„Kirche unterwegs“ – dahin, wo andere Urlaub machen

Kirchenbus

Campingmission, Kirche unterwegs mit Posauenchor im Hintergrund; Camper gehen zum Gottesdienst; Fotograf: Hans Lachmann, Bestand: AEKR 8SL 046 (Bildarchiv), 02712_02

„Camping-Seelsorge ist kein Werbetrick“ – so titelte das evangelische Sonntagsblatt „Der Weg“ einen Bericht über die Tätigkeit des Gemeindemissionars Gerhard Gruska. Er war der erste im Rheinland, der von Campingplatz zu Campingplatz reiste und Gottesdienste  abhielt. Die Campingseelsorge entspräche „der Erkenntnis, dass sich die Kirche nicht nur im traditionellen gottesdienstlichen Leben, sondern in allen Lebensbereichen verwirkliche.“ Der Urlaub sei die richtige Zeit, auf Menschen zuzugehen, weil sie Ruhe und Muße hätten.

Kirchenbus Gottesdienst

Ruf zum Gottesdienst am Sonntagmorgen, Campingmission im Sauerland, Fotograf: Hans Lachmann, Bestand: AEKR 8SL 046 (Bildarchiv), 02712_14

Kirchenbus Gottesdienst

Campingmission, Kirche unterwegs, im Neubaugebiet vorwiegend Kinder auf dem Weg zum Gottesdienst, Fotograf: Hans Lachmann, Bestand: AEKR 8SL 046 (Bildarchiv), 02712_19

Er beschränkte sich allerdings nicht auf die zahlreichen Campingplätze im Rheinland: Siedlungsarbeit vorzugsweise in Neubausiedlungen am Stadtrand, Dorfmission, Diasporabetreuung und Freizeiten zählte er ebenfalls zu seinem Betätigungsfeld – wenn eben nicht Campingsaison war.

Das Vehikel dieser Art von Seelsorge war der Großraumbus „Kirche unterwegs“. Durch seine technische Spezialausrüstung konnte er als Kirche, Gemeindesaal, Gesellschafts- und Filmraum genutzt werden. Er verfügte über 68 Sitzplätze, mit Notsitzen sogar über 100, an Tischen fanden 64 Personen Platz. An technischen Hilfsmitteln standen eine Lautsprecheranlage, ein Tonbandgerät, ein Schallplattenspieler und eine „Durchprojektionsanlage für Film- und Diavorführungen“ sowie ein „Podium für Anspiele“ zur Verfügung. Im vorderen Teil des Fahrzeugs befand sich ein Wohn- und Schlafraum, der zugleich als technische Zentrale diente.

Gottesdienst im Kirchenbus

Kirche unterwegs – ausgefahrener Bus der Evangelischen Kirche im Rheinland, Einweihung
Dezember 1962; Fotograf: Hans Lachmann, Bestand: AEKR 8SL 046 (Bildarchiv), 80076_1

Präses Joachim Beckmann (6HA 003) stellte den Bus am 5. Dezember 1962 in Dienst.

Präses Joachim Beckmann (1901-1987) (M.), Gottesdienst im Bus „Kirche unterwegs“, Fotograf: Hans Lachmann, Bestand: AEKR 8SL 046 (Bildarchiv), 80133_21

Gottesdienst im Kirchenbus

Campingmission, Kirche unterwegs, Plakat mit Programm, Fotograf: Hans Lachmann, Bestand: AEKR 8SL 046 (Bildarchiv), 02712_16

Die Seelsorge per rollender Kirche verlangte, so Präses Beckmann, nach einer Mannschaft. Sie gehörte dem Volksmissionarischen Amt (2LR 004M)  der Evangelischen Kirche im Rheinland an und bestand neben dem Leiter aus einem Techniker und einem Diakon. Sie lebten nach „geistlichen Grundregeln“ zusammen: gemeinsames Gebet und Bibelstudium sowie Abendmahl.

Die Veranstaltungen wurden gemeinsam vorbereitet und durchgeführt, und gemeinsam wurden die zahlreichen praktischen Arbeiten am Fahrzeug und an der zusätzlichen Ausrüstung vorgenommen. Neben dem Großraumbus verfügten sie über Wohnzelte, Wohnwagen und einen VW-Bus mit einer Schlafeinrichtung. Eine Einsatzperiode umfasste in der Regel zehn Tage, vom Donnerstag bis zum Sonntag der Folgewoche. Vor den Einsätzen besuchten sie vor Ort die Pfarrer, Presbyter und Mitarbeiter der jeweiligen Kirchengemeinden und sprachen mit ihnen das Vorgehen ab.

Gottesdienst im Kirchenbus

Kirche unterwegs – Kinderprogramm, Fotograf: Hans Lachmann, Bestand: AEKR 8SL 046 (Bildarchiv), 02712_03

Gottesdienst im Kirchenbus

„Kirche unterwegs“ – Gottesdienst im Bus, Campingmission, Fotograf: Hans Lachmann, Bestand: AEKR 8SL 046 (Bildarchiv), 7_002837

Geistliche Arbeit und Geselligkeit bestimmten die Arbeitsweise der Campingseelsorge. Auf der einen Seite missionarische Gottesdienste an Sonntagen, während der Woche Morgenwachen und Andachten zum Ausklang des Tages sowie Kinderstunden am Vormittag, in denen biblische Geschichten erzählt und Lieder miteinander gesungen wurden, und andererseits Familienfeste, Lagerfeuer, Filmabende, gemeinsam verbrachte Nachmittage im Wagen „Kirche unterwegs“, der Spiele und Bücher bereithielt.

Manfred Sennemann ließ seinen Artikel über die „Kirche unterwegs“ melancholisch ausklingen: „Die Saat einer Woche ist gesät. Ob sie zum Schatz wird, den die Menschen in diesem Acker finden, liegt nicht in der Macht der Kirche, die hier unterwegs war. Andere Menschen an anderen Orten warten… die Räder rollen schon“ (Der Weg, 9. Februar 1964).

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