Kunigundes Entführung, oder: Mikrogeschichte at its best

Im April 1762 verursacht die junge Katholikin Kunigunde Mommers in der reformierten Kirche von Vaals bei Aachen einen Eklat: Sie versucht, ihren neugeborenen Neffen aus dem Taufgottesdienst zu entführen, damit er katholisch getauft werden kann. Sie wird überwältigt, dann aber bald von Katholiken mit Gewalt aus Vaals befreit. Diese Verletzung ihrer Souveränität können wiederum die niederländischen Generalstaaten nicht auf sich sitzen lassen: Sie arretieren Kunigunde ebenso wie den katholischen Pater Johann Wilhelm Bosten, der sie zu ihrer Tat angestachelt habe. Beide verbringen die nächsten fünf  (!) Jahre in Haft in Maastricht. Während dieser Zeit eskalieren die Übergriffe auf die evangelische Minderheit in Aachen, die kaum noch unbeschadet zu ihren Sonntagsgottesdiensten in Vaals gelangen kann.

Diese Konflikte zeichnet der amerikanische Historiker Benjamin J. Kaplan in einer faszinierenden Studie nach, die auf Quellenfunden im Nationalarchiv Den Haag und unserem Bestand Aachen basiert.

Wie unter einem Brennglas erscheinen alle großen Themen der frühen Neuzeit: Da ist zunächst die latente und permanente Rivalität zwischen Katholiken und Protestanten, die auch im späten 18. Jh. noch jederzeit in offene Gewalt bis hin zum Mordversuch umschlagen konnte. Da sind die mannigfachen und komplizierten Varianten an Konfliktbewältigung im Grenzland zwischen heiligem Römischen Reich und Generalstaaten, nicht zuletzt aber auch die Fragwürdigkeit des Etiketts eines „Zeitalters der Aufklärung“.

Kaplans Stil ist prägnant, die beteiligten Charaktere bis hin zum letzten Tagelöhner vermag er anhand der dichten Quellenlage geradezu zum Leben zu erwecken. Die Lektüre (es gibt auch eine niederländische Ausgabe) ist jedem zu empfehlen, der an der Kirchen- und Alltagsgeschichte des Rhein-Maas-Raumes interessiert ist.

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