Chorgesang an Weihnachten 1918 – Der lange Weg zur Normalität

Der Erste Weltkrieg hatte das kirchliche Leben in all seinen Bereichen zutiefst erschüttert. Nach dem Waffenstillstand am 11. November 1918 normalisierten sich die Verhältnisse allmählich, und zu Weihnachten konnte man  in vieler Hinsicht wieder an die Vorkriegsverhältnisse anknüpfen – freilich mit so mancher Einschränkung, wie das Beispiel der ersten Nachkriegprobe des Kirchenchors der evangelischen Gemeinde Trarbach an der Mosel zeigt, die im Protokollbuch des Chores dokumentiert ist.

Protokollbuch des Kirchenchors des Evangelischen Gemeinde Trarbach/Mosel, 1900-1977 (Bestand 4KG 058B, Nr. 113)

Während des Krieges war der Chorgesang ganz zum Erliegen gekommen. Als dann wenige Wochen nach dem Waffenstillstand das Weihnachtsfest vor der Tür stand, nahm der Trarbacher Kirchenchor seine Arbeit wieder auf – zunächst allerdings als reiner Frauenchor. Die Männer waren zwar größtenteils schon wieder in die Heimat zurückgekehrt, aber offenbar stand ihnen nach der als Schmach empfundenen Niederlage nicht der Sinn nach Einstudieren besinnlicher Weihnachtslieder.

Eintrag vom 17. Dezember 1918 über die erste Chorprobe nach Kriegsende (Bestand 4KG 058B, Nr. 113, S. 30)

Das Protokollbuch des Chores hält auch fest, dass es gar nicht so einfach war, unter den Nachkriegsverhältnissen ein geeignetes Probenlokal zu finden. Und die längst noch nicht eingekehrte Normalität wird besonders deutlich bei der Uhrzeit der Probe, die mit „7 ½ – 9 ¾ westeur. Zeit“ angegeben ist.  Die deutschen Gebiete links des Rheins wurden nämlich 1918 von alliierten Truppen besetzt, und die französische Besatzungsmacht führte in ihrer Zone zunächst die westeuropäische Zeit ein, während im übrigen Deutschland die mitteleuropäische Zeit galt. Nicht zuletzt dadurch wurde für die Bevölkerung an der Mosel deutlich, dass für sie der Krieg doch noch nicht ganz zu Ende war. Seit dem 11. November 1918 schwiegen die Waffen, aber bis wirkliche Normalität einkehrte, dauerte es noch lange.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.