Der vergangene Sommer stand in unserem Archiv im Zeichen des 125. Geburtstags Paul Schneiders am 29. August 2022, einem der prominentesten Vertreter des rheinischen Protestantismus in der Zeit des Nationalsozialismus.
Wandbild von Paul Schneider, „Prediger von Buchenwald“, im Landeskirchenamt Düsseldorf, gemalt von Layla Xing
Anlässlich dieses Jubiläums wurde die Kunstaktion „Rheinische Kirchenköpfe“ mit der Präsentation des Porträts Paul Schneiders, gestaltet von Layla Xing, an einer Wand des Landeskirchenamtes abgeschlossen.
Außerdem wurde der Nachlass Paul Schneider im Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland neu verzeichnet. Das Interesse an den Originalquellen, insbesondere an den Briefserien aus der Gestapo-Haft und später aus dem Konzentrationslager Buchenwald, ist ungebrochen.
Deshalb steht seit heute, dem Todestag Paul Schneiders, der am 18.7.1939 im KZ Buchenwald ermordet wurde, ein großer Teil der bei uns vorhandenen zeitgenössischen Originaldokumente nun online auf unserer Homepage für die Forschung zur Verfügung. Neben den schon vielfach zitierten Briefen Schneiders findet sich dort zum Beispiel auch die Gefängnisbibel, die Paul Schneider während seiner Haft bei sich hatte und mit zahlreichen Randbemerkungen versehen hat.
Paul Schneider, Bibel, Randbemerkungen mit Bleistift, 29.08.1936, aus Bestand: AEKR Düsseldorf 7NL 081 (Nachlass Pfarrer Paul Schneider), Nr. 49
Anglo-amerikanisches Historikerteam auf Forschungsbesuch in der Evangelischen Archivstelle Boppard
Schon öfters wurde in diesem Blog über das Phänomen der Simultankirchen berichtet, die es vor allem in denjenigen Gebieten der rheinischen Landeskirche gab, die in der Vergangenheit einmal unter pfälzischer Herrschaft standen, etwa in Kappel, Seesbach, Weiler an der Nahe oder Heddesheim. Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts existierten auf dem Gebiet der heutigen EKiR über 100 solcher Simultankirchen, deren Nutzung durch mehrere Konfessionen häufig Quelle heftiger Streitigkeiten war.
Am 29. Juni 2023 war in der Archivstelle Boppard ein international besetztes Forscherteam zu Gast, das sich dem Phänomen der Simultankirchen unter kulturanthropologischer Perspektive annähern will. Wie leben Menschen verschiedener Religionen auf engstem Raum zusammen? Die von dem Forschungsprojekt um Professorin Beth Plummer (University of Arizona), Professor David M. Luebke (University of Oregon) und Professor Andrew Spicer (Oxford Brookes University) betriebene Website https://sharedchurches.arizona.edu/ will Kirchen aus ganz Europa erfassen, die von zwei oder mehr christlichen Konfessionen genutzt wurden und werden. Das Projekt hat das Leben der einfachen Menschen der Vormoderne im Blick und interessiert sich für ihre Überzeugungen, ihre religiösen Identitäten und die Art und Weise, wie sie konfessionelle Konflikte, aber auch Vielfalt und Toleranz im Alltag erlebten.
Das Forscherteam mit dem Leiter der Evangelischen Archivstelle im Bopparder Lesesaal.
V.l.n.r.: Beth Plummer, Andrew Spicer, Andreas Metzing, David M. Luebke. (Foto: Archiv EKiR, A. Rönz)
Im Südteil der EKiR wurden im späten 17. Jahrhundert zahlreiche seit der Reformation reformierte oder lutherische Kirchen zu Simultankirchen. In der Regel geschah das im Zusammenhang mit der damaligen französischen Besatzungspolitik und den Rekatholisierungsmaßnahmen in der ab 1685 wieder von einer katholischen Linie der Wittelsbacher regierten Kurpfalz. Die meisten dieser Simultaneen wurden in der zweiten Hälfte des 19. oder im frühen 20. Jahrhundert wieder aufgehoben, doch einige existieren bis heute. Beispiele sind etwa die Dorfkirchen in Hahn (Hunsrück) und Nußbaum bei Monzingen, der Altenberger Dom oder der Wetzlarer Dom.
Beraten durch Archivstellenleiter Dr. Andreas Metzing, studierten Beth Plummer, David Luebke und Andrew Spicer insbesondere Archivalien der Kirchengemeinden Kirchberg, Kirn, Bad Kreuznach, Bendorf, Wetzlar und Kastellaun. Das Projekt Shared Churches in Early Modern Europe hat ein Online-Modul, zu dem auch externe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ergebnisse von individuellen Einzelforschungen beisteuern können. Andreas Metzing sagte dem Forscherteam die Unterstützung des Projekts durch die Evangelische Archivstelle Boppard gerne zu.
In der Kirchenzeitung DER WEG (Nr. 11, 1950, S. 3) befindet sich ein Bericht über die Verhältnisse in der Betreuung evangelischer Flüchtlinge in der Diaspora einer weitgehend katholischen Region in der Eifel, die Kirchengemeinde bleibt ungenannt:
„Etwas mehr als 500 Seelen zählt sie in der kleinen Stadt, aber noch rund 25 Dörfer kommen dazu, in die in den Jahren nach dem Krieg evangelische Flüchtlinge verschlagen wurden, arme, abseitsliegende Dörfer im Gebirge […], im ganzen sind es rund 1200 Seelen. Eine schwere Aufgabe, die weiten Wege bergauf und bergab, wenn es stürmt oder regnet, wenn in den Bergen noch Schnee liegt und die Straßen vereist sind, während in der Ebene der Frühling längst seinen Einzug gehalten hat. Wenigstens ein Motorrad konnte mit der Unterstützung des Hilfswerks beschafft werden.“
Superintendent Hans Mehrhoff, Wuppertal-Barmen, auf seinem Lutz-Motorroller, 1953. Foto aus dem Besitz von Wolfgang Engels (vgl. A. u. W. Engels, Hans Mehrhoff, Düsseldorf 2002, S. 192)
Da mir kein Foto von einem Pfarrer mit einer Pfarrstelle auf dem Land vorliegt, soll hier stellvertretend dieses Foto von Pfarrer Hans Mehrhoff in Wuppertal-Barmen dienen. Hier gab es zwar öffentliche Verkehrsmittel, aber abseits davon waren die Strecken wegen der bergigen Struktur der Stadt beschwerlich.
Der in der Diaspora-Gemeinde Prüm in der Eifel amtierende Pfarrer Häusler wandte sich in einem Schreiben vom 11.11.1948 an die Kirchenleitung (Bestand 1OB 008 Prüm 5, Bd. 4):
Betr. Motorisierung des Pfarrers zu Prüm. Für die Betreuung und Erhaltung der Ev. Kirchengemeinde PRÜM bitte ich die Leitung der Ev. Kirche der Rheinprvinz noch einmal um Gehör. Ich bitte dringend. Viele Male wurde auf den verkehrstechnischen Notstand des weiten Diasporagebietes in Wort, Schrift und Skizzen hingewiesen. Viele Appelle, viele Bemühungen aller beteiligten Kreise ohne Erfolg. Körper und Seele halten die Strapazen der Fahrradtouren nicht mehr durch. Inzwischen eingerichtete Omnibuslinien, die demnächst wieder erfolgende Aufnahme des Eisenbahnverkehrs für eine Strecke von 10 km auf unserem Betreuungsgebiet verzögern mehr die Erfüllung der Aufgaben, als daß sie sie fördern. Es wurde auch schon oft erwähnt, warum ein Kleinwagen einem Motorrad vorzuziehen ist. Einsichtig ist das vielleicht nur für den, der nach zweijährigem Gebrauch eines Fahrrades in der Eifel auf vereisten und verschneiten Straßen mit oder ohne Gepäck, Spenden zur Verteilung, nicht weiter kam.“
Vor einem Lapsus Linguae ist bekanntlich niemand gefeit. Zwei Beispiele aus den Handakten von Landeskirchenrat Ludwig Quaas (1908-1998) mögen dies veranschaulichen. So war Quaas u. a. als Ausbildungsdezernent für die Betreuung der rheinischen Theologiestudierenden zuständig. Während der Hochkonjunktur universitärer Unruhen war 1972 eine Ordinationstagung in Mülheim/Ruhr angesetzt worden, auf der Rechtsfragen der Ordination von Geistlichen und das theologische Verständnis diskutiert werden sollten. Die Tagung lief aber aus Sicht des Landeskirchenamtes völlig aus dem Ruder, wie aus dem entsprechenden Vermerk von Quaas hervorgeht:
Vermerk zur „Organisationsttagung“ vom 17.10. 1972.
Man bemerkt, wie erzürnt der Herr Landeskirchenrat über den Verlauf der Tagung war, die sich organisatorisch verselbständigt hatte. Es handelte sich aber dennoch nicht um eine „Organisationstagung“ und zum Ende wurde, wenn auch nur kurz, über die Ordination, nicht die Organisation, gesprochen.
Assoziativ eingängig ist auch das zweite Beispiel:
Statistische Berichte der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Sicherlich weisen die Volkskirchen manch statische Eigenschaften auf, die auch kritikwürdig sind. Dennoch handelt es sich bei dieser Akte natürlich um die statistischen Berichte der EKD. Die Reihe wird in loser Folge fortgesetzt.
Nachdem bereits 1899 Spenden die Einrichtung einer höheren Mädchenschule in Neukirchen ermöglicht hatten, gründete 1906 Julius Stursberg, der Leiter der Ev. Waisen- und Missionsanstalt, eine „Rektoratsschule“ für Jungen bis zur Obertertia (9. Klasse). Eine Untersekunda (10. Klasse) wurde 1924 eingerichtet. Im Jahr 1926 übernahm Dr.Dr. Friedrich Avemarie das Rektorat und prägte die Schulgeschichte über 27 Jahre hinfort. 1931 übernahm der Neukirchener Erziehungsverein die Finanzierung von Rektoratsschule und dem angeschlossenen Internat für Missionarskinder. In der NS-Zeit bestand die Schule mit einigen Einschränkungen als private Konfessionsschule fort, musste aber 1940 an die Gemeinde übergeben werden. Nach schweren Kriegsschäden konnte der Unterricht im Oktober 1945 wiederaufgenommen werden, die Schule wurde nun in ein sechszügiges naturwissenschaftliches Progymnasium umgewandelt. 1953 übernahm der Ev. Kirchenkreis Moers die Schulträgerschaft, 1966 die Rheinische Landeskirche. Bereits 1971 wurde dann die Gemeinde Neukirchen-Vluyn Träger der Einrichtung und eröffnete damit ein neues Kapitel in der Schulgeschichte. Zum Schuljahr 1976/77 zog das Gymnasium dann in einen Neubau um. Das alte Schul- und Heimgebäude „Auf dem Bruch“ wurde nach siebzigjährigem Bestehen angerissen.
Feldpostkarte aus dem Bestand AEKR 2LR020
Im Magazin unseres Archivs befindet sich dazu der Bestand 2LR020 Julius-Stursberg-Schule. Bei der Verzeichnungsarbeit wurde deutlich, dass der Bestand zahlreichen Feldpostbriefe aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges ehemaliger Schüler an den Schuldirektor Avemarie enthält. So beschreibt einer der Ehemaligen seine Erlebnisse in einem Brief vom 16.7.1940 wie folgt:
„Sehr geehrter Herr Direktor, Heute muss ich endlich einmal daran gehen, meine Briefschuld bei Ihnen abzutragen. Sehr viel haben wir in der letzten Zeit erlebt und sehen bekommen. Zweimal hatten wir das Glück eingesetzt zu werden.[…] Dort habe ich auch meine richtige Feuertaufe erhalten. Über drei Tage haben wir gelegen, ohne Essen und wenig Karabinermunition. Man wird da vorne sehr schnell schlau. Man hat raus, wer schießt, wessen Einschläge es sind.“
Die Berichterstattung des Kriegsgeschehens und den Erfahrungen der ehemaligen Schüler ist dabei ganz unterschiedlich. Anbei der Postkarten und Briefe findet man immer wieder Todesanzeigen geheftet, von gefallenen ehemaligen Schülern. Die meisten von ihnen waren gerade einmal Anfang 20.
Bildung der Synode Simmern, 19. Dezember 1817; aus Bestand: AEKR Boppard 3MB 015B Nr. 16
Neu auf der Website des Archivs ist das Findbuch des Kirchenkreises Simmern. Der Kirchenkreis wurde 1817 nach dem Übergang an Preußen und der Einführung der Union aus den evangelischen Kirchengemeinden des Landkreises Simmern gebildet. Seine wichtigsten Vorgängerterritorien waren das reformierte kurpfälzische Oberamt Simmern, das Amt Kirchberg aus der reformierten Vorderen Grafschaft Sponheim sowie die Ämter Kastellaun und Dill aus der lutherischen Hinteren Grafschaft Sponheim. 1972 wurde der Kirchenkreis Simmern mit dem Kirchenkreis Trarbach zusammengelegt und führt seit 1973 den Namen Kirchenkreis Simmern-Trarbach.
Bericht vom 2. Treffen der Kirchen-, Ordens-, Stadt- und Kreisarchive des ehemaligen Regierungsbezirks Trier in den Räumen des Kreisarchivs Bernkastel-Wittlich in Wittlich am 16.06.2023.
Bei diesem Treffen ging es um die Fragen des Katastrophenschutzes und der Digitalisierung. Bei den Fragen zum Katastrophenschutz wurde festgestellt, dass es von Vorteil ist, wenn die Polizei, die Feuerwehr und das Technische Hilfswerk, die Örtlich- und Räumlichkeiten kennen, mit den Besonderheiten des Archivs und der Bibliothek vertraut sind und man eine Liste mit den Ansprechpartnern hat. Auch ist es gut, wenn man im Vorfeld Kontakte zu Schlachthäusern und großen Märkten aufnimmt und mit diesen für den Notfall einen Platz in deren Kühlräumen einplant.
Bei der Digitalisierung wurde besprochen, welche Geräte bei den Archiven zum Einsatz kommen können, oder ob die Digitalisierung von externen Dienstleistern durchgeführt wird. Es stellte sich heraus, dass die Kosten eine sehr wichtige Rolle spielen, ebenso wie die Festlegung welche Archivalien digital zu sichern sind.
Zum Abschluss des Treffens wurde noch die Bibliothek Mehs im Kreisarchiv Wittlich besichtigt. Das nächste Treffen ist im Stadtarchiv Trier geplant.
Nachfolgend der Link zum Kreisarchiv Bernkastel-Wittlich
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