Konfessionelle Zwänge unter dem landesherrlichen Kirchenregiment

Gottesdienstliche Gebete für die Gesundheit des Landesherrn waren in der Zeit des landesherrlichen Kirchenregiments, die in Deutschland bis 1918 währte, eine Selbstverständlichkeit. In gemischtkonfessionellen Territorien der Frühen Neuzeit konnte es dabei vorkommen, dass eine Gemeinde inbrünstig für einen Fürsten beten musste, der einer anderen Konfession als der ihrigen angehörte oder sogar deren ausgewiesener Gegner war. Das war im 18. Jahrhundert in der Kurpfalz der Fall.

Erste und letzte Seite des Gebets um Genesung des pfälzischen Kurfürsten Johann Wilhelm, 1712 (AEKR Boppard, Bestand Kirchengemeinde Heddesheim, Nr. 4, Akte 08)

Seit 1690 regierte dort der katholische Kurfürst Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg, der eine scharf gegenreformatorische Konfessionspolitik betrieb. Er ließ nichts unversucht, um das seit dem späten 16. Jahrhundert in der Kurpfalz dominierende reformierte Bekenntnis institutionell und finanziell zu schwächen, und setzte 1698 mit Unterstützung der französischen Besatzungsmacht durch, dass über 200 refomierte Gotteshäuser zu Simultankirchen wurden, in denen nun auch katholische Gottesdienste stattfinden durften. Als aber Johann Wilhelm ab 1712 mehrere Schlaganfälle erlitt, da musste auch in den reformierten Gemeinden der Kurpfalz öffentlich dafür gebetet werden, dass „alle Dero Chur- und Fürstliche Lande sich über Ihrer erwünschten Wiedergenesung und fernerer gesegneten Regierung noch lange Jahre erfreuen“ können.

Das im Archivbestand der Evangelischen Kirchengemeinde Heddesheim überlieferte Druckexemplar belegt zudem durch einen handschriftlichen Vermerk, dass der Gebetstext mehrfach verwendet wurde, nämlich auch bei einer Erkrankung von Johann Wilhelms Bruder und Nachfolger Karl Philipp im Jahr 1728. Auch Karl Philipp war im Übrigen alles andere als ein Freund der Protestanten: In seiner Regierungszeit versuchte er, den Heidelberger Katechismus zu verbieten und die simultane Heidelberger Heiliggeistkirche zu einer rein katholischen zu machen. Für ihn beten mussten die Reformierten trotzdem.

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