Über Dr. Stefan Flesch

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Bericht über das Archiv in EKiR.info

EKiR.info ist der Informationsdienst der Evangelischen Kirche im Rheinland für die Presbyterien. Alle zwei Monate bietet er Interviews, Nachrichten und Berichte für Verantwortungsträger in den Gemeinden.

In der aktuellen Aprilausgabe findet sich auf S. 6-7 ein Beitrag über das Archiv der EKiR. Im Fokus stehen dabei die Serviceleistungen des Archivs für die Gemeinden und Kirchenkreise in der rheinischen Kirche. Neben der klassischen Archivpflege und Registraturberatung geht es auch um die Kooperationsmöglichkeiten bei der Aufarbeitung der örtlichen Kirchengeschichte.

Pfarrer rufen von der Kanzel zur Impfung auf

Die Pocken oder Blattern forderten Ende des 18. Jahrhunderts in Europa ca. 400.000 Todesopfer im Jahr. Der Sieg über diese in Verlauf und Sterblichkeit gleichermaßen schreckliche Krankheit verdankt sich einzig der konsequenten Impfung über 150 Jahre hinweg.

1818, genau 20 Jahre nach der grundlegenden Publikation Edward Jenners zur Schutzwirkung der Kuhpockenimpfung (daher auch Vakzination, vacca (lat.) = Kuh), erhält der junge Haaner Pfarrer Peter Jakob Momm (1784-1847, amtiert 1816-1847 in Haan) Post vom Landrat in Mettmann.

Er möge bitte das beigefügte Publikandum zur Blatternimpfung von der Kanzel verlesen. Dieses bezieht sich auf die 1809 erlassenen preußischen Impfregelungen und schildert zunächst die verheerenden Auswirkungen der Krankheit selbst auf diejenigen, die die Krankheit überlebt haben. Umso mehr könne die Menschheit der gütigen Vorsehung nicht genug danken, die ihr mit der Schutzpockenimpfung ein ebenso leichtes wie zuverlässiges Mittel in die Hände gegeben habe. Nun gelte es aber auch sich so manchen blinden Vorurteilen entgegen zu stellen und an die heilige Pflicht der Eltern zur Impfung zu appellieren. Es folgen genaue Vorgaben zur Quarantäne Erkrankter.

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Die Top Five Statements bei Archivpflegeterminen

Die Archivpflege, also die archivfachliche Beratung der Kirchengemeinden und Kirchenkreise vor Ort, nimmt in der Evangelischen Kirche im Rheinland traditionell einen zentralen Stellenwert ein. Der Sprengel der EKiR, der immer noch exakt der preußischen Rheinprovinz entspricht und sich damit über vier Bundesländer erstreckt, wird von den beiden Archivstandorten Düsseldorf (für den NRW-Teil) und Boppard aus betreut.

In den allermeisten Fällen kommt es dabei zu erfolgreichen Absprachen, die entweder zu einer professionellen Archivordnung oder aber zu räumlich-technischen Sicherungsmaßnahmen führen. Ausnahmen bestätigen jede Regel. Auf der empirischen Grundlage von 28 Berufsjahren und vielen hundert Ortsterminen von Saarbrücken bis Emmerich sei hier eine zugegeben höchst subjektive Auswahl gemeindlicher Reaktionen präsentiert:

Nr. 5: „Wir haben alles an Düsseldorf abgegeben.“

Diese beliebte Reflexantwort auf alle externen Anfragen zu einer Einsicht in die örtlichen Archivbestände ist quantitativ der Klassiker. Es lässt sich aber fast immer befriedigend aufklären, dass die fraglichen Unterlagen doch in der Gemeinde liegen.

Nr. 4: „Wir müssen erst den regionalen Datenschutzbeauftragten konsultieren.“

Ein wissenschaftlicher Benutzer erhielt auf seine Anfrage bei einer Kirchengemeinde erst einmal gar keine Antwort und nach mehrfacher Nachfrage dann diese Auskunft. Ohne jetzt über das grundsätzliche Verhältnis von Archivrecht und Datenschutz zu sinnieren, ist dieser Satz besonders originell, da es im fraglichen Fall um Schriftgut aus dem 18. Jahrhundert ging.

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Feldpost und sonstige Kriegskorrespondenz im Archiv der EKiR

„Was sollen wir sagen, was sollen wir selbst tun, wenn es heißt unter Berufung auf das Erstechen und Massakrieren zurückgebliebener Verwundeter durch die Russen: Gefangene werden nicht gemacht!, wenn für einen vermissten Soldaten 300 Juden an die Wand gestellt werden?“

Dieses Zitat aus einem Brief des im Oktober 1941 gefallenen Hilfspredigers Friedrich Wilhelm Hesse bildet eine seltene Ausnahme. Die regulären Feldpostbriefe unterlagen in allen Kriegen einer rigiden Zensur mit ggf. scharfen Verfolgungsmaßnahmen, zumal 1939-1945 unter den Bedingungen des nationalsozialistischen Staates. Es ist daher gänzlich unrealistisch, hier kritische Äußerungen über die militärische Lage oder gar das politische System als solches zu erwarten. Wenn überhaupt, finden sich diese in privater Kriegskorrespondenz, die etwa von Fronturlaubern mitgenommen worden war.

Eine dritte Kategorie bildet der organisierte Postverkehr zwischen kirchlichen Dienststellen und ihren zum Militär eingezogenen Vikaren und Hilfspredigern. Im Rheinland unternahmen sowohl das NS-affine Konsistorium wie auch der Bruderrat der Bekennenden Kirche große Anstrengungen, den Kontakt zu ihrem kirchlichen Nachwuchs zu halten. Hierzu gibt es bereits eine wissenschaftliche Auswertung, ebenso auch zu den Diakonen der Kreuznacher Brüderschaft Paulinum. Einzelne rheinische Pfarrer hielten seit 1943/44 über Briefe die Verbindung zu ihren ausgebombten und evakuierten Gemeindegliedern in Süddeutschland und Thüringen aufrecht. Schließlich ist noch an Post aus Kriegsgefangenenlagern zu denken.

Dennoch finden sich in allen Briefkategorien mannigfache Untertöne, die Aufschlüsse über den Alltag im Krieg, die Zustände an der sog. Heimatfront sowie die Mentalität  der jungen Kriegsteilnehmer vermitteln.

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Interview mit Prof. Spohnholz zur Faktizität des sogenannten Weseler Konvents 1568

Gleich nach dem soliden Boden von Emden 1571 betreten wir wieder die schwankenden Planken jenes Positionspapiers, das Petrus Dathenus im November 1568 in Wesel verfasst hatte und von seinen Mitstreitern in den kommenden Monaten unterzeichnen ließ. Nachdem das Dokument 50 Jahre lang in einem Londoner Archivschrank geruht hatte, mutierte es in der reformierten Traditionsbildung seit dem 17. Jh. zum Protokoll einer vermeintlichen Synode oder zumindest eines Konvents. Wir haben im Blog erstmals 2017 über die wegweisende Studie des amerikanischen Historikers Jesse Spohnholz berichtet.

Gerade im Rheinland gibt es noch vereinzelte Rückzugsgefechte, um das vermeintlich „älteste rheinische Zeugnis reformierter, presbyterial-synodaler Identitätsfindung“ zu retten, „ein(en) Grundpfeiler rheinischer Kirchengeschichte wie deutscher Kirchenordnungsentwicklung“, wie es 1997 in einem Nachruf auf den Bonner Kirchengeschichtler Gerhard Goeters hieß. Noch 2020 heißt es in einem Abriss zur rheinischen Kirchengeschichte zu dieser Frage: „Auch wenn dies durch neuere Forschungen bezweifelt wird, fand in Wesel 1568 wohl doch ein Konvent niederländischer Gemeinden statt, der die Grundsätze einer reformierten Kirchenordnung beriet.“ Man kommt bei dieser Formulierung nicht umhin, einen gewissen Voluntarismus zu diagnostizieren.

Was hat sich seit 2017 getan? Mehrere positive Rezensionen sind im In- und Ausland erschienen. Mittlerweile ist die Studie von Spohnholz auch als Taschenbuch erschienen. Anfang Januar führte jetzt der Autor ein Interview mit Jana Byars, das als Podcast abrufbar ist. Wer sich nicht von der Dauer (48 min.) und der englischen Sprache abschrecken lässt, erfährt zum einen viel über die historischen Hintergründe des damaligen Geschehens in Wesel und London, zum anderen aber auch über die Wege und Irrwege historischer Traditionsbildung.

450 Jahre Emder Synode

Diese Woche wird die Rheinische Landessynode virtuell abgehalten. Natürlich stehen auch in diesem neuen Format die wichtigen kirchenpolitische Beschlüsse und Wahlen (nicht zuletzt die Wahl eines oder einer neuen Präses) im Fokus der Berichterstattung. Mit Fug und Recht erinnert die Synode aber auch an ihre bedeutende Vorgängerin, die im Oktober 1571 zu Emden zusammentrat und wegweisende Beschlüsse zur künftigen Verfassung der Reformierten Kirchen fasste.

Speziell zur historischen Bedeutung der Emder Synode für die Evangelische Kirche im Rheinland hat das Archiv der EKiR einen kurzen Beitrag verfasst, den Präses Rekowski allen Synodalen im Vorfeld zugesandt hat. Vielfältige weitere Informationen und Hintergründe zum Geschehen in Emden 1571 finden Sie auf der Webseite des Reformierten Bundes

„Finsternis bedecket das Erdreich und Dunkel die Völker“: Aus den Adventspredigten von Heinrich Held vor 80 Jahren

Heinrich Held, Pfarrer in Essen – Rüttenscheid. Hier mit Hilfsprediger Werner Reitz (l) und Vikar Wolfgang Disselhoff (r) im Pfarrgarten, Essen, Reginenstraße 47, 1940. Aus Bestand: AEKR Düsseldorf 8SL046 (Bildarchiv), 80017_053

Heinrich Held (1897-1957), Pfarrer in Essen-Rüttenscheid und 1948 zum ersten Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland gewählt, durfte nach dem Redeverbot, das die Gestapo 1938 gegen ihn verhängt hatte, nur noch in seiner Heimatgemeinde predigen. In der Online-Ausstellung „Evangelischer Widerstand“ und auf unserer Flickr-Präsenz finden Sie zahlreiche Bilddokumente zu seiner Biografie.

Seine im Nachlass überlieferte Adventspredigten aus dem Dezember 1940 enthalten zahlreiche verdeckte Spitzen gegen das NS-Regime. Helds persönlicher Mut ist umso höher zu bewerten, als Hitler damals, ein halbes Jahr nach dem Sieg im Westfeldzug, auf dem Höhepunkt seiner Popularität stand.

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So setzte Held am Ersten Advent unter dem Titelzitat aus Jesaja 60, 2 fort: „ Es wird Menschen geben, die das mit Entrüstung ablehnen, dass Dunkel über den Völkern liegt. Sie werden sagen: Die großen Tage unseres Volkes, die steigen nun mächtig herauf; und die deutsche Sonne, die wird einst über der Welt leuchten. Wir sind keine politischen Propheten, und wir wissen nicht, ob das wahr ist. Aber selbst wenn das so wäre, dann würde der Prophet doch recht behalten… Die Finsternis, die kommt nämlich daher, dass niemand die Bosheit und die Sünde austreiben kann. Mit Kanonen und mit dem Schwerte kann man nicht gegen die Sünde kämpfen.“

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