Über Ulrich Dühr

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„Der letzte Briefwechsel ist schon fast archivreif“

Bei der Recherche in dem Nachlass des Pfarrers Wolfgang Scherffig fiel mir in einer Akte mit Korrespondenz ein Begriff ins Auge, der in den Arbeitsalltag eines Archivars gehört, den ich aber nicht in einem Briefwechsel zweier Pfarrer vermutet hätte. Scherffig schreibt am 09.10.1957 an seinen Amtskollegen Pfarrer Lassek in Baruth/Mark in Brandenburg in der DDR:

Die Monate rollen uns unter den Händen fort und nach einiger Zeit stellen wir fest, dass der letzte Briefwechsel schon fast archivreif ist.

Ich finde es wirklich erstaunlich, dass Scherffig hier diesen Fachbegriff verwendet. Eine Umschreibung wie „unser letzter Briefwechsel liegt schon länger zurück“ wäre doch naheliegender gewesen? Wir können Pfarrer Scherffig heute nicht mehr fragen, aber immerhin könnte man ihm eine gewisse Weitsicht attestieren, denn – nicht nur – dieser Schriftwechsel Scherffigs wurde archivreif und ist auch archivwürdig und daher heute Bestandteil des Nachlasses 7NL 038 (Zitate aus Nr. 10). Weiterlesen

Kirche auf dem Irrweg: Gründungsfeier des „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ vor 80 Jahren

Am 6. Mai 1939, heute vor 80 Jahren, trafen sich führende Vertreter der “Deutschen Christen” auf der Wartburg in Eisenach zur Gründungsfeier des “Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben” (die Informationen zu diesem Beitrag entstammen im Wesentlichen dem Artikel bei Wikipedia). Seit 1938 hatte es bei deutschchristlichen Kirchenführern Bestrebungen gegeben, eine „Säuberung“ von Theologie und Kirche von allen jüdischen Bezügen herbeizuführen. Zu diesem Zweck wurde das Institut gegründet, dessen wissenschaftlicher Leiter der Jenaer Professor für Neues Testament, Walter Grundmann, wurde. Es wurden zehn Arbeitskreise eingerichtet; Mitarbeiter aus dem Rheinland waren Bischof Heinrich Oberheid, Superintendent Alfred Thieme (Solingen, 1893-1973, Pfarrer in Solingen-Wald), Pfarrer Karl Dungs (Essen), Pfarrer Heinz Dungs (bis 1937 in Mülheim an der Ruhr, dann Weimar), Pfarrer Heinrich Weinmann (Koblenz-Pfaffendorf, 1898-1977), Professor Wilhelm Schmidt-Japing (Bonn), Professor Rudi Paret (Bonn).
1940 wurde ein “entjudetes” Neues Testament unter dem Titel “Die Botschaft Gottes” herausgegeben, in dem die Bearbeiter die Zitate und Bezüge zum Alten Testament entfernt hatten. Ebenfalls “gesäubert” erschien ein Katechismus mit dem Titel “Deutsche mit Gott.” Als Gesangbuch wurde von dem zuständigen Arbeitskreis “Großer Gott wir loben dich” empfohlen, das die “Nationalkirchliche Einung Deutsche Christen” herausgegeben hatte.
Über diese kirchliche Zielrichtung hinaus war das Institut durch die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen und Organisationen in die nationalsozialistische Politik zur Vernichtung des jüdischen Lebens in Deutschland eingebunden.
Unser Archiv verfügt über einige Quellen zu diesem Institut: Bestand 1OB 002 (Konsistorium der Rheinprovinz) Nr. 2139; 1OB 007 (Provinzialsynodalrat) A VI.2; 8SL 034M (Sammlung Martin Rohkrämer) Nr. 69. Die Bearbeitung des Neuen Testaments unter dem Titel “Die Botschaft Gottes” befindet sich im Bestand der Archivbibliothek unter der Signatur Ab 10 i 001.
Eine wissenschaftliche Arbeit über das Institut hat Oliver Arnold 2010 vorgelegt. Im September 2019 soll eine Sonderausstellung des Eisenacher Lutherhauses über das Institut eröffnet werden.

April Challenge #Archive30 – Tag 30: Why Archives?

Eine Antwort gibt die Historikerin Dr. Katharina Kunter in der Zeitschrift „Chrismon“, Ausgabe 12/2018, S. 26-27, in ihrem Beitrag „Trauermarsch und weiße Rosen. Kann man aus der Geschichte lernen? Ja schon, und Traditionen für höchst durchsichtige politische Ziele missbrauchen.“ Online kann man den Artikel hier lesen. Sie führt Beispiele auf, an denen

„ein Muster erkennbar ist, das für autoritäres Denken typisch ist. Die Vergangenheit verschmilzt mit der Gegenwart und schafft einen neuen politischen Sinn. Dadurch verliert jedoch die Geschichte ihre ganz eigene, besondere Prägung. Sie läuft aus der Zeit hinaus, sie wird überzeitlich. Sie wird ein Dogma, ein Mythos oder eine absolute Wahrheit.
Wenn die historische Wirklichkeit aber keine Rolle mehr spielt, kann man alles mit ihr machen – vergleichen, rechtfertigen, vereinnahmen, ausgrenzen, polarisieren oder provozieren. Nur sachlich differenziert und offen gegenüber anderen Meinungen diskutieren, das kann und soll man bei einem solchen Geschichtsmodell nicht mehr.

Meine professionelle Aufgabe als Historikerin ist, zu erklären, wie die Welt von heute geschichtlich geworden ist. … Wie ein Detektiv verfolge ich Spuren in die Vergangenheit. … Dazu brauche ich Informationen und Dokumente. Es müssen viele sein, und sie müssen einen systematischen Überblick erlauben. Erst dann kann ich Fakten logisch erklären und ihnen einen Sinn geben.
Über diese Deutung kann diskutiert werden. Zum Beispoiel, wenn neue Fragen oder neue Quellen auftauchen. Und ich kann auch etwas von ihr lernen. …“

Darum Archive!

April Challenge #Archive30 – Tag 28: Outreach

Analoge Öffentlichkeitsarbeit des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland

Das Thema ist „Outreach“ – „Reichweite“, der Begriff auf der deutschsprachigen Themenliste lautet allerdings „Öffentlichkeitsarbeit“. Bezogen auf das Landeskirchliche Archiv könnte man feststellen, das Archiv habe bis zum Jahr 2000 kaum Öffentlichkeitsarbeit, aber doch eine Reichweite gehabt.

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April Challenge #Archive30 – Tag 12: Letters

Heinrich Rebensburg und Emilie Brandenburg als junge Eheleute, Bestand: 7Nl 030 (Nachlass Pfarrer Heinrich Lücke), 27

Das Stichwort „Letters – Briefe“ macht es mir leicht und gleichzeitig schwer: Das Archiv ist voll von Briefen, denn auch die Archivalien aus dem Bereich der Verwaltungen bestehen ja zu einem großen Teil aus Korrespondenzen. Es war so ein bisschen wie mit dem Finger über der Landkarte: kreisen und einen Zufallstreffer landen. Bei mir ist es ein Glückwunschschreiben vom 4. Oktober 1873 anlässlich der Verlobung von Heinrich Rebensburg und Emilie Brandenburg aus (Wuppertal-)Barmen geworden. Sie sind die Großeltern des Pfarrers Heinrich Lücke (1912-1995), mit dessen Nachlass (Archivbestand 7NL 030) diese Familienbriefe in unser Archiv gelangt sind.

Heinrich Rebensburg wurde am 12. August 1846 in Barmen geboren. Er ist Kaufmann und war als Soldat im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Emilie Brandenburg ist vier Jahre älter (geb. 8.2.1842); die beiden kennen sich bereits aus Kindertagen (Heinrich Lücke: Aus dem Leben meines Großvaters, 7NL 030 Nr. 27).

Jetzt sollen die Briefschreiber aus Dortmund, Onkel W. Düngelmann und Tante Alwine, zu Wort kommen:

Brief an Heinrich Rebensburg von Onkel W. Düngelmann und Tante Alwine, Bestand: 7NL 030 (Nachlass Heinrich Lücke), 92

„Lieber Heinrich, liebe Emilie! Zu Eurer Verlobung wünschen wir Euch und Euern Eltern das Glück in reichstem Maße!!! Wol selten werden sich zwei Herzen vereinigen, die so durch und durch in allen Hauptfragen einerlei Meinung sind, und darf man mit gutem Grund hoffen, daß diese Verbindung von Gottes bestem Segen begleitet sein wird. Überrascht habt Ihr uns mit dieser Nachricht gar nicht, denn wir sahen lange, daß die liebenden Sterne (die Augen) einmal eine Bahn verfolgen würden.

Lieber Heinrich! Du hast Dir eine Perle Barmens errungen, ein schlichtes, bescheidenes, häusliches und, was die Hauptsache ist, gottseliges Kind, dem Wahrheit aus dem Gesicht schaut. – Und Du – Liebe Emilie! findest einen biedern, treuherzigen Burschen, der mit seinen treuen blauen Augen Jeden anheimelt, der mit ihm verkehrt.

Nehmt’s nicht als Lobspenderei, sondern als Ueberzeugung; Ihr kennt mich; und es ist allerdings eine Gratulation eigener Art, aber sie ist die Wahrheit.

Schließlich unsere besten Grüße an Euch und Euere Familien,
Euere Onkel W. Düngelmann
Tante Alwine [Düngelmann]

April Challenge #Archive30 – Tag 10: Animals, Teil 1

Tiere und Archiv – nein, ich möchte nicht über die Tierchen schreiben, die man im Archiv gar nicht gerne sieht. Hier soll es heute um Tiere gehen, von denen wir sehr spezielle Abbildungen in unserem Archiv besitzen: Tiermotive auf Kirchensiegeln. Über Kirchensiegel und deren Künstler haben wir bereits mehrfach berichtet (Suche in diesem Blog: Kirchensiegel). Ich stellte mir heute die Frage: Welche Tiermotive zieren die Siegel der evangelischen Kirchengemeinden z.B. im Bereich der Stadt Essen?

Siegel der Evangelischen Kirchengemeinde Essen-Holsterhausen, Kirchenkreis Essen, Siegelumschrift: „Evangelische Kirchengemeinde Essen-Holsterhausen“, Symbol: Kreuz, Schlange, 1. Kor. 15, 55-58, außer Geltung gesetzt nach Fusion der Essener Kirchenkreise zum 1.7.2008

In unserer digitalen Siegelsammlung wurde ich fündig: In den Siegeln von sechs Essener Kirchengemeinden ermittelte ich Tierdarstellungen:

Die Schlange ist in zwei Gemeinden im Siegel abgebildet. Nach dem Schöpfungsbericht im Buch Genesis überredet die Schlange im Paradies Eva, von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen (der berüchtigte „Apfel“); sie gilt auch als Synonym für den Satan. Die Schlange ringelt sich im Siegelbild der Kirchengemeinde Essen-Holsterhausen neben dem Kreuz, in dem der Kirchengemeinde Werden am Kreuz.

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April Challenge #Archive30 – Tag 6: Patterns

„Burcard Gotthelff Struvens Ausführliche Historie der Religions-Beschwerden zwischen denen Römisch-Catholischen und Evangelischen im Teutschen Reich“, erschienen in Leipzig in zwei Bänden 1722

Patterns – Muster, das ist ein weites Feld, auch im Archiv. Zunächst dachte ich an Muster von Ablagesystemen und dachte, ich hätte da etwas im Schrank. Ich fand aber nichts, also habe ich es wohl weggeschmissen. In ein Archiv passen auch Formularsammlungen, das sind ja auch Muster. Staub-trockenes Thema, unsere Kollegen im Zweigarchiv in Boppard haben entsprechende Sammlungen, wir wohl nicht. Dann fielen mir Schriftmuster ein, Vorlagen z.B. der Buchstaben in der alten deutschen Schreibschrift, die vielen Archivbenutzern das Lesen der Handschriften bis in Zeit der 1940er Jahre erschwert.

Präsentieren möchte ich aber andere Muster: Alte Bücher haben teilweise Einbände, die Muster aufweisen, entweder außen auf dem Vorder- und Hinterdeckel, oder, wie in meinem Beispiel, auf dem Innendeckel, auch als Spiegel bezeichnet. Der Spiegel wurde meistens aus aufgeklebten Papier- oder Pergamentblättern hergestellt. Im vorliegenden Fall ist es ein farbenfroher, teils wellenförmiger Schmuck. Aufgeklebt ist ein Exlibris, also eine Marke, die zur Kennzeichnung des Eigentümers des Buches dient. Wer hinter den Initialen steckt, ist unbekannt. Das Buch stammt aus dem Nachlass des Professors Gerhard Goeters, der es wiederum von seinem Vater, Professor Wilhelm Goters, geerbt hatte (siehe den handschriftlichen Eintrag auf der rechten Seite oben „W.G. Goeters“). Es handelt sich um das Werk „Burcard Gotthelff Struvens Ausführliche Historie der Religions-Beschwerden zwischen denen Römisch-Catholischen und Evangelischen im Teutschen Reich“, erschienen in Leipzig in zwei Bänden 1722 (Archivbibliothek Goe 251).