Bestand des Beauftragten für die französische Besatzungszone neu erschlossen

Mit dem Kriegsende 1945 gehörten die evangelischen Gemeinden der Regierungsbezirke Koblenz und Trier zur französischen Besatzungszone. Für die in der britischen Zone amtierende Düsseldorfer Kirchenleitung war es daher nötig, einen offiziellen Beauftragten zu Verhandlungen mit staatlichen Stellen und Besatzungsbehörden zu berufen. Ihre Wahl fiel auf den erfahrenen und sprachkundigen Koblenzer Superintendenten Lic. Carl Sachsse (1889-1966, ja, er wird mit zwei s geschrieben …).

Seine Akten sind für die Nöte und Sorgen der unmittelbaren Nachkriegszeit eine wahre Fundgrube. Stichworte lauten hier: Politische Fragebogen der Pfarrer, Verhandlungen mit den Militärbehörden, Zusammenarbeit mit Wohlfahrtsverbänden und Hilfswerken, Schulfragen, Jugendarbeit, Flüchtlingsfragen, Betreuung der in den Strafanstalten Landsberg und Wittlich inhaftierten NS-Kriegsverbrecher, Ein- und Ausreisegenehmigungen, Displaced Persons. Der Bestand war bislang nur über eine knappe Aktenliste erschlossen. Im Rahmen seines LVR-Praktikums beim Archiv hat nun Herr Markus Möller ein detailliertes Findbuch erstellt, das online abrufbar ist.

Im Zweiten Weltkrieg wurde auch der Abendmahlswein rationiert

In Deutschland wurde schon vier Tage vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges der Bezug von Lebensmitteln, Benzin und wenig später von Kleidung rationiert und es wurden entsprechende Lebensmittelmarken und Bezugsscheine ausgegeben. Dass auch der Wein für die Feier des Abendmahls in den Kirchen nicht mehr im gewohnten Umfang zur Verfügung stand, überrascht dann eigentlich nicht.

Barocker Abendmahlskelch von 1750, fotografiert von Angelo Steccanella

In der zum Thema „Austeilung des heil. Abendmahls“ angelegten Sachakte im Archivbestand 1OB 002 (Nr. 711) wird der Notstand bei der Versorgung mit Wein erstmals im März 1942 thematisiert. Die Kirchenkanzlei der Deutschen Evangelischen Kirche teilt in einem Erlass mit, dass die „Fühlungnahme mit der Hauptvereinigung der deutschen Weinbauwirtschaft ergeben hat, dass eine zentrale Regelung der Frage nicht möglich ist.“ Da eine Zwangsbewirtschaftung des Weines nicht eingeführt sei, könne auch kein Kontingent z.B. für kirchliche Zwecke zur Verfügung gestellt werden. Es stünde weniger als die Hälfte der früheren Menge für den zivilen Bedarf zur Verfügung. Einem anderen Schreiben ist zu entnehmen, dass besonders die Landeskirchen, in deren Gebiet keine Weinanbaugebiete liegen, große Versorgungsschwierigkeiten hatten. Weiterlesen

Der eloquente Dr. Grünagel

Reichsbischof Ludwig Müller in Aachen: v.l.n.r.: Zehn - Bruch - Müller - Staudte - Grünagel. ca. 1933/1934?

Reichsbischof Ludwig Müller in Aachen:
v.l.n.r.: Zehn – Bruch – Müller – Staudte – Grünagel.
um 1933

Damit hatte die Kirchen-leitung der Evangelischen Kirche im Rheinland nicht gerechnet: „Nun gesellen Sie sich“, so schrieb Präses Heinrich Held im Dezember 1949 an Oberkirchenrat Oskar Söhngen in Berlin-Charlottenburg, „auch noch zu den Vielen, die für Dr. Grünagel eintreten, und mein Aktenstück wird immer stärker.“ Für den ehemaligen Aachener Pfarrer Friedrich Grünagel verwendeten sich zahlreiche, teilweise prominente Persönlichkeiten: Neben Oberkirchenrat Söhngen Professor Emil Weber, Superintendent Paul Staudte, Emmi Welter, Vorsitzende der rheinischen Frauenhilfe und Mitglied des Deutschen Bundestags, Eugen Gerstenmaier, Leiter des Evangelischen Hilfswerks und späterer Bundestagspräsident, Kirchenpräsident Hans Stempel, Kirchenpräsident Martin Niemöller, Landesbischof Julius Bender u.a.. Die rheinische Kirchenleitung um Präses Heinrich Held geriet zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Weiterlesen

Ein Brief des Theologen Karl Barth vom 16. August 1945

Jahrestagung Wuppertal 1956 am Mikrofon Karl Barth (10.05.1886-10.12.1968) Professor für systematische Theologie, Theologische Fakultät der Universität Bonn (1930-1935), Universität Basel (1935-1962), Gesellschaft für Ev. Theologie , Foto: Hans Lachmann, Abgabe: Heinz Joachim Held 05/2006, aus Bestand: AEKR Düsseldorf 8SL 046 (Bildarchiv), 80020_08

Jahrestagung Wuppertal 1956 am Mikrofon Karl Barth, Foto: Hans Lachmann, aus Bestand: AEKR Düsseldorf 8SL 046 (Bildarchiv), 80020_08

Die berufliche Tätigkeit der tüchtigen Rendantin Katharina Seifert für die Rheinische Kirche ist kürzlich hier im Blog vorgestellt worden. Im August 1945 erhielt sie im kriegszerstörten Düsseldorf Post aus der Schweiz. Der berühmte Theologe Karl Barth (1886-1968), mit dem sie seit 1930 bekannt war, hatte ihr einen langen Brief geschrieben, in dem er auf die kirchenpolitische Situation im Rheinland und in Deutschland kurz nach Kriegsende eingeht. Der bislang unpublizierte Brief fand sich im Nachlass von Prof. Jürgen Fangmeier, einem Schüler Karl Barths und Mitarbeiter an der Barth-Gesamtausgabe. Weiterlesen

Zwangsenteignung der Kirchenglocken für die Kriegsrüstung

Bereits im Mittelalter, als der Großteil der Bevölkerung keine Uhr besaß, war die Kirchturmuhr die einzige Möglichkeit die Uhrzeit zu erfahren. Neben dem Stundenschlag wurde auch zu Alarmfällen und Bränden geläutet (weltliches Geläut). Traditionell läuten Kirchenglocken zum Gottesdienst, Gebet sowie Anlässen wie Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen (sakrales Geläut). Wer heute in seiner Kirchengemeinde noch im Besitz einer Kirchenglocke aus dem Mittelalter ist, der weiß sie hoffentlich sehr zu schätzen.

Denn oftmals wurden Kirchenglocken zwecks kriegerischer Auseinandersetzungen einer „Verwandlung“ unterzogen. So wie die Glocken der Marienkirche zu Berlin, die auf Befehl des Kurfürsten Friedrich I. von Brandenburg  (reg. 1417-1440) zu „püchsen“ (=Büchse/Handfeuerwaffe) verarbeitet wurden.

Auch in den beiden Weltkriegen wurden Bronzeglocken im Interesse der Kriegswirtschaft durch die Militärbehörden in Beschlag genommen und für Rüstungszwecke eingeschmolzen. (Kirchliches Amtsblatt, Nr. 6 1917   )

Wikipedia: Glockenfriedhof im Innsbrucker Stadtteil Wilten im Ersten Weltkrieg, um 1917 Glockenmuseum Grassmayr

Unter dem Gesichtspunkt der Denkmalwürdigkeit wurde im Ersten Weltkrieg eine Klassierung nach wissenschaftlichem und kunsthistorischem Wert durchgeführt:

  • Gruppe A: nach 1860 gegossen, zur Abgabe bestimmt
  • Gruppe B: vor 1860 gegossen, vorläufig schützenswert
  • Gruppe C: vor 1860 gegossen + dauernd schützenswert

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Advent im Kriegsgefangenenlager

Erste Seite der Ev. Lagerzeitung „Unter dem Wort“, Nr. 18/1945, hrsg. von Pfarrer Rolf Girardet, Archivbibliothek Sig. ZK 838

Der Advent ist eine Zeit des Wartens und Hoffens.

Das haben sicherlich auch die Leser der Adventsausgabe des Jahres 1945 des evangelischen Gemeindeblatts „Unter dem Wort“ so empfunden, als sie die einleitenden Worte über den Philipperbrief lasen. Immerhin war ihre Zukunft ungewiss, da sie sich bis auf weiteres als Kriegsgefangene im amerikanischen Lager Fort Custer in Michigan befanden.

Zu den Gefangenen zählte auch der rheinische Pfarrer Rolf Girardet (1912-1984). Weiterlesen

Zerstörung von Kirchengebäuden in Düsseldorf in den Bombennächten am 12.6.1943 und 2.11.1944

Zerstörte Christuskirche, ca. 1945, 8SL 046 Bildarchiv, Sammlung Hans Lachmann

Zerstörte Christuskirche, ca. 1945 (8SL 046 Bildarchiv, Sammlung Hans Lachmann)

Das Bombardement der britischen Luftwaffe auf Düsseldorf begann um 1.25 Uhr. Innerhalb von nur 80 Minuten zerstörten mehr als 220000 Bomben bei diesem schwersten aller Angriffe auf die Stadt am 12. Juni 1943 weite Teile der Düsseldorfer Innenstadt und der umliegenden Stadtteile.Weitere Angriffe folgten, u.a. ein weiterer Großangriff in der Nacht vom 2. auf den 3. November 1944, bis schließlich ein Großteil der Stadt in Trümmern lag.
Natürlich machte die Zerstörung auch vor Kirchen und Pfarrhäusern nicht Halt: Weiterlesen

Tradition und Wandel in der Ev. Gemeinde Düsseldorf

Wertvolle Tradition: Erste Seite der Unionsurkunde der reformierten und lutherischen Gemeinden in Düsseldorf, 1824, 4KG 005, Nr. 373

Wertvolle Tradition: Erste Seite der Unionsurkunde der reformierten und lutherischen Gemeinden in Düsseldorf, 1824, 4KG 005, Nr. 11

„Bis zur Jahrhundertwende ist die neue Evangelische Gemeinde nur langsam gewachsen. Um 1880 wurde an 5 Stellen der Stadt Gottesdienst gehalten. Mit der zunehmenden Industrialisierung wuchs in den Jahren 1910-1930 die Evang. Gemeinde zu einer der größten Gemeinden Deutschlands an; sie umfasste schließlich vor Ausbruch des letzten Krieges etwa 110000 Seelen.“ So beginnt Dr. Alvermann seinen Bericht für den 1947 gegründeten Ausschuss für die Aufteilung der Gemeinde Düsseldorf (4KG 005, Az. 01-1, Nr. 373). Die Frage, ob die große Gemeinde nicht besser aufgeteilt werden sollte und die Parochien in den Außenbezirken der Stadt, die meist eh schon ein Eigenleben führten, zu eigenen Gemeinde erklärt werden sollten, sei immer wieder aufgeworfen worden. Das Bewusstsein für die wertvolle Tradition der im Jahr 1824 gegründeten Union der Lutherischen und der Reformierten Gemeinde habe aber eine konkrete Lösung bisher verhindert. Bei einer Trennung der Gemeinde könnte der Eindruck entstehen, „als würde nun eine geschichtliche Entwicklung wieder rückgängig gemacht“ – und alles blieb beim Alten. Vorerst! Weiterlesen

Kirchenarchivar Rosenkranz im Kriegseinsatz

In einer Akte des Rheinischen Konsistoriums finden sich zwei Berichte zu ein und derselben Dienstreise, die mentalitätsgeschichtlich aufschlussreiche Zeitdokumente bilden.

Saargebiet: Kartenausschnitt, Hrsg. vom Landeskirchenarchiv Düsseldorf 1960

Saargebiet: Kartenausschnitt, Hrsg. vom Landeskirchenarchiv Düsseldorf 1960

Während des Polenfeldzugs 1939 wurden große Teile der Bevölkerung im Saargebiet evakuiert und französische Truppen besetzten im Warndt bei Saarbrücken das Vorfeld des Westwalls. Ende Oktober zogen sich die Franzosen wieder zurück. Die Pfarrhäuser und Gemeindeämter der betroffenen Zone waren nur eilig verschlossen worden, für die Bergung der wichtigsten Amts- und Kirchenbücher oder auch der Abendmahlsgeräte war keine Zeit verblieben. Dies sollte Provinzialkirchenarchivar Rosenkranz nun im Auftrag des Konsistoriums nachholen. Vom 7.-9. Dezember 1939 bereiste er das geräumte Saargebiet; die Gestapo in Ottweiler stellte hierzu auf Weisung von Berlin einen Dienstwagen und zwei Beamte zur Verfügung. Weiterlesen

Protokolle des Rheinischen Bruderrates 1933-1944

Rat der rheinischen BK, am linken Rand: Joachim Beckmann, Paul Humburg, Johannes Schlingensiepen und Heinrich Held;  aus Bestand: AEKR Düsseldorf 8SL 046 (Bestand Bildarchiv), 0200_0002

Rat der rheinischen BK, am linken Rand: Joachim Beckmann, Paul Humburg, Johannes Schlingensiepen und Heinrich Held; aus Bestand: AEKR Düsseldorf 8SL 046 (Bestand Bildarchiv), 0200_0002

Die Bekennende Kirche im Rheinland beschloss auf Ihrer Synode in Barmen am 18./19. Februar 1934 die Bildung eines Bruderrates. Dieses Leitungsgremium sollte möglichst wöchentlich tagen und sich um die laufenden Geschäfte der BK kümmern. Insgesamt 440 hektografierte Protokolle aus dem Zeitraum 1933-1944 sind in verschiedenen Nachlässen und Sammlungen überliefert. Die Texte bilden eine wahre Fundgrube für die vielfältigen kirchenpolitischen Konflikte auf Gemeindebene in der NS-Zeit. Das Archiv wird 2016 eine vollständig annotierte Transkription als Online-Edition veröffentlichen. Weiterlesen