Kirchliche Registraturberatung im Wandel der Zeiten

Seit 2004 genießen wir in der Ev. Kirche im Rheinland den erfreulichen Zustand, dass der IT-kompatible Einheitsaktenplan für alle Ebenen der Verwaltung (Kirchengemeinden, Kirchenkreise und Landeskirche) Anwendung findet. Freilich bedarf er steten Trainings, wozu das Archiv der EKiR regelmäßig Schriftgutlehrgänge anbietet. Dort wird die korrekte Ablage nach Aktenzeichen eingeübt, die durch die Einführung von DMS-Systemen fast noch wichtiger als im herkömmlichen Papierzeitalter geworden ist.

Taschenbuch: Scribemecum pastorale, von Karlheinrich Dumrath, 1963

Der Bedarf an praktischen Beratungshilfen für die Kirchengemeinden war ein Thema für alle Landeskirchen. Ein früher Vertreter dieses Genres bildete das Büchlein „Scribemecum Pastorale“, das Karlheinrich Dumrath 1961 beim Evangelischen Presseverband in München publizierte. Die launig formulierten Texte und zahlreichen Zeichnungen nahmen die Missstände in der kirchlichen Schriftgutverwaltung nicht nur ins Visier, sondern boten auch konkrete Tipps zur Abhilfe. Weiterlesen

Spurensuche: Wer war „unser lieber Sohn Johannes“? Zur Familie des Pfarrers und Buchdruckers Friedrich Zillessen

Johannes Zillessen, Buchdrucker, Quelle – Archivbibliothek: alte geschichtlich wertvolle Reden u. Programme 2019.145a

In unsere Archivbibliothek gelangte ein Sammelband mit der Rückenaufschrift „alte geschichtlich wertvolle Reden u. Programme“. Enthalten sind etwa 25 Broschüren aus der Zeit um 1870 bis 1910 mit kurzen theologischen Abhandlungen, Jahresberichten und Predigten. Darunter befindet sich eine auf gutem weißen Papier gedruckte Schrift mit dem Titel „Aus den letzten Tagen unseres lieben Sohnes Johannes“ und dem Foto eines im Stil der Zeit schick gekleideten jungen Mannes (Signatur 2019.145 a). Es fehlen jegliche Angaben zu Verfasser, Herausgeber oder Drucker und Jahr.

Es lässt sich also in diesem Fall nicht vermeiden, sich den Inhalt näher anzuschauen. Gleich im ersten Absatz heißt es, dass der Sohn des Verfassers verstorben ist. Es sei ja bekannt, dass der Sohn vor etwa 9 Jahren in den Alpen von einem Schneesturm überrascht wurde und sich ein schweres Rückenmarksleiden zugezogen habe. Den Plan, Theologie zu studieren, hatte er aufgegeben, um dem alternden Vater „die Last der von ihm begründeten Geschäfte abzunehmen.“ Nach einer Ausbildung in der Bielefelder Druckerei der Fa. Bertelsmann habe er bei Callwey in München eine gute Stelle erhalten. Von München aus unternahm er die verhängnisvolle Reise. Seit neun Jahren habe er nun den Vater in der Leitung seiner Geschäfte sehr unterstützt, trotz seines „geschwächten Gesundheitszustands.“ Es folgen Schilderungen von Hoffnungen auf Heilung des Leidens und schließlich die Möglichkeit, sich bei „Prof. Dr. Förster in Breslau vermittelst chirurgischen Eingriffs ins Rückenmark“ einer allerdings „lebensgefährlichen Operation“ zu unterziehen. Weiterlesen

Lila Tage – Stuttgarter Kirchentag zu Zeiten der Studentenbewegung 1969

Deutscher Evangelischer Kirchentag (DEKT), Eröffnungsgottesdienst
Stuttgart, 16. Juli 1969
Hans Lachmann, Schachtel Nr. 293: DEKT Stuttgart 1969

Action. Dass der Stuttgarter Kirchentag 1969 ein anderer als der letzte in Hannover 1967 werden würde, zeigte sich bereits vor seinem Beginn. In der illustren Fernsehrunde von Werner Höfers „Internationalem Frühschoppen“ huschten die „Kirchenmäuse“ des Freiburger Pfarrers Martin Schneider über die Mattscheibe und kommentierten das bevorstehende protestantische Großereignis: „In Stuttgart sind die lila Zeiten angebrochen… Und wenn heute dieser Jesus wiederkäme – was fingen wir mit ihm an?“

Für jeden etwas dabei. Das Spektrum der Arbeitsgruppen des Stuttgarter Kirchentags vom 16. bis 20. Juli 1969 war kaum zu überbieten: Gottesfrage, Streit um Jesus, Kirche, Der Einzelne und die Anderen, Demokratie, Gerechtigkeit in einer revolutionären Welt, Tribunal zur Ermittlung des Glücks sowie Christen und Juden. Entsprechend die Prominenten: die Politiker Rainer Barzel, Helmut Schmidt, Wolfgang Mischnik, Hildegard Hamm-Brücher, Horst Ehmke und Erhard Eppler, die Soziologen und Politikwissenschaftler Eugen Kogon und Ralf Dahrendorf, die Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich, Schriftsteller Günter Grass, Präsident des Bundes der Steuerzahler Volkmar Muthesius, die Journalisten Thilo Koch, Leo Brawand und Gerhard Mauz und der Präsident des Deutschen Sportbundes Willi Daume. Generalsekretär Hans Hermann Walz versicherte: „Es wird auch Gottesdienst und Seelsorge geboten.“

Deutscher Evangelischer Kirchentag (DEKT), Lesung und Diskussion mit dem Schriftsteller Günter Grass, Stuttgart 16.–20. Juli 1969
Hans Lachmann, Schachtel Nr. 293: DEKT Stuttgart 1969

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Fahrscheine: Archivwürdig? Was macht man damit?

Was soll mit diesen Fahrscheinen geschehen?

In einem Sammelsurium, einer Art „Restekiste“ des geräumten Pfarrhauses in Horn fand sich ein Umschlag mit verschiedenen Pappfahrkarten, auch Billets genannt. Diese Fahrscheine gab es an einzelnen kleineren Bahnhöfen noch bis 1982. Diese Art der Fahrscheine wurde von dem Engländer Edmondson aus den ursprünglichen Zettelfahrscheinen entwickelt (Wikipedia: Edmondsonsche Fahrkarte). Die Fahrscheine wurden auf einem festen Karton gedruckt, mit Seriennummern versehen und die Entwertung konnte durch eine einfache Lochung oder eine Stempelung mit Datum entwertet werden. Durch ihr kleines Format von 30,5 x 57 mm konnten diese im Porte­mon­naie gut mitgenommen werden. Jetzt stellt sich die Frage, was macht man mit einem solchen Fund. In den Unterlagen fand sich kein Hinweis, warum der Pfarrer diese Fahrscheine aufgehoben hat. Hat er mit diesen Fahrscheinen selber Fahrten unternommen oder war es seine Frau oder ein Gemeindeglied?  Für mich als Archivar stellte sich die Frage: „Was soll mit diesen Fahrscheinen geschehen“? Sollen diese bei den Akten verbleiben oder nicht? Wie ich feststellen konnte, fanden sich keine Unterlagen, die Auskunft über die Verwendung der Fahrkarten gaben. Also bleibt normalerweise nur die Kassation oder aber die kostenlose Abgabe an einen Sammler oder ein Museum, das sich mit Eisenbahngeschichte beschäftigt.

„Für eine kleine Weile hatte die Menschheit ein gemeinsames Thema“

Vor 50 Jahren gelang die erste bemannte Mondlandung

Kommentar zur Mondlandung im WEG, Nr. 31/32, 03.-10.08.1969, von Hans-Wolfgang Heßler

Heute am 21. Juli 2019 jährt sich die legendäre Mondlandung der Apollo 11-Mission, bei der die beiden Astronauten Neil Armstrong und Edwin „Buzz“ Aldrin als erste Menschen den Mond betraten, zum 50. Mal.

Für den evangelischen Publizisten Hans-Wolfgang Heßler, der die Ereignisse für die Sommerausgabe der Kirchenzeitung Der WEG vom 3. August 1969 in nachdenklichen Tönen kommentierte, stand vor allem das verbindende Element im Vordergrund. Eine „Humanisierung der Verhältnisse auf dieser Erde“ könne daraus folgen.

 

Künstlerische Würdigung für Magdalene von Waldthausen

Im Zuge der vom Archiv der EKiR begleiteten Kunstaktion „Kirchenköpfe“ ist jetzt das Portrait von Magdalene von Waldthausen (1886-1972) der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Frau von Waldthausen war seit 1929 bis 1951 Vorsitzende der Rheinischen Frauenhilfe, die sie ab 1933 in den Konflikten mit dem NS-Regime und der offiziösen Reichskirche auf dem Kurs der Bekennenden Kirche hielt. Nach 1945 machte sie sich um die Sicherung des vollen kirchlichen Wahlrechtes für Frauen verdient.

Schöpfer des Portraits ist der Künstler Thomas Baumgärtel, auch als „Bananensprayer“ bekannt. Ein Audiobeitrag zur Biografie ist hier abrufbar.

„Der letzte Briefwechsel ist schon fast archivreif“

Bei der Recherche in dem Nachlass des Pfarrers Wolfgang Scherffig fiel mir in einer Akte mit Korrespondenz ein Begriff ins Auge, der in den Arbeitsalltag eines Archivars gehört, den ich aber nicht in einem Briefwechsel zweier Pfarrer vermutet hätte. Scherffig schreibt am 09.10.1957 an seinen Amtskollegen Pfarrer Lassek in Baruth/Mark in Brandenburg in der DDR:

Die Monate rollen uns unter den Händen fort und nach einiger Zeit stellen wir fest, dass der letzte Briefwechsel schon fast archivreif ist.

Ich finde es wirklich erstaunlich, dass Scherffig hier diesen Fachbegriff verwendet. Eine Umschreibung wie „unser letzter Briefwechsel liegt schon länger zurück“ wäre doch naheliegender gewesen? Wir können Pfarrer Scherffig heute nicht mehr fragen, aber immerhin könnte man ihm eine gewisse Weitsicht attestieren, denn – nicht nur – dieser Schriftwechsel Scherffigs wurde archivreif und ist auch archivwürdig und daher heute Bestandteil des Nachlasses 7NL 038 (Zitate aus Nr. 10). Weiterlesen