Integriertes Pestmanagement zwischen Theorie und Praxis

Abb. 1: Schädlingsbild

Unter integrierter Schädlingsbekämpfung bzw. Integrated Pest Management (IPM) werden die Maßnahmen zur Erfassung und Bekämpfung eines Schädlingsbefalls in einer Institution zusammengefasst. Als zentraler Aspekt der Bestandserhaltung hat sich die Schädlingsbekämpfung zunehmend zu einem eigenen Wissens- und Forschungsbereich entwickelt, dessen Ergebnisse und Empfehlungen in der „DIN EN 16790 Erhaltung des kulturellen Erbes – Integrierte Schädlingsbekämpfung zum Schutz des kulturellen Erbes“ eingegangen sind. Als Archiv verfolgen wir die Entwicklung mit großem Interesse und versuchen so gut wie möglich, die Empfehlungen umzusetzen. Wie so häufig stehen der Theorie praktische Begebenheiten entgegen, weswegen ein Austausch zwischen den einzelnen kulturschützenden Institutionen in diesem Fall nicht nur wünschenswert, sondern unbedingt notwendig erscheint. Denn für Archive, Museen und Bibliotheken geht es beim IPM vordergründig um Insektenbefall, da Mäuse oder Ratten in den Magazinen keine Nahrung finden. Und genau das ist das Problem: Insekten, die sich von Papier oder Bestandteilen von Schriftstücken wie Klebemittel oder Tinte ernähren. Wie üblich bei einem Insektenbefall liegt zunächst das Problem darin, den Befall zu erkennen. Anders als Mäuse, die deutliche Spuren etwa am Boden hinterlassen, kommt man den Insekten meist nur durch Sichtung der Exponate, in unserem Fall, der Archivalien, auf die Schliche.

Abb. 2: Totes Papierfischchen umringt von seinen Spuren.

Besonders bedrohlich und weiterhin auf dem Vormarsch ist das Papierfischchen. Das typische Schadensbild dieser Schädlinge ist kreisrunder Ausfraß, da es wie eine Fräse Schicht für Schicht abkratzt, wobei beschriftetes Material zunächst umgangen wird (siehe Abb. 1). Die Ausbreitung der Papierfischen innerhalb Deutschlands nimmt rasant zu, mit einer noch größeren Dunkelziffer. Es kann davon ausgegangen werden, dass sich in den meisten Archiven bereits Papierfischchen befinden. Die nachtaktiven Schädlinge fühlen sich bei einer Raumtemperatur über 20 °C und einer relativen Luftfeuchtigkeit von 40-50% am wohlsten. Sie scheuen Licht und verkriechen sich schnell in Falten oder Ritzen, zur Not auch beinahe flach zwischen Papplamellen. Auf mineralischen Unterlagen können sie sich horizontal und vertikal fortbewegen, kommen also auch über Wände in die Regale und so in die Kartons. Eisen und Stahl oder andere glatte Oberflächen können sie hingegen nicht hinauf und sehr raue Oberflächen wie beispielsweise Filz scheinen ihren empfindlichen Körper zu verletzen und führen zur Austrocknung. Vermutlich bewegen sie sich an Wänden oder Leisten entlang, um im Ernstfall schnell in Sicherheit zu gelangen, augenscheinlich sind sie Einzelgänger. Einen dieser Schädlinge aufzuspüren ist dementsprechend schwierig, aber ein Befall kann erkannt werden, bevor Fraßspuren am Papier zu sehen sind (siehe Abb. 3).

Abb. 3: Die Spuren sehen auf den ersten Blick wie Kaffeepulver aus, bei näherem Hinsehen entpuppen sie sich aber als eine Mischung aus Papierresten und Exkrementen des Papierfischchens.

Ein Element von effektiven Pestmanagement ist die Prävention, um zu verhindern, dass Schädlinge von außen in das Magazin gelangen. Gefahrenquellen stellen insbesondere Neuzugänge und Verpackungsmaterial dar. Um sicher zu sein, müssten alle Neuzugänge im besten Fall für 24 bis 48 Stunden bei mindestens -15°c tiefgekühlt werden. Dies kann aber nicht jedes Archiv gewährleisten und selbst wenn ein geeigneter Gefrierschrank vorhanden ist, steht man vor logistischen Problemen, sollte es sich beispielsweise um einen größeren Bestand oder sperriges Archivgut handeln. Bei größeren Beständen ist es ebenso schwierig, mehr als stichprobenartig auf Schädlingsbefall zu prüfen, wenn man nicht das notwendige Personal aufweisen kann. Die Sichtung geht in der Regel mit dem Umbetten der Unterlagen Hand in Hand, wobei aber nur offensichtlicher Befall ins Auge fällt.

Die Papierfischchen halten sich am liebsten in Fugen oder Ritzen auf, diese müssen also möglichst verschlossen werden. Da wir hier aber in drei Magazinen Rollregalanlagen haben, gibt es zwangsweise lange Rillen, die das Rollen der Regale erlauben, aber gleichzeitig einen perfekten Unterschlupf für die Schädlinge bieten. Da ihnen jedes noch so kleine Papierfitzelchen als Nahrung dient, ist neben dem Abkleben oder Verschließen von Fugen oder Ritzen an Wänden und Regalen regelmäßiges Staubsaugen unumgänglich. In der Fachliteratur wird einmal wöchentlich vorgeschlagen, aber auch dies kann bei Personalmangel und großen bzw. mehreren Magazinräumen nur schwer gewährleistet werden. Hier muss man ganz klar abwiegen, was sich lohnt und was von Nöten ist. Wenn ein Magazin nur selten betreten wird, kann auch weniger Staub bzw. Papierabrieb auf dem Boden landen. Dort, wo häufig Material aus Kartons entnommen und zurückgelegt wird, findet man entsprechende Spuren vor den Regalen.

Eine umfangreiche Reinigung ist sinnlos, wenn irgendwo auf dem Boden noch Bestände oder Verpackungen gelagert werden. In den Magazinen sollte also absolut nichts unmittelbar auf dem Boden stehen. Die Regale dürfen nicht direkt an die Wände angrenzen und ausschließlich aus glatten Oberflächen bestehen. Auch hier können wieder sowohl finanzielle als auch logistische Probleme der Theorie entgegenstehen. Die meisten Magazine sind zwar mittlerweile mit Stahlregalen bestückt, aber einige weisen so wenig Platz auf, dass sie gedrängt bis zur Wand aneinander stehen. Regale aus Holz oder rauen Materialien sind für die Insekten perfekte Leitern, um an die höher liegenden Bestände zu gelangen. Einmal im Karton kann es Jahre dauern, bis sie dort entdeckt werden.

Neuzugänge und Verpackungsmaterialien müssen, sofern sie nicht eingefroren oder bestrahlt werden können, ebenfalls einer gründlichen Reinigung unterzogen werden, bevor man sie in ein Magazin überführt. Bei Verpackungen kann man relativ gut direkt mit einem Staubsauger alles einmal absaugen, um den größten Dreck oder Abrieb zu entfernen. Beim Zusammenbau der Kartons oder Falten der Mappen kann auch recht umfangreich gesichtet werden, ob ein Befall vorliegt. Bei Neuzugängen muss man natürlich sehr viel vorsichtiger agieren. Konsequenterweise sollte man abgebende Stellen bereits vor der Abgabe mit dem Problem vertraut machen und einige Ratschläge zur Hand geben. Umzugskartons beispielsweise vor dem Zusammenbau kräftig schütteln, keine offenen Kartons zur Lagerung oder zum Transport verwenden und das Schriftgut nie am Boden abstellen. Das kann natürlich auch nicht immer gewährleistet werden, man kann dann entsprechend andere Maßnahmen heranziehen.

Abb. 4: Wenn im Magazin etwas am Boden gelagert wird, möglichst weit weg von den Beständen.

Unser „Pestmanager“ am Standort Düsseldorf, Andreas Steinberg, musste vor kurzem in einem ähnlichen Fall improvisieren, da in den nächsten Monaten im Archiv der EKiR sämtliche Altkartonagen durch neue Faltkartons ausgetauscht werden sollen. Die neuen Faltkartons wurden auf vier Paletten geliefert und müssen aus logistischen Gründen direkt im jeweiligen Magazin gelagert werden. Aufgrund von Größe und Gewicht können die Paletten auch nicht in ein Regal gestellt werden. Dadurch ergeben sich zwei Gefahrenpotentiale, einerseits eine eventuelle Kontamination des Magazins durch die Verpackungsmaterialien und andererseits die Kontamination der Verpackungsmaterialien durch bereits im Magazin befindliche Schädlinge. Um beides möglichst einzudämmen hat Herr Steinberg nicht nur die Paletten und Kartons abgesaugt und im Magazin möglichst weit weg von den anderen Beständen gelagert, sondern die Paletten im Magazin mit doppelseitigem Klebeband begrenzt (siehe Abb. 4 und 5). In der Literatur wird empfohlen doppelseitiges Klebeband an jedem Türübergang anzubringen, um ein Eindringen von Insekten durch diese zu verhindern. Dieses muss natürlich regelmäßig erneuert werden, erfüllt dann aber einen guten Zweck. Die Insekten bleiben beim Übergang einfach kleben, auch die Papierfischchen. Ähnlich funktionieren auch die eigens für diese Insektenplage angefertigten Fallen. Wachs oder Kleber hält die mit einem Lockstoff überlisteten Fischchen in der Falle.

Abb. 5: Eine Umgrenzung mit doppelseitigem Klebeband soll einen Befall sowohl Hinein als auch Hinaus verhindern.

Abb. 6: Diese Schriftstücke wurden hinter einem Regal gefunden.

Ein weiterer Aspekt, der in der Praxis Schwierigkeiten bereitet, ist ein am Boden geschlossenes Regal. An sich sind sie perfekt für Archive geeignet, da so weder Papier noch Staub unter die Regale gelangen kann, zumindest von vorne nicht. Sollte aber einmal unbemerkt etwas hinten runterrutschen kann es am Boden ein Festmahl für die Insekten darstellen, was erst entdeckt wird, wenn die Regale bewegt werden. Ein Überangebot von Nahrung führt unweigerlich zu einer Vergrößerung der Population.

In der Literatur wird das Auslegen von Diatomeenerde (Kieselgur) empfohlen. Das ungiftige Pulver aus scharfkantigen Partikeln verletzt die Fischchen, wodurch sie austrocknen. Bereiche mit starker Luftzirkulation oder in der Nähe von unverpacktem Archivgut sollten dabei allerdings ausgespart werden. Im Archiv der EKiR sind gerade im Sommer rund um die Uhr Lüftungsanlagen im Einsatz, um die Temperatur und Luftfeuchtigkeit möglichst konstant zu halten, die Rollregale werden beinahe täglich bewegt und beim Saugen sollen ja eben auch die Leisten und Fugen beachtet werden, also müsste die Erde nach jeder Reinigung neu ausgelegt werden. In zwei Magazinen befinden sich zudem Bücher der Archivbibliothek, unverpackt. Die Erde ist für uns demnach nicht wirklich geeignet. Vielleicht könnte man mit Filzstreifen einen ähnlichen Effekt erzielen, was noch zu untersuchen ist.

Eine effektive Bekämpfung ist nur mit Gift, thermischen bzw. chemisch-physiologischen Methoden oder Strahlung möglich, was nicht nur aus Kostengründen für die meisten Archive eher ungünstig ist. Regelmäßiger Verkehr in den Magazinen durch das Personal machen das Auslegen von Gift aus Gründen des Arbeitsschutzes unmöglich und thermische bzw. chemisch-physiologische Methoden sind für die empfindlichen Archivalien und nicht zuletzt für das Personal gefährlich und können in der Regel nur von Fachkräften adäquat durchgeführt werden. Dies ist natürlich auch mit entsprechenden Kosten verbunden. Die Bestandserhaltung fördert zudem genau das Klima, in dem sich die Insekten wohlfühlen. Hitze und eine Luftfeuchtigkeit unter 20 % vertragen sie hingegen gar nicht, die Archivalien aber leider auch nicht. Einzelne Bestände werden bei der bloßen Vermutung von Befall direkt zum Spezialisten gebracht. Sollte das aus finanziellen Gründen nicht unmittelbar möglich sein, müssen die befallenen Archivalien bzw. Bestände in Quarantäne, bis eine Reinigung stattfinden kann. Am besten werden sie dann einzeln außerhalb der Magazine in Plastiksäcken gelagert, wodurch sie aber natürlich auch für den Nutzergebrauch wegfallen. Da die Spezialisten in der Regel mehrere Aufträge zur gleichen Zeit haben, kann auch dieses Vorgehen Monate in Anspruch nehmen.

„Pestmanagement ist in erster Linie Pest Control“ sagt Andreas Steinberg. Tatsächlich ist das Monitoring, also das Erfassen der momentanen Situation, genauso wichtig wie die Prävention, um geeignete Gegenmaßnahmen zu wählen. In erster Linie dienen dazu Monitor- bzw. Klebefallen, die in regelmäßigen Abständen ausgetauscht und begutachtet werden. Auch hier wird in der Literatur ein wöchentlicher Austausch vorgeschlagen. Wenn die Fallen leer sind oder nur geringen Befall aufweisen, kann dies auch hinausgezögert werden. Allerdings sollten bestimmte Zeiträume festgelegt werden, um auf lange Sicht eine statistische Auswertung zu ermöglichen. Tabellarisch werden Anzahl und Art der gefangenen Schädlinge (wenn möglich mit Entwicklungsstadium), der Zeitraum in dem die Falle aktiv war und der Aufstellungsort festgehalten. So kann man auf Veränderungen schnell reagieren und ggf. präferierte Bereiche orten, um die Fallen effizienter zu verteilen oder Archivgut zu sichern. Nur so lassen sich auf lange Zeit irreversible Schäden verhindern.


Literatur (Auswahl):

Allscher, Thorsten / Haberditzl, Anna: Bestandserhaltung in Archiven und Bibliotheken. Handbuch hg. vom Deutschen Institut für Normung (Beuth Praxis). Berlin, 6. überarb. u. erw. Aufl. 2019.

Bestandserhaltung konkret: Strategien zur Bekämpfung von Papierfischchen. LWL-Archivamt für Westfalen, Friederike J. Nithack M.A. 28.11.2019.

DIN-Taschenbuch 409: Erhaltung des kulturellen Erbes. Beuth Verlag Berlin 2014.

Kobold, Maria / Moczarski, Jana: Bestandserhaltung. Ein Ratgeber für Verwaltung, Archive und Bibliotheken. 3. überarb. u. erw. Aufl. 2019.

LWL Archivamt Blog: Auf der Jagd: Stadt- und Kreisarchiv Paderborn gegen Papierfischchen. 02.05.2019.

Prävention und Behandlung von Schädlingsbefall in Archiven. Empfehlungen der Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Archivverwaltungen des Bundes und der Länder (KLA). Ausgearbeitet vom Bestandserhaltungsausschuss der KLA (März 2016).

Pinninger, David / Landsberger, Bill / Meyer, Adrian / Querner, Pascal: Handbuch Integriertes Schädlingsmanagement: in Museen, Archiven und historischen Gebäuden. Berlin 2016.

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