Der 15. Mai ist Internationaler Tag der Familie

Das erste, das der Mensch im Leben vorfindet, das letzte, wonach er die Hand ausstreckt, das kostbarste, was er im Leben besitzt, ist die Familie.“
Adolph Kolping, Priester und Begründer des Kolpingwerks

Reproduktion der Fotografien einer deutschen großbürgerlichen Familie – Fotograf: Hans Lachmann, Datum: ca. 1920er? Filmnummer: 26A/25777

Seit 1993 gilt der 15. Mai den Vereinten Nationen offiziell als Internationaler Tag der Familie. Dieser Gedenktag wurde ins Leben gerufen, um weltweit auf das Thema Familie und all seiner Implikationen aufmerksam zu machen. Politische Entscheidungsträger, Wirtschaftsvertreter Repräsentanten von NGOs, die breite Öffentlichkeit im Allgemeinen – sie alle sollten für familiäre Belange, Bedürfnisse und Probleme sensibilisiert werden. Denn es sind ihre Handlungen, Beschlüsse, Agenden, Einstellungen oder auch nur Ideen, die eine eminente Beinflussung auf das Leben von Familien ausüben.

Reproduktion eines Familienporträts – Fotograf: Hans Lachmann, Datum: ca. 1905, Filmnummer: 22/1940

Familien können durchaus als Projektionsflächen erscheinen, die auf sie einwirkende und sie formende geschellschaftliche Prozesse oder soziale Normen-und Wertesysteme widerspiegeln. Davon bleibt kein Individuum unberührt. Jedes familiäre Umfeld wirkt sich bereits im Säuglings-und Kindesalter prägend auf die Sozialisation eines jeden Menschen aus. Erfahrungen und Erlebnisse in frühen Jahren können oft nachmalige Handlungsweisen oder Ansichten Erwachsener erklären oder gar verstehen helfen. Schließlich „stellt die Familie die maßgeblichen Weichen für die spätere soziale Platzierung eines Individuums, da die in Familienbeziehungen verinnerlichten Normen, Werte und Verhaltensweisen wenn auch nicht als unveränderlich, so doch als besonders stabil gelten“ (Ecarius, Jutta et al: Familie, Erziehungen und Sozialisation, Wiesbaden 2011, S. 9).

Reproduktion einer berliner Großfamilie – Fotograf: Hans Lachmann, Datum: ca. 1930, Filmnummer: 53/155122

Das Konstrukt ‚Familie‘ ist vom Wandel gleich welcher Art niemals unberührt. Manche können Veränderungen kaum abwarten, andere schrecken vor ihnen zurück. Doch Wandel ist immer. Hin und wieder wird dabei aber auch gerne übersehen, wie stark vergangene Lebensweisen in die eigene Realität ausstrahlen. So war das Familienleben in Deutschland im besonderen Maße vom Bild der bürgerlichen Familie des 19. Jahrhunderts bis noch weit in die 1950er Jahre gekennzeichnet gewesen (oder ist es vielleicht in Teilen immer noch?). Die bürgerliche Familie war Resultat eines Wandels weitreichender Veränderungen familärer und häuslicher Strukturen. Dieser nahm seinen Anfang mit dem Übergang des Agrarzeitalters in das industrielle, wurde von der Industrialisierung forciert und manifestierte das Ende der Ständegesellschaft. Wurde die Familiengemeinschaft bis dahin als „Haus“ bezeichnet (das Gesinde wurde mitgerechnet), so wurde dieser Begriff sukzessive durch das französische Lehnwort „famillie“ abgelöst.

Großbürgerliche Haushalte, mit dem Charakter von Wirtschaftshöfen wie sie im 18. Jahrhundert üblich waren, verwschwanden. Familien hingegen schrumpften. Die einstige Großfamilie formierte sich in der Kernfamilie neu. Dazu verstärkte sich die Identifizierung über (bluts-)verwandschaftliche Verhältnisse zunehmend.

Reproduktion einer westfälischen Bauernfamilie – Fotograf: Hans Lachmann, Datum: ca. 1948 Filmnummer: 39a/25

Mit der Industrialiserung entstanden neue Arbeitsprofile, die eine Trennung von Arbeitsplatz und Wohnstätte bedingten. D.h. man arbeitete nicht mehr da, wo man auch wohnte, wie es auf einem Hof zum Beispiel der Fall war. Dies wiederum führte zu einer Neuorganisation des Arbeitsalltages und der Herausbildung neuer Rollenbilder. Der arbeitende Mann wurde zum Haupternährer der Familie, wohingegen die Frau das Haus zu hüten hatte. Die Konsequenz: die Frau wurde auf die Rolle der häuslichen Ehefrau und Mutter reduziert und in die finanzielle Abhänigkeit von ihrem Mann gedrängt. Denn für eine bürgerliche Frau des 19. Jahrhunderts schickte es sich nicht zu arbeiten. Es galt vielmehr, sie mit einem aussrichtsreichen und erfolgreichen Mann zu verheiraten, sodass sie im Leben finanziell abgesichert war.

Der Möglichkeit beraubt, einem Beruf nach zu gehen, widmete sich die Frau nun ihrer vermeintlichen (und von der Natur auch einzig vorgesehenen) Berufung: dem Muttersein. Neben der Haushaltspflege richtete die Frau ihren Fokus nun auf ihre Kinder. Vor allem mit steigendem materiellen Wohlstand wurde die Familie für das Kind Erlebnis- und Erfahrungsraum. Das Kind war kein „kleiner Erwachsener“ mehr, sondern ein Heranwachsender, der formbar war. „Das sittlich-geistige Wohl der Kinder und deren Erziehung und Bildung wurden zu einer Hauptaufgabe, vor allem der nicht berufstätigen Frau und Mutter“ (Weber-Kellermann, Ingeborg: Die deutsche Familie, Frankfurt a.M. 1974, S. 104). Selbständigkeit, Selbstverantwortung, Ordnungssinn, Fleiß, Pünktlichkeit, Disziplin, Pflichtbewusstsein und Verlässlichkeit gehörten zum Kanon an Werten und Verhaltensmustern, die Kindern anerzogen wurden und noch heute oft zum guten Ton der Kindererziehung gehören.

Übrigens, der Ausdruck „gute Kinderstube“ stammt ebenfalls aus der Zeit des Bürgertums. Er stand einerseits als Synonym für eine klassenspezifisch gute Erziehung, andererseits verwies er tatsächlich auf das Kinderzimmer, als Reich des Kindes, wo es spielen und seinen kindlichen Beschäftigungen nachgehen konnte.

Wer mehr Interesse an einem historischen Abriss oder einer historischen Einführung zum Thema Familie hat, kann gerne einen Blick in folgende Abhandlung werfen: Gestrich, Andreas: Geschichte der Familie im 19. und 20. Jahrhundert, München 1999.

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