„…wunderbahrliche Fata und Schicksahle…“: Pfarrer Sixt als Chronist der reformierten Gemeinde Kreuznach

„Wahrhaffter Bericht […] wie und welcher Gestalt die in anno 1689 von denen Frantzosen abgebrannte Refomirte Pfarrkirch auf dem Wörth […] wieder aufferbauet worden“ (1716-1726); aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 065B (Bad Kreuznach), Az. 71-1-0.

Von keinem Pfarrer ist im Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Kreuznach so viel Handschriftliches überliefert wie von Wolfgang Christoph Sixt, der von 1689 bis 1735, also fast fünf Jahrzehnte lang, in der reformierten Gemeinde amtierte. Mit akribischer Sorgfalt und in gestochener Schrift hielt der schreibfreudige Geistliche die Ereignisse einer äußerst unruhigen und bedrohlichen Epoche fest. Sein Amtsantritt fiel in die Zeit des verheerenden Pfälzischen Erbfolgekriegs. Sixt siedelte Ende August 1689 nach Kreuznach über, wo französische Truppen zuvor „auf die grausamste Weise gehauset und die Bürger mit Geldpressuren ohne Erbarmen tractieret [hatten], sodaß man die Ratsherren und alle übrige Wohlhandende gefänglich erstlich aufs Rathaus gesetzet, nachgehends beim Abmarsch mit nacher Maynz genommen und so lange da behalten, bis sie 40 Schatzungen bezahlt hatten.“ Vor ihrem Abzug hatten die Franzosen außerdem „alle Thürn [Türme] und die Mauren der hiesigen Statt gesprengt und ruiniert, die Thoren über’n Haufen geschmiesen und das Schloß Cauzenberg gesprengt und totaliter ruinirt“. Auf dem Eier- und dem Kornmarkt legten sie große Feuer und verbrannten „eine unbeschreibliche Menge Früchten [Getreide] darin, und [haben] was sie nicht verbrennen können, über die Brück in die Nahe geschüttet.“ Nur zwei Monate später musste Pfarrer Sixt erleben, wie seine Kirche auf dem Wörth, wie alle anderen Kirchen in Kreuznach, von den Franzosen niedergebrannt wurde, wobei „all die Glocken verschmolzen“. An einen Wiederaufbau der Kirche war in Kriegszeiten nicht zu denken. Nach einer Sammlung bei wohlhabenden Glaubensgenossen in Frankfurt und Hanau konnte immerhin der Chor der Kirche abgetrennt, neu gedeckt und als Kapelle zum Gottesdienst genutzt werden.

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Sind Ihnen „christliche Gemeindespiele“ bekannt?

Während der Digitalisierung des Bestandes 6HA004 Kirchenkampf Beckmann begegnete mir ein Heftchen mit dem eindrucksvollen Titel „christliche Gemeindespiele“. Eine Begrifflichkeit die heute vermutlich hauptsächlich in Form des weihnachtlichen Krippenspiels bekannt sein sollte. Das Heftchen, welches in den Jahren 1930-1940 erschien und vom „Christian Kaiser Verlag München“ veröffentlicht worden ist, listet insgesamt 53 Gemeindespiele.

Bereits das Vorwort erklärt, dass unter christlichen Spielen jene Spieldichtungen verstanden werden, die ihre „Fabeln“ ausschließlich aus dem christlichen Glaubensgut beziehen würden. Das Werk gliedert seine Spiele in die Kategorien Passion, Konfirmation, Ostern, Gemeindeabend, Pfingsten, Erntefest, Totengedächtnis, Reformation und Advent/Weihnachten, wobei für jede Kategorie unterschiedliche Spiele samt Regeln abgedruckt wurden.  Natürlich findet sich auch eine Anleitung zu der Aufführung eines klassischen Krippenspiels. Mein Interesse weckte allerdings die Kategorie „Passion“. In der Osterzeit können gleich 7 Spiele aufgeführt werden, während für Ostern weitere 6 Spiele beschrieben werden. Für das Spiel „Der Herr ist auferstanden. Ein Osterspiel“ betrug die Spieldauer bspw. 60 min. und inkludierte 14 männliche und 4 weibliche Spieler samt Chor. Hierbei wird explizit betont, dass es sich nicht um ein Theaterstück handle, sondern um ein Spiel der Verkündigung, welches das biblische Geschehen darstellen soll.

Neues Online-Findbuch: Kirchengemeinden Idar und Kirschweiler

Frühneuzeitliche Zettelwirtschaft: Das 1605 begonnene Kirschweiler Kapellen-Rechnungsbuch; aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 039B (Idar-Kirschweiler, Nr. 77a

Neu auf der Website des Archivs ist das jüngst retrokonvertierte Findbuch des Archivs der Evangelischen Kirchengemeinden Idar und Kirschweiler. Der Flecken Idar gehörte in der Frühen Neuzeit teils den Grafen von Leiningen-Heidesheim, teils zur Reichsherrschaft Oberstein, die 1669 nach dem Aussterben der Grafen von Dhaun und Falkenstein ebenfalls an Leiningen-Heidesheim fiel. Kirchliche Aufsichtsbehörde war zunächst das Konsistorium in Heidesheim bei Worms. Nach dem Ende der Linie Leiningen-Heidesheim (1766) fiel Idar an die Hintere Grafschaft Sponheim, zunächst gemeinschaftlich an Pfalz-Zweibrücken und Baden, ab 1776 allein an Baden, womit das Konsistorium in Karlsruhe zuständig wurde. Das Filial Kirschweiler gehörte bis zur Französischen Revolution zur Wild- und Rheingrafschaft. 1815 kamen Idar und Kirschweiler zum oldenburgischen Fürstentum Birkenfeld, dessen Gebiet 1934 als Kirchenkreis Birkenfeld in die Rheinische Provinzialkirche eingegliedert wurde.

Das Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Idar mit dem Filial Kirschweiler wurde 1956 von Synodalarchivpfleger Pfarrer Melzer nach dem Registraturplan der Evangelischen Kirche im Rheinland geordnet. 1961 und 1964 erfolgten Ergänzungen durch weitere Altakten, Rechnungen und Amtsbücher, die teilweise gesondert abgelegt wurden. Bereits damals war vorgesehen, das Kirschweiler Kapellen-Rechnungsbuch von 1605 in den Bestand aufzunehmen; dies geschah jedoch erst 2001, als die Kirchengemeinde Kirschweiler das Rechnungsbuch zusammen mit weiteren Unterlagen als Depositum an die Evangelische Archivstelle Boppard übergab. Gleichzeitig wurden die Bestände von Idar und Kirschweiler vollständig nach Boppard überführt und die drei älteren Repertorien mit den neu hinzugekommenen Unterlagen als getrennte Blöcke in einem Gesamtfindbuch zusammengeführt. Im Zuge der Retrokonvertierung 2025 erfolgte die Integration in eine durchgehende Registraturplansystematik.

Der Bestand umfasst überwiegend Akten des 19. und 20. Jahrhunderts, ergänzt um frühneuzeitliche Dokumente zu Pfarrbesetzungen und Rechnungsangelegenheiten. Besonders hervorzuheben sind das erwähnte Kirschweiler Kapellen-Rechnungsbuch von 1605 sowie die Idarer Kriegschronik aus dem Ersten Weltkrieg.

Wie ein Großteil des Schöneberger Kapitalienbuches verloren ging

Kürzlich war hier von einem verschollen geglaubten Kirchenbuch zu lesen, das wie durch ein Wunder nach langer Zeit doch noch wieder aufgetaucht ist. Auf eine ähnlich glückliche Fügung hofft man in der Westerwaldgemeinde Schöneberg bislang vergeblich, wo vor fast neun Jahrzehnten große Teile eines Ende des 17. Jahrhunderts begonnenen Kapitalienbuches verloren gingen. Von dem ursprünglich mehrere hundert Seiten umfassenden Band, der zu den ältesten Dokumenten des Archivs der Evangelischen Kirchengemeinde zählt, sind heute nur noch wenige Fragmente erhalten. Der Grund dafür lässt jede/-n Archivar/-in erschaudern: Das Kapitalienbuch wurde 1935 an einen Heimatkundler verliehen. Dieser gab 1937 nur noch Reste des wertvollen Bandes an die Pfarrei zurück. Ein Großteil der Blätter war entnommen und „versehentlich“, wie der Leihnehmer beteuerte, vermischt mit anderen Dokumenten als Aktenbündel verkauft worden. In dem durchsichtigen Versuch zu vertuschen, dass es sich bei den Schriftstücken um Seiten aus einer geschlossenen Quelle handelte, hatte er noch dazu die Paginierung an der oberen rechten Ecke jedes Blattes abgerissen.

Ausschnitt des ältesten Schriftstücks der Fragmente. Deutlich zu erkennen die oben rechts entfernte ursprüngliche Paginierung; aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 145B (Schöneberg), Nr. 283, S.1

Die erhaltenen Fragmente beginnen mit einer zehnseitigen Aufstellung der Pfarrgüter und Renten, die 1695 von Pfarrer Friedrich Wilhelm Losius angelegt und von seinen Nachfolgern bis 1783 weitergeführt wurde. Ebenfalls zehn Seiten nehmen die 1705 von Pfarrer Friedrich Höcker erstellten Inventaria ein, die in den Jahren 1709, 1714, 1755 und 1797 ergänzt wurden. Eine weitere Quelle ist die Zehntenliste von 1756 bis 1758, angelegt von Pfarrer Wilhelm Henrich Seel, auf deren Rückseite sich eine Beschwerde des reformierten Pfarrers gegen den lutherischen Kirchspiels-Geschworenen Philipp Jugnitius aus dem Jahr 1758 befindet.

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Vom kirchlichen zum weltlichen Gemeindehaus: Das ehemalige „Fritz-Henkel-Jugendheim“ in Rengsdorf

Die Westerwaldgemeinde Rengsdorf war bereits im 19. Jahrhundert ein beliebtes Ziel für Sommerfrischler. Dank ihres gesunden Klimas und der reizvollen Umgebung entwickelte sie sich rasch zu einem anerkannten Luftkurort. Einer der prominentesten Gäste war der Düsseldorfer Unternehmer Fritz Henkel, der Rengsdorf schließlich gar als Altersruhesitz auserkor. 1912 ließ er sich eine repräsentative Villa mit weitläufigem Park errichten. Aufgrund seiner gütigen und natürlichen Art wurde er von den Einheimischen bald liebevoll „Unser alter Herr“ genannt und galt als freigiebiger Gönner und Wohltäter der Gemeinde.

Festzug anlässlich der Einweihung des Jugendheims am 7. Dezember 1928; aus Bestand: AEKR Boppard 4KB 146 B (Rengsdorf), Nr. 198

Zu den bedeutendsten Stiftungen Henkels zählte das idyllisch gelegene Licht-, Luft- und Schwimmbad im Völkerwiesenbachtal, dessen Bau er maßgeblich finanzierte. Im Jahr 1928 folgte als weitere großzügige Zuwendung die Errichtung eines Jugendheims, das ursprünglich der politischen Gemeinde Rengsdorf zugedacht war. Diese jedoch lehnte das Angebot ab, da sie sich vor eventuell anfallenden hohen Folgekosten scheute. Die Evangelische Kirchengemeinde hingegen nahm das Geschenk dankend an. Für rund 130.000 Mark entstand ein umfassend und modern ausgestattetes Gebäude mit Mobiliar, Gartenanlage, Kinderspielplatz und Turngeräten.

Am 7. Dezember 1928 konnte das „Fritz Henkel-Jugendheim“ feierlich eingeweiht werden. Unter den Gästen fanden sich neben dem Stifter selbst auch Fürst Friedrich zu Wied sowie führende Vertreter der rheinischen evangelischen Kirche, darunter Generalsuperintendent Ernst Stoltenhoff und der Präses der Rheinischen Provinzialsynode Walther Wolff. Ortspfarrer Superintendent August Knappmann hatte ein eindrucksvolles Festprogramm zusammengestellt. Bereits am Vorabend wurde das Ereignis durch Glockenläuten und Choralblasen vom Kirchturm angekündigt. Am 7. Dezember folgte ein Festgottesdienst mit Predigt des Generalsuperintendenten.

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Neue Online-Findbücher: Kirchengemeinden Heddesheim, Hennweiler-Oberhausen und Herren-Sulzbach

In den letzten Wochen wurden drei weitere Findbücher von Beständen der Evangelischen Archivstelle Boppard retrokonvertiert und sind auf der Website des Archivs und im Portal „Archive in Nordrhein-Westfalen“ verfügbar:

Das Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Heddesheim umfasst einen Zeitraum von 1652-1973. Der Bestand enthält u.a. frühe Schriftwechsel mit dem reformierten Kirchenrat, Visitationsberichte und Protokolle kirchlicher Gremien. Auch das Verhältnis zu Staat und Kommunen sowie konfessionelle Auseinandersetzungen sind dokumentiert. Interessant ist in diesem Bereich ein Konvolut zum Kirchenkampf der Jahre 1937 und 1938, als DC-Pfarrer Carl Wippermann ohne Zustimmung der Landeskirche einen aus Thüringen stammenden Pfarrverweser auf die vakante Pfarrstelle in Heddesheim berufen wollte. Relativ umfangreich ist die Überlieferung zum Unterrichtswesen. Sie umfasst den Konfirmandenunterricht, Schulaufsicht durch den Pfarrer, Lehrerberufungen und Disziplinarmaßnahmen sowie Schulgebäude und Ausstattung. Das Rechnungswesen enthält Haushaltspläne und Jahresrechnungen der Kirchenkasse und der Elisabeth-Stiftung, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Ergänzt wird der Bestand durch Archiv-Fragmente ab 1950, u. a. zur Nachkriegszeit, zu Bauprojekten sowie zur Gemeindearbeit.

Ausschnitt aus einer Rechnung über Einnahmen und Ausgaben der Sulzbacher
Kirchen- und Almosen-Gefälle vom 11. Nivose 8 bis 11. Nivose 9 [1800-1801] durch Pfarrer Friedrich Wilhelm Spener; aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 038B (Herren-Sulzbach), IX

Das Findbuch des Archivs der Evangelischen Kirchengemeinde Hennweiler-Oberhausen umfasst Fragmente mit einer Laufzeit von 1835-1951, die aus dem Archiv des Kirchenkreises Sobernheim übernommenen wurden. Den Schwerpunkt des kleinen Bestandes bilden die Amtsbücher. Für Hennweiler sind Protokollbücher aus der Zeit von 1835 bis 1932 erhalten, die auch Lagerbucheinträge aus den Jahren 1877 bis 1897 umfassen. Für Oberhausen existieren entsprechende Aufzeichnungen aus den Jahren 1881 bis 1885 sowie 1906 bis 1932. Überliefert sind außerdem Lagerbücher für beide Gemeinden aus dem Jahr 1902. Die Finanzjournale bestehen aus Kassenbüchern von Hennweiler aus der Zeit von 1870 bis 1899, Einnahmen- und Ausgabenverzeichnisse beider Gemeinden bis in die 1930er Jahre sowie einem Rechnungsjournal der vereinigten Pfarrei Hennweiler-Oberhausen für die Jahre 1926 bis 1942.

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Mehr Goldene Worte zu Ostern

Unser Fundus an Plakaten aus der Reihe der Goldenen Worte kann sich mit mehr als 500 Motiven mittlerweile wirklich sehen lassen.

Daher wünschen wir auch in diesem Jahr allen Leserinnen und Lesern unseres Blogs fröhliche und gesegnete Ostern mit diesen sehr klassischen Goldenen Worten aus dem Jahr 1967.

„Gelobt sei Gott, …“ Plakat aus der Reihe „Goldene Worte“, 1967, aus Bestand: AEKR Düsseldorf , 8 SL 049 (Plakatsammlung), Nr.1921, © Herder Verlag