Arbeiten am gesetzlichen Feiertag. Eine eigentümliche Form studentischen Protestes an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal im Jahr 1967

Studierendenstreiks, also der Boykott von Vorlesungen und anderen Lehrveranstaltungen zur Propagierung oder Durchsetzung (bildungs)politischer Ziele, sind spätestens seit den 1980er Jahren und dann vor allem mit dem bundesweiten Studentenstreik 1997/98 der deutschen Öffentlichkeit vertraut. Vergleichsweise originell ist die umgekehrte Variante, also die Ansetzung von Lehrveranstaltungen bewusst auf einen unliebsamen Feiertag.

Eine solche Melange gewissermaßen aus politischem Aktivismus und protestantischem Arbeitsethos ergab sich am 17. Juni 1967, dem Tag der Deutschen Einheit, an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, kurz KiHo. Auch wenn wir heute nur den 17. Dezember schreiben, lohnt es sich, in die mentalen Befindlichkeiten der späten Sixties einzutauchen.

Kirchliche Hochschule Wuppertal. Bestand AEKR 8SL046 (Bildarchiv), 80045_09

Im General-Anzeiger der Stadt Wuppertal von Donnerstag, dem 15. Juni 1967, erschien der Beitrag „Arbeiten oder feiern?·- Stellungnahme von Rektor Prof. Dr. Geyer“, den die Redaktion mit folgendem Vorspann versah: „Die Diskussion um den 17. Juni, die an der Wuppertaler Kirchlichen Hochschule entstanden ist, veranlasste uns, den Rektor der Kirchlichen Hochschule, Prof. Dr. Hans Georg Geyer, um eine Stellungnahme zu bitten. Er stellte uns diese Ausführungen zur Verfügung.“

Beim Abgleich mit dem vollen Wortlaut des von Geyer eingereichten Manuskriptes, das sich in den KiHo-Akten findet, stellt man zahlreiche Kürzungen seitens der Zeitung fest. Die eingeklammerten kursiven Textteile hatte der General-Anzeiger nicht veröffentlicht. Demnach beabsichtigten die Studierenden der KiHo also, am 17. Juni die im Stundenplan angesetzten Veranstaltungen zu besuchen, „um der Sinnentleerung dieses Tages entgegenzuwirken und durch die alltägliche Arbeit jenen Geist der wachen Nüchternheit zu dokumentieren und zu wecken, dessen es in der deutschen Politik bedarf.“

Hans-Georg Geyer (1929-1999) hatte seit 1964 den Lehrstuhl für Systematische Theologie an der KiHo Wuppertal inne. Noch 1967 nahm er eine Berufung nach Bonn an, es folgten Professuren in Göttingen und Frankfurt/Main. Philosophisch von der Frankfurter Schule und theologisch von Karl Barth und Walter Kreck geprägt, ging er politisch weitgehend konform mit den Anliegen des studentischen Protestes und war etwa auch im „Republikanischen Club“ Bonn aktiv.

Auf dem Titelblatt der Kirchenzeitung DER WEG vom 18. Juni 1967 schlug der damalige rheinische Landespfarrer für Volksmission Hans Hartwig von Goessel ähnliche Töne an. Unter der Rubrik „Bei Lichte besehen“ heißt es eingangs:

„Der Tag der deutschen Einheit ist auch in diesem Jahr wieder ein Feiertag, obwohl es viele nicht merken werden, weil er auf einen Samstag fällt. Man hört, dass der 17. Juni von 1968 an wieder ein normaler Arbeitstag sein soll. Haben wir ihn nicht zu feiern verstanden? Sprechen politische Gründe gegen einen arbeitsfreien Tag? Oder haben wirtschaftliche Gründe den Ausschlag gegeben? Es wäre sicher nicht gut, wenn die Ereignisse des 17. Juni 1953 aus unserem Gedächtnis verschwinden würden. Noch schlechter wäre es allerdings, wenn politischer Trotz in einem auf Ewigkeit angelegten Feiertag zementiert würde. Es ist darum zu begrüßen, wenn wir in diesem Jahr den 17. Juni zum letzten Male als arbeitsfreien Feiertag begehen. Warum sollten wir nicht genauso intensiv, vielleicht sogar noch intensiver von 1968 an auch während der Arbeit an die notvolle Teilung unserer Nation denken, so wie wir ja auch etwa am Reformationstag an Luthers Thesenanschlag denken?“

Stattdessen betonte von Goessel die damals noch bestehende kirchliche Einheit in Form der gesamtdeutschen EKD: An dieser „Einheit der Kinder Gottes mitten in einer Welt der Spaltungen“ solle geradezu „mit Leidenschaft festgehalten“ werden. Freilich erfolgte bereits 1969 die Gründung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR als separater Zusammenschluss der acht ostdeutschen Landeskirchen. Umgekehrt wurde auch 1968ff. an dem 17. Juni als Feiertag festgehalten.

Im Sommer 1968 stellte Prof. Erwin Mülhaupt seinen Rektoratsbericht für das Studienjahr 1967/68 unter die Überschrift „Ein Jahr der Unruhe und der Bewährung“. Mülhaupt, selbst als konservativer Lutheraner nicht gerade repräsentativ für den Mainstream des Wuppertaler Lehrkörpers, gab einen arg harmonisierenden Überblick zu den –überschaubaren- Aktionen der Wuppertaler Studierenden:

Prof. Erwin Mülhaupt. Bestand AEKR 8SL046 (Bildarchiv), 013_130

„Es blieb nicht bei Information und Diskussion, Teile der Studentenschaft haben sich am Marsch der Notstandsgegner auf Bonn beteiligt, und die gesamte Studentenschaft hat um dieser Angelegenheit willen sich am 15. Mai [1968] am Vorlesungsstreik beteiligt und in Wuppertal demonstriert. Streik und Demonstration verliefen in Wuppertal mit soviel Disziplin und Ordnung, dass auch dies von städtischen und polizeilichen Stellen mit Anerkennung vermerkt wurde. Trotzdem kam es um dieselbe Zeit, am 20. April 1968 zu einem unangenehmen Zusammenstoß zwischen vier unserer Studenten und der Polizeiwache im Rathaus Elberfeld, der aber dann durch zwei Verhandlungen … beigelegt werden konnte… Eine Art faires Äquivalent zur Streikaktion unserer Studentenschaft am 15. Mai war ihr Antrag an die Hochschulleitung, den 17. Juni 1968 [ein Montag] nicht als Feiertag, sondern als Arbeitstag zu begehen. Die Hochschulleitung ist nach Befragung derjenigen Dozenten, die an diesem Tage von dem betreffenden Antrag betroffen waren, darauf eingegangen, da auch sie des Zauderns überdrüssig ist, das vonseiten der Regierung in dieser Frage immer noch herrscht…

Ein wesentliches und erfreuliches Ergebnis, das bei all diesen politischen Aktionen herauskam, war, dass die Wuppertaler Öffentlichkeit mehr als bisher merkte und auch anerkannte, dass es unseren Studenten bei allem Willen, sich offen und ehrlich zu engagieren, doch nie bloß um Radikalismus und Opposition, sondern ebenso auch um faire Einhaltung demokratischer Spielregeln ging.“

Die Aktion von 1967 war also im folgenden Jahr wiederholt worden. Gemäß Stundenplan fanden acht Veranstaltungen von 8:00 Uhr bis 21:45 Uhr statt. Mülhaupt stellte den Feiertagsboykott tendenziell eher als zeitlichen Verrechnungsscheck und freundliche Geste der Studentenschaft in Hinblick auf die vorangegangene Streikaktion dar. Diese Interpretation wird der durchaus politischen und bereits 1967 artikulierten Intention der beteiligten Dozenten und Studierenden nicht gerecht. Mit Blick auf den zeitlichen Kontext des ersten Feiertagsboykotts (gerade 14 Tage zuvor war am 2. Juni 1967 Benno Ohnesorg erschossen worden) und die gleichfalls 1967 einsetzenden Unruhen an Theologischen Fakultäten ebenso wie an der Kirchlichen Hochschule Berlin ist freilich zu konstatieren, dass die KiHo Wuppertal im bundesdeutschen Hochschulvergleich geradezu eine Insel der Seligen bildete. Die Spezifika dieser Hochschule und ihre archivische Überlieferungslage seien hier erläutert.

Deutscher Evangelischer Kirchentag (DEKT), Dorothee Sölle und Johannes Rau am Büchertisch, Köln, 28. Juli – 1. August 1965, aus Bestand: AEKR 8SL 046(Bildarchiv), 6_0014_788

Das Schlusswort in dieser Kontroverse soll dem Wuppertaler Protestanten Johannes Rau gebühren. In seiner Rede als Bundespräsident vor dem Deutschen Bundestag anlässlich des 50. Jahrestages des 17. Juni 1953 konstatierte er 2003: „Doch seien wir ehrlich: Vielen von uns war der 17. Juni –aus dem einen oder dem anderen Grund– irgendwie lästig geworden…Heute wissen wir: Der 17. Juni 1953 ist einer der großen Tage deutscher Freiheitsgeschichte. Die Frauen und Männer, die den Aufstand getragen haben, verdienen unsere Anerkennung und unseren Dank…Wir tun gut daran, das Erbe des 17. Juni 1953 wach zu halten und hoch zu halten.“

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