Einen Mokka, bitte…

Bei der Akte „1OB 017 I Nr. 2686 Beratungen und Gutachten des Landessynodalausschusses für sozialethische Fragen Bd. 1″ handelt es sich um den Schriftverkehr des Landeskirchenamtes mit dem Sozialethischen Ausschuß der Landeskirche. Also überwiegend mit dessen langjährigem Vorsitzenden, dem Velberter Fabrikanten Friedrich Karrenberg. Es geht nur wenig um inhaltliche Fragen, hauptsächlich um Formalia: Einladungen zu Sitzungen, Berufungen in den Ausschuß usw. Und natürlich um Tagungsabrechnungen.

Beratungen und Gutachten des Landessynodalausschusses f. sozialethische Fragen. Auslagen aus Bestand AEKR_1OB 017 (Landeskirchenamt – Sachakten), I, 2686

Am 30. Juni 1955 schrieb OKR Dr. Hans Ulrich der Pfarrvikarin bei der Kaiserswerther Diakonie Johanna Sommer den nebenstehend abgebildeten Brief. Das Rechnungsprüfungsamt hatte bemängelt, daß Frau Sommer 2,50 DM für einen Mokka erstattet bekommen wollte, den sie anläßlich ihrer Teilnahme am Bundesfrauentreffen des DGB getrunken hatte. Und Dr. Ulrich fügt die Ermahnung an, solches künftig zu unterlassen.

Nun waren die frühen rheinischen Vikarinnen ja eine besondere Gruppe, einerseits von der Landeskirche kleingehalten, sie durften längst nicht alles was Männer mit gleicher Ausbildung durften, andererseits hatten sie doch in wenigen Jahren einiges durchsetzen können. Sie ließen sich nun nicht mehr alles gefallen. Also wandte sich Frau Sommer an den Mann, in dessen Auftrag sie in Dortmund gewesen war: Friedrich Karrenberg. Karrenberg lebte für den Sozialethischen Ausschuß, wenn man die Akten durchsieht, stellt sich die Frage, wann er eigentlich Zeit für seine Firma und seine Familie hatte. Langeweile hatte er bestimmt nicht. Und nun muß er sich um einen Mokka für 2,50 DM kümmern. Er weiß, daß Frau Sommer gute Arbeit leistet, also setzt er sich für sie ein.

Beratungen und Gutachten des Landessynodalausschusses f. sozialethische Fragen. Auslagen aus Bestand AEKR_1OB 017 (Landeskirchenamt – Sachakten), I, 2686

In höflicher, aber auch sehr deutlicher Art schildert er die Situation. Frau Sommer ist sparsam, sie hat die Übernachtungskosten zulasten von Bequemlichkeit gesenkt, sie hat an der Würstchenbude gegessen. Sie braucht keine kirchenamtlichen Belehrungen zur Sparsamkeit. Er hätte noch hinzufügen können, daß Frau Sommer, als Witwe eines 1944 gefallenen schlesischen Pfarrers, alleine ihre vier Kinder großziehen mußte, neben dem Beruf. Verschwendung war da ohnehin nicht zu erwarten.
Erstaunlich finde ich, daß Dr. Ulrich am 5. Juli, also nach nur fünf Tagen, seinen eigenen Brief nicht mehr präsent hatte, er bittet seine Mitarbeiter den Vorgang beizufügen. Ein Antwortschreiben von ihm findet sich nicht in der Akte, am 1. August kam der ganze Vorgang zu den Akten.

Wir wissen nun, daß der DGB „ein feiner Verein“ war, bei dem ein starker Kaffee im Juni 1955 2,50 DM kostete.
Vikarin Johanna Sommer1 starb acht Monate später im Alter von nicht einmal 48 Jahren.

1 Die Evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer im Rheinland von der Reformation bis zur Gegenwart, S-Z, Nr. 12507

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