Neuzugang in Boppard: Das Archiv der Evangelischen Kirchengemeinden Rheinböllen und Dichtelbach

Die Evangelische Archivstelle Boppard hat kürzlich das gemeinsame Archiv der Kirchengemeinden Rheinböllen und Dichtelbach übernommen. Der Bestand umfasst eine Überlieferung vom späten 17. bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts; einzelne Amtsbücher und Nachträge reichen bis in die 1980er Jahre. Das Schriftgut stammt überwiegend aus dem 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zu den ältesten Archivalien zählen ein Auszug aus dem Schatzungsbuch der Schultheißerei Rheinböllen von 1683 sowie obrigkeitliche Verordnungen, Religionsmandate und Verwaltungsdokumente aus kurpfälzischer Zeit. Dazu gehören etwa ein Besitzergreifungspatent von 1685, Erlasse gegen Gotteslästerung und Misshandlung von Heiligenbildern, Regelungen zu Desertionen sowie Listen reformierter Geistlicher der Kurpfalz. Ebenfalls zum Ende des 17. Jahrhunderts setzt die Dokumentation konfessioneller Konflikte ein, die unter dem Titel „Kirchenkampf“ Unterlagen aus den Jahren 1696 bis 1802 enthält. Hier finden sich Beschwerden reformierter Gemeinden, kurpfälzische Religionsdeklarationen, Eingaben an den Kaiser sowie Darstellungen der bedrängten reformierten Kirche. Ergänzt werden sie durch Prozessakten zum sogenannten „Glockenstreit“ in Kirche und Schulen der Pfarrei Rheinböllen über mehr als 150 Jahre.

Gut dokumentiert ist auch das Schulwesen. Die Überlieferung zur evangelischen Schule Rheinböllen und ihrer Lehrer umfasst einen Zeitraum von 1718 bis 1933, zur Schule in Dichtelbach sind Akten von 1820 bis 1894 erhalten. Die Bauakten enthalten Unterlagen zur evangelischen Kirche Rheinböllen von 1752 bis 1942 (Turmbau, Glocken, Orgel, Instandsetzungen) sowie deren Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Zur Kirche in Dichtelbach sind Bau- und Instandsetzungsakten von 1910 bis 1960 mit Nachträgen von 1982 vorhanden. Zum Gemeindehaus Rheinböllen liegen Akten über Instandsetzung und Erweiterung aus den Jahren 1957 bis 1967 mit Bauzeichnungen vor. Die Akten zum alten Pfarrhaus reichen von 1822 bis 1946 und betreffen u.a. Reparaturen, den Neubau der Pfarrscheune sowie einen Erweiterungsbau von 1908; auch hier gibt es Bauzeichnungen. Für das neue Pfarrhaus existiert eine Bauakte von 1962, ebenfalls mit Bauzeichnungen.

Weitere Schwerpunkte des Bestandes bilden das Rechnungswesen und die Amtsbücher. Für die Kirchenkasse Rheinböllen liegen Jahresrechnungen bereits ab 1712 vor, für Dichtelbach ab 1759. Diese Rechnungsserien reichen teilweise bis in die 1950er Jahre. Ältestes Amtsbuch ist ein 1715 begonnenes „Kirchenprotokoll“, Presbyteriumsprotokolle sind ab 1838 überliefert. Ergänzt werden sie durch Lager- Abkündigungs-, Kollekten- und Brieftagebücher. Insgesamt zeichnet sich der Bestand durch eine vergleichsweise lange Laufzeit und eine inhaltlich breite Überlieferung aus und besitzt daher auch einen gewissen Quellenwert für die evangelische Kirchen- und Regionalgeschichte des Hunsrücks, der Konfessionsgeschichte der Kurpfalz, der Sozial- und Alltagsgeschichte ländlicher Gemeinden sowie der Entwicklung kirchlicher Verwaltung vom Ancien Régime bis in die Nachkriegszeit.

Rheinischer Archivtag 2026 in Ratingen

59. Rheinischer Archivtag, Foto: A. Hansen
Archivteam AEKR, Foto: A. Hansen
Stadthalle Ratingen, Foto: A. Hansen

In der vergangenen Woche fand der alljährliche Rheinische Archivtag passend zum 750-jährigen Stadtjubiläum in Ratingen statt. Dabei waren wir vom landeskirchlichen Archiv zahlreich vertreten. Die zwei Tage standen unter dem Motto „Archive und Demokratie“ und machten deutlich, dass Archive weit mehr als Aufbewahrungsorte historischer Dokumente sind. Sie sichern Transparenz, fördern gesellschaftliches Vertrauen, bewahren das kulturelle Gedächtnis und stärken demokratische Werte. Ein Schwerpunkt war dabei vor allem auch die politische Bildungsarbeit, die besonders am zweiten Tag im Fokus der Diskussionen stand.

Nach dem Eröffnungsvortrag von Volkan Baran (MdL, stellv. Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien im Landtag NRW) ging es direkt in die erste Sektion des Tages. Im Mittelpunkt stand das Spannungsfeld zwischen Archiven und Transparenz.

Das Hessische Landesarchiv beleuchtete die Frage, ob archivische Schutzfristen und Transparenz tatsächlich im Widerspruch zueinander stehen oder vielmehr einen notwendigen Ausgleich zwischen Informationszugang und dem Schutz sensibler Daten schaffen. Mit einem Blick auf die digitale Transformation widmete sich ein Folgevortrag den Anforderungen an die Sicherstellung von Authentizität und Integrität archivischer Informationen in Zeiten zunehmenden KI-Einsatzes. Die Vorträge wurden im Anschluss durch Fragen und Anmerkungen aus dem Plenum ergänzt.

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Evangelische Minderheiten in der Welt: Protestantismus in Tschechien und der Slowakei

Die Historie der heutigen Nationalstaaten Tschechiens und der Slowakei gestaltet sich sicherlich als eine der spannenderen hinsichtlich der eigenen Nationen- und Identitätsbildung. Neben einer gemeinsamen Geschichte, weisen beide Nationalstaaten auch diverse unterschiedliche Prägungen auf, die oftmals im Gedächtnis der Öffentlichkeit wenig Beleuchtung finden. Offiziell konstituierte sich ein moderner Staat der „Tschechoslowakei“ erst im Jahre 1918 und zerfiel 1992 in die beiden heutigen Staaten. Bereits im 10. Jahrhundert fand eine Trennung der beiden „Völker“ statt, die de jure bis in das 20. Jahrhundert existierte. Während Tschechien zum österreichischen Reichsteil der Habsburger gehörte, wurde die Slowakei als „Oberungarn“ vor 1918 politisch und kulturell vornehmlich durch das königliche Ungarn geprägt. Natürlich darf die geographische Trennung nicht darüber hinweg täuschen, dass aufgrund der gemeinsamen mittelalterlichen Geschichte und Zugehörigkeit zu der westslawischen Sprachfamilie durchaus kulturelle und politische Verbindungen konserviert blieben, wie sich anschaulich am sogenannten „Völkerfrühling“ (Mitte des 19. Jahrhunderts) analysieren lässt. Dennoch erscheint es aufgrund der faktisch vorherrschenden Trennung ebenfalls nicht verwunderlich, dass beide Staaten eine durchaus weitreichende Pluralität aufweisen, die sich auch in konfessioneller Hinsicht zeigt.

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Pfingstbesuch aus Tschechoslowakei 1962 in Kaiserswerth

In den 1960er und 70er Jahren nimmt der Kaiserswerther Pfarrer Bernhard Wiebel als Mitglied der Kirchlichen Bruderschaft im Rheinland an den Allchristlichen Friedensversammlungen in Prag teil und ist an der Arbeit der Christlichen Friedenskonferenz (CFK) in der Bundesrepublik aktiv beteiligt. Die Christliche Friedenskonferenz war eine 1958 ins Leben gerufene internationale Friedensorganisation, die maßgeblich vom tschechischen protestantischen Theologen Josef L. Hromádka geprägt wurde.

Christliche Friedenskonferenz in Prag 1961 oder 1968 mit Pfarrer Bernhard Wiebel (Mitte);
Quelle: AEKR 7NL 017, Nr. 145; Fotograf unbekannt

Bernhard Wiebel war von 1951 bis zu seiner Emeritierung 1972 Pfarrer an der Evangelischen Diakonissenanstalt Kaiserswerth. Zuvor war er vier Jahre Superintendent des Kirchenkreises Trier und Pfarrer in Gerolstein (1934-1951).

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Throwback II: Workshop „Moderne Erschließung“ – das LVR-AFZ zu Besuch im Archiv der EKiR

Das LVR-AFZ zu Gast im Archiv der EKiR

Die Erschließung von Archivbeständen ist eine der zentralen Aufgaben archivarischer Tätigkeit. Denn nur eine systematische Erschließung ermöglicht die Bereitstellung von Archivalien für Öffentlichkeit und Forschung. Vor diesem Hintergrund gehört sie daher gewissermaßen zum „daily business“ des Archivalltags.

Es ist somit nur folgerichtig, regelmäßig den Blick auf die eigene Erschließungspraxis zu richten, diese näher unter die Lupe zu nehmen und zu hinterfragen, für wen genau wie erschlossen wird? Ähnlich hat das LVR-AFZ gedacht und den Workshop „Moderne Erschließung“ angeboten. Hierfür durften wir das AFZ Ende April im Landeskirchenamt begrüßen und die Veranstaltung gemeinsam ausrichten.

Nach Anmeldung, Begrüßungskaffe und einer Vorstellungsrunde startete der Workshop direkt mit fünf Thesen zu Erwartungen Archivnutzender und ihrer Implikationen. Diskutiert wurde unter anderem inwiefern sich Vorgehensweisen bei Erschließungsarbeiten ändern, wenn Nutzende darauf bauen, auf Bestandsinformationen und Daten jederzeit, von überhall aus und voraussetzungsfrei zugreifen zu können? Wie verfährt man, wenn bei Nutzenden davon auszugehen ist, dass sie bei ihren Recherchern nicht in behördlichen Strukturen denken oder kein bzw. wenig Vorwissen zu Sperrfristen mitbringen? Welchen Einfluss üben Informationsportale wie Wikipedia oder KI-Tools aus und welche Schritte müssten Archive einleiten, um ihr „Bestandsangebot“ stärker in den Fokus potentieller Archivnutzender zu rücken?

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Das „Smartphone“ seiner Zeit: Ein Tischkalender von 1939

Taschenkalender 1939, aus: Bestand 7NL 060 (Albert Rosenkranz)

Für die Organisation des pfarramtlichen Alltags war er sicher so unverzichtbar wie heute das Smartphone: der Tischkalender. Dieses Exemplar „für Pult und Tasche“ für das Jahr 1939 stammt aus dem Nachlass von Albert Rosenkranz (1876-1975), der bis 1951 das Provinzialkirchenarchiv, das heutige Landeskirchliche Archiv, leitete.

Albert Rosenkranz hat ihn nur wenig genutzt. Eingetragen sind lediglich ein paar Geburtstage und einige wenige Notizen, die zum Teil fast tagebuchartig wirken. Im April notierte er beispielsweise mehrere Tage lang das Wetter. „Herrlichstes Wetter“ am 9. April, „unbeständig warm mit Regen“ am 13. April usw.

Schließlich nutzte er die vielen leergebliebenen Seiten, um seine kirchenhistorischen Arbeiten zu Papier zu bringen.

Bei allem, was der Kalender über Albert Rosenkranz aussagt, ist auch der Kalender selbst ein zeithistorisches Objekt und versprüht auf jeder Seite den nationalsozialistischen Geist der Zeit. Jede Doppelseite ist überschrieben mit einem zeittypischen Zitat. Bis auf wenige Ausnahmen stammen die meisten von Adolf Hitler und sind gewohnt kämpferisch.

Taschenkalender 1939, aus: Bestand 7NL 060 (Albert Rosenkranz)
Taschenkalender 1939, aus: Bestand 7NL 060 (Albert Rosenkranz)

Der 16-seitige Anhang beinhaltet jede Menge Informationen zum Alltag im nationalsozialistischen Staat. Es gibt zum Beispiel eine Liste der Feiertage, die neben den üblichen christlichen Feiertagen auch den Heldengedenktag und den Nationalen Feiertag des deutschen Volkes aufführt. Außerdem findet sich eine weitere lange Liste mit sogenannten Gedenktagen, wozu unter anderem die Geburtstage Adolf Hitlers und Hermann Görings gehören sowie die Einführung der Hakenkreuzflagge als Nationalflagge durch das Reichsflaggengesetz vom 15.9.1935.

Hinzu kommen ausführliche Informationen, für die wir heute schnell zum Smartphone greifen würden: aktuelle Post- und Bahntarife, Größen- und Gewichtseinheiten, Hinweise zum Wehr-, Arbeits- und Luftschutzdienst und einiges mehr.

Der Tischkalender dokumentiert damit nicht nur den Alltag seines Besitzers, sondern auch den Geist einer ganzen Zeit.

Am Anfang war der Bahnhof: Die Entstehung der Evangelischen Kirchengemeinde Konz-Karthaus

Die im äußersten Westen von Rheinland-Pfalz an der Mosel gelegene Diasporagemeinde Konz-Karthaus kann auf eine ungewöhnliche Gründungsgeschichte zurückblicken. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts ließen sich im Zuge der Industrialisierung die ersten evangelischen Christen in Konz, Merzlich und den umliegenden Ortschaften nieder. Es handelte sich dabei vor allem um Rottenarbeiter und Beamte, die beim Bau der Eisenbahn beschäftigt waren. Während die Beamten überwiegend aus dem Raum Saarbrücken stammten, kamen die Arbeiter vor allem aus St. Wendel und dem benachbarten Hunsrück. Einen weiteren starken Zuzug brachte der Ausbau des Centralbahnhofs Karthaus zu einem wichtigen Eisenbahnknoten sowie die Eröffnung der Königlichen Eisenbahn-Nebenwerkstätte im Jahr 1879 mit sich. Bis 1884 wuchs die evangelische Bevölkerung auf etwa 120 bis 150 Personen an.

Centralbahnhof Karthaus, 1920er Jahre; aus: Kläs / Wallrich, 100 Jahre evangelische Christen in Konz
aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 150B, Nr. 89

Die nächstgelegene evangelische Kirche befand sich im rund neun Kilometer entfernten Trier. Aufgrund der beschwerlichen Anreise bemühten sich die Trierer Pfarrer, in Konz einen geeigneten Raum für Gottesdienste anzumieten. Die mit großer Mehrheit katholische Bevölkerung verhielt sich jedoch außerordentlich reserviert. Nachdem diese Versuche gescheitert waren, wandte sich Superintendent Klein an verschiedene Trierer Behörden und hatte wider Erwarten schnell Erfolg: Das Königliche Eisenbahn-Betriebsamt teilte mit Schreiben vom 26. Juli 1884 mit, den Speisesaal des Verwaltungsgebäudes der Königlichen Nebenwerkstätte zu Karthaus alle vier Wochen zur Verfügung zu stellen. Dort fand am 17. August 1884 der erste Gottesdienst statt, bei dem Superintendent Klein über Apostelgeschichte 17,16–34 predigte. Aus Berlin sandte der Evangelische Oberkirchenrat als Geschenk „zum Gebrauch bei den evangelischen Gottesdiensten auf dem Centralbahnhof Karthaus“ eine Ausgabe der Agende mit handschriftlicher Widmung. Bei den im vierwöchigen Rhythmus abgehaltenen Gottesdiensten war der „Betsaal“, wie der Speiseraum genannt wurde, immer bis auf den letzten Platz besetzt.

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