Der Weseler Konvent 1568: Schlüsseldatum rheinischer Kirchengeschichte oder Fake-Event?

Spätestens seit seiner 300-Jahr-Feier 1868 gilt der sogenannte Weseler Konvent vom    3. November 1568 gewissermaßen als grundlegende Weichenstellung für die reformierte Kirche in Nordwesteuropa: Damals hätten die dort anwesenden 43 Vertreter niederländischer Flüchtlingsgemeinden erstmals Artikel für eine presbyterial-synodale Kirchenverfassung formuliert.

Der amerikanische Historiker Jesse Spohnholz hat nun hierzu vor einigen Wochen eine 280 Seiten starke Monografie publiziert: „The Convent of Wesel. The Event that never was or The Invention of Tradition“. Dort legt er m. E. überzeugend dar, dass dieser Konvent nie stattgefunden hat.

Bei dessen sogenanntem Protokoll handele es sich vielmehr um ein von dem flämischen Theologen Petrus Dathenus (ca. 1531-1588) verfasstes Positionspapier im Kontext des Herbstfeldzuges 1568 von Wilhelm von Oranien. Voller Optimismus für dessen Ausgang skizzierte er darin eine Ordnung, an der sich nach dem Sieg über die Habsburger die neue niederländische Nationalkirche ausrichten sollte. Dathenus war ein unruhiger Geist, der als Aktivist der reformierten Sache zwischen seiner Heimat, England, Frankfurt am Main und der Kurpfalz pendelte.

In den folgenden zwei Monaten habe Dathenus den Text in Wesel, Emden und London verschiedenen Unterstützern zur Unterschrift vorgelegt. Bereits Anfang 1569 waren die Artikel durch den Kriegsverlauf obsolet geworden. Das Manuskript wanderte in London ins Archiv der niederländischen Exilgemeinde, wo es still bis 1618 ruhte. In diesem halben Jahrhundert ist nirgendwo, auch nicht in der dann wirklich zukunftsweisenden Synode zu Emden 1571, die Rede von einer Synode oder einem Konvent zu Wesel 1568 gewesen.

Im Kontext der innerkirchlichen Kontroversen vor der reformierten Synode von Dordrecht 1618-19 entdeckt der Londoner Prediger Simeon Ruytinck das Manuskript von Dathenus und publiziert es als erste niederländische „Nationalsynode“. Von nun an in der Welt, blieb es aber ausgerechnet dem so historistisch ausgerichteten 19. Jahrhundert vorbehalten, den vermeintlichen Weseler Konvent zum Gedächtnisort im Sinne von Pierre Nora zu stilisieren. Spätere Forscher stellten seit den 1970er Jahren zwar Ort und Zeit des Konvents in Frage, hielten aber an der Prämisse einer förmlichen Zusammenkunft fest.

Man kann nun mit Spannung beobachten, wie sich die kirchenhistorische Zunft in Deutschland mit den Thesen von Spohnholz auseinandersetzen wird. Zusammen mit der Freien Universität Amsterdam betreibt er übrigens auch das aktuelle Forschungsprojekt Rhineland Exiles and the Religious Landscape of the Dutch Republic, c.1550-1618. Hierzu ist auch bereits im Archiv der EKiR gearbeitet worden.

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