Über Andrea Rönz

Hallo, ich bin Andrea Rönz und blogge hier zu diversen Themen (Kirche/ Geschichte/ Archiv). Ihnen hat der Artikel gefallen? Dann teilen Sie ihn, ich freue mich darüber! Oder möchten Sie über neue Blogartikel informiert werden? Dann abonnieren Sie unser Archivblog per RSS-Feed – das finden Sie rechts oben auf der Startseite.

Am Anfang war der Bahnhof: Die Entstehung der Evangelischen Kirchengemeinde Konz-Karthaus

Die im äußersten Westen von Rheinland-Pfalz an der Mosel gelegene Diasporagemeinde Konz-Karthaus kann auf eine ungewöhnliche Gründungsgeschichte zurückblicken. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts ließen sich im Zuge der Industrialisierung die ersten evangelischen Christen in Konz, Merzlich und den umliegenden Ortschaften nieder. Es handelte sich dabei vor allem um Rottenarbeiter und Beamte, die beim Bau der Eisenbahn beschäftigt waren. Während die Beamten überwiegend aus dem Raum Saarbrücken stammten, kamen die Arbeiter vor allem aus St. Wendel und dem benachbarten Hunsrück. Einen weiteren starken Zuzug brachte der Ausbau des Centralbahnhofs Karthaus zu einem wichtigen Eisenbahnknoten sowie die Eröffnung der Königlichen Eisenbahn-Nebenwerkstätte im Jahr 1879 mit sich. Bis 1884 wuchs die evangelische Bevölkerung auf etwa 120 bis 150 Personen an.

Centralbahnhof Karthaus, 1920er Jahre; aus: Kläs / Wallrich, 100 Jahre evangelische Christen in Konz
aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 150B, Nr. 89

Die nächstgelegene evangelische Kirche befand sich im rund neun Kilometer entfernten Trier. Aufgrund der beschwerlichen Anreise bemühten sich die Trierer Pfarrer, in Konz einen geeigneten Raum für Gottesdienste anzumieten. Die mit großer Mehrheit katholische Bevölkerung verhielt sich jedoch außerordentlich reserviert. Nachdem diese Versuche gescheitert waren, wandte sich Superintendent Klein an verschiedene Trierer Behörden und hatte wider Erwarten schnell Erfolg: Das Königliche Eisenbahn-Betriebsamt teilte mit Schreiben vom 26. Juli 1884 mit, den Speisesaal des Verwaltungsgebäudes der Königlichen Nebenwerkstätte zu Karthaus alle vier Wochen zur Verfügung zu stellen. Dort fand am 17. August 1884 der erste Gottesdienst statt, bei dem Superintendent Klein über Apostelgeschichte 17,16–34 predigte. Aus Berlin sandte der Evangelische Oberkirchenrat als Geschenk „zum Gebrauch bei den evangelischen Gottesdiensten auf dem Centralbahnhof Karthaus“ eine Ausgabe der Agende mit handschriftlicher Widmung. Bei den im vierwöchigen Rhythmus abgehaltenen Gottesdiensten war der „Betsaal“, wie der Speiseraum genannt wurde, immer bis auf den letzten Platz besetzt.

Weiterlesen

„Halte inne, Wanderer…“ – Das barocke Epitaph von Niederkleen

Bei der Arbeit mit Archivbeständen stößt man immer wieder auf besondere Geschichten und lokale Kleinode. So ging es mir auch bei der Verzeichnung des Archivs der Evangelischen Kirchengemeinde Niederkleen. Durch eine in diesem Bestand überlieferte Transkription stieß ich auf ein außergewöhnliches barockes Familienepitaph mit klassischer lateinischer Grabinschrift – ein Fund, den man hier kaum erwarten würde.

Das Epitaph auf dem Kirchhof der Evangelischen Kirche in Niederkleen (Foto: Rüdiger Grimm)

Das Grabmal aus grauem Lahnmarmor, ergänzt durch zwei Säulenkapitelle aus italienischem Marmor, dient als Gedenkstein für vier Gräber und sieben Mitglieder der Pastorenfamilie Hert. Es wurde 1721 an der Ostwand der Evangelischen Kirche Niederkleen errichtet und war ursprünglich vollständig mit marmorweißer Farbe gefasst, wovon im oberen Bereich noch Reste erkennbar sind. 1989 versetzte man den Stein an die Ostwand der Pfarrscheune; ein Jahr später erhielt er zum Schutz vor Witterungseinflüssen ein Schieferdach. Anlässlich seines 300-jährigen Bestehens 2021 wurde das Grabmal restauriert und mit erklärenden Tafeln versehen.

Gesamtansicht mit Erklärtafeln (Foto: Rüdiger Grimm)

Insgesamt sieben Angehörige der Familie Hert fanden hier ihre letzte Ruhestätte: Zunächst die drei aufeinanderfolgenden Pfarrer der evangelischen Kirche Niederkleen während und nach dem Dreißigjährigen Krieg – Philipp Stipp († 1644), sein Schwiegersohn Johann David Hert († 1686) sowie dessen ältester Sohn Philipp Jakob Hert († 1724). Hinzu kommen Catharina Margarethe, geborene Stipp († 1720), die Ehefrau Johann David Herts, sowie Catharina Susanne, geborene Geilfus († 1717), die Ehefrau Philipp Jakob Herts. Die Ehefrau Philipp Stipps, Anna Echzell, war bereits 1661 in der Kirche beigesetzt worden. Auch der früh verstorbene Sohn Johann Heinrich Hert wurde 1669 hier „hierher geführt und in seines Altvaters Philipp Stipps Grab gelegt“.

Weiterlesen

„Kulturkampf am Deutschen Eck“ – Der Koblenzer Schulstreit 1966

Undatierte Karikatur zum Schulstreit; aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 050B, Nr. 342

Die Eltern der Schülerinnen und Schüler der evangelischen Volksschule Koblenz-Horchheim erwartete am 21. März 1966 eine böse Überraschung: Bei einer Versammlung auf Einladung des Stadtschulamts im frisch renovierten Schulgebäude wurden den Erziehungsberechtigten nicht – wie erwartet – die schönen neuen Räumlichkeiten präsentiert, vielmehr eröffnete man den Anwesenden, dass nach der Renovierung, Erweiterung und Modernisierung des Schulgebäudes, das Größtenteils von der katholischen Volkschule genutzt wurde, der evangelische Teil aufgelöst werden solle. Die Schüler der zweiklassigen evangelischen Zwergschule Horchheim sollten in die achtklassige evangelische Volksschule auf der Pfaffendorfer Höhe eingeschult werden. Was als „organisatorische Verbesserung der Schulverhältnisse“ gedacht war, sorgte für Aufruhr. In einer Zeit, als Elterntaxis noch unbekannt waren, hätte der Wechsel für die evangelischen Kinder künftig zu Fuß einen Schulweg von jeweils über eine Stunde bedeutet, noch dazu mit Überquerung der stark befahrenen B 42. Die in Aussicht gestellte Bereitstellung von Schulbussen konnte die empörten Eltern nicht beruhigen: „Auch dann“, so ein Rundschreiben nach der Versammlung, „sind nicht alle Gefahren gebannt: z.B. ein Kind wird während der Schulzeit unwohl. Wie kommt es schnell nach Hause? Unterrichtsschluß ist unterschiedlich. Es gibt Lehrerkonferenzen u.a.m. Die Kinder sind dann gezwungen, zu Fuß nach Hause zu gehen oder bis zum Eintreffen des Omnibusses zu warten und sind ohne Aufsicht. […] Oder die Kinder verpassen den Omnibus bei der Hinbringung oder Rückfahrt!!! […] Zusammengefaßt darf man wohl sagen, daß die geplante Regelung für die Eltern und insbesondere die Kinder unzumutbar ist.“

Komplizierte Schulsituation auf der linken Moselseite (Zeitungsausschnitt v. 20.10.1966); aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 050B, Nr. 342

Hintergrund der Maßnahme war eine umfassende Neuorganisation des Koblenzer Schulwesens. Wie in Horchheim gab es überall auf Stadtgebiet durch die strikte konfessionelle Trennung der Volksschulen zahlreiche Kleinstschulen mit nur ein oder zwei Klassen für mehrere Jahrgänge. Diese sollten aufgelöst und deren Schüler zentral in voll ausgebauten Konfessionsschulen unterrichtet werden. Betroffen waren neben den rechtsrheinisch gelegenen Stadteilen Horchheim und Pfaffendorf besonders links der Mosel angesiedelte Schulen in Metternich, Lützel, Neuendorf und Wallersheim.

Weiterlesen

Neue Online-Findbücher: Kirchengemeinden Langenlonsheim, Mandel und Meckenbach

Drei weitere Findbücher von Beständen der Evangelischen Archivstelle Boppard wurden kürzlich retrokonvertiert und sind ab sofort online verfügbar:

Das einst umfangreiche Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Langenlonsheim wurde durch eine unsachgemäße Ordnung in den 1920er und 1930er Jahren sowie Kriegsverluste des Jahres 1945 erheblich dezimiert. Der Schwerpunkt des Bestandes liegt im 19. und 20. Jahrhundert. Lediglich zwei Amtsbücher – das Langenlonsheimer Almosengefälle von 1746 und ein „Kopiar hoher Regierung, Kirchenrätlichen und Ehegerichts-Befehlen“ mit einer Laufzeit von 1751-1786 – reichen bis in das 18. Jahrhundert zurück. Als eigenständiger Teilbestand ist das Archiv des Kirner Zweigvereins der Gustav-Adolf-Stiftung in das Findbuch integriert. Es umfasst Satzungen, Sitzungs- und Jahresberichte, Korrespondenzen, Unterstützungsanträge, Mitgliederwerbung sowie Kassen- und Briefbücher mit Laufzeiten von Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1940er Jahre.

Liegenschaftsatlas der Ev. Kirchengemeinde Langenlonsheim (1857); aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 069B, Nr. 16
Weiterlesen

„…wunderbahrliche Fata und Schicksahle…“: Pfarrer Sixt als Chronist der reformierten Gemeinde Kreuznach

„Wahrhaffter Bericht […] wie und welcher Gestalt die in anno 1689 von denen Frantzosen abgebrannte Refomirte Pfarrkirch auf dem Wörth […] wieder aufferbauet worden“ (1716-1726); aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 065B (Bad Kreuznach), Az. 71-1-0.

Von keinem Pfarrer ist im Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Kreuznach so viel Handschriftliches überliefert wie von Wolfgang Christoph Sixt, der von 1689 bis 1735, also fast fünf Jahrzehnte lang, in der reformierten Gemeinde amtierte. Mit akribischer Sorgfalt und in gestochener Schrift hielt der schreibfreudige Geistliche die Ereignisse einer äußerst unruhigen und bedrohlichen Epoche fest. Sein Amtsantritt fiel in die Zeit des verheerenden Pfälzischen Erbfolgekriegs. Sixt siedelte Ende August 1689 nach Kreuznach über, wo französische Truppen zuvor „auf die grausamste Weise gehauset und die Bürger mit Geldpressuren ohne Erbarmen tractieret [hatten], sodaß man die Ratsherren und alle übrige Wohlhandende gefänglich erstlich aufs Rathaus gesetzet, nachgehends beim Abmarsch mit nacher Maynz genommen und so lange da behalten, bis sie 40 Schatzungen bezahlt hatten.“ Vor ihrem Abzug hatten die Franzosen außerdem „alle Thürn [Türme] und die Mauren der hiesigen Statt gesprengt und ruiniert, die Thoren über’n Haufen geschmiesen und das Schloß Cauzenberg gesprengt und totaliter ruinirt“. Auf dem Eier- und dem Kornmarkt legten sie große Feuer und verbrannten „eine unbeschreibliche Menge Früchten [Getreide] darin, und [haben] was sie nicht verbrennen können, über die Brück in die Nahe geschüttet.“ Nur zwei Monate später musste Pfarrer Sixt erleben, wie seine Kirche auf dem Wörth, wie alle anderen Kirchen in Kreuznach, von den Franzosen niedergebrannt wurde, wobei „all die Glocken verschmolzen“. An einen Wiederaufbau der Kirche war in Kriegszeiten nicht zu denken. Nach einer Sammlung bei wohlhabenden Glaubensgenossen in Frankfurt und Hanau konnte immerhin der Chor der Kirche abgetrennt, neu gedeckt und als Kapelle zum Gottesdienst genutzt werden.

Weiterlesen

Neues Online-Findbuch: Kirchengemeinden Idar und Kirschweiler

Frühneuzeitliche Zettelwirtschaft: Das 1605 begonnene Kirschweiler Kapellen-Rechnungsbuch; aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 039B (Idar-Kirschweiler, Nr. 77a

Neu auf der Website des Archivs ist das jüngst retrokonvertierte Findbuch des Archivs der Evangelischen Kirchengemeinden Idar und Kirschweiler. Der Flecken Idar gehörte in der Frühen Neuzeit teils den Grafen von Leiningen-Heidesheim, teils zur Reichsherrschaft Oberstein, die 1669 nach dem Aussterben der Grafen von Dhaun und Falkenstein ebenfalls an Leiningen-Heidesheim fiel. Kirchliche Aufsichtsbehörde war zunächst das Konsistorium in Heidesheim bei Worms. Nach dem Ende der Linie Leiningen-Heidesheim (1766) fiel Idar an die Hintere Grafschaft Sponheim, zunächst gemeinschaftlich an Pfalz-Zweibrücken und Baden, ab 1776 allein an Baden, womit das Konsistorium in Karlsruhe zuständig wurde. Das Filial Kirschweiler gehörte bis zur Französischen Revolution zur Wild- und Rheingrafschaft. 1815 kamen Idar und Kirschweiler zum oldenburgischen Fürstentum Birkenfeld, dessen Gebiet 1934 als Kirchenkreis Birkenfeld in die Rheinische Provinzialkirche eingegliedert wurde.

Das Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Idar mit dem Filial Kirschweiler wurde 1956 von Synodalarchivpfleger Pfarrer Melzer nach dem Registraturplan der Evangelischen Kirche im Rheinland geordnet. 1961 und 1964 erfolgten Ergänzungen durch weitere Altakten, Rechnungen und Amtsbücher, die teilweise gesondert abgelegt wurden. Bereits damals war vorgesehen, das Kirschweiler Kapellen-Rechnungsbuch von 1605 in den Bestand aufzunehmen; dies geschah jedoch erst 2001, als die Kirchengemeinde Kirschweiler das Rechnungsbuch zusammen mit weiteren Unterlagen als Depositum an die Evangelische Archivstelle Boppard übergab. Gleichzeitig wurden die Bestände von Idar und Kirschweiler vollständig nach Boppard überführt und die drei älteren Repertorien mit den neu hinzugekommenen Unterlagen als getrennte Blöcke in einem Gesamtfindbuch zusammengeführt. Im Zuge der Retrokonvertierung 2025 erfolgte die Integration in eine durchgehende Registraturplansystematik.

Der Bestand umfasst überwiegend Akten des 19. und 20. Jahrhunderts, ergänzt um frühneuzeitliche Dokumente zu Pfarrbesetzungen und Rechnungsangelegenheiten. Besonders hervorzuheben sind das erwähnte Kirschweiler Kapellen-Rechnungsbuch von 1605 sowie die Idarer Kriegschronik aus dem Ersten Weltkrieg.

Wie ein Großteil des Schöneberger Kapitalienbuches verloren ging

Kürzlich war hier von einem verschollen geglaubten Kirchenbuch zu lesen, das wie durch ein Wunder nach langer Zeit doch noch wieder aufgetaucht ist. Auf eine ähnlich glückliche Fügung hofft man in der Westerwaldgemeinde Schöneberg bislang vergeblich, wo vor fast neun Jahrzehnten große Teile eines Ende des 17. Jahrhunderts begonnenen Kapitalienbuches verloren gingen. Von dem ursprünglich mehrere hundert Seiten umfassenden Band, der zu den ältesten Dokumenten des Archivs der Evangelischen Kirchengemeinde zählt, sind heute nur noch wenige Fragmente erhalten. Der Grund dafür lässt jede/-n Archivar/-in erschaudern: Das Kapitalienbuch wurde 1935 an einen Heimatkundler verliehen. Dieser gab 1937 nur noch Reste des wertvollen Bandes an die Pfarrei zurück. Ein Großteil der Blätter war entnommen und „versehentlich“, wie der Leihnehmer beteuerte, vermischt mit anderen Dokumenten als Aktenbündel verkauft worden. In dem durchsichtigen Versuch zu vertuschen, dass es sich bei den Schriftstücken um Seiten aus einer geschlossenen Quelle handelte, hatte er noch dazu die Paginierung an der oberen rechten Ecke jedes Blattes abgerissen.

Ausschnitt des ältesten Schriftstücks der Fragmente. Deutlich zu erkennen die oben rechts entfernte ursprüngliche Paginierung; aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 145B (Schöneberg), Nr. 283, S.1

Die erhaltenen Fragmente beginnen mit einer zehnseitigen Aufstellung der Pfarrgüter und Renten, die 1695 von Pfarrer Friedrich Wilhelm Losius angelegt und von seinen Nachfolgern bis 1783 weitergeführt wurde. Ebenfalls zehn Seiten nehmen die 1705 von Pfarrer Friedrich Höcker erstellten Inventaria ein, die in den Jahren 1709, 1714, 1755 und 1797 ergänzt wurden. Eine weitere Quelle ist die Zehntenliste von 1756 bis 1758, angelegt von Pfarrer Wilhelm Henrich Seel, auf deren Rückseite sich eine Beschwerde des reformierten Pfarrers gegen den lutherischen Kirchspiels-Geschworenen Philipp Jugnitius aus dem Jahr 1758 befindet.

Weiterlesen