Am 17. November des vergangenen Jahres feierte meine Heimatgemeinde, die Thomasgemeinde in Essen Stoppenberg/Frillendorf, das 125-jährige Jubiläum ihrer Thomaskirche. (1) Anlässlich des Jubiläums wurde selbstverständlich eine Vielzahl von Vorträgen gehalten, welche das Gemeindeleben oder die ökumenische Arbeit mit der umliegenden kath. Gemeinde thematisierten. Der für mich interessanteste Vortrag referierte die Gründungsgeschichte der Gemeinde. Folglich existiert die Gemeinde bereits seit 1896 und wurde von evangelischen Migranten und Migrantinnen gegründet, die als Arbeitskräfte für den Kohle- und Stahlbau angeworben wurden und so den Weg in das Ruhrgebiet fanden. Geschenke der örtlichen Zechen und der Landeskirche ermöglichten schlussendlich den Bau des ersten Gemeindegebäudes, ehe am 17. November 1900 dann die heutige Thomaskirche eingeweiht werden konnte. (2) Auch meine Großeltern und Urgroßeltern, die in den 1930er Jahren die Reise in das Ruhrgebiet antraten, waren Teil dieser „migrantischen“ Gemeinde. Die Ortsakten (1OB 008 – Ortsakten) veranschaulichen die Symbiose, welche zwischen der Industrie und Migration herrschte. Der „Siedlungsverband Ruhrkohlebezirk zu Essen“ ermöglichte 1923 den Bau von 37 Wohnungen, die aus dem Ruhrkohlefond finanziert worden sind. (3) In einem weiteren Aktenstück ist gar die Rede von 224 Siedlungswohnungen, die ebenfalls aus dem Ruhrkohlefond finanziert wurden, wobei ganze 60 Wohnungen auf die Gemeinde Stoppenberg/Frillendorf entfielen. (4)

Die Errichtung einer derartigen Menge an Siedlungen erscheint doch überraschend, schließlich wurden die Migrationsbewegungen des Ruhrgebiets im ausgehenden 19. Jahrhundert und anfänglichen 20. Jahrhundert doch maßgeblich von den sogenannten „Ruhrpolen“ geprägt. Fälschlicherweise werden die aus Polen stammenden Migranten als „homogene“ Gruppe verstanden, die überwiegend katholisch war. Diese Annahme greift allerdings gänzlich zu kurz. In den polnisch-stämmigen Gebieten herrschte, ähnlich wie in Jugoslawien (hier sei auf das lutherische Murgebiet verwiesen; Hier finden Sie den Beitrag zu Jugoslawien), eine relative Heterogenität, die sich durchaus auch multikonfessionell abbilden lässt. Im Zuge der Industrialisierung migrierten neben den kath. Ruhrpolen ebenfalls die protestantischen Masuren, die sich selbst „Prusaki“ nannten und eine „altpolnische“ Sprache mit dt. Einfluss sprachen, aus dem Südosten Ostpreußens in das Ruhrgebiet. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges wanderten zirka 170.000 Masuren in das Revier ein. (5) Zusätzlich bieten die Kirchenbücher auch Aufschluss über weitere „slawische“ Migrationswellen die bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts einsetzten. Hier stammten die meisten Arbeitsmigranten aus den Gebieten Österreich-Ungarns und Preußens. (6) Für die protestantischen Kirchen spielten die böhmischen und slowenischen Arbeiter eine wichtige Rolle. Auch aus den deutschsprachigen Gebieten wie Brandenburg, Sachsen oder dem umliegenden Westfalen migrierten Scharen in das Ruhrgebiet. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wiesen die preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen den höchsten „Ausländeranteil“ auf. Durchschnittlich waren drei bis vier Prozent der Bevölkerung keine Staatsangehörigen des Kaiserreiches. In Industriestädten wie Duisburg konnte der Wert gar auf das Doppelte ansteigen. (7)
Die Migrationsbewegung blieb auch bei den jeweiligen Synoden nicht unbeachtet. So findet sich im Protokoll der Kreissynode Essen die Bemerkung „Borbeck meldet neuen Zuwachs aus Sachsen“, weshalb „1000 M(ark) für das Krankenhaus, 500 M(ark) für den Neubau des Kirchturms vom Essener Bergwerksverein König Wilhelm geschenkt“ wurden. (8) Selbst das rheinische Köln, das traditionell eng mit der kath. Kirche verbunden ist, baute 1900 aufgrund der „Zuwanderung evangelischer Familien“ eine ev. Volksschule. (9) Auch die Gründung neuer Gemeinden zog sich bis in die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. So protokollierte die 38. Rheinische Provinzialsynode 1925, dass die Rheinische Kirche aufgrund der „industriellen Entwicklung zu immer neuen Gemeindegründungen genötigt ist“. (10)
Die Größenordnung der Migrationsbewegungen des ausgehenden 19. – und anfänglichen 20. Jahrhunderts kann statistisch vornehmlich anhand der Kirchenbücher, die eine unterschätzte historische Quelle darstellen, gemessen werden. Die Quellen bieten nicht nur Aufschluss über Migrationswellen, die anhand der Kirchenbücher gar regional untersucht werden können. Vielmehr können auch Auskünfte über den beruflichen Stand getroffen werden. Für die Bergbauregionen des Ruhrgebiets finden sich dementsprechend diverse Einträge in den Kirchenbüchern. Als anschauliches Beispiel kann das Taufbuch der Gemeinde Marxloh der Jahre 1909-1912 dienen (9KB Nr. 137). Das besagte Kirchenbuch enthält mehrere Einträge über Täuflinge dessen Eltern ursprünglich aus den Gebieten des heutigen Tschechiens oder Polens stammten. Folglich kann festgehalten werden, dass Migrationsbewegungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts eine prägende Rolle innerhalb der Kirchen- und Sozialgeschichte einnahmen, welche die beiden großen Kirchen gleichermaßen betrafen.
Fußnoten:
- Homepage der Stadt Essen: Oberbürgermeister gratuliert zum Jubiläum der Thomaskirche Essen-Stoppenberg, aufgerufen am 11.03.2026, Url. https://www.essen.de/meldungen/pressemeldung_1581370.de.html.
- Homepage der Thomasgemeinde Essen Stoppenberg/Frillendorf: Geschichte der Thomasgemeinde, aufgerufen am 26.03.2026, Url. https://thomasgemeinde-essen.ekir.de/die-thomasgemeinde/.
- Bestand: 1OB 008 – Ortsakten, Essen-Stoppenberg, Nr. 4270.
- ebd.
- Müller, Angelika: Zuwanderung von Masuren ins rheinisch-westfälische Industrierevier, in: Friedrich, Norbert; Jähnichen, Traugott; Parussel, Isolde (Hrsg.): Neue Heimat finden – Auf Vielfalt vertrauen – Im Revier Leben! Migration und Religionen im Ruhrgebiet, Kamen 2019, S.26-39, hier S.26-27.
- Nonn, Christoph: Kleine Migrationsgeschichte von Nordrheinwestfalen, Köln 2011, S.58.
- Nonn, Christoph: Kleine Migrationsgeschichte von Nordrheinwestfalen, Köln 2011, S.56.
- Kreissynoden Protokoll Essen.
- Protokoll 38. Rheinische Provinzialsynode 1925.
- Bericht über das Soziale Pfarramt der Rheinprovinz.
Bestände:
1OB 008 – Ortsakten, Essen-Stoppenberg
Literatur und Weblinks:
Müller, Angelika: Zuwanderung von Masuren ins rheinisch-westfälische Industrierevier, in: Friedrich, Norbert; Jähnichen, Traugott; Parussel, Isolde (Hrsg.): Neue Heimat finden – Auf Vielfalt vertrauen – Im Revier Leben! Migration und Religionen im Ruhrgebiet, Kamen 2019, S.26-39.
Nonn, Christoph: Kleine Migrationsgeschichte von Nordrheinwestfalen, Köln 2011.
Homepage der Stadt Essen: Oberbürgermeister gratuliert zum Jubiläum der Thomaskirche Essen-Stoppenberg, aufgerufen am 11.03.2026, Url. https://www.essen.de/meldungen/pressemeldung_1581370.de.html.
Homepage der Thomasgemeinde Essen Stoppenberg/Frillendorf: Geschichte der Thomasgemeinde, aufgerufen am 26.03.2026, Url. https://thomasgemeinde-essen.ekir.de/die-thomasgemeinde/.

