen Fußweg in den Pfarrort Herrstein zu ersparen, war es nur dem Organisationstalent des damals für die Hintere Grafschaft Sponheim zuständigen lutherischen Inspektors Johann Peter Klick in Trarbach zu verdanken, dass zahlreiche Nachbargemeinden etwas zu dem Projekt beisteuerten und schließlich eine erkleckliche Summe zusammenkam. Klicks rühriges Wirken ist im Aktenbestand des Hintersponheimischen Archivs anschaulich dokumentiert, und selbst der Kollektenbeutel, in dem er die eingesammelten Gelder aufbewahrte, ist erhalten.

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25 Jahre Archivstelle Boppard

Ein Vierteljahrhundert archivische Dienstleistung für Kirche und Öffentlichkeit im südlichen Rheinland

Das ehemalige St. Martins-Kloster in Boppard/Rhein, seit 1996 Sitz der Evangelischen Archivstelle Boppard (Foto: Stefan Flesch).

Am 30. Mai 2021 jährt es sich zum 25. Mal, dass das Landeskirchliche Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland seine Außenstelle in Boppard eröffnet hat. Seit einem Vierteljahrhundert werden von der Archivstelle Boppard basisnahe archivische Serviceleistungen für die kirchliche Verwaltung, aber auch für die kirchenhistorische und genealogische Forschung in den rheinland-pfälzischen, saarländischen und hessischen Kirchenkreisen der EKiR angeboten. Aus einem Anfang der 1950er Jahre errichteten bescheidenen Kirchenbuchdepot hervorgegangen, hat sich die Archivstelle Boppard seit ihrer Einrichtung 1996 zu einem modernen archivischen Dienstleistungszentrum entwickelt. In enger Abstimmung mit der Düsseldorfer Zentrale ist das Team der Archivstelle Boppard Ansprechpartner für alle Fragen aus den Bereichen Schriftgutverwaltung, Kirchengeschichte und nicht zuletzt auch Familienforschung.

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Diaspora! Wie schön dein Bild …

Beim traditionsreichen, im Jahr 1859 gegründeten Verband evangelischer Diasporapfarrer im Rheinland dienten die jährlichen Tagungen nicht nur dem fachlichen Austausch. Mindestens ebenso sehr stand die Pflege von Geselligkeit im Zentrum – waren die Diasporapfarrer doch in der Regel Einzelkämpfer, in deren Arbeitsalltag in einem katholisch geprägten Umfeld normalerweise kein Platz für Begegnungen mit evangelischen Amtsbrüdern war. Um dem 50-jährigen Jubiläum des Verbandes, das am 2. und 3. Juni 1909 in der Eifelgemeinde Mayen gefeiert wurde, einen besonderen Glanz zu verleihen, hatte deshalb der Ortspfarrer Gustav Altenpohl eigens ein „Diasporalied“ geschrieben, das zum Abschluss der Veranstaltung von allen Anwesenden aus voller Kehle gesungen wurde.

Das 1909 für die 50-Jahr-Feier des Verbandes evangelischer Diasporapfarrer im Rheinland verfasste Diasporalied von Pfarrer Gustav Altenpohl (AEKR Boppard, Bestand 5WV 023B, Nr. 24)

Der Text des Liedes spiegelt das konfessionelle Pathos der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wider, über das wir heute lächeln, hinter dem aber in der Regel ein harter und entbehrungsreicher Arbeitsalltag stand – so mancher Pfarrer hat sich in den flächenmäßig oftmals sehr ausgedehnten Diasporagemeinden, in denen der Weg zu den verschiedenen Gottesdienststätten durch stundenlange Fußmärsche zurückgelegt werden musste, seine Gesundheit ruiniert.

Umso wichtiger war das gesellige Miteinander auf den Verbandstagungen. Das Diasporalied von Gustav Altenpohl trug sicherlich zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls bei – und weil im Archivbestand des Verbands evangelischer Diasporapfarrer im Rheinland auch die Noten überliefert sind, können wir uns sogar noch im Abstand von über 100 Jahren einen Eindruck machen, wie es geklungen hat.

Diasporalied von Pfarrer Gustav Altenpohl
Partitur des Diasporaliedes von Pfarrer Gustav Altenpohl mit dem Text der dritten Strophe (AEKR Boppard, Bestand 4KG 023B, Nr. 24)

Ausgeblendete Schuld

In der unmittelbaren Nachkriegszeit war auch die evangelische Kirche mit der Situation konfrontiert, dass viele ihrer Amtsträger – auch wenn sie nicht dem theologischen Irrweg der „Deutschen Christen“ gefolgt waren – ab 1933 doch NSDAP-Mitglieder gewesen und deshalb nach dem Krieg von der Entnazifizierung betroffen waren. Die Bereitschaft zu einer echten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit war in den Nachkriegsjahren allerdings äußerst gering ausgeprägt. Ein bezeichnendes Schlaglicht auf diese Zeit wirft der Brief, den der Koblenzer Pfarrer Friedrich Hennes im September 1947 an den Chefarzt des Evangelischen Stiftskrankenhauses Koblenz, Dr. Fritz Michel, zu dessen 70. Geburtstag gerichtet hatte und dessen Konzept im Archivbestand der Kirchengemeinde Koblenz erhalten ist.

Konzept des Briefs von Pfarrer Friedrich Hennes an den Chefarzt des Evangelischen Stifts Koblenz, Dr. Fritz Michel, zu dessen 70. Geburtstag am 17. September 1947 (AEKR Boppard, Bestand 4KG 031B, Kirchengemeinde Koblenz, Reg.-Nr. 84)

Der ursprünglich katholische, später aus der Kirche ausgetretene Fritz Michel (1877-1966), der sich auch durch Forschungen zur mittelalterlichen Geschichte des Mittelrheingebiets einen Namen gemacht hatte, war ab 1936 NSDAP-Mitglied gewesen und hatte als Gynäkologe in den 1930er und 1940er Jahren zahlreiche Zwangssterilisationen in Folge des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 zu verantworten. Zur Rechenschaft gezogen wurde er dafür nach Kriegsende nicht – möglicherweise bewahrte ihn sein Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1947 vor einer Konfrontation mit seiner Nazi-Vergangenheit. Zwischen den Zeilen der Geburtstagsglückwünsche von Pfarrer Friedrich Hennes kann man aber durchaus erkennen, dass Fritz Michel nach 1945 offenbar unter einen gewissen Druck geraten war.

Transkription Brief Hennes-Michel
Transkription des Briefs von Pfarrer Friedrich Hennes an Dr. Fritz Michel zu dessen 70. Geburtstag am 17. September 1947.

Dass ausgerechnet Friedrich Hennes (1890-1966) sich an Michel wandte und Vorwürfe wegen dessen Verstrickungen in das NS-System verharmlosend als vorübergehende „Tagesmeinung und -ungunst“ abtat, entbehrt nicht einer gewissen Delikatesse. Denn auch Hennes war NSDAP-Mitglied gewesen, hatte sich bei den „Deutschen Christen“ engagiert – allerdings im eher gemäßigten Flügel dieser Bewegung und ohne sich theologisch zu kompromittieren – und war deshalb nach Kriegsende ganz ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt wie offenbar Fritz Michel. Als Angehöriger des Geburtsjahrgangs 1890 war allerdings die Pensionierung keine Option für ihn. Im Zuge der kirchlichen Entnazifizierung musste er 1948 das Koblenzer Pfarramt aufgeben, konnte aber im kirchlichen Dienst bleiben und amtierte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1956 als Pfarrer in Engers.

Der Preußenadler über dem Saar-Département

Bescheinigung der Übergabe von vier Siegelstempeln durch den Wolfer Pfarrer Friedrich Adolph Bartz an den Kreissekretär des neu geschaffenen Kreises Bernkastel am 10. März 1817 (Bestand 4KG 059B, KG Wolf/Mosel, Nr. 102).

Im Zuge einer Recherche im Bestand der Kirchengemeinde Wolf/Mosel sprang ein Schreiben aus dem Jahr 1817 mit vier Siegelstempeln ins Auge, von denen zwei auf den ersten Blick Widersprüchliches zu vereinigen scheinen: Über der in der Zeit der französischen Herrschaft zwischen 1798 und 1813 gebräuchlichen Bezeichnung „Saar-Departement“ thront der preußische Adler, und dem ebenfalls von den Franzosen kreierten Verwaltungsterminus „Local-Consistorium“ sind die Worte „Koen. Preussisches“ vorangestellt.

Historischer Hintergrund dieses Kuriosums ist, dass sich der Übergang von der französischen Administration zur preußischen Verwaltung in einem längeren Prozess vollzog, der sich von 1814 bis 1818 erstreckte. Wie immer in politischen Übergangszeiten konnten die alten Strukturen nicht von heute auf morgen aufgehoben werden, doch trotzdem musste man schon nach den neuen Bedingungen arbeiten, und so wurden zeitlich befristete Zwischenlösungen erforderlich.

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