Über Ulrich Dühr

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Ein Archivbesuch in der Literatur: „Ich spürte einen Anflug von Feierlichkeit, ein gespanntes Kribbeln“

Ich habe gerade den Roman „Machandel“ von Regina Scheer gelesen. Dieses im Jahr 2014 erschienene Buch erzählt eine Familiengeschichte in der DDR in Ost-Berlin und dem kleinen Dorf Machandel in Mecklenburg. Aus der Sicht von fünf Personen wird in 25 Kapiteln diese Familiengeschichte mehrerer Jahrzehnte für die Lesenden zusammengefügt. Eine dieser Personen ist Herbert, ein Jugendfreund des Bruders der Hauptprotagonistin Clara. Herbert ist Historiker und arbeitet nach der Wende in den 1990er Jahren an dem Thema der Verstaatlichung der preußischen Eisenbahnen. In diesem Zusammenhang fand ich auf Seite 423 des Romas den folgenden Abschnitt über seine Besuche im Archiv:

„Eine Stunde später war ich im Archiv, froh, dass ich dort sitzen konnte, um mich herum das Rascheln von Papier und das leise Klappern der Tastaturen. Ich berührte die Akte vor mir mitsamt ihren Stempeln und Kürzeln aus vergangenen Jahrhunderten, spürte wie immer in solchen Momenten einen Anflug von Feierlichkeit, ein gespanntes Kribbeln, eine Neugier. Was würde mir diesmal entgegenkommen, wenn ich das vergilbte Papier umblätterte? Es war jedes Mal ein Gang in Unbekanntes, Dunkles: in Räume, die sich überraschend öffneten, oder durch Gänge, die ins Nichts führten, man musste aufpassen, dass man nicht ausrutschte, es gab keinen vorgezeichneten Weg. Immer wieder erfuhr ich, wie scheinbar Vergangenes in die Gegenwart führt, wie es immer um dasselbe geht – um Menschen und ihre Träume, um Macht und Ohnmacht. Und die Dinge sind selten so, wie sie scheinen.“

Regina Scheer, Machandel, 2014, S. 423

In diesem Sinne würden wir uns freuen, Sie in unserem Archiv begrüßen zu dürfen!

Der Fürst von Nassau als Spiel- und Spaßverderber?

Bereits mit Datum vom 29. April 1768 hatte Carl, Fürst zu Nassau, Graf zu Saarbrücken und Saarwerden, Herr zu Lahr, Wißbaden und Idstein etc. verordnet, in welchem beschränkten Rahmen seine Untertanen Hochzeiten, Kindstaufen und Begräbnisse begehen dürfen:

Verordnung von Carl, Fürst zu Nassau, vom 29.04.1768, Titelblatt. AEKR Düsseldorf 1OB 022 Nr. 648

Zur Hochzeit, bei der „durchaus Zucht und Ehrbarkeit beobachtet“ werden solle, dürften „nicht mehr als „höchstens 12 Gäste, ausschließlich der im Hochzeit-Hauß befindlichen Familie“ geladen werden. „Kein Ueberfluß in Essen und Trincken“; „es mag Music und ehrbarer Tanz […] Abends um Zehen Uhr völlig aufgehoben und geendet werden“; „Auch soll von den Gästen […] kein Geschenk […] angenommen werden. Bei Taufen seien weder ein Frühstück vor dem Kirchgang noch eine Mahlzeit in dem „Kindbetter-Haus“ nach der Taufe erlaubt. Leichen dürften nicht in kostbarer Einkleidung, sondern nur im Totenhemd begraben werden, Särge nur aus Tannenholz hergestellt, ohne kostbare Beschläge. „Alle Trost-Weine und Leichen-Schmäuße sind hiermit, bey Zehen Gulden Strafe verbotten.“ Auch das Trauern wurde geregelt, genau genommen geht es um die Frage, wie lange und welche Trauerkleidung getragen werden dürfe.

Verordnung von Carl, Fürst zu Nassau, vom 29.04.1768, S. 3. AEKR Düsseldorf 1OB 022 Nr. 648
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Pfarrer Johannes Rudolf aus Rosbach hatte vier Pfarrer als Schwiegersöhne

Es ist in der Geschichte des evangelischen Pfarrhauses bekannt, dass Pfarrerstöchter nicht selten Theologen geheiratet haben. Mir ist in der Pfarrerhistorie unserer Landeskirche nun eine etwas ungewöhnliche Konstellation aufgefallen, über die ich hier berichten möchte: Ein Pfarrer mit vier Schwiegersöhnen, die ebenfalls Pfarrer waren.

Johannes Rudolf, Pfarrer in Rosbach 1878-1913. Aufnahme aus „400 Jahre Evangelische Kirchengemeinde Rosbach“

Pfarrer Johannes Rudolf wurde am 25.09.1844 in Wülfrath als Sohn eines Pfarrers geboren und starb am 05.11.1915 in Neuwied. Nach seinem Theologiestudium in Halle, Berlin und Bonn wurde er 1878 in die Pfarrstelle der Evangelischen Kirchengemeinde Rosbach an der Sieg gewählt. Politisch ist Rosbach heute Teil der Gemeinde Windeck im Rhein-Sieg-Kreis, die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenkreis An der Agger.

Rudolf heiratete 1879 die aus Gevelsberg stammende Adelheid Bröking, die acht Jahre jünger war als er (geboren 11.02.1853). Das Paar bekam zwischen Dezember 1879 und August 1897 zehn Kinder, einen Sohn und neun Töchter! Der Sohn und Zwillinge starben im ersten Lebensjahr, eine weitere Tochter im siebenten Lebensjahr. Es verblieben also sechs Töchter, von denen vier die Ehe mit Pfarrern eingingen!

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Von Velbert bis Düsseldorf: Tagungsorte der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland

In dieser Woche tagt die 77. Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland in Düsseldorf, dem Sitz der Kirchenleitung und des Landeskirchenamtes. Das klingt logisch, hierhin haben ja auch viele Synodale einen sehr kurzen Anfahrtsweg. Dafür ist es aus dem Saarland und dem Südrhein recht weit bis hier in den Norden der Landeskirche. Der eine oder die andere an der Kirche Interessierte wird sich an den langjährigen Tagungsort Bad Neuenahr erinnern, der tatsächlich fast genau in der Mitte liegt: 2:15 Stunden mit dem Auto von Emmerich, 2:25 Stunden von Saarbrücken. In der 75jährigen Geschichte der Landessynode der EKiR gab es bislang neun verschiedene Tagungsorte!

Erster Tagungsort nach dem Zweiten Weltkrieg war für die Provinzialsynoden 1946 und 1948 – diese konstituierte sich am 09.11.1948 als erste Landessynode – die Stadt Velbert im Städtedreieck Düsseldorf, Essen, Wuppertal. Velbert hatte nicht so umfangreiche Kriegsschäden und neben dem Bürgerhaus genügend kleinere Versammlungsräume. Hier versammelte sich auch die zweite ordentliche Landessynode 1950. Für die Beratung der neuen Kirchenordnung 1951 plante die Kirchenleitung zunächst eine Landessynodale Arbeitstagung in Rengsdorf im Westerwald. Man entschied sich aber für die Abhaltung einer außerordentlichen Landessynode in Rengsdorf in „vereinfachter Form“ und ohne „repräsentativen Charakter“ (28. Sitzung der Kirchenleitung, 20.07.1951, Punkt 8). Eine zweite Tagung dort im Gemeindehaus folgte 1952, ebenso die ordentlichen Landessynoden der Jahre 1953 bis 1958.

Landessynode 1958, Tagung in Rengsdorf, Gemeindehaus. Foto: Hans Lachmann, Bestand: AEKR Düsseldorf 8 SL 046 (Bildarchiv), 0200_0013
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Weihnachten 1923: erste Aufführung eines Krippenspiels in der Johanneskirche in Düsseldorf

Düsseldorfer Sonntagsblatt, Nr. 52, 23.12.1923, S. [4-5]; AEKR, Archivbibliothek, Sign. ZK 65

„Zum ersten Mal wird in diesem Jahr, sowohl in der Kindergottesdienstfeier am 4. Advent, nachmittags 5 Uhr, wie in der Christmette um 1/2 7 Uhr, eine Krippenfeier, wie sie in vielen Gemeinden Deutschlands zur Darstellung gelangte, vom Kirchenchor und Mitgliedern des Lydiavereins geboten werden.“

Der oben zitierte erste Absatz des Beitrags endet mit der Zeile: „Zur Einführung der Besucher sei das Nachfolgende gesagt.“ Es folgt eine inhaltliche Beschreibung des Ablaufs der Feier, dazu ein Verhaltenshinweis, wie er auch heute in den Familiengottesdienstes zu Heiligabend gegeben wird: „Unter den Worten des Liedes schreitet ein langer Zug von Jungfrauen durch den Mittelgang der Kirche, der auf jeden Fall frei bleiben muß.“

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Der Pfarrer mit Presbytern „per Du“ und Skatkumpel – ein Fall der Befangenheit?

Pfarrer Dr. Kurt Beck (1909-1986) war von 1947 bis 1955 Inhaber der dritten Pfarrstelle der Evangelischen Kirchengemeinde Oberhausen I. Bei seinen Personalakten (Bestand 1OB 009 B 293) befinden sich zwei Beiakten wegen der Zwistigkeiten zwischen ihm und Pfarrer Dr. Werner Goßlau (1910-1995). Goßlau war ein Oberhausener „Urgestein“, denn er amtierte beeindruckende 42 Jahre in der Kirchengemeinde Oberhausen I (zweite Pfarrstelle) bzw.nach deren Teilung 1963 bis 1980 in der ersten Pfarrstelle der Christuskirchengemeinde Oberhausen.

Schreiben von Pfarrer Beck an den Superintendenten des Kirchenkreises An der Ruhr vom 21.01.1950, aus Bestand: AEKR 1OB009(Personalakten der Pfarrer), B 293, PA Kurt Beck, Beiakte

Der schmale Band der einen Beiakte trägt den schlichten Titel „Beck gegen Goßlau“ und enthält nur wenige Schreiben aus Januar und Februar 1950. Die Betreffzeile des ersten Schreibens vom 21.01.1950 lässt aufhorchen: „Klarstellung betr. „Skatbruderschaft“ und „Du“-Verkehr mit Gemeindegliedern.“ Hier wendet sich Pfarrer Beck an den Superintendenten, Pfarrer Ernst Barnstein, des Kirchenkreises An der Ruhr, zu dem auch die Kirchengemeinden in Oberhausen zählten. Es geht darum, dass Pfarrer Goßlau nach den Presbyteriumssitzungen im Dezember 1949 und Januar 1950 Bemerkungen über ein „Du-Verhältnis“ von Pfarrer Beck mit drei Presbytern und eine „Skatbruderschaft“ derselben gemacht habe. Eine Rolle spielt das angespannte Verhältnis von Pfarrer Goßlau zum „Südchor“, in dem die angeblichen Skat- und Duz-Brüder von Pfarrer Beck Vorstandsmitglieder seien (so Goßlau im Schreiben vom 02.02.1950).

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Trauerbeflaggung aller öffentlichen Gebäude zum Tod von Papst Pius XII. 1958 – auch von evangelischen Schulen?

Papst Pius XII

Am 9. Oktober 1958 starb in Castel Gandolfo Papst Pius XII. im Alter von 82 Jahren als Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und als Staatsoberhaupt der Vatikanstadt. Auf Grund „einer grundsätzlichen Entscheidung des Herrn Ministerpräsidenten [Franz Meyers, CDU] nicht auf einer Anordnung des Herrn Bundesministers des Innern beruhende Beflaggungsanordnung anläßlich des Ablebens von Papst Pius XII.“ wurde eine Trauerbeflaggung aller öffentlichen Gebäude in Nordrhein-Westfalen für die Dauer von drei Tagen angeordnet (Bestand 1OB 017 I Nr. 215, Schreiben des Innenminsters NRW vom 27. Januar 1959). In anderen Bundesländern scheint es ähnliche Anordnungen gegeben zu haben.

„Nach altem Recht [steht diese Art der Beflaggung] ausländischen Souveränen“ [zu]. Auch sämtliche Schulen waren darin inbegriffen. Als in einzelnen Orten im Bereich der Evangelischen Kirche im Rheinland auch evangelische Bekenntnisschulen zu einer solchen Trauerbeflaggung veranlasst wurden, erhielt die Kirchenleitung Anfragen von Schulleitern, wie sie sich zu verhalten hätten. Wo solche Schule bereits geflaggt hatten, kamen aus den Kirchengemeinden, zumal in Gegenden mit überwiegend evangelischer Bevölkerung, Proteste, die auch in Beschlüssen zweier Kreissynoden wiederholt wurden.

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