Über Dr. Andreas Metzing

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Diaspora! Wie schön dein Bild …

Beim traditionsreichen, im Jahr 1859 gegründeten Verband evangelischer Diasporapfarrer im Rheinland dienten die jährlichen Tagungen nicht nur dem fachlichen Austausch. Mindestens ebenso sehr stand die Pflege von Geselligkeit im Zentrum – waren die Diasporapfarrer doch in der Regel Einzelkämpfer, in deren Arbeitsalltag in einem katholisch geprägten Umfeld normalerweise kein Platz für Begegnungen mit evangelischen Amtsbrüdern war. Um dem 50-jährigen Jubiläum des Verbandes, das am 2. und 3. Juni 1909 in der Eifelgemeinde Mayen gefeiert wurde, einen besonderen Glanz zu verleihen, hatte deshalb der Ortspfarrer Gustav Altenpohl eigens ein „Diasporalied“ geschrieben, das zum Abschluss der Veranstaltung von allen Anwesenden aus voller Kehle gesungen wurde.

Das 1909 für die 50-Jahr-Feier des Verbandes evangelischer Diasporapfarrer im Rheinland verfasste Diasporalied von Pfarrer Gustav Altenpohl (AEKR Boppard, Bestand 5WV 023B, Nr. 24)

Der Text des Liedes spiegelt das konfessionelle Pathos der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wider, über das wir heute lächeln, hinter dem aber in der Regel ein harter und entbehrungsreicher Arbeitsalltag stand – so mancher Pfarrer hat sich in den flächenmäßig oftmals sehr ausgedehnten Diasporagemeinden, in denen der Weg zu den verschiedenen Gottesdienststätten durch stundenlange Fußmärsche zurückgelegt werden musste, seine Gesundheit ruiniert.

Umso wichtiger war das gesellige Miteinander auf den Verbandstagungen. Das Diasporalied von Gustav Altenpohl trug sicherlich zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls bei – und weil im Archivbestand des Verbands evangelischer Diasporapfarrer im Rheinland auch die Noten überliefert sind, können wir uns sogar noch im Abstand von über 100 Jahren einen Eindruck machen, wie es geklungen hat.

Diasporalied von Pfarrer Gustav Altenpohl
Partitur des Diasporaliedes von Pfarrer Gustav Altenpohl mit dem Text der dritten Strophe (AEKR Boppard, Bestand 4KG 023B, Nr. 24)

Ausgeblendete Schuld

In der unmittelbaren Nachkriegszeit war auch die evangelische Kirche mit der Situation konfrontiert, dass viele ihrer Amtsträger – auch wenn sie nicht dem theologischen Irrweg der „Deutschen Christen“ gefolgt waren – ab 1933 doch NSDAP-Mitglieder gewesen und deshalb nach dem Krieg von der Entnazifizierung betroffen waren. Die Bereitschaft zu einer echten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit war in den Nachkriegsjahren allerdings äußerst gering ausgeprägt. Ein bezeichnendes Schlaglicht auf diese Zeit wirft der Brief, den der Koblenzer Pfarrer Friedrich Hennes im September 1947 an den Chefarzt des Evangelischen Stiftskrankenhauses Koblenz, Dr. Fritz Michel, zu dessen 70. Geburtstag gerichtet hatte und dessen Konzept im Archivbestand der Kirchengemeinde Koblenz erhalten ist.

Konzept des Briefs von Pfarrer Friedrich Hennes an den Chefarzt des Evangelischen Stifts Koblenz, Dr. Fritz Michel, zu dessen 70. Geburtstag am 17. September 1947 (AEKR Boppard, Bestand 4KG 031B, Kirchengemeinde Koblenz, Reg.-Nr. 84)

Der ursprünglich katholische, später aus der Kirche ausgetretene Fritz Michel (1877-1966), der sich auch durch Forschungen zur mittelalterlichen Geschichte des Mittelrheingebiets einen Namen gemacht hatte, war ab 1936 NSDAP-Mitglied gewesen und hatte als Gynäkologe in den 1930er und 1940er Jahren zahlreiche Zwangssterilisationen in Folge des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 zu verantworten. Zur Rechenschaft gezogen wurde er dafür nach Kriegsende nicht – möglicherweise bewahrte ihn sein Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1947 vor einer Konfrontation mit seiner Nazi-Vergangenheit. Zwischen den Zeilen der Geburtstagsglückwünsche von Pfarrer Friedrich Hennes kann man aber durchaus erkennen, dass Fritz Michel nach 1945 offenbar unter einen gewissen Druck geraten war.

Transkription Brief Hennes-Michel
Transkription des Briefs von Pfarrer Friedrich Hennes an Dr. Fritz Michel zu dessen 70. Geburtstag am 17. September 1947.

Dass ausgerechnet Friedrich Hennes (1890-1966) sich an Michel wandte und Vorwürfe wegen dessen Verstrickungen in das NS-System verharmlosend als vorübergehende „Tagesmeinung und -ungunst“ abtat, entbehrt nicht einer gewissen Delikatesse. Denn auch Hennes war NSDAP-Mitglied gewesen, hatte sich bei den „Deutschen Christen“ engagiert – allerdings im eher gemäßigten Flügel dieser Bewegung und ohne sich theologisch zu kompromittieren – und war deshalb nach Kriegsende ganz ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt wie offenbar Fritz Michel. Als Angehöriger des Geburtsjahrgangs 1890 war allerdings die Pensionierung keine Option für ihn. Im Zuge der kirchlichen Entnazifizierung musste er 1948 das Koblenzer Pfarramt aufgeben, konnte aber im kirchlichen Dienst bleiben und amtierte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1956 als Pfarrer in Engers.

Der Preußenadler über dem Saar-Département

Bescheinigung der Übergabe von vier Siegelstempeln durch den Wolfer Pfarrer Friedrich Adolph Bartz an den Kreissekretär des neu geschaffenen Kreises Bernkastel am 10. März 1817 (Bestand 4KG 059B, KG Wolf/Mosel, Nr. 102).

Im Zuge einer Recherche im Bestand der Kirchengemeinde Wolf/Mosel sprang ein Schreiben aus dem Jahr 1817 mit vier Siegelstempeln ins Auge, von denen zwei auf den ersten Blick Widersprüchliches zu vereinigen scheinen: Über der in der Zeit der französischen Herrschaft zwischen 1798 und 1813 gebräuchlichen Bezeichnung „Saar-Departement“ thront der preußische Adler, und dem ebenfalls von den Franzosen kreierten Verwaltungsterminus „Local-Consistorium“ sind die Worte „Koen. Preussisches“ vorangestellt.

Historischer Hintergrund dieses Kuriosums ist, dass sich der Übergang von der französischen Administration zur preußischen Verwaltung in einem längeren Prozess vollzog, der sich von 1814 bis 1818 erstreckte. Wie immer in politischen Übergangszeiten konnten die alten Strukturen nicht von heute auf morgen aufgehoben werden, doch trotzdem musste man schon nach den neuen Bedingungen arbeiten, und so wurden zeitlich befristete Zwischenlösungen erforderlich.

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Jugendstreiche eines Professors

In Zeiten von Papiermangel kamen und kommen gelegentlich die Rückseiten bereits benutzter, dann aber nicht mehr benötigten Blätter als Briefpapier zum Einsatz. Es kann deshalb reizvoll sein, den Zusammenhängen zwischen der zufällig überlieferten Briefrückseite und dem eigentlichen Inhalt des Schreibens nachzuspüren. Ein solcher Fall tauchte kürzlich bei der Bearbeitung einer Nachlieferung zum Nachlass des Koblenzer Superintendenten Wilhelm Rott (1908-1967) auf.

Flugblatt zur Wahlveranstaltung der Gesamtdeutschen Volkspartei in Bendorf am 22. August 1953 (Bestand 7NL 024B, Nachlass Superintendent Wilhelm Rott, Nr. 39).

Es handelt sich um einen Brief an Wilhelm Rott vom 4. November 1953, den ihm sein ehemaliger Vikar Günter Klein (1928-2015) im Jahr 1953 geschrieben hatte, nachdem er nach Ende seines Koblenzer Vikariats als Repetent im kirchlichen Dienst an die Universität Bonn gewechselt war. Als Briefpapier verwendete Klein überzählige Exemplare eines im Vorfeld der Bundestagswahl vom 6. September 1953 entstandenen Flugblatts für eine Wahlveranstaltung der Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP) in Bendorf, in der er selbst (der seinen Vornamen allerdings nicht mit „th“, sondern nur mit einfachem „t“ schrieb!) als Redner auftrat.

Die GVP war eine im Jahr 1952 auf Initiative des späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann gegründete Partei, die sich gegen die von Konrad Adenauer betriebene Politik der Westintegration und insbesondere der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland wandte und stattdessen die Wiedervereinigung auf dem Weg der Neutralität zwischen Ost und West anstrebte. In ihr sammelten sich christlich geprägte Politiker beider großen Konfessionen, die sich zunächst, wie Heinemann selbst, in der CDU , aber auch, wie die auf dem Flugblatt genannte Helene Wessel, in der nach dem Zweiten Weltkrieg als linkskatholische Alternative zur CDU wiedergegründeten Zentrumspartei engagiert hatten. Der evangelische Flügel der GVP war stark von Theologen der Bekennenden Kirche geprägt, in der sich auch der Bonhoeffer-Mitarbeiter Wilhelm Rott engagiert hatte.

Erste und letzte Seite des auf der Rückseite der Flugblätter geschriebenen Briefs von Vikar Günter Klein an Superintendent Wilhelm Rott vom 4. November 1953. Der Text des Flugblatts schimmert auf der Rückseite durch (Bestand 7NL 024B, Nachlass Sup. Wilhelm Rott, Nr. 39).

Die auf dem Flugblatt ebenfalls genannten Politiker Joseph Wirth und Wilhelm Elfes gehörten nicht der GVP an, sondern waren führende Köpfe des 1953 gegründeten „Bundes der Deutschen“. Diese Partei widersetzte sich ebenfalls der Westintegration der Bundesrepublik, legte dabei aber stärker als die GVP den Akzent auf eine Verständigung mit der Sowjetunion – so wie es Wirth bereits in seiner Zeit als Reichskanzler in den Jahren 1921/22 getan hatte (Rapallo-Vertrag vom 16. April 1922). Im Vorfeld der Bundestagswahl 1953 hatten GVP und Bund der Deutschen ein Wahlbündnis geschlossen, erlitten jedoch – nicht zuletzt aufgrund der offenen  kommunistischen Einflussnahme im Bund der Deutschen – eine mehr als deutliche Niederlage. 1957 löste sich die GVP auf, Heinemann und Wessel traten, wie viele andere Mitglieder auch, zur SPD über.

Ob sich Günter Klein über die Bendorfer Veranstaltung hinaus für die GVP engagierte und wie Wilhelm Rott zum politischen Engagement seines Vikars stand, ist nicht überliefert. Es steht jedoch zu vermuten, dass es eine Einzelaktivität blieb, denn Klein machte keine politische, sondern eine wissenschaftliche Karriere. Er wurde 1959 an der Universität Bonn mit einer Dissertation zu Ursprung und Entwicklung der Vorstellung der Zwölf Apostel im frühesten Christentum zum Dr. theol. promoviert, habilitierte sich bereits zwei Jahre später mit einer Arbeit über das Problem des Schismas bei Paulus und wurde 1964 auf den Lehrstuhl für Neues Testament der Theologischen Fakultät der Universität Kiel berufen. Von 1967 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1993 wirkte er als Lehrstuhlinhaber für Neues Testament und Direktor des Neutestamentlichen Seminars in Münster und ist dort am 27. Dezember 2015 gestorben.

Woche 1 nach Corona – Lesesaal der Archivstelle Boppard wieder geöffnet

Archivbenutzung in Zeiten von Corona: Mundschutzpflicht und Abstandsregeln

Nach zehnwöchiger Pause wurde am 26. Mai 2020 der Lesesaal der Archivstelle Boppard wieder für die Benutzung geöffnet. Seit Mitte März waren aus Gründen des Infektionsschutzes keine Forscherinnen und Forscher mehr angenommen worden, zwei Wochen später ordnete das Landeskirchenamt dann den völligen Lockdown des Archivs an, und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Archivstelle Boppard  gingen – wie auch die Düsseldorfer Kolleginnen und Kollegen – ins Home-Office.

Nachdem die Bund-Länder-Einigung vom 15. April 2020 einen eingeschränkten Betrieb von Archiven ab dem 4. Mai grundsätzlich wieder erlaubte, wechselte das Bopparder Team in den regulären Präsenzmodus zurück. Eine der vordringlichen Aufgaben bestand nun darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, die auch wieder eine externe Benutzung der Archivstelle ermöglichten.

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„Eine sehr merckwürdige Nachricht aus unserer Gegend“ – Gnadenhochzeit Anno 1766

Bekanntlich war die Lebenserwartung der Menschen in der vorindustriellen Zeit sehr viel geringer als heute. Aufgrund der extrem hohen Kindersterblichkeit betrug sie im 17. und 18. Jahrhundert im Mittel keine 30 Jahre. Selbst wenn man ausschließlich die Personengruppe betrachtet, die das Erwachsenenalter erreicht hat, so lag das durchschnittliche Sterbealter auch nur bei etwa Mitte 50.

Wenn dann doch einzelne Personen ein deutlich höheres Alter als die meisten ihrer Zeitgenossen erreichten,  dann erregte das eine ganz besondere Aufmerksamkeit. So mag es auch dem Pfarrer der hessischen Kirchengemeinde Hochelheim bei Wetzlar gegangen sein, der sich bemüßigt fühlte, im Kirchenbuch einen derartigen Fall auf einer eigenen Seite zu dokumentieren, der er die bezeichnende Überschrift gab: „Eine sehr merckwürdige Nachricht aus unserer Gegend“.

Auf der letzten Seite des Hochelheimer Kirchenbuchs steht der Hinweis auf den 70. Hochzeitstag des Ehepaares Zörb (Zürb)-Köcher im Jahr 1766 (KB 285/3, S. 331)
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Festlich herausgeputzt zur Konfirmation

Pfarrer Ulrich Kulke mit dem Konfirmandenjahrgang 1929 aus Niederkleen (KK Wetzlar), aus Bestand: AEKR 7NL176B (Pfarrer Ulrich Kulke), Nr. 54

Auf dem Land war es bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts üblich und ist es in manchen Gegenden Deutschland heute noch Brauch, bei wichtigen familiären Festtagen Tracht zu tragen. Das galt neben Hochzeiten vor allem für die traditionell am Palmsonntag gefeierte Konfirmation, an der sich die Mädchen in der Regel erstmals öffentlich in der örtlichen Tracht zeigten. Im Nachlass des Pfarrers Ulrich Kulke (1892-1986), der zwischen 1926 und 1957 in Niederkleen (heute Kirchenkreis An Lahn und Dill) amtierte und zwischen 1946 und 1957 auch Superintendent des damaligen Kirchenkreises Wetzlar war, befinden sich zahlreiche Fotos von Niederkleener Frauen und Mädchen in der so genannten Hüttenberger Tracht, benannt nach der historischen Landschaft zwischen Wetzlar, Gießen und Butzbach. Unter den Bildern sticht besonders ein Konfirmationsfoto aus dem Jahr 1929 hervor, das den damals 37 jährigen Pfarrer Kulke mit den sieben Niederkleener Konfirmationskindern dieses Jahres zeigt, von denen drei Mädchen die Hüttenberger Tracht tragen. Was Kulke dazu veranlasst hat, eine solche Trachtenfotosammlung anzulegen, ist nicht überliefert. Möglicherweise übte für ihn als Berliner Großstadtjungen die Lebendigkeit der historischen Traditionen, wie er sie in der ländlichen Gesellschaft Mittelhessens kennenlernte und wie sie sich vor allem in der Tracht manifestierte, eine besondere Faszination aus.