„Kulturkampf am Deutschen Eck“ – Der Koblenzer Schulstreit 1966

Undatierte Karikatur zum Schulstreit; aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 050B, Nr. 342

Die Eltern der Schülerinnen und Schüler der evangelischen Volksschule Koblenz-Horchheim erwartete am 21. März 1966 eine böse Überraschung: Bei einer Versammlung auf Einladung des Stadtschulamts im frisch renovierten Schulgebäude wurden den Erziehungsberechtigten nicht – wie erwartet – die schönen neuen Räumlichkeiten präsentiert, vielmehr eröffnete man den Anwesenden, dass nach der Renovierung, Erweiterung und Modernisierung des Schulgebäudes, das Größtenteils von der katholischen Volkschule genutzt wurde, der evangelische Teil aufgelöst werden solle. Die Schüler der zweiklassigen evangelischen Zwergschule Horchheim sollten in die achtklassige evangelische Volksschule auf der Pfaffendorfer Höhe eingeschult werden. Was als „organisatorische Verbesserung der Schulverhältnisse“ gedacht war, sorgte für Aufruhr. In einer Zeit, als Elterntaxis noch unbekannt waren, hätte der Wechsel für die evangelischen Kinder künftig zu Fuß einen Schulweg von jeweils über eine Stunde bedeutet, noch dazu mit Überquerung der stark befahrenen B 42. Die in Aussicht gestellte Bereitstellung von Schulbussen konnte die empörten Eltern nicht beruhigen: „Auch dann“, so ein Rundschreiben nach der Versammlung, „sind nicht alle Gefahren gebannt: z.B. ein Kind wird während der Schulzeit unwohl. Wie kommt es schnell nach Hause? Unterrichtsschluß ist unterschiedlich. Es gibt Lehrerkonferenzen u.a.m. Die Kinder sind dann gezwungen, zu Fuß nach Hause zu gehen oder bis zum Eintreffen des Omnibusses zu warten und sind ohne Aufsicht. […] Oder die Kinder verpassen den Omnibus bei der Hinbringung oder Rückfahrt!!! […] Zusammengefaßt darf man wohl sagen, daß die geplante Regelung für die Eltern und insbesondere die Kinder unzumutbar ist.“

Komplizierte Schulsituation auf der linken Moselseite (Zeitungsausschnitt v. 20.10.1966); aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 050B, Nr. 342

Hintergrund der Maßnahme war eine umfassende Neuorganisation des Koblenzer Schulwesens. Wie in Horchheim gab es überall auf Stadtgebiet durch die strikte konfessionelle Trennung der Volksschulen zahlreiche Kleinstschulen mit nur ein oder zwei Klassen für mehrere Jahrgänge. Diese sollten aufgelöst und deren Schüler zentral in voll ausgebauten Konfessionsschulen unterrichtet werden. Betroffen waren neben den rechtsrheinisch gelegenen Stadteilen Horchheim und Pfaffendorf besonders links der Mosel angesiedelte Schulen in Metternich, Lützel, Neuendorf und Wallersheim.

An den Bemühungen um die Verbesserung der Schulverhältnisse entzündete sich eine leidenschaftlich geführte Diskussion um die Einführung von christlichen Gemeinschaftsschulen. Die Auseinandersetzungen begannen mit dem Austritt von Oberbürgermeister Willi Werner Macke aus der CDU. Macke, dessen Verhältnis zum Stadtrat ohnehin angespannt war, lehnte die von der Verwaltung vorgesehene Unterrichtung der Schulkinder auf konfessioneller Basis ab, da er sie für nicht mehr zeitgemäß betrachtete: „Alle Städte sollten dazu kommen, die Trennung in den Schulen zu überwinden und Wege zur gemeinsamen christlichen Erziehung der Kinder einzuschlagen!“, erklärte er am 24. März 1966 der versammelten Presse. Die nun entbrannte Kontroverse mit offenen Briefen, Flugblattaktionen, öffentlichen Diskussionen, Elternversammlungen und Fehden in den örtlichen Zeitungen, bei der Kirchen und Parteien kräftig mitmischten, fand weit über die Stadtgrenzen hinaus Beachtung. Im Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Koblenz-Pfaffendorf, der Horchheim angehört, ist eine umfangreiche, hochinteressante Materialsammlung dazu überliefert.

Der Fall weitete sich zu einem „Kulturkampf am Deutschen Eck“ aus, wie eine Koblenzer Zeitung am 2. Juni 1966 titelte. Auch in Mainz wurde der Schulstreit angesichts im Frühjahr anstehender Landtagswahlen und gegenwärtiger Beratungen zur Neufassung des Volksschulgesetzes aufmerksam verfolgt. Ein Elternvotum zur Umwandlung von sechs katholischen und drei evangelischen Koblenzer Volksschulen in christliche Gemeinschaftsschulen brachte indes ebenfalls keine Klarheit. Während sich über die Hälfte der evangelischen Eltern für die Umwandlung aussprach, blieben drei Viertel der katholischen Eltern der Abstimmung fern. Somit behielten die katholischen Volksschulen ihren bisherigen Status, während die evangelischen zu christlichen Gemeinschaftsschulen wurden. Gleichzeitig musste für die Kinder von evangelischen Eltern, die sich gegen eine Umwandlung ausgesprochen hatten, eine neue Konfessionsschule eingerichtet werden. Für Kinder katholischer Eltern, die für die Gemeinschaftsschule gestimmt hatten, benötigte man hingegen Simultanschulen. Endgültig beigelegt wurde der Schulstreit erst mit der landesweiten Umwandlung aller staatlichen Konfessionsschulen in Gemeinschaftsschulen 1969. In Horchheim, wo neben der weiterhin bestehenden katholischen Volksschule die evangelische Schule am 1. Dezember 1966 in eine christliche Simultanschule überführt worden war, wurde aus den beiden bisherigen Schulen schließlich am 1. August 1969 die Grundschule Koblenz-Horchheim gebildet.

Siehe auch: Konfessionell oder simultan? Der „Koblenzer Schulstreit“ 1966-1969

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