Über Dr. Andreas Metzing

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Der Preußenadler über dem Saar-Département

Bescheinigung der Übergabe von vier Siegelstempeln durch den Wolfer Pfarrer Friedrich Adolph Bartz an den Kreissekretär des neu geschaffenen Kreises Bernkastel am 10. März 1817 (Bestand 4KG 059B, KG Wolf/Mosel, Nr. 102).

Im Zuge einer Recherche im Bestand der Kirchengemeinde Wolf/Mosel sprang ein Schreiben aus dem Jahr 1817 mit vier Siegelstempeln ins Auge, von denen zwei auf den ersten Blick Widersprüchliches zu vereinigen scheinen: Über der in der Zeit der französischen Herrschaft zwischen 1798 und 1813 gebräuchlichen Bezeichnung „Saar-Departement“ thront der preußische Adler, und dem ebenfalls von den Franzosen kreierten Verwaltungsterminus „Local-Consistorium“ sind die Worte „Koen. Preussisches“ vorangestellt.

Historischer Hintergrund dieses Kuriosums ist, dass sich der Übergang von der französischen Administration zur preußischen Verwaltung in einem längeren Prozess vollzog, der sich von 1814 bis 1818 erstreckte. Wie immer in politischen Übergangszeiten konnten die alten Strukturen nicht von heute auf morgen aufgehoben werden, doch trotzdem musste man schon nach den neuen Bedingungen arbeiten, und so wurden zeitlich befristete Zwischenlösungen erforderlich.

Die französische Verwaltung hatte bekanntlich in den seit 1792 eroberten Gebieten auf dem linken Rheinufer im Jahr 1798 vier Départements eingerichtet, darunter das Département de la Sarre mit dem Verwaltungssitz in Trier. Untergliedert waren die Départements in Arrondissements und Kantone, wie das in Frankreich bis heute üblich ist. Als 1814 die verbündeten Armeen das linksrheinische Gebiet eroberten und ein gemeinschaftliches Generalgouvernement Mittelrhein einrichteten, ließ man die französischen Verwaltungsstrukturen zunächst bestehen und ersetzte lediglich die französischen Bezeichnungen durch deutsche: Das „Arrondissement Birkenfeld“ wurde zum „Kreis Birkenfeld“, das „Département de la Sarre“ zum „Saar-Departement“.  Genauso verfuhr man mit den kirchlichen Strukturen: Die von den Franzosen durch die Organischen Artikel von 1802 eingerichteten Lokalkonsistorien, in denen mehrere bisherige Kirchengemeinden zusammengefasst waren, behielt man bei, ebenso die den Lokalkonsistorien auf Arrondissement-Ebene übergeordneten lutherischen Inspektionen.

Siegel aus der Zeit 1814-1815 vor der preußischen Inbesitznahme des Gebiets südlich der Mosel (Bestand 4KG 059B, KG Wolf/Mosel, Nr. 102).

Die beiden oben zu sehenden Siegelstempel der lutherischen Inspektion des Kreises Birkenfeld und des Lokalkonsistoriums Wirschweiler zeugen von dieser Periode. Hoheitszeichen enthalten diese Stempel nicht, weil das linksrheinische Gebiet bis Mai 1815 noch einer gemeinschaftlichen Verwaltung unterstellt war: Für das Saar-Departement war zunächst das gemeinsame Generalgouvernement Mittelrhein zuständig, ab Mitte 1814 dann für die Gebiete südlich der Mosel eine gemeinschaftliche Österreichisch-Bayerische Landes-Administrations-Kommission mit Sitz in Bad Kreuznach.

Siegel aus der Zeit zwischen 1815 und 1816, als das Gebiet des Saar-Departements bereits preußisch war, aber die neuen administrativen und kirchlichen Strukturen (Landkreise und Kirchenkreise) noch nicht eingerichtet waren (Bestand 4KG 059B, KG Wolf/Mosel, Nr. 102).

Erst der Wiener Kongress sprach 1815 auch das südlich der Mosel gelegene Territorium dem Königreich Preußen zu (zunächst nur bis zur Linie Bad Kreuznach – Medard – Konz, im Sommer 1816 dann auch das südlich dieser Linie gelegene, unmittelbar an Frankreich grenzende Gebiet der nachmaligen Rheinprovinz, von dem jedoch die Landstriche um Birkenfeld, Sankt Wendel und Meisenheim an Oldenburg, Sachsen-Coburg und Hessen-Homburg abgetreten werden mussten) – und seit dieser Zeit erscheint auch der preußische Adler in den entsprechenden Kirchensiegeln. Die von den Franzosen kreierten Begriffe des Saar-Departements und des Lokalkonsistoriums behielten aber für eine Übergangszeit – nämlich bis zur Einrichtung der Landkreise und der Kirchenkreise 1816/1817 – auch unter dem Preußenadler noch Gültigkeit.

Jugendstreiche eines Professors

In Zeiten von Papiermangel kamen und kommen gelegentlich die Rückseiten bereits benutzter, dann aber nicht mehr benötigten Blätter als Briefpapier zum Einsatz. Es kann deshalb reizvoll sein, den Zusammenhängen zwischen der zufällig überlieferten Briefrückseite und dem eigentlichen Inhalt des Schreibens nachzuspüren. Ein solcher Fall tauchte kürzlich bei der Bearbeitung einer Nachlieferung zum Nachlass des Koblenzer Superintendenten Wilhelm Rott (1908-1967) auf.

Flugblatt zur Wahlveranstaltung der Gesamtdeutschen Volkspartei in Bendorf am 22. August 1953 (Bestand 7NL 024B, Nachlass Superintendent Wilhelm Rott, Nr. 39).

Es handelt sich um einen Brief an Wilhelm Rott vom 4. November 1953, den ihm sein ehemaliger Vikar Günter Klein (1928-2015) im Jahr 1953 geschrieben hatte, nachdem er nach Ende seines Koblenzer Vikariats als Repetent im kirchlichen Dienst an die Universität Bonn gewechselt war. Als Briefpapier verwendete Klein überzählige Exemplare eines im Vorfeld der Bundestagswahl vom 6. September 1953 entstandenen Flugblatts für eine Wahlveranstaltung der Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP) in Bendorf, in der er selbst (der seinen Vornamen allerdings nicht mit „th“, sondern nur mit einfachem „t“ schrieb!) als Redner auftrat.

Die GVP war eine im Jahr 1952 auf Initiative des späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann gegründete Partei, die sich gegen die von Konrad Adenauer betriebene Politik der Westintegration und insbesondere der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland wandte und stattdessen die Wiedervereinigung auf dem Weg der Neutralität zwischen Ost und West anstrebte. In ihr sammelten sich christlich geprägte Politiker beider großen Konfessionen, die sich zunächst, wie Heinemann selbst, in der CDU , aber auch, wie die auf dem Flugblatt genannte Helene Wessel, in der nach dem Zweiten Weltkrieg als linkskatholische Alternative zur CDU wiedergegründeten Zentrumspartei engagiert hatten. Der evangelische Flügel der GVP war stark von Theologen der Bekennenden Kirche geprägt, in der sich auch der Bonhoeffer-Mitarbeiter Wilhelm Rott engagiert hatte.

Erste und letzte Seite des auf der Rückseite der Flugblätter geschriebenen Briefs von Vikar Günter Klein an Superintendent Wilhelm Rott vom 4. November 1953. Der Text des Flugblatts schimmert auf der Rückseite durch (Bestand 7NL 024B, Nachlass Sup. Wilhelm Rott, Nr. 39).

Die auf dem Flugblatt ebenfalls genannten Politiker Joseph Wirth und Wilhelm Elfes gehörten nicht der GVP an, sondern waren führende Köpfe des 1953 gegründeten „Bundes der Deutschen“. Diese Partei widersetzte sich ebenfalls der Westintegration der Bundesrepublik, legte dabei aber stärker als die GVP den Akzent auf eine Verständigung mit der Sowjetunion – so wie es Wirth bereits in seiner Zeit als Reichskanzler in den Jahren 1921/22 getan hatte (Rapallo-Vertrag vom 16. April 1922). Im Vorfeld der Bundestagswahl 1953 hatten GVP und Bund der Deutschen ein Wahlbündnis geschlossen, erlitten jedoch – nicht zuletzt aufgrund der offenen  kommunistischen Einflussnahme im Bund der Deutschen – eine mehr als deutliche Niederlage. 1957 löste sich die GVP auf, Heinemann und Wessel traten, wie viele andere Mitglieder auch, zur SPD über.

Ob sich Günter Klein über die Bendorfer Veranstaltung hinaus für die GVP engagierte und wie Wilhelm Rott zum politischen Engagement seines Vikars stand, ist nicht überliefert. Es steht jedoch zu vermuten, dass es eine Einzelaktivität blieb, denn Klein machte keine politische, sondern eine wissenschaftliche Karriere. Er wurde 1959 an der Universität Bonn mit einer Dissertation zu Ursprung und Entwicklung der Vorstellung der Zwölf Apostel im frühesten Christentum zum Dr. theol. promoviert, habilitierte sich bereits zwei Jahre später mit einer Arbeit über das Problem des Schismas bei Paulus und wurde 1964 auf den Lehrstuhl für Neues Testament der Theologischen Fakultät der Universität Kiel berufen. Von 1967 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1993 wirkte er als Lehrstuhlinhaber für Neues Testament und Direktor des Neutestamentlichen Seminars in Münster und ist dort am 27. Dezember 2015 gestorben.

Woche 1 nach Corona – Lesesaal der Archivstelle Boppard wieder geöffnet

Archivbenutzung in Zeiten von Corona: Mundschutzpflicht und Abstandsregeln

Nach zehnwöchiger Pause wurde am 26. Mai 2020 der Lesesaal der Archivstelle Boppard wieder für die Benutzung geöffnet. Seit Mitte März waren aus Gründen des Infektionsschutzes keine Forscherinnen und Forscher mehr angenommen worden, zwei Wochen später ordnete das Landeskirchenamt dann den völligen Lockdown des Archivs an, und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Archivstelle Boppard  gingen – wie auch die Düsseldorfer Kolleginnen und Kollegen – ins Home-Office.

Nachdem die Bund-Länder-Einigung vom 15. April 2020 einen eingeschränkten Betrieb von Archiven ab dem 4. Mai grundsätzlich wieder erlaubte, wechselte das Bopparder Team in den regulären Präsenzmodus zurück. Eine der vordringlichen Aufgaben bestand nun darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, die auch wieder eine externe Benutzung der Archivstelle ermöglichten.

Zunächst wurde in enger Abstimmung mit der Düsseldorfer Zentrale und der Verwaltungsleitung des Landeskirchenamts ein entsprechendes Hygienekonzept entwickelt. Die Platzverhältnisse in den Räumlichkeiten der Archivstelle Boppard ließen es zu, unter Beachtung der Mindestabstandsregelungen bis zu zwei Benutzer pro Öffnungstag aufzunehmen. Gleichzeitig mussten Schutzvorkehrungen getroffen werden, die das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich halten sollten. Dazu gehörte u.a. die Entwicklung eines digitalen Benutzungsantrags, der bereits im Vorfeld des geplanten Archivbesuchs am heimischen PC ausgefüllt werden kann und muss, sowie eine Maskenpflicht für die gesamte Dauer des Aufenthalts im Archiv und das obligatorische Händewaschen und -des­infizieren unmittelbar nach Betreten der Archivräumlichkeiten.

Der digitale Benutzungsantrag wird im Vorfeld am heimischen PC ausgefüllt.

Bei der konkreten Umsetzung des Konzepts und mit Blick auf seine Akzeptanz wurde dann vor allem auf größtmögliche Transparenz geachtet: Jeder Benutzer bekommt mit dem digitalen Benutzungsantrag zugleich ein Merkblatt mit den wichtigsten Verhaltensregeln übersandt, das darüber hinaus auch auf der Homepage des Landeskirchlichen Archivs veröffentlicht ist. In der Archivstelle selbst weisen Piktogramme auf das richtige Verhalten hin. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Archivs sowie die externen Reinigungskräfte wurden mit den besonderen Anforderungen hinsichtlich Desinfektion des Benutzerbereichs und regelmäßigen Lüftens des Benutzerraums vertraut gemacht.

Insbesondere beim letzten Punkt waren und sind allerdings auch Aspekte der Bestandserhaltung zu bedenken, denn gerade in der warmen Jahreszeit weist die Außenluft gelegentlich einen Feuchtegrad auf, der Papier alles andere als zuträglich ist. Weil jedoch über 90 Prozent der Benutzerinnen und Benutzer der Archivstelle Boppard Kirchenbücher einsehen wollen und diese ohnehin nicht im Original, sondern ausschließlich als Digitalisate oder Mikrofiches vorgelegt werden, stellt sich das Problem nur in sehr entschärfter Form. Für die im Unterschied zu vielen anderen Archiven eher seltenen Fälle, in denen die Benutzer der Archivstelle Boppard Originale einsehen möchten, werden einzelfallbezogene Lösungen entwickelt werden müssen, die die Corona-bedingten Hygienemaßnahmen, die Anforderungen der Bestandserhaltung und das berechtigte Nutzungsinteresse sinnvoll unter einen Hut bringen.

Nutzungsbedingungen zur Minderung des Infektionsrisikos

An den ersten beiden Öffnungstagen im Corona-Modus waren Archivpersonal und Benutzer jedoch glücklicherweise noch nicht mit solchen Spezialproblemen konfrontiert. Die Forscherinnen und Forscher signalisierten großes Verständnis für die Einschränkungen, und es überwog die Freude, dass nach dem Wochen langen Lockdown eine Archivbenutzung überhaupt wieder möglich ist. Für das Personal der Archivstelle ist der Benutzerverkehr im Corona-Modus zwar mit einem leichten Mehraufwand verbunden (Maskenpflicht der Aufsicht, regelmäßiges Lüften und Desinfizieren), der aber durch das befriedigende Gefühl, endlich wieder dem zentralen Auftrag des Archivs nachkommen zu können, nämlich die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit durch Bereitstellung von Quellen aus erster Hand zu ermöglichen, mehr als aufgewogen wird.

„Eine sehr merckwürdige Nachricht aus unserer Gegend“ – Gnadenhochzeit Anno 1766

Bekanntlich war die Lebenserwartung der Menschen in der vorindustriellen Zeit sehr viel geringer als heute. Aufgrund der extrem hohen Kindersterblichkeit betrug sie im 17. und 18. Jahrhundert im Mittel keine 30 Jahre. Selbst wenn man ausschließlich die Personengruppe betrachtet, die das Erwachsenenalter erreicht hat, so lag das durchschnittliche Sterbealter auch nur bei etwa Mitte 50.

Wenn dann doch einzelne Personen ein deutlich höheres Alter als die meisten ihrer Zeitgenossen erreichten,  dann erregte das eine ganz besondere Aufmerksamkeit. So mag es auch dem Pfarrer der hessischen Kirchengemeinde Hochelheim bei Wetzlar gegangen sein, der sich bemüßigt fühlte, im Kirchenbuch einen derartigen Fall auf einer eigenen Seite zu dokumentieren, der er die bezeichnende Überschrift gab: „Eine sehr merckwürdige Nachricht aus unserer Gegend“.

Auf der letzten Seite des Hochelheimer Kirchenbuchs steht der Hinweis auf den 70. Hochzeitstag des Ehepaares Zörb (Zürb)-Köcher im Jahr 1766 (KB 285/3, S. 331)

Das Besondere an diesem Fall war, dass er gleich drei Personen ein und derselben Familie betraf, die alle ein Alter von über 90 Jahren erreichten. Der kurz vor Ende des Dreißigjährigen Krieges am 27. August 1648 im Nachbardorf Hörnsheim geborene Andreas Köcher war am 9. Mai 1740 im gesegneten Alter von 91 Jahren gestorben. Seine kräftigen Gene hatte er offenbar an seine am 9. April 1676 geborene Tochter Anna Catharina weitergegeben, die noch älter als ihr Vater wurde und mit fast 94 Jahren am 21. März 1770 in Hörnsheim starb. Verheiratet gewesen war sie mit dem ein halbes Jahr älteren, am 24. Oktober 1675 in Hochelheim getauften Johann Caspar Zörb, der genau wie seine Frau und sein Schwiegervater ebenfalls mit einem langenLeben beschenkt wurde und 91jährig am 4. Mai 1767 in Hörnsheim starb.

Sterbeeintrag der Catharina Zörb vom 21. März 1770 im Kirchenbuch von Hörnsheim (KB 286/1). Außer dem Leichentext aus Psalm 71 ist auch der Hinweis enthalten, sie habe „fast 71 Jahr in der Ehe gelebt, und 124 Nachkömmlinge erlebt, von welchen noch 80 am Leben waren.“

Da Anna Catharina Köcher und Caspar Zörb bei ihrer Hochzeit am 18. Juni 1696 erst 19 und 20 Jahre alt gewesen waren, waren sie über 70 Jahre lang verheiratet und konnten somit am 18. Juni 1766 ihre Gnadenhochzeit begehen – ein selbst in unserer Zeit extrem seltenes Fest, das im 18. Jahrhundert noch viel außergewöhnlicher und deshalb im wahrsten Sinn des Wortes „merckwürdig“ war. Als Anna Catharina Zörb geb. Köcher dann dreieinhalb Jahre später starb, hat der Hörnsheimer Pfarrer den Leichentext aus Psalm 71 vermutlich mit Bedacht ausgesucht: „Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und bis hierher verkündige ich deine Wunder. Auch verlass mich nicht, Gott, im Alter, wenn ich grau werde, bis ich deinen Arm verkündige Kindeskindern und deine Kraft allen, die noch kommen sollen.

Festlich herausgeputzt zur Konfirmation

Pfarrer Ulrich Kulke mit dem Konfirmandenjahrgang 1929 aus Niederkleen (KK Wetzlar), aus Bestand: AEKR 7NL176B (Pfarrer Ulrich Kulke), Nr. 54

Auf dem Land war es bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts üblich und ist es in manchen Gegenden Deutschland heute noch Brauch, bei wichtigen familiären Festtagen Tracht zu tragen. Das galt neben Hochzeiten vor allem für die traditionell am Palmsonntag gefeierte Konfirmation, an der sich die Mädchen in der Regel erstmals öffentlich in der örtlichen Tracht zeigten. Im Nachlass des Pfarrers Ulrich Kulke (1892-1986), der zwischen 1926 und 1957 in Niederkleen (heute Kirchenkreis An Lahn und Dill) amtierte und zwischen 1946 und 1957 auch Superintendent des damaligen Kirchenkreises Wetzlar war, befinden sich zahlreiche Fotos von Niederkleener Frauen und Mädchen in der so genannten Hüttenberger Tracht, benannt nach der historischen Landschaft zwischen Wetzlar, Gießen und Butzbach. Unter den Bildern sticht besonders ein Konfirmationsfoto aus dem Jahr 1929 hervor, das den damals 37 jährigen Pfarrer Kulke mit den sieben Niederkleener Konfirmationskindern dieses Jahres zeigt, von denen drei Mädchen die Hüttenberger Tracht tragen. Was Kulke dazu veranlasst hat, eine solche Trachtenfotosammlung anzulegen, ist nicht überliefert. Möglicherweise übte für ihn als Berliner Großstadtjungen die Lebendigkeit der historischen Traditionen, wie er sie in der ländlichen Gesellschaft Mittelhessens kennenlernte und wie sie sich vor allem in der Tracht manifestierte, eine besondere Faszination aus.

Warum sind die rheinischen Superintendenten geborene Mitglieder der Landessynode?

Wenn vom 12. bis 16. Januar 2020 die 73. Rheinische Landessynode tagt, dann wird möglicherweise auch ein Thema zur Sprache kommen, das schon ein Jahr zuvor im Zusammenhang mit Überlegungen zur Verkleinerung der Landessynode die Gemüter bewegt hatte – die Frage nämlich, ob es gerechtfertigt ist, dass alle rheinischen Superintendenten qua Amt automatisch Mitglieder der Landessynode sind. Eine von der Kirchenleitung eingesetzte Arbeitsgruppe konnte keine theologische Begründung für diese Regelung finden und sah ihre Ursprünge „in der preußischen konsistorialen Verwaltung“. Doch ist dies tatsächlich so? Es ist reizvoll, dieser Thematik anhand der Protokolle der Rheinischen Provinzialsynoden des 19. Jahrhunderts nachzugehen.

Deckblatt und erste Seite des Protokolls der Provinzialsynode der Provinz Großherzogtum Niederrhein vom 20. bis 26. April 1819. Da im Kirchenkreis Saarbrücken damals drei Superintendenten amtierten und im Kirchenkreis Kreuznach zwei, wurden aus diesen Kirchenkreisen keine weiteren Pfarrer zur Synode zuzgezogen. Die Kirchenkreise Trarbach, Sobernheim, Wied, Koblenz, Aachen, Altenkirchen, Braunfels, Wetzlar und Simmern waren mit dem Superintendenten und je einem weiteren Pfarrer vertreten. (AEKR Boppard, Bestand Kirchenkreis Koblenz, Reg.-Nr. 06-1-2)

1817 hatte der preußische König in allen Provinzen die Einberufung von Provinzialsynoden angeordnet. Auch in den damals noch zwei rheinischen Provinzen Jülich-Kleve-Berg und Großherzogtum Niederrhein traten daraufhin im November 1818 bzw. im April 1819 Provinzialsynoden zusammen, die freilich nur aus den vom König ernannten Superintendenten und einer weiteren Anzahl von Pfarrern, nicht jedoch aus Laienvertretern bestanden. Diese Zusammensetzung entsprach allerdings in keiner Weise der presbyterial-synodalen Tradition von Rheinland und Westfalen, in der das Prinzip der gemeinschaftlichen Beratungen von Theologen und Nichttheologen sowie das Wahlprinzip einen hohen Stellenwert hatten.

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„Die Vorurtheile und Sorgenlosigkeit besonders bei den Landbewohnern“ – Ein Impfkonflikt im frühen 19. Jahrhundert

Die Forderung nach einer staatlichen Impfpflicht geistert regelmäßig durch die Medien und wird genauso regelmäßig von radikalen Impfgegnern heftig zurückgewiesen. Dieser Konflikt hat bereits eine über zweihundertjährige Tradition, wie aus einem Schriftstück aus dem Jahr 1815 hervorgeht, das jetzt im Rahmen einer Benutzung des Archivbestandes der Evangelischen Kirchengemeinde Meisenheim zutage kam.

Schreiben des Birkenfelder Kreisdirektors an die Pfarrer des reformierten Lokalkonsistoriums Meisenheim, 31. März 1815 (AEKR, Bestand 4KG 003B, Kirchengemeinde Meisenheim, Nr. 32)
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