„…bei denen, die sich quälen…“ – Präses Gerhard Brandt und das Krupp-Stahlwerk in Rheinhausen

Arbeiter des Stahlwerks in Rheinhausen, Hans Lachmann, Schachtel Nr. 137: Arbeit, Bestand: 8SL 046 (Bildarchiv), 7_0023046

Nach seinem Ausscheiden aus dem Präsesamt erhielt Gerhard Brandt das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern. Ministerpräsident Johannes Rau, der die Auszeichnung im Namen des Bundespräsidenten 1989 überreichte, stellte in seiner Laudatio detailliert die Verdienste heraus, die Beziehungen des ehemaligen Präses zu Polen und Ungarn und zu den Kirchen in Österreich, Indonesien und Namibia sowie zu den katholischen Bistümern in der Bundesrepublik. Rau  würdigte Brandts „verständnisvolle Beziehungen zu Landesregierungen“, und dass er „immer versucht habe, die Polarisierungen durch die vertiefte Erkenntnis des Wortes Gottes und die lebendige Bezeugung des Evangeliums zu überwinden“. Kein Wort verlor der Ministerpräsident über die wenig rühmliche Rolle des ehemaligen Präses in dem herausragenden Ereignis, das seine Amtszeit überschattete, dem 160 Tage dauernde Arbeitskampf um das Krupp-Stahlwerk in Rheinhausen.

„Wir sind nach Rheinhausen gekommen, um den Menschen in der Region – und nicht nur den Gemeindegliedern – zu zeigen, dass sie von der Kirche nicht alleingelassen werden. Die Kirche sieht ihre Not und ist mit ihnen solidarisch!“ Dies teilte Präses Gerhard Brandt nach einem zweistündigen Gespräch der rheinischen Kirchenleitung mit dem Vorstand der Krupp Stahl AG, dem Betriebsrat, Vertretern der Stadt Duisburg und der örtlichen Kirchenkreise am 14. Dezember 1987 der Presse mit. In einem „sehr offenen und fairen Gespräch habe man authentische Informationen über die Situation bei Krupp Stahl und in der gesamten Region Rheinhausen/Duisburg erhalten“. Er sei dankbar, dass „die Kirche am Ort, die Kirchenkreise und Pastoren mit großen Engagement nicht nur seelsorgerlich, sondern auch mit erstaunlicher Sachkenntnis in der Auseinandersetzung um die wirtschaftlichen Fragen tätig geworden sind“. Allerdings könne die Kirchenleitung selbst nicht ständig die Bemühungen am Ort begleiten, dazu habe die rheinische Kirche zu viele „kranke Kinder“: Saarland, Aachener Revier, Köln. Der Frage der Journalisten, ob die Kirchenleitung hoffen könne, „dass die Christen in den Chefetagen der Konzerne auf die ethischen Gesichtspunkte ihrer Entscheidungen ansprechbar seien“, begegnete Präses Brandt mit der Mahnung: „Eine betriebswirtschafte Entscheidung ohne ethische Verantwortung ist ein Torso!“ Oberkirchenrat Jürgen Schroer ergänzte: „Besser als die Pfarrer und Presbyter kann es die Kirchenleitung nicht machen!“

„Die Kirche ist bei denen, die sich quälen.“ Bei diesen markigen Worten beließ es Präses Gerhard Brandt. Vierzehn Tage nach Beginn des Arbeitskampfs gegen die drohende Werksschließung, am 10. Dezember 1987, besetzten die Krupp-Stahlarbeiter die Rheinbrücke nach Duisburg und nannten sie in „Brücke der Solidarität“ um. Monatelange Mahnwachen begleiteten die Auseinandersetzung. Vor Ort engagierten sich insbesondere der Präses der EKD-Synode und SPD-Bundestagsabgeordneter, Jürgen Schmude, der im nahegelegenen Moers wohnte, und der Friemersheimer Pfarrer Dieter Kelp: „Erstmals greifen Gewerkschaftstag und Gottesdienst ineinander… Es ist zum Himmel schreiend, was die mit uns machen wollen, und wir wollen zum Himmel schreien, dass es anders kommt.“ Auf Initiative des Moerser Superintendenten Nikolaus Schneider verabschiedete die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland am 11. Januar 1988 ein „Wort anlässlich der drohenden Schließung des Krupp-Stahlwerkes in Duisburg-Rheinhausen“. Allerdings wurde sein Antrag entschärft. Ein Kreis von Synodalen bezweifelte, „dass die wirtschaftliche Existenz tausender Arbeitnehmer und Familien bedroht sei, ohne dass zumutbare Alternativen in Sicht sind.“

Unter Vermittlung des NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau kam es zur „Düsseldorfer Vereinbarung“ zwischen den Konfliktparteien am 3. Mai 1988. Landeskirchenrat Hermann Wischmann berichtete der Kirchenleitung zwei Tage später, dass die ausgehandelte Vereinbarung zwischen der Betriebsleitung der Krupp Stahl  AG, dem Betriebsrat und Ministerpräsident Rau „sehr wahrscheinlich akzeptiert werde“. In einer Versammlung der Gesamtbelegschaft wurde die Vereinbarung angenommen. Es war ein Pyrrhussieg der Stahlarbeiter. Die Krupp Stahl AG unter Gerhard Cromme, seit 1986 Vorsitzender des Unternehmens, schloss das Werk nicht, wie ursprünglich geplant, bereits Ende 1988, sondern wickelte es in Etappen bis August 1993 ab. Jüngere Mitarbeiter wurden von anderen Unternehmen der Region übernommen, ältere Arbeitnehmer konnten, vom Staat subventioniert, in Frührente gehen. Mit dem letzten Abstich im Stahlwerk LDII am 15. August 1993, 9.44 Uhr, endete – aller Proteste zum Trotz – eine fast 100-jährige Industriegeschichte am Niederrhein.

Quellen: Verhandlungen der 36. ordentlichen rheinischen Landessynode vom 10.-16.1.1988, Protokolle der Kirchenleitung 1988, Der Weg, Ausgaben 1987/88

Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern für den ehemaligen Präses Gerhard Brandt, überreicht vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsident Johannes Rau 1989, Foto: unbekannt

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