Etwas zum Schmunzeln….Stilblüten aus dem Reichsberufswettkampf

Bei emsiger Arbeit an den Lösungen der Aufgaben zum Reichs-Berufswettkampf, in den Lehrräumen eines Textilwerkes 1934. Bundesarchiv, Bild 146-2003-0051 / CC-BY-SA 3.0

Der Reichsberufswettkampf war ein im Dritten Reich zwischen 1934 und 1939 reichsweit ausgerichteter Wettstreit um die beste berufliche Leistung. Die Organisation und Durchführung des Wettkampfes oblagen der Reichsjugendführung und der Deutschen Arbeitsfront. Teilnehmen konnten alle Jugendlichen oder jungen Auszubildenden aller Berufe und Betriebe. Man könnte das in etwa von der Idee her mit dem heutigen Leistungswettbewerb des Deutschen Handwerks oder dem Berufswettkampf des Bundes der Kaufmannsjugend etc. vergleichen.

Messen konnte man sich in ca. 20 Fachsparten auf drei verschiedenen Ebenen. Innerhalb seines Wohnortes, auf Gau- bzw. auf Reichsebene. Geprüft wurde das handwerkliche Geschick in der Praxis, das theoretische Wissen und die weltanschauliche Schulung (im Grunde die Verinnerlichung der NS-Ideologie). Mädchen mussten zudem ihre Fähigkeiten im Bereich der Hauswirtschaft unter Beweis stellen.

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„Knabe von 10 1/2 Jahren – Zwangszögling – Tief eingewurzelte Neigung zum Stehlen“. Kinder in der Rettungsanstalt Düsseltal 1897

Im Juni 2022 konnte die Graf-Recke-Stiftung in Düsseldorf auf das 200jährige Jubiläum der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zurückblicken. Am 19. Juni 1822 hatte Adelberdt Graf von der Recke-Volmerstein mit 44 Kindern Einzug in das ehemalige Kloster Düsselthal im Osten Düsseldorfs gehalten. „Hat er nicht zuviel gewagt, da er die erst vor 3 Jahren gegründete Rettungsanstalt Overdyck verließ, […] um in ganz fremder, dazu fast rein katholischer Gegend eine in weit größeren Maßen und Zielen geplante neue Anstalt einzurichten?“ [Eugen Vömel, Und seine Blätter verwelken nicht. 100 Jahre Liebesarbeit in den Düsseltaler Anstalten 1822-1922, S. 4].

Recke-Volmerstein, Adalbert Graf (28.05.1791-10.11.1878) Repro

Die Arbeit hat sich trotz vieler Schwierigkeiten erfolgreich entwickelt und war dringend notwendig: „Die gesamte äußere und innere Entwicklung unseres Volkes, vor allem durch den ungeahnten Aufschwung der Industrie und das geradezu erschreckende Anschwellen der Großstädte brachte die heranwachsende Jugend in die größten sittlichen Gefahren und ihre Verwahrlosung nahm teilweise erschreckende Formen an.“ [Vömel, ebd., S. 11].

Im „Jahresbericht der Rettungsanstalt Düsselthal über das Jahr 1897″ gibt Direktor Pfarrer Johannes Karsch einen Überblick über die Belegung der Anstalt. Zu den 198 Kinder am 01.01.1897 kamen 75 Kinder hinzu, 52 Kinder schieden aus, daher belief sich die Zahl am Jahresende auf 221 Kinder, bei 226 Plätzen; darunter waren 141 Knaben, 80 Mädchen, davon 48 sog. Zwangszöglinge aufgrund des Gesetzes von 1878. Die meisten Kinder waren schulpflichtig, 8 waren zu jung, 24 bereits aus der Schule entlassen. 168 Kinder stammten aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf, 29 aus der übrigen Rheinprovinz, 15 aus Westfalen und 9 aus dem übrigen Deutschland. 57 Kinder waren Ganzwaisen, 105 Halbwaisen, 17 waren unehelich geboren.

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Aktenrecycling in der Nachkriegszeit

SS-Runen auf einer Sachakte des Düsseldorfer Landeskirchenamtes? Bei Umbettungsarbeiten stießen wir auf einen leeren Hängehefter, der 1948 im Zuge der Neubildung der Registratur angelegt worden war. Zu dem angegebenen Betreff und Aktenzeichen wurde aber bis zum Registraturschnitt 1971 kein Schriftverkehr abgelegt.

Aktendeckel, AZ 13-1-02-04, Stellung zu Freikirchen, Sekten und sonstigen religiösen Gemeinschaften.

Der Fund illustriert die extreme Mangel- und Tauschwirtschaft der unmittelbaren Nachkriegszeit. Der regionale Bürohandel hat da gern auf noch brauchbare Restbestände aufgelöster NS-Dienststellen zurückgegriffen. In der Regel wurde die Vorprovenienz dann aber geschickter überklebt bzw. geschwärzt als in diesem Beispiel.

Im nationalsozialistischen Staat hatte auch die SS eine florierende Bürokratie entwickelt. So gab es eigene Fürsorge- und Versorgungsämter, die etwa für die Witwen gefallener Angehöriger der Waffen-SS zuständig waren. Um einen solchen Fall dürfte es sich auch bei dem Oberschützen Karl-Heinz NN handeln.

Die drei Freunde des Archivars: Die Erhabene, der Alte und das Verstaubte.

„In dreierlei Hinsicht gehört die Historie dem Lebendigen: sie gehört ihm als dem Tätigen und Strebenden, ihm als dem Bewahrenden und Verehrenden, ihm als dem Leidenden und der Befreiung Bedürftigen.“

Friedrich Nietzsche

Ich habe 5 Wochen im Landeskirchenarchiv der Evangelischen Kirche im Rheinland verbracht. Dort absolvierte ich mein Archivpraktikum im Rahmen der Veranstaltung „Erlebnis Archiv“. Ich studiere selbst Geschichte und daher war mir der Gang ins Archiv und dessen unglaublicher Nutzen für die historische und geschichtskulturelle Arbeit selbstverständlich vertraut. Was gibt es Schöneres, als in einem Archiv zwischen jahrhundertealten Dokumenten und Handschriften zu stöbern, die Vergangenheit zu bewahren und eigenständig Akten zu ordnen und zu sortieren?

Ich habe einen Teilbestand des Hackhauser Hofes bearbeitet, einer Jugendbildungsstätte in Solingen, die Jugendseminare anbietet und zum Beispiel in einem interkulturellen Workshop Identitäten hinterfragt.

In der dritten Woche habe ich im Rahmen einer Umsortierungsaktion dabei geholfen, bis zu 400 Archivkartons von A nach B zu schieben. In dem wie einem Raumschiff anmutenden Inneren des Außenstandortes Meerbeck galt es, viele zur Kassation (Vernichtung) anstehende Akten in einen Sprinter nach Düsseldorf zu verfrachten.

Als zweiten Bestand habe ich die gesammelten Handakten des Pfarrer Helmut Aston zur Tauffrage gesichtet und geordnet. Denn damals in den 1960ern ging es hoch her in der evangelischen Kirche, die sich der Frage stellen musste, welche Rolle der Wille der Kinder bei der Taufentscheidung spielte. Einige „woke“ Pfarrer*innen wollten ihre Kinder nicht taufen. Dass die Gemeinden und Kirchenleitungen dies oft anders sahen, führte zu so einigen Konflikten. Denn was wäre eine Kirche ohne die Kindestaufe?

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„Wie kriegen wir die Menschen dazu, es einfach zu machen?“ Sicherung und Bewahrung der persönlichen digitalen Unterlagen

Wie kriegen wir die Menschen dazu, es einfach zu machen? Diese Frage stellte Martin Iordanidis vom Hochschulbibliothekszentrum Köln (HBZ) ins Zentrum seines Vortrags im Rahmen der SUMMER LECTURES 2022 des LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrums am 18. August 2022 zum Thema Personal Digital Archiving (PDA). Personal Digital Archiving bezeichnet einen Zweig des großen Feldes digitaler Langzeitarchivierung, der neben der administrativen und wissenschaftlichen Überlieferung den verantwortungsvollen Umgang von Privatpersonen mit ihren persönlichen digitalen Daten in den Blick nimmt.

Iordanidis ist Mitglied in der Arbeitsgruppe PDA des nestor-Kompetenznetzwerks zur digitalen Langzeitarchivierung, die sich seit 2016 intensiv damit beschäftigt, die Thematik in die Öffentlichkeit zu tragen. In seinem informativen Beitrag hat er dazu die von ihm mitkonzipierte Website meinDigitalesArchiv.de vorgestellt.

Website meindigitalesarchiv.de (Screenshot vom 25.8.2022)
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Abschluss der Kunstaktion „Rheinische Kirchenköpfe“

Mit dem Lieddichter Joachim Neander hatte 2015 alles begonnen. Nun, sieben Jahre später, ist die vom Archiv der EKiR begleitete Kunst- und Erinnerungsaktion „Rheinische Kirchenköpfe“ aus fünf Jahrhunderten zu ihrem Abschluss gelangt:

Heute wurde das Portrait des im KZ Buchenwald ermordeten Pfarrers Paul Schneider (1897-1939) der Öffentlichkeit vorgestellt. Realisiert hat das Werk die Kölner Streetart-Künstlerin Layla Xing.

Eine antisemitische Denunziation der Deutschen Christen (DC)

„Wie wir erfahren haben, wird bei dem dortigen Gemeindeamt ein Halbjude beschäftigt.“ Diese Denunziation traf am 23. August 1935 bei dem Gemeindeamt der evangelischen Kirchengemeinde Essen-Altstadt ein, adressiert an Pfarrer Karl Siebel als derzeitigem Vorsitzenden des Presbyteriums. Es folgen dann Zitate aus Luthers 1543 publiziertem Gewaltaufruf „Von den Juden und ihren Lügen“. Der Brief schließt mit der gehässigen Empfehlung, diese Schrift im nächsten Essener Pfarrkonvent zu verlesen.

Schreiben der „Deutschen Christen“ Gau Rheinland an den Vorsitzenden der Evangelischen Kirchengemeinde Essen-Altstadt Pfr. Karl Siebel bzgl. Beschäftigungsverhältnis von Heinz Karl Ladwig. Aus Bestand: AEKR Düsseldorf 4 KG 076 (Essen-Altstadt), Nr. 308

Bei dem Absender handelte es sich um den Verwaltungsangestellten Walter Hindrichs, der bis März 1935 in einem evangelischen Gemeindeamt in Wuppertal tätig gewesen war. Nachdem sich die Kirchengemeinde wegen seiner DC-Aktivitäten von ihm getrennt hatte, versah er in Oberhausen die Geschäftsstelle des Gau Rheinland der Deutschen Christen.

Hintergrund ist die am 22. Juli 1935 erfolgte Anstellung des Studenten Heinz Karl Ladwig als Aushilfsstenotypist im Gemeindeamt Essen-Altstadt. Er wurde 1912 geboren als Sohn des evangelischen Kohlensyndikatsbeamten Robert Ladwig und seiner jüdischen Ehefrau Bertha/Betty geb. Ruhr. Nach dem frühen Tod des Vaters 1932 und einer eigenen Erkrankung konnte er sein Bergbaustudium an der TH Aachen seit dem Frühjahr 1935 nicht mehr fortsetzen.

Die Denunziation löste in Essen-Altstadt hektische Aktivitäten aus. Noch am Eingangstag wurde Ladwig dazu genötigt, um seine Entlassung zum 31.8.1935 zu bitten. Dies ermöglichte es der Gemeinde, das DC-Schreiben ohne Gesichtsverlust als „überholt“ abzuheften. Dort haben wir es bei der Bestandsordnung unter dem unauffälligen Aktentitel „Diverse Aushilfskräfte“ entdeckt. Heinz Karl Ladwig erhielt formal korrekt ein Arbeitszeugnis, das ihm „vollste Zufriedenheit“ seines Arbeitsgebers und „tadellose Führung“ bescheinigte.

Wie verlief nun das weitere Schicksal der Familie Ladwig?

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