#nichtnurpapier

Bekanntlich besteht die klassische Archivalie aus Papier und wird zahlreich als Schriftstück, Brief, Plakat, Urkunde, Akte oder sonstiges Dokument aufbewahrt. Hin und wieder finden aber auch Gegenstände ihren Weg ins Archiv, die verwundern und die man dort nicht unbedingt vermuten würde.

Ein solches Sammelsurium an Kuriositäten kann auch das Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland aufweisen. Um einen Eindruck zu vermitteln, was in den Tiefen der Magazine so alles schlummern kann, starten wir auf Twitter die Reihe #nichtnurpapier. Wöchentlich laden wir unter https://twitter.com/Archiv_EKiR Bilder unserer Fundstücke hoch. Eine Verlinkung der Bilder wird es auch auf Facebook geben, sodass sich der Blick auch auf diesen Kanal lohnt.

Den Beginn macht kein Bild, sondern gleich ein Video. Aus dem Bestand 6HA 045 Präses Manfred Kock stammt diese Glocke. Überreicht wurde sie dem Präses am 16. Dezember 1997 anlässlich seiner Befahrung der Saarbergwerke.

Handbuch der Pfarrerinnen und Pfarrer im Rheinland liegt vollständig vor

Kürzlich wurde mit der Vorlage des vierten Bandes (Buchstaben S – Z) das Projekt des Handbuchs „Die evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer im Rheinland von der Reformation bis zur Gegenwart“ abgeschlossen. Im Auftrag der Evangelischen Kirche im Rheinland und des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte hat Jochen Gruch die Daten von genau 14.978 Pfarrpersonen für das Gebiet unserer Landeskirche zusammengestellt und bearbeitet. Ulrich Dühr zeichnet für die Angaben der Literatur zu den Theologinnen und Theologen verantwortlich. Die mühevolle Arbeit der Satzerstellung und Korrektur leisteten Dr. Beate und Dr. Ferdinand Magen.

Die evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer im Rheinland von der Reformation bis zur Gegenwart; Verlag Dr. Rudolf Habelt GmbH, Bonn, 2020, ISBN: 978-3-7749-4021-5

Mit diesem Handbuch steht nun auch für die rheinische Kirchen- und Sozialgeschichte und die genealogische Forschung ein modernes Arbeitsmittel zur Verfügung, wie es z. B. für die Kirchenprovinz Sachsen, Thüringen und Schlesien der Fall ist. Für einige Landeskirchen liegen nur z. T. Jahrzehnte alte Pfarrerbücher vor, für manche gar keine.

Das Pfarrerbuch basiert auf der Pfarrerkartei des Landeskirchlichen Archivs, dessen Leitung zu Beginn der 2000er Jahre beschloss, diese Daten in einer Datenbank zu erfassen. Erst in zweiter Linie kam die Möglichkeit in den Blick, diese für die Publikation eines neuen „Pfarrerbuches“ zu nutzen, um den „Rosenkranz“ aus dem Jahr 1958 zu ersetzen. So kam es zur Kooperation mit dem Verein für Rheinische Kirchengeschichte, der die Veröffentlichung in seiner Schriftenreihe vornahm.

Die evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer im Rheinland von der Reformation bis zur Gegenwart, S.520
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Publikationsinteressen rheinischer Theologen

Wat Korona mit uns macht – Betrachtungen auf Ruhrdeutsch; Autor: Walther Henßen, Zeichnungen u. Gestaltung: Rainer Holweger; Herausgeber: Altstadt-Buchhandlung, Essen, 2020

„Wat Korona mit uns macht.“ Die humorvolle und tröstliche Neuerscheinung des ehemaligen Essener Pfarrers Walther Henßen in (moderatem) Ruhrdeutsch veranschaulicht die überraschende Bandbreite der Publikationen rheinischer Theologen quer durch die Jahrhunderte. Dieses Sammelgebiet wird seit jeher in unserer Archivbibliothek nach Kräften gepflegt, ohne dass hier freilich Vollständigkeit zu erzielen ist. Viele Titel sind der Grauen Literatur zuzuordnen und gelangen oft nur über Nachlässe zu uns. Dominierten in der frühen Neuzeit naturgemäß die Theologie mit exegetischen Werken sowie Predigtsammlungen, so weitete sich das Interessenspektrum der schreibenden Pfarrer seit dem Rationalismus des 18. Jahrhunderts erheblich aus.

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Transkribus mit EU Impact Award ausgezeichnet

Bereits zum zweiten Mal wurde dieses Jahr der von der Europäischen Kommission initiierte Horizon Impact Award verliehen. „A prize dedicated to EU-funded projects that have created societal impact across Europe and beyond“.
Die Plattform zur Erkennung und Transkription historischer Dokumente Transkribus gehörte dabei nicht nur zu den zehn nominierten Finalisten.

Transkribus gehörte nämlich auch zu den sechs “ winning projects [that] have helped to reduce the CO2 footprint of numerous leading airlines, developed the first transparent display that several companies have already put on the market, improved the quality of life for children with heart failure, used innovative technology to preserve threatened species in the Southern Ocean and conserved European heritage by digitally translating historical handwritten documents“.

Der mit je 10.000€ dotierte Award wurde am 23. September 2020 im Rahmen der European Research & Innovation Days (22.-24.September 2020) in Brüssel verkündet.

Vordrucke

Der Vordruck ist in der kirchlichen Verwaltung ein Schriftstück, das die wesentlichen Merkmale eine Rechtshandlung vorgibt, aber erst durch das Ausfüllen seine
Rechtskraft erlangt.

Personalbogen um 1900, aus Bestand: 8SL 056B (Sammlung Vordrucke)


Die Sammlung von Vordrucken in der 11. Fassung der Evangelischen Kirche im Rheinland hat eine Laufzeit von 1795 – 2020 und ist in 23 Kartons verpackt. Diese Sammlung wird in regelmäßigen Abständen ergänzt.

Auflistung Pfarr-Einkommen um 1900, aus Bestand: 8SL 056B (Sammlung Vordrucke)

Die verzeichneten Vordrucke wurden nach dem Registraturplan von 1994 abgelegt. Diese nicht ausgefüllten Vordrucke stammen überwiegend aus Beständen der Kirchengemeinden, Kirchenkreise und den Büros der kirchlichen Verwaltung. Verschiedenen Fragebögen sind die Anschreiben und die Hilfe zum Ausfüllen beigefügt.
Die Sammlung hat die Signatur 8SL 056B und kann in der Evangelischen Archivstelle in Boppard eingesehen werden.

Spröde Quellen zum Sprechen bringen – Presbyteriumsprotokolle und Jahresrechnungen

Unter diesem Titel warben wir bereits 2012 bei einer Fortbildungsveranstaltung für ehrenamtliche Archivbetreuer für das Crowdsourcing bei der Transkription früh-
neuzeitlicher Amtsbücher. In erster Linie kommen hier die Protokolle der örtlichen Presbyterien oder Konsistorien in den Blick. Sie bilden eine Quellengruppe von kaum zu überschätzender Bedeutung, von der bislang nur wenige Gemeindeserien als Editionen vorliegen. Einen aktuellen Überblick für das Rheinland finden Sie hier.

Im Unterschied zum Sprachgebrauch seit preußischer Zeit, der den Begriff Konsistorium auf die zentralen kirchlichen Oberbehörden einengt, ist hierunter in der frühen Neuzeit, vor allem im reformierten Kontext, das gewählte ehrenamtliche Leitungsgremium der Kirchengemeinde zu verstehen. Es entspricht dem heutigen Presbyterium und setzte sich zusammen aus den Ältesten, den Diakonen und dem
oder den Predigern. In den Protokollen bietet sich der historischen Forschung nun wirklich das alltägliche Leben in der dörflichen oder städtischen Gemeinde dar.

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NS-kritische Satire „Das Rotkäppchen“ fand ihren Weg auch nach Weiler

Im Archiv der Kirchengemeinde Merxheim-Weiler fand sich bei der Verzeichnung des Bestandes unter den von Pfarrer Martin Ernst Heinrich aus der Zeit des „Dritten Reiches“ nachgelassenen Dokumenten ein maschinenschriftlicher Durchschlag der NS-kritischen Satire „Das Rotkäppchen“, die 1937 in den „Münchner Netteste Nachrichten“, Faschingsausgabe der „Münchner Neueste Nachrichten“, erschienen und unter der Hand reichsweit verbreitet worden war. Die Satire erzählt das bekannte Märchen mit nationalsozialistischem Kolorit:

aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 121B Merxheim-Weiler

Es ist nicht bekannt, wie das Schriftstück in Pfarrer Heinrichs Besitz kam. Da das Blatt nicht gefaltet und demnach nicht per Brief verschickt worden ist, wurde es vermutlich in seinem näheren Umfeld verteilt oder dort sogar vervielfältigt. Es verwundert nicht, dass Pfarrer Heinrich die Satire aufbewahrte. Der Pfarrer, seit 1934 Mitglied der Bekennenden Kirche, kam des Öfteren mit NS-Behörden in Konflikt. Schon im Oktober 1932 beschwerte er sich schriftlich massiv bei Ernst Schmitt aus Staudernheim, Abgeordneter der NSDAP im Preußischen Landtag, über Vorkommnisse bei einem nationalsozialistischen „Deutschen Abend“ der Hitler-Jugend in Weiler am 23. Oktober 1932. Dort hätte man gotteslästerliche Reden gehalten und sich verächtlich über Geistliche und die Religion allgemein geäußert.

Im Juli 1933 ermahnte ihn der Oberbannführer Koblenz der Hitler-Jugend, seine Einstellung gegenüber der HJ „etwas wohlwollender zu gestalten, damit wir nicht denselben Kampf mit der evangelischen Jugend bekommen, wie wir ihn an vielen Orten leider gegen die kath. Jugendverbände führen müssen.“ Pfarrer Heinrich hingegen verlangte eine Entschuldigung für das Verhalten einiger Hitler-Jungen, die nach einem Ausflug der Konfirmanden, bei dem ein Wimpel mit Kreuz getragen wurde, ins Pfarrhaus eingedrungen wären, ihm Aufmärsche verboten und den Wimpel an sich gerissen hätten. Eine solche Behandlung von 15-Jährigen müsse er sich nicht gefallen lassen. Die Angelegenheit kam auch Provinzialjugendpfarrer Theodor Voß zu Ohren, der am 2. August 1933 an den Landesjugendpfleger in Düsseldorf schrieb, dass „die Entgleisung in Weiler unbedingt richtig gestellt werden [muss], um nicht durch solche Vorkommnisse […] die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat empfindlich stören zu lassen. Die Evangelische Kirche wird es jedenfalls nicht einfach hinnehmen […].“

aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 121B Merxheim-Weiler

Auch mit der NS-Frauenschaft kamen Pfarrer Heinrich und seine Schwester in Konflikt. Die Ortsfrauenschaftsleiterin beschwerte sich 1935 in einem langen Brief bei ihm über die Abhaltung von Kindergottesdiensten durch die Diakonisse, und an die Schwester schrieb sie im folgenden Jahr, dass durch deren Engagement für die Frauenhilfe „die Frauenschaft vernichtet werden soll.“ Pfarrer Heinrich seinerseits beklagte sich beim Schulrat über Lehrer Lötzberger, der auch im Religionsunterricht wiederholt längere Vorlesungen aus dem „Stürmer“ gehalten und die Kinder mit der Aussage verstört hätte, „Es ist wichtiger, den Stürmer zu kennen, als die Bibel!“

Reagierten die NS-Behörden zunächst noch beschwichtigend auf die Eingaben des Pfarrers, verschärfte sich ab 1937 der Ton. Nach eigener Auskunft wurde Heinrich vom Amtsbürgermeister von Gemünden beim Landrat in Simmern angezeigt, weil er in Kellenbach eine halbe Stunde lang die verbotene Fürbittenliste der Bekennenden Kirche für gefangene und gemaßregelte Pfarrer verlesen und mit der Bemerkung ergänzt hätte „Die um ihres Glaubens Willen verfolgt werden.“ Das war offenbar nur eine von mehreren Anzeigen. Die Gottesdienste wurden regelmäßig überwacht, wie man einem Schreiben Pfarrer Heinrichs vom November 1946 entnehmen kann: „Pfarrer Wüsthoff“, heißt es darin, „hielt 1937 in Weiler einen Aufklärungsabend der BK […]. Im überfüllten Gotteshaus sprach er mit grossem Mut von den Religionsbedrückungen des Nationalsozialismus. Nach seiner eignen Mitteilung erfolgte darauf eine Anzeige, was mich nicht wunderte, da ich Überwachung in der Kirche selbst bemerkt hatte.“

Über die Kriegsjahre 1939-45 gibt das Archiv nur wenig Auskunft. Erst nach Kriegsende wird Pfarrer Heinrich wieder „aktenkundig“: Er engagierte sich für aus seiner Sicht zu Unrecht der NS-Mittäterschaft verdächtigte, zum Teil inhaftierte Personen und schrieb zahlreiche Eingaben und Bescheinigungen.