Wo die Geschichte Zukunft macht

Mein Praktikum im Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland

Die Gegenwart kann nie losgelöst von ihrer Vergangenheit beurteilt werden. So wäre die derzeitige Krise der EU, die sich im Brexit der vergangenen Woche erschreckend deutlich manifestierte, wohl keine “Krise” ohne das Wissen um die Erfolgsgeschichte der europäischen Integration. Aber auch die Brexit-Befürworter argumentierten mit vergangenen, vermeintlich besseren Zeiten, als Großbritannien noch nicht unter der Knechtschaft Brüssels gestanden habe. Die Beurteilung des Ist-Zustandes einer Gesellschaft wird so häufig zu einem Streit um deren Vergangenheit. Umso wichtiger ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte (die heute mehr denn je eine Geschichte des Globalen ist). Welche essentielle Rolle Archive in diesem Prozess spielen, bleibt der breiten Öffentlichkeit (und manchmal leider auch den politischen Entscheidungsträgern, die entsprechende Finanzmittel bewilligen) dabei häufig verborgen.

Während meiner Promotion in der Geschichtswissenschaft habe ich verschiedene große und kleine, private, kirchliche und staatliche Archive bereits als Benutzerin kennengelernt. Ob der Archivdienst auch eine berufliche Perspektive für mich darstellt, wollte ich in den vergangenen vier Wochen bei einem Praktikum im Archiv der Evangelischen Kirche des Rheinlandes näher erkunden.Collage1 Weiterlesen

Kunigundes Entführung, oder: Mikrogeschichte at its best

Im April 1762 verursacht die junge Katholikin Kunigunde Mommers in der reformierten Kirche von Vaals bei Aachen einen Eklat: Sie versucht, ihren neugeborenen Neffen aus dem Taufgottesdienst zu entführen, damit er katholisch getauft werden kann. Sie wird überwältigt, dann aber bald von Katholiken mit Gewalt aus Vaals befreit. Diese Verletzung ihrer Souveränität können wiederum die niederländischen Generalstaaten nicht auf sich sitzen lassen: Sie arretieren Kunigunde ebenso wie den katholischen Pater Johann Wilhelm Bosten, der sie zu ihrer Tat angestachelt habe. Beide verbringen die nächsten fünf  (!) Jahre in Haft in Maastricht. Während dieser Zeit eskalieren die Übergriffe auf die evangelische Minderheit in Aachen, die kaum noch unbeschadet zu ihren Sonntagsgottesdiensten in Vaals gelangen kann.

Diese Konflikte zeichnet der amerikanische Historiker Benjamin J. Kaplan in einer faszinierenden Studie nach, die auf Quellenfunden im Nationalarchiv Den Haag und unserem Bestand Aachen basiert. Weiterlesen

Wohin mit alten Dienstsiegeln?

Wenn Kirchengemeinden fusionieren und eine neue Gemeinde ins Leben gerufen wird, dann muss neben zahlreichen anderen verwaltungstechnischen Formalitäten auch an die Schaffung eines neuen Siegels gedacht werden. So geschah es kürzlich bei der Vereinigung der drei Gemeinden Merxheim, Monzingen und Meddersheim zur Evangelischen Kirchengemeinde Mittlere Nahe, deren neu entworfenes Siegel bereits im Amtsblatt publiziert worden ist. Siegel KG Mittlere NaheWas aber soll mit den bisher gebrauchten Dienstsiegeln geschehen? Diese Frage hat die Gemeinde Mittlere Nahe geradezu vorbildlich geklärt. Weiterlesen

Neue Findbücher zur Geschichte des Rheinischen Pfarrfrauendienstes online

Rheinischer Pfarrfrauendienst Pfarrer Hans Josten aus: 5WV 016, Nr. 29

Auszug aus dem Gästebuch des Rheinischen Pfarrfrauendienstes, auf dem Foto in der Mitte Pfarrer Hans Josten, aus: 5WV 016, Nr. 29

Anlässlich des 40jährigen Jubiläums der Frauenordination in der Evangelischen Kirche im Rheinland ist die Rolle der Frau innerhalb der Kirche in den letzten Jahren stark in den Fokus der Forschung gerückt. Hierbei standen meist die theologisch ausgebildeten Frauen im Mittelpunkt des Interesses.  Die vorliegenden Bestände nehmen eine Personengruppe in den Blick, der bisher wenig Beachtung geschenkt worden ist: Die Ehefrau des Pfarrers.
Die Akten ergänzen die kirchliche Frauenforschung um eine weitere Facette.

Es handelt sich zum einen um die Handakten des Pfarrers Hans Josten (1883-1964), seit 1935 zunächst im Nebenamt, ab 1949 hauptamtlich zuständig für die Seelsorge an den Pfarrfrauen (6HA 029).
Zum anderen um den Bestand des Rheinischen Pfarrfrauendienstes (5WV 016, übrigens nicht zu verwechseln mit dem Pfarrfrauenbund!). Der setzt sich hauptsächlich aus den Akten der jeweiligen Vorsitzenden seit den 1960er Jahren zusammen und reicht bis in das Jahr 1999.
Mit den beiden Beständen ist die Geschichte des Pfarrfrauendienstes, bis auf das letzte Jahrzehnt, relativ vollständig überliefert und kann online recherchiert werden! Weiterlesen

Orgelmusik und Kirchenheizung

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Schallplatte und Außencover

In unserem unverzeichneten Sammlungsgut fand ich eine Werbeschallplatte der Firma MAHR Heizung (Aachen). Diese Werbeschallplatten bezeichnet man auch als Schallfolie, da diese überwiegend aus dem Kunststoff Polyethylen bestehen und sehr biegsam und dünn waren. Zum Abspielen verwendete man eine normale Platte mit kleinem Mitteloch als Unterlage. Diese flexibleren Werbeschallplatten sind  nur einseitig bespielt. Um ein längeres Musikstück auf diese Schallplatte (Single, 17,5 cm Durchmesser) zu bekommen, wurde die Abspielgeschwindigkeit von normal 45 Umdrehungen pro Minute (Upm) auf 33 Upm verlangsamt. diese Geschwindigkeit war in der Regel für Langspielplatten vorgesehen (LP). Die meisten Schallplattenspieler hatten eine Umstelltaste, wo man unter den Geschwindigkeiten 78, 45 und 33 Upm wählen konnte. Der Kirchenmusiker Hans Hulverscheid spielt auf der Stahlhuth-Orgel der Evangelischen Anna-Kirche zu Aachen. Diese Orgel wurde 1958 errichtet. Die gespielten Sätze sind von dem Komponisten und Organisten Dietrich Buxtehude.

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Innencover mit erläutertem Text

 

Familienforschung in Archiven: Eine Übersicht über Online-Angebote

Eine Sammlung nützlicher Texte für den Einstieg in die Familienforschung hat jetzt das LWL-Archivamt in Münster zusammengestellt: Familienforschung

Für das Rheinland zu ergänzen sind die entsprechenden Informationen der Archivstelle Boppard sowie deren aktuelle Kirchenbuchliste.

Ein Brief des Theologen Karl Barth vom 16. August 1945

Jahrestagung Wuppertal 1956 am Mikrofon Karl Barth (10.05.1886-10.12.1968) Professor für systematische Theologie, Theologische Fakultät der Universität Bonn (1930-1935), Universität Basel (1935-1962), Gesellschaft für Ev. Theologie , Foto: Hans Lachmann, Abgabe: Heinz Joachim Held 05/2006, aus Bestand: AEKR Düsseldorf 8SL 046 (Bildarchiv), 80020_08

Jahrestagung Wuppertal 1956 am Mikrofon Karl Barth, Foto: Hans Lachmann, aus Bestand: AEKR Düsseldorf 8SL 046 (Bildarchiv), 80020_08

Die berufliche Tätigkeit der tüchtigen Rendantin Katharina Seifert für die Rheinische Kirche ist kürzlich hier im Blog vorgestellt worden. Im August 1945 erhielt sie im kriegszerstörten Düsseldorf Post aus der Schweiz. Der berühmte Theologe Karl Barth (1886-1968), mit dem sie seit 1930 bekannt war, hatte ihr einen langen Brief geschrieben, in dem er auf die kirchenpolitische Situation im Rheinland und in Deutschland kurz nach Kriegsende eingeht. Der bislang unpublizierte Brief fand sich im Nachlass von Prof. Jürgen Fangmeier, einem Schüler Karl Barths und Mitarbeiter an der Barth-Gesamtausgabe. Weiterlesen

Ein Buch aus dem Vorbesitz des Adelbert von Chamisso in der Archivbibliothek

Viele Bücher in unserer Archivbibliothek tragen Vermerke über ihre Vorbesitzer in sich: handschriftliche Einträge, Exlibris oder Stempel. Wir hatten bereits einmal über ein aus Frankreich stammendes Buch berichtet . In unserer Bibliothek stammen naturgemäß viele Titel aus Nachlässen früherer Pfarrer unserer Landeskirche. Die Namen sind meist nicht erfasst. So habe ich auch zufällig festgestellt, dass wir ein Buch aus dem Vorbesitz des Naturforschers und Dichters Adelbert von Chamisso im Bestand haben.

Theosophia Revelata : Das ist Alle Göttliche Schriften des Gottseligen und Hocherleuchteten Deutschen Theosophi Jacob Böhmens, Gedruckt im Jahre der Verkündigung 1715, Besitz Adelbert von Chamisso (Autograph); aus Bestand: AEKR Düsseldorf Bibliothek Goe 6867,1

Theosophia Revelata : Das ist Alle Göttliche Schriften des Gottseligen und Hocherleuchteten Deutschen Theosophi Jacob Böhmens, Gedruckt im Jahre der Verkündigung 1715, Besitz Adelbert von Chamisso (Autograph); aus Bestand: AEKR Düsseldorf Bibliothek Goe 6867,1

Adelbert von Chamisso  wurde 1781 in Frankreich als Sohn eines verarmten Grafen geboren; die Familie verließ 1792 Frankreich auf der Flucht vor der Revolution und ließ sich 1796 in Berlin nieder. In die etwa zehnjährige Dienstzeit in der preußischen Armee bis 1806/07 fallen Chamissos Studien der Philosophie und der deutschen Literatur und seine  Anfänge als Dichter; Weltruhm erlangte er durch die Veröffentlichung von „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ 1814. Bei einem Aufenthalt in der Schweiz um 1812 fand er Interesse an der Naturwissenschaft, vor allem der Botanik. Er nahm an naturwissenschaftlichen Exkursionen teil und wurde 1819 Kustos am Königlichen Herbarium in Berlin und 1835 ordentliches Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Chamisso starb am 21.08.1838 in Berlin.

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Kreiskirchlicher Archivtag Saar

Am Samstag, den 11. Juni 2016, geht es im Haus der Begegnung in Heusweiler von 10.00 – 16.00 Uhr um alle Fragen rund um Archiv und Registratur. Dieses Tagungsformat hat sich in anderen Kirchenkreisen der EKiR schon vielfach bewährt: Die ehrenamtlichen Archivverantwortlichen der Kirchengemeinden aus der Region treffen sich zum fachlichen Austausch zu Themen wie der sachgerechten Unterbringung von Archivgut, Notfallmaßnahmen bei Wasserschäden oder Rechtsfragen bei der Benutzung. Ferner erhalten sie grundlegende Informationen zur Organisation von Ordnungsmaßnahmen und zur Kassation von Schriftgut. Eine praktische Übung an kirchlichem Archivgut rundet das Programm ab.

Die Tagung wird gemeinsam organisiert von Prof. Dr. Joachim Conrad, dem Synodalarchivpfleger des Kirchenkreises Saar-West und der Archivstelle Boppard des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Rendantin Katharina Seifert und die Verwaltung landeskirchlicher Stiftungen

Held, Heinrich Pfarrer Präses Ev. Kirche im Rheinland mit seiner Sekretärin Katharina ( Käthe ) Seifert Foto: Harro Bleckmann Fotosammlung: ohne Signatur

Präses Heinrich Held mit der Rendantin Katharina Seifert
Foto: Harro Bleckmann

Verwaltungsakten stehen gemeinhin im Ruf, nur ausgewiesene Insider zu begeistern. Nüchterne Rationalität gepaart mit Tristesse und Monotonie herrschen hier, so die verbreitete Meinung, vor. Dass dies keineswegs immer zutrifft, verdeutlichen beispielhaft die Handakten von Präses Heinrich Held (Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland, Bestand: 6HA 006). Sie dokumentieren nicht nur die enormen Schwierigkeiten, Einrichtungen inklusive Gebäude unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkriegs wieder aufzubauen und zu unterhalten, sondern auch über die verbreitete existentielle Not der Bevölkerung mit unmittelbaren Auswirkungen auf die körperliche und psychische Gesundheit des Einzelnen.

Seit 1942 lag die Verwaltung der zunächst provinzialkirchlichen, dann ab 1948 landeskirchlichen Häuser in den Händen der Oberinspektorin und Rendantin Katharina Seifert (1896-1979). Recht eigenständig verwaltete sie das Haus Hermann von Wied in Rengsdorf, das Haus Mainzer Straße 81 in Koblenz, die Häuser Rheinstraße 16 bis 20 sowie die Schulstraße 3 in Orsoy, das Herzog-Wolfgang-Haus in Meisenheim/Glan und das Evangelisch-Theologische Stift / Evangelisches Studentenheim, Humboldtstraße 42 sowie das Betty-Günther-Heim, evangelisches Studentinnenheim, Hohenzollernstraße 9, letztgenannte in Bonn. Sie überprüfte nicht nur die Finanzen dieser kirchlichen Einrichtungen, in Zeiten mit geringen finanziellen Mitteln bereits eine Aufgabe, die viel Umsicht und Blick für das Notwendige erforderte, sondern begleitete maßgeblich den Wiederaufbau und die Instandsetzung der Gebäude und den Betrieb der Einrichtungen. Sie entschied, welche Baumaßnahme vordringlich ausgeführt werden musste und welche noch Zeit hatte. Weiterlesen