„Knabe von 10 1/2 Jahren – Zwangszögling – Tief eingewurzelte Neigung zum Stehlen“. Kinder in der Rettungsanstalt Düsseltal 1897

Im Juni 2022 konnte die Graf-Recke-Stiftung in Düsseldorf auf das 200jährige Jubiläum der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zurückblicken. Am 19. Juni 1822 hatte Adelberdt Graf von der Recke-Volmerstein mit 44 Kindern Einzug in das ehemalige Kloster Düsselthal im Osten Düsseldorfs gehalten. „Hat er nicht zuviel gewagt, da er die erst vor 3 Jahren gegründete Rettungsanstalt Overdyck verließ, […] um in ganz fremder, dazu fast rein katholischer Gegend eine in weit größeren Maßen und Zielen geplante neue Anstalt einzurichten?“ [Eugen Vömel, Und seine Blätter verwelken nicht. 100 Jahre Liebesarbeit in den Düsseltaler Anstalten 1822-1922, S. 4].

Recke-Volmerstein, Adalbert Graf (28.05.1791-10.11.1878) Repro

Die Arbeit hat sich trotz vieler Schwierigkeiten erfolgreich entwickelt und war dringend notwendig: „Die gesamte äußere und innere Entwicklung unseres Volkes, vor allem durch den ungeahnten Aufschwung der Industrie und das geradezu erschreckende Anschwellen der Großstädte brachte die heranwachsende Jugend in die größten sittlichen Gefahren und ihre Verwahrlosung nahm teilweise erschreckende Formen an.“ [Vömel, ebd., S. 11].

Im „Jahresbericht der Rettungsanstalt Düsselthal über das Jahr 1897″ gibt Direktor Pfarrer Johannes Karsch einen Überblick über die Belegung der Anstalt. Zu den 198 Kinder am 01.01.1897 kamen 75 Kinder hinzu, 52 Kinder schieden aus, daher belief sich die Zahl am Jahresende auf 221 Kinder, bei 226 Plätzen; darunter waren 141 Knaben, 80 Mädchen, davon 48 sog. Zwangszöglinge aufgrund des Gesetzes von 1878. Die meisten Kinder waren schulpflichtig, 8 waren zu jung, 24 bereits aus der Schule entlassen. 168 Kinder stammten aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf, 29 aus der übrigen Rheinprovinz, 15 aus Westfalen und 9 aus dem übrigen Deutschland. 57 Kinder waren Ganzwaisen, 105 Halbwaisen, 17 waren unehelich geboren.

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Stört der Eisenbahnverkehr die Sonntagsruhe und die Sonntagsheiligung?

Wir kennen die Diskussionen in Kommunalpolitik, Gewerkschaften und Kirchen um die mögliche Öffnung des Einzelhandels an bestimmten Sonntagen. Die Sonntage unterliegen einem besonderen Schutz, der im Sonn- und Feiertagsgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen geregelt ist. Arbeitsverbote dienen dem Schutz der Sonntagsruhe und der Erholung, Veranstaltungsverbote sollen die Gottesdienste schützen.

Dass es in den ersten Jahrzehnten der Ausbreitung der Eisenbahnen Diskussionen darüber gegeben hat, ob der Eisenbahnverkehr an Sonntagen zur Sonntagsentheiligung beiträgt, hatte ich noch nicht gehört. Durch Zufall stieß ich jetzt auf den Artikel „Die Eisenbahnen und der Sonntag.“ Der Beitrag aus der „Neue Evangelische Kirchenzeitung“ wurde in der Zeitschrift „Der Säemann. Eine Wochenschrift für Mission in der Heimath und häusliche Erbauung“, Heft 8, 1869, abgedruckt. Diese Zeitschrift wurde vom Evangelischen Brüderverein in Elberfeld herausgegeben.

Der Säemann, 19. Jg. 1869, H. 8, Sign. ZK 772
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Der Archivar – Eine Kurzerzählung aus dem Jahr 1969

Die rheinische Kirchenzeitung „Der Weg“ hatte sich zeit ihres Bestehens (1945-2003) nicht unbedingt durch ein intensiveres Interesse an archivischen Belangen ausgezeichnet. Ein umso überraschenderer Fund gelang Kollegin Stefanie Sternemann vom Archiv des Ev. Kirchenverbandes Köln und Region: In der Ausgabe vom 19.1.1969 wurde die Kurzgeschichte „Der Archivar“ von Anneliese Berkenkamp publiziert.

Berkenkamp (geb. 1925) ist eine Berliner Malerin und Schriftstellerin, die auch zu dieser Erzählung eine eigene Illustration beisteuerte. Sie zeigt den namenlosen „Archivar“ in seinem spitzweghaften Idyll, dessen Seelenfrieden höchstens durch die physische Präsenz seiner Mitarbeiterin Fräulein Triller beeinträchtigt wird.

Nun ist das Thema „Archivare in der Literatur“ (es geht in der Tat nie um Archivarinnen) nahezu unerschöpflich, wozu es auch bereits erste Beiträge gibt. Fast alle dieser Publikationen eint die innige Lust an Klischees und dies gilt sehr ausgeprägt auch für diese Erzählung: „Ja, hier ist er zu Hause, der Wanderer im Ablauf der Geschichte, der selbst nirgends verzeichnet sein wird, hier wächst seine Lust zwischen trockenen knappen Zahlen…, ein Diener des lieben Gottes, der darauf achtet, dass nichts Denkwürdiges verlorengehe.“

Der abendliche Empfang durch seine Gattin fällt dann eher unterkühlt aus: Nach dem stundenlangen Memorieren von Gedenktagen in „tröstlichen dicken Folianten“ und dem „vertrauten süßen Geruch von vergilbten Blättern“ hatte er ein einziges Datum vergessen: den Geburtstag seiner Frau.

Weihnachtsbräuche, vergessen oder noch aktuell? Teil 3: Sylvester/Neujahr.

An einem Silvesterabend von der gegenüberliegenden Rheinseite bei Nacht abgelichtet. Fotograf: Hans Lachmann Ort: Düsseldorf Signatur: AEKR 8SL046 (Bildarchiv), 200_194 Schachtel: 358

In wenigen Tagen neigt sich das alte (und leider immer noch stark durch die Corona-Pandemie gebeutelte) Jahr 2021 zu Ende. Das bedeutet auch, dass die Reihe über Bräuche zu ihrem Abschluss kommt. Ähnlich der Advents- oder Weihnachtszeit ist der – wenn auch kurze – Zeitraum um den 31.12./ 1.1. voller Bräuche und Traditionen, die bis heute teilweise Bestand haben und zelebriert werden. Andere hingegen sind in Vergessenheit geraten.

Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass das Silvester – resp. Neujahrsfest kein christlicher Feiertag ist, auch wenn der 31. Dezember seinen Namen einem Bischof zu verdanken hat. Die Rede ist von Sylvester I., der von 314 bis zum seinem Ableben 335 in Rom als Bischof amtierte. Er bekehrte Kaiser Konstantin I., was zur Folge hatte, dass die Christenverfolgung ein Ende nahm und das Christentum im Römischen Reich neue Staatsreligion wurde. 1582 wurde der gregorianische Kalender reformiert. Der letzte Tag im Jahr wurde vom 24. Dezember auf den 31. Dezember verlegt, dem Todestag von Sylvester I. Fortan assoziierte man den 31. mit eben diesem Namen.

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Weihnachtsbräuche, vergessen oder noch aktuell? Teil 2: Die Weihnachtszeit.

Zahlreiche Pakete bringt der Postbote zu Weihnachten Fotograf: Hans Lachmann Datum: Dezember 1957 Signatur: AEKR 8SL071 (Bildarchiv), BRD_1957_4991 Negativ 36/2124

Der Countdown läuft! Die vierte Adventskerze wurde bereits entzündet. Plätzchen wurden zum zweiten, vielleicht ja sogar schon zum dritten Mal gebacken. Der Glühwein wurde (mit besagten Plätzchen) bereits verkostet und so mancher zieht den Endspurt beim Geschenkebesorgen an. Schließlich steht Weihnachten vor der Tür. Dann heißt es am 24. Dezember: Kirchgang, Festessen, Bescherung. An den zwei Weihnachtsfeiertagen werden noch die Verwandten besucht und dann, ja dann ist Weihnachten (oder der sogenannte „Weihnachtsstress“)
eigentlich auch schon vorbei. „Alle Jahre wieder…..“

Alle Jahre wieder wiederholt sich der gleiche weihnachtliche „modus operandi“, feiern wir unser traditionelles Weihnachten. Doch wie viel wissen wir tatsächlich davon? Schon mal was von „wihenaht“ oder „sol invictus“ gehört? Warum genau stellen wir einen Weihnachtsbaum auf? Wussten Sie, dass früher zu Weihnachten eigentlich nur Kinder beschenkt wurden oder was der Christstollen mit dem Kindermord von Bethlehem zu tun hat? Nein? Nicht schlimm, hier kommt die Auflösung.

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Weihnachtsbräuche, vergessen oder noch aktuell? Teil 1: Die Adventszeit.

Advent Gottesdienst am 2. Advent Hans Lachmann, Schachtel Nr. 15: Advent

In wenigen Tagen wird der zweite Adventssonntag begangen. Das heißt, dass in vielen Haushalten in Deutschland die zweite Kerze auf dem festlich hergerichteten, möglicherweise auch auf einem selbstgemachten DIY-Adventskranz angezündet wird. Dazu gibt es noch selbstgebackene Plätzchen, Punsch oder Glühwein und vielleicht läuft bei dem einen oder anderen „heimelige Weihnachtsmusik“ im Hintergrund (#Wham! #RolfZuckowski). Ach ja, der Weihnachtsbaum ist natürlich auch schon aufgestellt und geschmückt. „The same procedure as every year…“ Aber warum?

An Weihnachten werden wir alle wieder zu Traditionalisten. Pünktlich zur Adventszeit wiederholen wir das, was es schon im elterlichen oder großelterlichen Haus zu sehen und erleben gab und geben „unsere Bräuche“ an die nächste Generation weiter. Doch wie viel wissen wir um eben diese Bräuche? Können Sie auf Anhieb erklären, warum wir einen Adventskranz oder Adventskalender haben? Oder überhaupt, was Advent bedeutet? Kennen Sie das Frauentragen? Was ist mit dem Adventsblasen? Keine Sorge. Dieser Beitrag bringt etwas Licht ins Dunkel!

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Vergessene Weihnachtslieder

Bald nun ist Weihnachtszeit! Ob beim Weihnachtsbasteln und Dekorieren oder beim Backen für den Weihnachtsmann kommt die richtige Weihnachtsstimmung erst auf, wenn die musikalische Begleitung stimmt. Die Klassiker „Oh Tannenbaum“, „Stille Nacht“ und „Kling Glöckchen kling“ dürfen natürlich nicht fehlen.

Hrsg.: Wichern, Caroline Erschienen: Hamburg: Agentur des Rauhen Hauses, [ca. 1900], 47 S.
„Weihnacht, Weihnacht kehret wieder“ von Caroline Wichern

Aber kennt man noch „Warum willst du draußen stehen“ von Paul Gerhardt oder „Es war mal im Dezember“ (schlesisches Lied)? In der Sammlung von Caroline Wichern „Alte und neue Weihnachtslieder: Für Schule und Haus gesammelt und zum Teil neu bearbeitet“, Hamburg: Agentur des Rauhen Hauses, [ca. 1900] finden sich 60 Lieder wieder, die zum Teil auf das 16., 17. und 18. Jahrhundert datiert sind.

Als älteste Tochter von neun Kindern des evangelischen Theologen und Sozialreformers Johann Hinrich Wichern (1808-1881), der als Begründer der Inneren Mission gilt, wurde Caroline Wichern (1836-1906) musikalisch und gesangspädagogisch ausgebildet. Sie schrieb und veröffentlichte Lieder. Unmittelbar nach dem Tod ihres Vaters nahm Wichern den Ruf am Ellerslie-College in Manchester, einer Ausbildungsstätte für Kindergärtnerinnen, an. Sie arbeitete dort bis 1895 als Gesangslehrerin.

Caroline Wichern ist nicht nur Herausgeberin der Sammlung, es findet sich auch ein von ihr komponiertes Lied darin „Weihnacht, Weihnacht kehret wieder“.

Klavierbegabte wird es freuen, dass Elisabeth Friederichs, die Nichte von Caroline Wichern, 1913 eine passende Klavierausgabe veröffentlichte: „Alte und neue Weihnachtslieder gesammelt von Caroline Wichern. Klavierausgabe von Elisabeth Friederichs“, Fischers Musik-Bibliothek, 1913.

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