„Bist du schon eingestaubt?“

Die Materialsichtung erfordert einen klaren Blick

Wer kennt sie nicht, diese sogenannten „Stereotype“? Sie begegnen uns überall im Alltag – so also auch, als ich erzählte, dass ich ein Praktikum im Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland machen würde. Für manche hieß das, den ganzen Tag verstaubte Akten im Keller zu wälzen, etwa so, wie es manchmal im Fernsehen dargestellt wird.
Ich persönlich hatte selbst noch keine konkrete Vorstellung dessen, was mich im Praktikum erwarten würde. Immerhin konnte ich nach meinem ersten Tag mit einem Schmunzeln berichten, dass sich die Magazine, in denen die Archivalien aufbewahrt werden, im Untergeschoss befinden, entgegengesetzt einiger Annahmen, waren diese jedoch nicht verstaubt.

Aus einem der Magazine holte ich den Bestand herauf, den es von mir zu erschließen galt. Es handelte sich um einen Teilnachlass eines ehemaligen Pfarrers aus Bonn. In den kommenden Tagen machte ich mich daran, das Material zu sichten. Schnell hatte ich die ersten spannenden Entdeckungen gemacht: „Mein“ Nachlasser äußerte sich zum „Kirchenkampf“ hielt nach Ende des zweiten Weltkrieges Predigten in Schweriner Flüchtlingslagern und positionierte sich zu politischen Themen (so beispielsweise zur Oder-Neiße-Grenze oder zum politischen Nachtgebet).

Während ich mich intensiv mit dem Bestand beschäftigte, schien es mir, als ob ich diesen Pfarrer auf einer privaten Ebene kennenlernte. In gewisser Weise mag das stimmen, denn vor allem die persönlichen Unterlagen gewährten mir einen tiefen Einblick in das Denken und Leben des Nachlassers.

Lagerung des erschlossenen Bestandes im Magazin


Anhand der Erfahrungen mit dem Nachlass und den Einblicken, welche ich im Bereich der Archivbibliothek und der Abteilung für Gemeindebriefe gewinnen konnte, stellte ich fest, dass das Archiv ein Ort ist, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenkommen können. Darüber hinaus habe ich aus meinem Praktikum, neben vielem anderen, mitgenommen, dass das Archiv als Gedächtnis der Institution fungiert, zu der es gehört. In welcher Weise dieses Gedächtnis dann genutzt werden kann obliegt bestimmten Regelwerken, die immer wieder neu verhandelt werden. Archive haben das Potential, ihr politisches, kulturelles und soziales Erbe transparent zu vermitteln und somit ihr Wissen mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, für Menschen zugänglich zu machen (Stichwort Digitalisierung). Vor allem aber halten sie, wie ich am Beispiel meines Nachlasses sehen konnte, die Vergangenheit für gegenwärtige und zukünftige Diskurse lebendig. Nach vier Wochen ist mein abschließendes Resümee die Überzeugung, dass Archiven eine nicht zu unterschätzende gesamtgesellschaftliche Funktion zukommt, die alles andere als verstaubt ist.

Ein Gedanke zu „„Bist du schon eingestaubt?“

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