Karneval- und Fastnachtsbräuche: Britzen, Vuujagen, Heringschlaare und Scheibenschlagen

Karnevalssitzung im Rheinland, Fotograf: Hans Lachmann, Datum: ca. 1979, Signatur: AEKR 8SL 046 (Bildarchiv), BRD_1979_2034. CC BY-SA 4.0/Hans Lachmann

Das närrische Treiben ist in vollem Gange und die fünfte Jahreszeit steuert mit Rosenmontag auf seinen Höhepunkt zu. Wie es sich gehört, werden Karnevalssitzungen abgehalten und Büttenreden geschwungen. Man kostümiert sich farbenfroh, man singt, man schunkelt und wappnet sich bei Wind und Wetter für die zahlreichen Straßenumzüge – so ist es nun mal Brauch. Doch auch Bräuche unterliegen dem Wandel. Während sich einige tatsächlich bis in unsere Gegenwart gehalten haben, sind andere hingegen bereits in Vergessenheit geraten.

Das Wort „Karneval“ ist dem italienischen „carnevale“ entlehnt und bedeutet so viel wie „Fleischwegnahme“. Damit war ursprünglich der letzte Tag vor der Fastenzeit umrissen, die mit Aschermittwoch beginnt und mit dem Karsamstag endet. Seit dem 13. Jahrhundert beschränken sich die Feierlichkeiten jedoch längst nicht mehr auf diesen einen Tag, an dem die normale gesellschaftliche Ordnung tüchtig auf den Kopf gestellt wird – oft zum Unmut des klerikalen Standes. Das bunte Treiben beginnt an Altweiberdonnerstag und zieht sich bis zum Veilchendienstag hin. Seit dem 19. Jahrhundert wird die fünfte Jahreszeit zudem bereits am 11. November eingeläutet. In Düsseldorf wird dies beispielsweise an der Symbolfigur des Hoppeditz verdeutlicht, der am 11.11. um 11:11 Uhr erwacht und den Startschuss für die närrische Saison in der Landeshauptstadt gibt.

Während der Hoppeditz vielen ein Begriff ist, dürfte der ältere Fastnachtsbrauch des „Britzen“ nicht mehr geläufig sein, zumal er sich auf niederrheinische Ortschaften wie Viersen-Dülken, Grefrath und Kempen beschränkte. Dabei wählte eine Gruppe Junggesellen gut zwei Wochen vor Fastnacht einen Heär oder König, einen Vizekönig sowie einen Britzenschläger, der auch Bretzmeester genannt wurde. Letzterer erhielt als Statussymbol eine Britse, ein langes viereckiges, mehrmals gespaltenes Holz, das von Mädchen mit bunten Bändern geschmückt wurde. An Karneval zog das männliche Jungvolk damit musizierend durch den Ort, wobei der Bretzmeester im Takt der Musik seine Britse führte. Verstieß jemand gegen närrische Sitten, wurde der Schuldige zum Bretzenmeister geführt. Zur Strafe musste sich der „Angeklagte“ mit dem Rücken zum Bretzmeester auf einen Stuhl setzen und wurde von diesem mit der Britse ausgepeitscht, während die Umstehenden ein Britsenlied sangen. Abends kehrte man schließlich gemeinsam in eine Gaststätte ein, um die Festivitäten mit Tanzeinlagen ausklingen zu lassen. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geriet dieser Brauch dann allmählich in Vergessenheit.

Weniger martialisch mutet hingegen das „Vuujagen“ an. Diese inzwischen ebenfalls ausgestorbene Tradition war nicht nur am gesamten Niederrhein, sondern auch in der niederländischen Provinz Limburg bekannt. „Vuu“ oder „Fuu“ stammt aus dem Niederländischen und bezeichnet eine Gabe oder ein Trinkgeld. Beim „Vuujagen“, wie die Fastnachtstage im 19. Jahrhundert bezeichnet wurden, zogen maskierte junge Männer zu Fuß oder zu Pferd durch die Gegend und gaben ihre Heischelieder (Vuulieder) zum Besten.


Wän öt Fasteloavend ös,
Dan schlaare wör de Vuu,
Aier, Aier en dä Kaas,
On Leäverwuersch dartsuu
“ – Viersen 1875
(Siemes/Philips, S. 101)

Als Dank für ihre musikalischen Darbietungen erhielten sie Wurstwaren, wie Schinken oder Speck, dazu Eier, manchmal auch Bier oder ein paar Münzen. In einem anschließenden „Jeloach“ (Gelage) wurde die Beute gemeinschaftich verspeist.

Karneval im Augustahaus Düsseldorf; Tanzendes Pärchen, Fotograf: Hans Lachmann, Datum: 1960, Signatur: 8SL AEKR 8SL 046 (Bildarchiv), 7_0108045, CC BY-SA 4.0/Hans Lachmann

Doch „Vuulieder“ kannten noch einen anderen Zweck. Bauernsöhne aus wohlhabenderen Familien ritten auf ihren stattlichsten Rössern zu Höfen, auf denen heiratsfähige Töchter wohnten. Diesen brachte man ein Vuulied dar und erhielt im Gegenzug eine kleine Bewirtung. Anschließend banden die Herzensdamen den Pferden noch ein Schleifchen in die Mähne. Dieses war farbig codiert und gab dem jungen Mann Auskunft darüber, ob sein Werben Aussicht auf Erfolg hatte. So stand eine rote Schleife für Liebe, eine rosarote für einen letzten Versuch, eine grüne für Hoffnung und eine gelbe zeigte höflich an, dass der junge Mann sich geirrt hat. Während der Brauch des „Schlaifkesrije“ noch bis in die 1950 praktiziert wurde, war der Begriff des „Vuujagen“ schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts längst vergessen.

Bis in die zweite Hälfte des vorherigen Jahrhunderts konnte sich auch der Brauch des „Heringsschlaare“ halten. Bei diesem Spiel wurde ein Salzhering an einer Kordel befestigt. Ein Teilnehmer durfte nun mit verbundenen Augen versuchen, den Hering mit einem Knüppel herunterzuschlagen. Wem dies gelang, musste für die ganze Gesellschaft eine Runde Schnaps oder Bier spendieren.

Ein ebenfalls alter Brauch, der hingegen tatsächlich noch praktiziert wird, ist das „Scheibenschlagen„. Dieser nicht ganz ungefährliche Feuerbrauch ist hautpsächlich in Südbaden, im Schwarzwald, in Teilen Österreichs oder im Elsass anzutreffen. Dabei kommt man am ersten Wochenende nach Aschermittwoch zusammen, um große Feuer zu entzünden. In diese Feuer werden Holzscheiben gehalten und zum Glühen gebracht. Anschließend werden sie mit Hilfe langer Stangen über einem Brett abgeschlagen. Beim Abschlagen wird zudem noch ein Sprüchlein gesprochen. Die Scheibe selbst ist dabei oftmals einer Person gewidmet. Mit dem Scheibenschlagen wird symbolisch der Winter verabschiedet und der Frühling eingeleitet.


Mehr zu alten, vergessenen oder neuen Fastnachtsbräuchen gibt es u.a. bei Willi Everding, Helene Siemes und Gerd Philips.
In diesem Sinne fröhliches Fastnachtstreiben!

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