„…bin der herren reformirten ihr knecht nit…“: Der Kirchenstreit zu Kappel

Das Archiv der Kirchengemeinde Kappel enthält ein umfangreiches Konvolut zum Verhältnis der beiden christlichen Konfessionen im 18. Jahrhundert. Die evangelischen und katholischen Bewohner des Hunsrücksdorfes nahe Kirchberg waren seit 1688 in einem Simultaneum zusammengepfercht, das wiederholt zu Konflikten führte und sich in unzähligen Eingaben an vorgesetzte Behörden niederschlug. Es gab Streit um das Geläut, den Bau des Schulhauses und vor allem hinsichtlich der gemeinsamen Nutzung der Kirche. 1742 war ein neues Gotteshaus anstelle eines maroden Vorgängerbaus errichtet worden, der sich auf einer in demselben Bestand erhaltenen, „daß dorff Cappel“ überschriebenen und sicherlich idealisierten oder symbolischen Darstellung von 1726 als hellrot getünchtes Gebäude mit Rundfenster im Turm und steilem, schiefergedecktem Turmhelm zeigt.

„das dorff Cappel“ (1726), aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 096B Nr. 10
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Auch für Archive zunehmend wichtig: Normdaten und die GND

https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinsame_Normdatei (13.06.2021)

Normdaten kennt man bereits als wichtige Bestandteile in der bibliothekarischen Arbeit. Aber auch in Archiven werden diese zunehmend wichtiger. Die Normierung von Personennamen, Ortsnamen oder aber auch Sachbegriffen vereinfacht eine eindeutige Identifikation dieser und erleichtert zudem auch die Recherche.

Aber was genau sind eigentlich Normdaten und was ist die GND?

Eine Normdatei ist im Grunde ein festgelegtes Schlagwort, dass dazu dient, eine Person, ein Ort oder einen Sachbegriff genauer zu beschreiben. Es stammt aus dem Bereich der Dokumentation und wird nach bestimmten Regeln festgelegt. Es dient dazu eine Eindeutigkeit festzulegen. Im Zusammenhang damit ist die GND (die Gemeinsame Normdatei, die von der Deutschen Nationalbibliothek gepflegt wird) von großer Bedeutung. Sie dient als eine Sammlung von einzelnen Normdaten.

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„Hirte gesucht“: Die Präseswahl am 12. Juni 1971

Heute vor fünfzig Jahren traf die rheinische Landessynode eine personelle Richtungsentscheidung: Nach den langen Jahren der Ära von Präses Joachim Beckmann stellten sich gleich mehrere profilierte Kandidaten zur Nachfolge bereit. Die Wahl stieß daher auch auf das Interesse überregionaler Medien. Fünf Wochen vor dem Termin stellte der SPIEGEL unter dem Titel „Hirte gesucht“ die Kandidaten vor.

Weltläufigster Kandidat war sicherlich Eberhard Bethge (1909-2000), der enge Freund und Biograf Dietrich Bonhoeffers. Nach einer Auslandsstation als Pfarrer in London amtierte er seit 1961 als Leiter des Rheinischen Pastoralkollegs in Rengsdorf. Die Theologieprofessoren Hans Walter Wolff (1911-1993) und Helmut Thielicke (1908-1986) hatten zu diesem Zeitpunkt ihre Kandidatur bereits wieder zurückgezogen.

Zwei Kandidaten kamen eher aus dem internen Machtapparat der Kirche: Ernst Heinz Bachmann (1915-2001), Superintendent von Köln-Nord, dort lokal bestens vernetzt sowie Karl Immer (1916-1984), der Sohn des gleichnamigen BK-Vorkämpfers in der NS-Zeit. Der „rote Immer“ hatte vor allem in den 1950er Jahren die politischen Positionen der Kirchlichen Bruderschaft im Rheinland vertreten. Bereits seit 1958 Mitglied der Kirchenleitung, war er von der Landessynode 1968 zum Oberkirchenrat gewählt worden. Gegenkandidat war Bethge.

Präseswahl 1971 – Stimmenauszählung, aus: Der Weg, Evangelisches Sonntagsblatt für das Rheinland, Nr. 26, 27.06.1971, 26. Jg., Düsseldorf (zweiter von rechts Präses Beckmann)

Der in Wuppertal aufgewachsene Thielicke ließ sich dann noch kurzfristig während der laufenden Synode von der konservativen „Landessynodalen Arbeitsgemeinschaft“ zur Wiederaufnahme der Kandidatur bewegen. Ob dieser aber zum eher erdverbundenen Setting einer rheinischen Landessynode passte? Der Kirchenhistoriker Friedrich Wilhelm Graf hat gerade in einem aktuellen Beitrag Thielickes äußere Erscheinung so beschrieben:

„Der groß gewachsene, meist elegant gekleidete Mann mit blauen Augen, der sehr gern große Brillen trug, seine Krawatte oft mit einer Perle verzierte und auch mit einem protzig wirkenden Siegelring sich schmückte, blieb in den protestantischen Kirchenmilieus gerade wegen seiner außergewöhnlichen Erfolge in kirchendistanzierten bürgerlichen Öffentlichkeiten ein bunter, ebenso fasziniert wie argwöhnisch und auch neidvoll beobachteter Geistesvogel, dessen Eitelkeit – der Liebhaber guter Zigarren trat bei Empfängen und Partys in Hamburg oder auf Sylt oft im weißen Anzug auf und fuhr einen weißen Mercedes – bei Kirchenfunktionären mancherlei Spott provozierte“. (S. 111)

Die sonst eher zum Betulichen neigende Kirchenzeitung DER WEG publizierte am 27.6.1971 einen atmosphärisch dichten Wahlbericht:

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Noch einmal: Julius Smend

Kürzlich stellte Stefan Flesch hier im Blog das Gemälde vor, das den Theologen Julius Smend im Porträt zeigt. Der Zufall will es, dass mir beim Katalogisieren der Zeitschrift „Der Rheinische Kirchenchor. Monatsschrift des Evgl. Kirchengesangvereins für Rheinland“ (Nummer 5, Mai 1927) ebenfalls ein Porträt von Julius Smend begegnet und zugleich eine Würdigung zu seinem 70. Geburtstag am 10. Mai 1927.

Der Rheinische Kirchenchor – Monatsschrift des Evanglischen Kirchengesangvereins für Rheinland; Mai 1927, 2. Jhrg., Nr. 5

Bei diesem Portrait handelt es sich um eine Fotografie, so dass man Vergleiche mit dem Gemälde anstellen kann, zumal die beiden Bilder aus demselben Zeitraum stammen. Ich finde, Smend ist auf dem Gemälde gut getroffen, er wirkt auf dem Foto vielleicht etwas schmaler.

Die Würdigung Smends auf der ersten Innenseite des Heftes stammt aus der Feder des Pfarrers Johannes Plath (Essen 1907-1944), der auch ausgebildeter Kirchenmusiker gewesen ist und sich intensiv mit Liturgik und Kirchenmusik beschäftigt hat.

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25 Jahre Archivstelle Boppard

Ein Vierteljahrhundert archivische Dienstleistung für Kirche und Öffentlichkeit im südlichen Rheinland

Das ehemalige St. Martins-Kloster in Boppard/Rhein, seit 1996 Sitz der Evangelischen Archivstelle Boppard (Foto: Stefan Flesch).

Am 30. Mai 2021 jährt es sich zum 25. Mal, dass das Landeskirchliche Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland seine Außenstelle in Boppard eröffnet hat. Seit einem Vierteljahrhundert werden von der Archivstelle Boppard basisnahe archivische Serviceleistungen für die kirchliche Verwaltung, aber auch für die kirchenhistorische und genealogische Forschung in den rheinland-pfälzischen, saarländischen und hessischen Kirchenkreisen der EKiR angeboten. Aus einem Anfang der 1950er Jahre errichteten bescheidenen Kirchenbuchdepot hervorgegangen, hat sich die Archivstelle Boppard seit ihrer Einrichtung 1996 zu einem modernen archivischen Dienstleistungszentrum entwickelt. In enger Abstimmung mit der Düsseldorfer Zentrale ist das Team der Archivstelle Boppard Ansprechpartner für alle Fragen aus den Bereichen Schriftgutverwaltung, Kirchengeschichte und nicht zuletzt auch Familienforschung.

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Julius Smend is coming home: Über den langen Weg eines Gemäldes

Bei dem würdigen älteren Herrn im Gewand eines Ordinarius handelt es sich um den liberalen Theologen Julius Smend (1857-1930). Kirchengeschichtlich bedeutend ist er als Mitbegründer der sog. Älteren Liturgischen Bewegung, die sich bemühte, den evangelischen Gottesdienst von erstarrten Formen zu befreien. Hierzu propagierte Smend neue Wege in der Kirchenmusik und der Liturgie wie etwa auch den Einsatz von Einzelkelchen beim Abendmahl.

Rudolf Neugebauer: Portrait von Julius Smend (ca. 1924)

Was hat aber nun dieser gebürtige Westfale, der an den Universitäten Straßburg und Münster lehrte, mit dem Rheinland zu tun und vor allem, was hat es mit diesem Gemälde auf sich?

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Wenn Archivare ausrücken… Das Ende des FFFZ in Stockum

Wenn Archivare ausrücken, können mehrere Gründe vorliegen. Anlass für eine Aktivität außerhalb des Büros kann eine Fortbildung, eine Tagung, ein Beratungsgespräch vor Ort im Sinne der Archivpflege oder das Einsammeln von potentiellem Archivgut sein.
So geschehen vor einigen Wochen. Drei Kollegen des Archivs der Ev. Kirche im Rheinland begaben sich zum ehemaligen Film Funk Fernseh Zentrum (FFFZ) in der Kaiserswerther Straße 450 in Stockum. Die Mission: alle verbliebenen Ordner, sprich das oben bereits erwähnte potentielle Archivgut, in Umzugskartons zu verpacken. Diese wurden dann ins Zwischenarchiv nach Moers gebracht, wo sie nun auf ihre spätere Bearbeitung warten. In solchen Momenten tritt übrigens der (nicht zu unterschätzende) physische Aspekt archivarischer Tätigkeit zu Tage und Muskelkraft ist gefragt!

Verräumen der letzten Aktenordner im FFFZ – AEKR
Verräumen der letzten Aktenordner im FFFZ – AEKR

Hintergrund dieser Umbettungsaktion ist der bevorstehende Abriss des ehemaligen FFFZ Gebäudes, welches 1993 eingeweiht wurde. Nach fast ca. 30 Jahren schließt sich damit das Kapitel des FFFZ am Standort in der Kaiserswertherstraße. Dabei war es gerade die Standortfrage, die vor drei Jahrzehnten für hitzige Diskussionen sorgte. 1990 wurde auf der Landessynode der Beschluss gefasst, ein neues kirchliches Medienzentrum zu errichten. Denn die Räumlichkeiten des Hauses der Diakonie in der Lenaustraße 41, in welchem das Medienzentrum seit 1967 untergebracht war, erfüllten nicht mehr die Kriterien an eine moderne und zeitgemäße kirchliche Medienarbeit. Raumnot und eine unzulängliche räumliche sowie technische Ausstattung erforderten einen dringend benötigten Neubau.

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