Weihnachtsbräuche, vergessen oder noch aktuell? Teil 2: Die Weihnachtszeit.

Zahlreiche Pakete bringt der Postbote zu Weihnachten Fotograf: Hans Lachmann Datum: Dezember 1957 Signatur: AEKR 8SL071 (Bildarchiv), BRD_1957_4991 Negativ 36/2124

Der Countdown läuft! Die vierte Adventskerze wurde bereits entzündet. Plätzchen wurden zum zweiten, vielleicht ja sogar schon zum dritten Mal gebacken. Der Glühwein wurde (mit besagten Plätzchen) bereits verkostet und so mancher zieht den Endspurt beim Geschenkebesorgen an. Schließlich steht Weihnachten vor der Tür. Dann heißt es am 24. Dezember: Kirchgang, Festessen, Bescherung. An den zwei Weihnachtsfeiertagen werden noch die Verwandten besucht und dann, ja dann ist Weihnachten (oder der sogenannte „Weihnachtsstress“)
eigentlich auch schon vorbei. „Alle Jahre wieder…..“

Alle Jahre wieder wiederholt sich der gleiche weihnachtliche „modus operandi“, feiern wir unser traditionelles Weihnachten. Doch wie viel wissen wir tatsächlich davon? Schon mal was von „wihenaht“ oder „sol invictus“ gehört? Warum genau stellen wir einen Weihnachtsbaum auf? Wussten Sie, dass früher zu Weihnachten eigentlich nur Kinder beschenkt wurden oder was der Christstollen mit dem Kindermord von Bethlehem zu tun hat? Nein? Nicht schlimm, hier kommt die Auflösung.

Wihenaht“ stammt aus dem Mittelhochdeutschen, lässt sich auf das 12. Jahrhundert datieren und bedeutet „geweihte Nacht“ oder „heilige Nacht“. Aus ihm stammt unser Wort für Weihnachten. Etymologisch finden sich hier die Spuren der Germanen, die ihre „heiligen Nächte“ um die Wintersonnenwende herum zelebrierten. Die Erinnerung daran schwingt im Deutschen in der Bezeichnung für das Weihnachtsfest noch mit. Ganz anders im Englischen oder Niederländischen, die mit „christmas“ bzw. „kerstmis“ einen deutlichen Bezug zu Christus aufweisen, dessen Geburt Christen weltweit an Weihnachten ja feiern. Hier muss jedoch erwähnt werden, dass die frühe christliche Kirche keinen allzu großen Wert auf das Geburtsfest des Gottessohnes legte, da „Geburtstagsfeiern“ als heidnisch galten. An die Niederkunft Jesu wurde zu Beginn des 4. Jahrhunderts im Rahmen des Epiphaniasfestes, also des 6. Januars, gedacht. Gegen Ende dieses Jahrhunderts fand jedoch eine Verschiebung auf den 25. Dezember statt, an welchem fortan das symbolische Wiegenfest von Jesus Christus begangen wurde und nach wie vor wird.

Dieser Verschiebung liegen mehrere Erklärungsversuche vor. Eine hängt mit dem sogenannten „sol invictus“ – Kult zusammen. Der 25. Dezember wurde unter Kaiser Aurelian (214-275 n. Chr.) ursprünglich zum staatlichen Feiertag erklärt. Der Kaiser von Rom ließ sich als irdischer Repräsentant des Gottessohnes – genauer als „sol invictus“ (unbesiegbarer Sonnengott) – feiern. Mit der fortschreitenden Christianisierung trat an seine Stelle jedoch zunehmend Jesus Christus, der als Lichtbringer und wahrer Sohn Gottes in die Welt kam. Eine weitere Erklärung ergibt sich aus einer Kalenderberechnung. Der 25. März (Tagundnachtgleiche) wurde mit dem ersten Schöpfungstag gleichgesetzt. Man überlegte, dass Jesus für die „neue“ Schöpfung stünde und der 25. März daher sein Empfängnistag sein müsste. Ergo müsste neun Monate später auf den 25. Dezember sein Geburtstermin fallen.

Beleuchtetes Thyssenhochaus mit Weihnachtsbaum und Autos im Vordergrund Fotograf: Hans Lachmann Datum: Dezember 1960 Ort: Düsseldorf Signatur: AEKR 8SL046 (Bildarchiv), BRD_1960_3614 Schachtel BRD 32 (66/3643)

Es entsprach altem Brauch, dass ein Festtag bereits um 18 Uhr des Vortages begann. So wird nun am Vorabend des Weihnachtsfestes, am 24. Dezember, der Heilige Abend gefeiert. Traditionell sind hier die abendlichen Christvespern (ev.) oder die spät in der Nacht stattfinden Christmetten (kath., aber auch von ev. Gemeinden gefeiert). Zum weihnachtlichen Gottesdienst gehört auch das Quempas Singen (vom lat. Lied „Quem pastores laudavere“, zu dt. „Den die Hirten lobten“). Dieser Brauch entwickelte sich ab dem 15. Jahrhundert in mittel- und ostdeutschen Ländern. Chorsänger verteilten sich in die vier Ecken des Kirchenraumes und suchten das Weihnachtsgeschehen durch einen Wechselgesang darzustellen. In einigen Gemeinden wurde zudem noch das Kurrendesingen oder Kurrendeblasen gepflegt (an welchem sich schon Martin Luther beteiligt haben soll). Der Begriff stammt vom lat. Wort „currere“, was laufen bedeutet. Gemeint waren damit arme und bedürftige Schüler, die an festlichen Feiertagen durch die Ortschaft zogen, Lieder sangen und dafür kleine Gaben erhielten, so auch an Weihnachten.

Das mitunter prominenteste Symbol für Weihnachten ist der festlich geschmückte Weihnachtsbaum, der zur Weihnachtszeit natürlich nicht fehlen darf. Erstmalige Erwähnung fand er in einer Straßburger Urkunde von 1539. Darin ist die Rede, zu Weihnachten Tannen oder ähnliche Zweige in der Wohnung anzubringen, was wohl mit den Barbarazweigen (4. Dez.) zusammenhängt. Diese wurden von Bergleuten in ihrer Wohnung zu Ehren ihrer Schutzpatronin aufgehängt. Die katholische Kirche lehnte das Anbringen von Grünzeug in der Stube jedoch lange Zeit als heidnisch ab (man denke an die Vertreibung böser Geister). Folglich verbreitete sich das Aufstellen eines Baumes in protestantischen Kreisen schneller als in katholischen. Der Niederrhein zum Beispiel kannte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts keinen Tannenbaum. Als ein Brigadeschneider aus Berlin zurück in seinen Heimatort nach Krefeld-Hüls zog, brachte er auch die Tradition des Weihnachtsbaumes mit, was um ca. 1899 viel Gerede und Staunen hervor rief. Nach dem Ersten Weltkrieg verbreitete sich die Tradition des Weihnachtsbaumes (auch am Niederrhein) immer schneller. Voran gingen dabei besser gestellte Familien, die sich das leisten konnten. Später zogen die einfachen Bürger, Handwerker und Arbeiterfamilien nach. Auch der Weihnachtsschmuck ist symbolträchtig. Lametta etwa steht für die Schätze, die die Weisen aus dem Morgenland Jesu darbrachten. Papierketten weisen darauf hin, dass Christus von den Ketten der Schuld und des Todes befreien will. Sterne stehen stellvertretend für den Weihnachtsstern, der den Weg zur Krippe wies.

DDR Krippe eines ev. Kindergartens Hans Lachmann, Schachtel Nr. 269: DDR

Nicht unerwähnt bleiben dürfen selbstverständlich die Weihnachtskrippen, die in Kirchen oder auch in Wohnungen aufgestellt werden. Das Bedürfnis das Weihnachtsgeschehen bildlich oder szenisch darzustellen reicht bis ins 4. Jahrhundert zurück. Als ein „Urheber“ der Krippe gilt Franziskus von Assisi (ca. 1181-1226) der mit Mönchen 1223 im Wald von Greccio in Italien während einer Weihnachtsfeier die Geburt Jesu Christi nachstellte. Im 16. Jahrhundert erreichte die Krippenkunst einen Höhepunkt.
Nicht nur in Kirchen, sondern auch an Königshöfen v.a. in Süddeutschland, Italien und Spanien wurden mit Vorliebe Krippen aufgebaut. Dabei beschränkte man sich nicht nur auf die Stallszene, vielmehr gestaltete man ganze Landschaften, die auch die eigenen ländlichen oder volkstümlichen Verhältnisse mit einfingen. Während der Aufklärung erlitt die Tradition der Weihnachtskrippe einen Einschnitt und wurde in den Kirchen eingestellt. Da die Menschen trotzdem an ihrem Brauch hingen, verlagerte man die Weihnachtskrippe in die eigene Stube. Heute ist die Krippe zur Weihnachtszeit nicht mehr weg zu denken.

Gerade bei Kindern dürfte Weihnachten (neben dem eigenen Geburtstag) zum beliebtesten Fest gehören, denn dann gibt es die Bescherung! Die Idee des Schenkens liegt auch dem Weihnachtsfest inne, denn Gott schenkte den Menschen seinen Sohn. Seit fast 400 Jahren ist es Brauch, Kinder zu beschenken. In ev. Kreisen wurden neben den Kindern oft auch Knechte, Mägde und das Dienstpersonal vom Christkind an Heilig Abend oder am 1. Weihnachtsfeiertag beschert. Ab dem 19. Jahrhundert wurden dann auch die Erwachsenen bedacht. Lange war es auch Brauch, dass Kinder sich mit selbstgeschriebenen Weihnachtsglückwünschen in Form von Zeichnungen, Versen, Gedichten oder kleinen Geschichten bei ihren Eltern und anderen Familienmitgliedern für ihre Gaben bedankten. Diese Art sich zu bedanken hat heute aber stark nachgelassen oder wird gar nicht mehr praktiziert. Erhalten hat sich hingegen das heute noch gängige und populäre Wichteln.

Abgerundet wird das Weihnachtsfest schließlich noch mit einem guten Festessen. Was auf den Tisch kommt, hängt von persönlichen Präferenzen, der eigenen Familientradition oder lokalen Eigentümlichkeiten ab. Klassisch sind natürlich der Weihnachtskarpfen (siehe hier das Kochrezept aus dem18. Jh.) oder die Weihnachtsgans. Der Karpfen wird mit der Mahlzeit in Verbindung gebracht, die Jesus Christus nach seiner Auferstehung mit seinen Jüngern verzehrte; das waren nämlich Brot und Fisch. Die Gans gehörte bereits bei den Ägyptern zu den beliebtesten Opfertieren. Auch wenn man es auf den ersten Blick nicht vermutet, so ist doch auch das Weihnachtsgebäck nicht ohne besonderen Bezug zum Weihnachtsfest. Backwaren wurden oft besonderen Tagen oder Festen zugeordnet. Zum Nikolaustag gab es z.B. traditionell Spekulatius. Dominosteine, Spitzkuchen oder Printen gab es zum 26. Dezember, zum Stephanustag. Stephanus war der erste christliche Märtyrer; er wurde durch Steinigung hingerichtet. In Fett gebackene Pfannkuchen reichte man am 27. Dezember. Sie werden in Verbindung mit Johannes gebracht, der zur Zeit der Christenverfolgung unter Kaiser Domitian (51-96 n. Chr.) in siedendes Öl geworfen wurde. Der Christstollen hingegen, erstmals 1329 in Naumburg a. d. Saale gebacken, erinnert zunächst an Jesus, welches als Kind in Windeln gewickelt in der Krippe lag, aber auch an die Opfer des Kindermordes von Bethlehem, den König Herodes befahl. Hier wird die Form des Gebäckes mit Wickeltüchern von Säuglingen assoziiert.

Zwei Mädchen schauen sich einen Adventskalender an Fotograf: Hans Lachmann

Das Weihnachtsfest ist voller Bräuche, deren Ursprünge vielen nicht einmal mehr richtig bewusst sind. Während einige komplett in Vergessenheit geraten, sind neue im Entstehen begriffen. Vielleicht hat die ein oder andere Familie auch ihre ganz eigenen „Weihnachtstraditionen“ entwickelt. Wie diese Traditionen auch aussehen mögen, das Archiv der EKiR wünscht allen ein fröhliches und gesegnetes Weihnachtsfest!

PS: Links im Bild ist ein ursprünglicher Adventskalender zu sehen, von welchem im Blogbeitrag über die Adventszeit die Rede war.

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