Über Andrea Rönz

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Pergamentrecycling im Stiftsarchiv St. Goar

Das Stift St. Goar verfügte offenbar einst über eine gut sortierte Bibliothek mittelalterlicher lateinischer Handschriften. Vermuten lässt dies die Verwendung einzelner Buchseiten aus Pergament zum Einbinden von Rechnungen des Stifts und des Hospitals aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die im Stiftsarchiv überdauert haben. Mit Einführung der Reformation in der Niedergrafschaft Katzenelnbogen 1527/28, dem Erlöschen der Klerikergemeinschaft von „Sanct Gewere“ wenige Jahrzehnte später und der gleichzeitigen Entwicklung des Buchdrucks hatten die Handschriften ihre Funktion verloren. Nun ist die Verwendung von Pergamentmakulatur an sich nichts Ungewöhnliches, dennoch finden sich in dem Bestand einige besonders schöne Beispiele, die vorzustellen sich lohnt.

In Pergamentmakulatur eingebundene Rechnungsbücher; aus Bestand: AEKR Boppard 5WV 021B (Stift St. Goar)
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Urkunden, Akten und Amtsbücher aus fast 700 Jahren: Das Archiv der Kirchengemeinde Kirn

Zu den ältesten Beständen der Evangelischen Archivstelle Boppard zählt die Kirchengemeinde Kirn, deren Altes Archiv 44 Urkunden aus einem Zeitraum von 1325-1711 umfasst sowie gut 200 Akten und Amtsbücher wie Pfarrstellenakten ab 1553, Vermögen ab 1487, Bauwesen und Religionsstreitigkeiten ab 1600 und Schulwesen ab 1563. Auch das Neue Archiv mit einer sehr breiten Überlieferung Schwerpunktmäßig auf dem Rechnungswesen und den Amtsbüchern setzt bereits 1624 ein. Das jüngst retrokonvertierte und überarbeitete Findbuch der Kirchengemeinde ist jetzt online verfügbar.

Anna Catharina Wildgräfin zu Dhaun und Kyrburg stiftet in Ausführung des letzten Willens ihres Gemahls Philipp ein Kapital von 1000 Gulden für ein lutherisches Gymnasium zu Kirn (23. Juni 1711). Pergamenturkunde mit Siegel der Ausstellerin in Holzkapsel; aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 060B (Kirn, Altes Archiv), Urkunde 44

Neues Online-Findbuch: Kirchengemeinden Ohlweiler-Ravengiersburg

aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 130B, Nr. 94

Neu auf der Website des Archivs ist das Findbuch der Kirchengemeinden Ohlweiler-Ravengiersburg. Der seit 1539 evangelische Herzog Georg von Simmern hatte 1560 mit dem Augustiner-Chorherren-Kloster Ravengiersburg einen Vertrag geschlossen, demzufolge die Mönche sich der Augsburger Konfession gemäß verhalten sollten und 1566 schließlich das Kloster aufgehoben. 1697 gaben die Franzosen die Kirche dem Augustiner-Orden zurück. Die evangelische Gemeinde Ravengiersburg stand von da an in pfarramtlicher Verbindung mit Ohlweiler, behielt aber ihr eigenes Presbyterium. Ohlweiler hatte vor dem 30-jährigen Krieg eine eigene Pfarrei gebildet. Nachdem aber in Ohlweiler das Pfarrhaus abgebrannt war, mussten beide Orte von Simmern aus verwaltet werden und wurden durch den Rektor der Simmerner Lateinschule bedient. Erst 1883 erfolgte die Trennung von Simmern. Die Evangelische Kirche Ohlweiler wurde 1788 anstelle eines mittelalterlichen Vorgängerbaus errichtet. In Ravengiersburg ersetzte die 1908 eingeweihte neue Evangelische Kirche ein bescheidenes Gotteshaus von 1712.

„…bin der herren reformirten ihr knecht nit…“: Der Kirchenstreit zu Kappel

Das Archiv der Kirchengemeinde Kappel enthält ein umfangreiches Konvolut zum Verhältnis der beiden christlichen Konfessionen im 18. Jahrhundert. Die evangelischen und katholischen Bewohner des Hunsrücksdorfes nahe Kirchberg waren seit 1688 in einem Simultaneum zusammengepfercht, das wiederholt zu Konflikten führte und sich in unzähligen Eingaben an vorgesetzte Behörden niederschlug. Es gab Streit um das Geläut, den Bau des Schulhauses und vor allem hinsichtlich der gemeinsamen Nutzung der Kirche. 1742 war ein neues Gotteshaus anstelle eines maroden Vorgängerbaus errichtet worden, der sich auf einer in demselben Bestand erhaltenen, „daß dorff Cappel“ überschriebenen und sicherlich idealisierten oder symbolischen Darstellung von 1726 als hellrot getünchtes Gebäude mit Rundfenster im Turm und steilem, schiefergedecktem Turmhelm zeigt.

„das dorff Cappel“ (1726), aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 096B Nr. 10
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Konfirmation – nicht immer ein freudiger Anlass

Wird eine Konfirmation heute (wenn auch nicht in Corona-Zeiten) üblicherweise als großes Familienfest begangen, war sie früher nicht immer ein freudiger Anlass für die Konfirmanden. Im Archiv der Kirchengemeinde Kellenbach, das bei der Evangelischen Archivstelle Boppard aufbewahrt wird, finden sich im Zeitraum zwischen 1833 und 1874 (vor allem in den Jahren um 1850) zahlreiche Gesuche auf Freistellung vom gesetzlichen Konfirmationsalter und somit auf eine vorgezogene Konfirmation. Ein solcher Dispens musste beantragt werden, sofern das Kind am Tag der Konfirmation das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte. Hauptgrund für die Gesuche war die wirtschaftliche Not der Eltern, denn mit der Konfirmation war die Entlassung aus der Schule verbunden und die Kinder konnten fortan uneingeschränkt als Arbeitskraft eingesetzt oder in die Lehre gegeben werden.

Verzeichnis von 1853, aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 129B Kellenbach Nr. 23

So wünschte der Schmied Nicolaus Fuchs, „der fast einzig mit seiner Hände Arbeit eine zahlreiche Familie zu ernähren hat“, dass seine Tochter Catharina Elisabeth 1839 vorzeitig konfirmiert werde, damit sie „im Hauswesen seine kränkliche Frau unterstützen, und er zur Erleichterung seiner Familienlast alsdann eine ältere Tochter in Dienst geben könne.“ Die Quelle wirft ein Licht auf die offenbar teils dramatische soziale und wirtschaftliche Lage der Einwohner des Hunsrückortes. Bis zu 20 % der Kinder eines Konfirmationsjahrgangs wurden um 1850 in Kellenbach frühzeitig konfirmiert, 1852 sogar gut ein Drittel. Ein Großteil der Antragsteller wird als „arm“, teils auch als „bettelarm“ oder „blutarm“ beschrieben, die Familien als kinderreich, auch mittellose Witwen finden sich häufig.

In den meisten Fällen sollten die Kinder, egal ob Junge oder Mädchen, unmittelbar nach der Konfirmation „verdingt“ werden, mussten also mit noch nicht einmal 14 Jahren eine Arbeit als Knecht, Gehilfe oder Dienstmädchen aufnehmen und fortan für sich selbst sorgen. So etwa Jacob Bickler, von dem es 1850 heißt: „Der Knabe ist ein armes Waisenkind. Der Vormund und Onkel nahm ihn nach dem Tode der Eltern in sein Haus auf und will ihn nun verdingen.“ Einige Jungen immerhin konnten ein Handwerk lernen. In Einzelfällen werden auch gesundheitliche Gründe angegeben, etwa 1842 im Fall von Anna Katharina Mohr, deren Vater, „ein ärmlicher kränklicher Ackersmann“, […] die Confirmation dieses seines Kindes [wünscht], welches an großer Nervenschwäche leidet, weil er hofft, dass es, wenn es vom Schulbesuch befreit ist, gesunden werde“, oder 1853 bei Peter Mildenberger, der „fast blind [ist] und von seinen Mitschülern geführt werden [muss], daher ihm der Weg sehr beschwerlich wird.“

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Von Vorherrschaft und Volksnähe: Königlicher Besuch in Boppard 1852

aus Bestand: AEKR 4KG 030B, A 13

Im Archiv der Kirchengemeinde Boppard wird ein besonderes Album aufbewahrt. Die „Erinnerungsblätter an die Einweihung der Evangelischen Kirche zu Boppard, verherrlicht durch die Anwesenheit ihres Bau- und Schutz-Herrn Sr. Majestät des Königs von Preußen Friedrich Wilhelm IV.“ enthalten die eigenhändigen Unterschriften des Monarchen und seiner Entourage, die sich anlässlich der Feierlichkeiten am 29. Juni 1852 in der Stadt im romantischen Oberen Mittelrheintal die Ehre gaben. Der bekanntlich für Kunst und Architektur schwärmende Friedrich Wilhelm, Initiator zahlloser Bau- und Restaurierungsprojekte im Rheinland, hatte zuvor höchstpersönlich mehrfach in die Pläne des Architekten Johann Claudius von Lassaulx eingegriffen und veranlasst, das statt des ursprünglich geplanten Bethauses eine der wachsenden Gemeinde angemessene Kirche mit vorgelagerter Säulenhalle errichtet werde und das noch von seinem Vater Friedrich Wilhelm III. genehmigte Budget entsprechend aufgestockt. Während der Bauzeit reiste Ortspfarrer Heinrich Bungeroth regelmäßig in die nur knapp 15 km von Boppard entfernte Sommerresidenz des Monarchen Schloss Stolzenfels, um diesen über den Fortgang der Arbeiten informieren, und mehrfach machte der König auch selbst in Boppard Station, um die Baustelle zu besichtigen oder mit dem Pfarrer den Festablauf der Einweihung zu besprechen.

aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 030B, A 13

Die Feierlichkeiten am 29. Juni 1852 gerieten zu einer wahren Demonstration von preußischer Vorherrschaft und königlicher Volksnähe. Gegen neun Uhr morgens trafen Friedrich Wilhelm IV., sein Bruder Prinz Wilhelm (der spätere Kaiser Wilhelm I.) und dessen Ehefrau Prinzessin Augusta (die auch schon der Grundsteinlegung am 26. August 1850 beigewohnt hatte) mitsamt einer illustren Delegation aus Spitzenbeamten und -militärs per Dampfschiff in Boppard ein. Wie dem Album zu entnehmen ist, gehörten zu den Festgästen der Oberpräsident der Rheinprovinz Hans-Hugo von Kleist-Retzow, Regierungsvizepräsident Friedrich von Spankeren, der Geheime Kabinettrat Ernst Emil Illaire, der Geheime Regierungsrat und Kabinettssekretär Marcus von Niebuhr, General Karl von der Groeben, Generalleutnant und Schlosshauptmann von Stolzenfels Philipp von Wussow, Hofmarschall Iwan Gustav Alexander von Keller, der Flügeladjutant des Königs Oberst von Schoeler sowie vermutlich der Präsident des Evangelischen Kirchentages Moritz August von Bethmann-Hollweg. Nach der Weihe der Christuskirche durch den Generalsuperintendenten der Rheinprovinz Dr. Georg August Ludwig Schmidtborn in Anwesenheit zahlreicher evangelischer Geistlicher trug sich der König als erstes in das Erinnerungsalbum ein: „Der Herr hat sein Haus gegründet“, schrieb er, „Er wird es erhalten und erweitern.“ Das sollte sich bewahrheiten. Die noch junge evangelische Kirchengemeinde konnte sich eines starken Partners gewiss sein.

aus Bestand: AEKR 4KG 030B, A 13

Literatur: Hildegard Tschenett, Christuskirche Boppard, hg. v. d. Evangelischen Kirchengemeinde Boppard, Boppard 2019.

Das Findbuch der Kirchengemeinde Merxheim-Weiler ist online

Porträt (Scherenschnitt) des Pfarrers Karl Chelius (1835-1838), aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 121B (Merxheim-Weiler), Nr. 9

Neu auf der Website des Archivs ist das Findbuch der Kirchengemeinde 4KG 121B Merxheim-Weiler. In Merxheim hielt das Luthertum zwischen 1541 und 1554 Einzug. 1866 kam der Ort mit dem Oberamt Meisenheim an Preußen, am Reformationsfest 1870 trat die Gemeinde der Union bei. Im selben Jahr fielen Pfarrhaus und Kirche einem Großbrand zum Opfer und wurden bis 1874 wieder aufgebaut. Weiler wurde 1540-50 durch die Reformation von der bisherigen Muttergemeinde Simmern unter Dhaun gelöst und eigene Pfarrei. Die evangelische Kirche wird als Tochterkirche von Simmern bereits 1349 erstmals erwähnt. 1716 wurde Seesbach nach Weiler überwiesen. Die um 1000 dort erbaute Semendiskapelle diente von 1716 bis 1889 als Simultaneum, 1911 konnte die neue evangelische Kirche eingeweiht werden. Die Evangelische Kirchengemeinde Merxheim-Weiler wurde am 1.7.1973 errichtet, am 1.7.1979 nach dem erneuten Anschluss des zwischenzeitlich mit Monzingen vereinigten Seesbach in Merxheim umbenannt und am 1.1.2016 schließlich mit Meddersheim und Monzingen zur Gemeinde Mittlere Nahe zusammengeschlossen. Das Schriftgut umfasst einen Zeitraum von 1484 bis 2016 und beeindruckt u.a. durch seinen Altbestand, der in Einzelstücken noch in vorreformatorische Zeit zurückreicht (verschiedene Dokumente zur Orts- und Regionalgeschichte ab 1484, Einkünfte und Kapitalien vor 1532, Pfarrkompetenz ab 1598, Schulwesen ab 1660, Simultaneum in Weiler und Seesbach ab 1698).