„Der letzte Briefwechsel ist schon fast archivreif“

Bei der Recherche in dem Nachlass des Pfarrers Wolfgang Scherffig fiel mir in einer Akte mit Korrespondenz ein Begriff ins Auge, der in den Arbeitsalltag eines Archivars gehört, den ich aber nicht in einem Briefwechsel zweier Pfarrer vermutet hätte. Scherffig schreibt am 09.10.1957 an seinen Amtskollegen Pfarrer Lassek in Baruth/Mark in Brandenburg in der DDR:

Die Monate rollen uns unter den Händen fort und nach einiger Zeit stellen wir fest, dass der letzte Briefwechsel schon fast archivreif ist.

Ich finde es wirklich erstaunlich, dass Scherffig hier diesen Fachbegriff verwendet. Eine Umschreibung wie „unser letzter Briefwechsel liegt schon länger zurück“ wäre doch naheliegender gewesen? Wir können Pfarrer Scherffig heute nicht mehr fragen, aber immerhin könnte man ihm eine gewisse Weitsicht attestieren, denn – nicht nur – dieser Schriftwechsel Scherffigs wurde archivreif und ist auch archivwürdig und daher heute Bestandteil des Nachlasses 7NL 038 (Zitate aus Nr. 10).

Das vorhergehende Schreiben Lasseks vom 11. Januar 1956, von Scherffig am 27.01. beantwortet, ist ein interessantes Zeitdokument und berichtet von der Flucht eines Amtskollegen Lasseks „in den Westen“:

Infolge der plötzlichen Flucht des 2. Pastors von Baruth, der just drei Tage vor dem Fest den Ort verlassen und mir alle Arbeit vor die Füße gelegt hat, bin ich in dem heillosen Durcheinander selbst ein wenig durcheinander gekommen. Stellen Sie sich einnmal vor, einen Tag vor Heil. Abend wartete ich immer noch auf seine Rückkehr aus Berlin, dahin er angeblich um einiger wichtiger Besorgungen willen mit seiner Frau gereist war. Am Heil. Abend selbst musste ich dann Anordnungen treffen, damit die verwaisten Gemeinden einigermaßen versorgt würden. Am Heil. Abend allein waren 5 Gottesdienste zu halten, zwei davon konnte ich selber halten, zu weiteren zwei sehr abseits abgelegenen Dörfern schickte ich meine beiden Gemeindeschwestern, die ich schnell noch zurüsten konnte für diesen Dienst. Am 1. Feiertag nahm mir Bruder Funke einen Gottesdienst ab, so daß ich wenigstens in Baruth den Hauptgottesdienst am Vormittag halten konnte.

In den nächsten Sätzen spürt man die Empörung des Schreibers:

Inzwischen haben wir uns über die Beweggründe der Flucht des ungetreuen Hirten ein Bild zu machen versucht. Wahrscheinlich will er sich in Westdeutschland eine Stellung suchen, oder hat sie längst schon gesucht, um in den Genuß einer Westpension zu gelangen.

Lassek fügt hinzu:

Der Kirchenleitung schrieb er nach seinem Weggang aus dem Lager, daß er sich seit längerer Zeit beobachtet fühlte und schließlich aus Angst davongegangen sei. Angst ist ja immer ein schlechter Ratgeber und verleitet immer zu Torheiten und zu Fehlentscheidungen.

Er bemerkt dann noch, dass er wohl in Baruth mit seinen 8 Außendörfern alleine bleiben werde und auf eine Motorisierung mit Hilfe des Konsistoriums hoffe, da er es mit dem Fahrrad nicht mehr lange mache. Auch das ist ein Zeitzeugnis, so ging es vielen Pfarrern mit Landgemeinden; heute unvorstellbar.

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