Diaspora! Wie schön dein Bild …

Beim traditionsreichen, im Jahr 1859 gegründeten Verband evangelischer Diasporapfarrer im Rheinland dienten die jährlichen Tagungen nicht nur dem fachlichen Austausch. Mindestens ebenso sehr stand die Pflege von Geselligkeit im Zentrum – waren die Diasporapfarrer doch in der Regel Einzelkämpfer, in deren Arbeitsalltag in einem katholisch geprägten Umfeld normalerweise kein Platz für Begegnungen mit evangelischen Amtsbrüdern war. Um dem 50-jährigen Jubiläum des Verbandes, das am 2. und 3. Juni 1909 in der Eifelgemeinde Mayen gefeiert wurde, einen besonderen Glanz zu verleihen, hatte deshalb der Ortspfarrer Gustav Altenpohl eigens ein „Diasporalied“ geschrieben, das zum Abschluss der Veranstaltung von allen Anwesenden aus voller Kehle gesungen wurde.

Das 1909 für die 50-Jahr-Feier des Verbandes evangelischer Diasporapfarrer im Rheinland verfasste Diasporalied von Pfarrer Gustav Altenpohl (AEKR Boppard, Bestand 5WV 023B, Nr. 24)

Der Text des Liedes spiegelt das konfessionelle Pathos der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wider, über das wir heute lächeln, hinter dem aber in der Regel ein harter und entbehrungsreicher Arbeitsalltag stand – so mancher Pfarrer hat sich in den flächenmäßig oftmals sehr ausgedehnten Diasporagemeinden, in denen der Weg zu den verschiedenen Gottesdienststätten durch stundenlange Fußmärsche zurückgelegt werden musste, seine Gesundheit ruiniert.

Umso wichtiger war das gesellige Miteinander auf den Verbandstagungen. Das Diasporalied von Gustav Altenpohl trug sicherlich zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls bei – und weil im Archivbestand des Verbands evangelischer Diasporapfarrer im Rheinland auch die Noten überliefert sind, können wir uns sogar noch im Abstand von über 100 Jahren einen Eindruck machen, wie es geklungen hat.

Diasporalied von Pfarrer Gustav Altenpohl
Partitur des Diasporaliedes von Pfarrer Gustav Altenpohl mit dem Text der dritten Strophe (AEKR Boppard, Bestand 4KG 023B, Nr. 24)

Von Vorherrschaft und Volksnähe: Königlicher Besuch in Boppard 1852

aus Bestand: AEKR 4KG 030B, A 13

Im Archiv der Kirchengemeinde Boppard wird ein besonderes Album aufbewahrt. Die „Erinnerungsblätter an die Einweihung der Evangelischen Kirche zu Boppard, verherrlicht durch die Anwesenheit ihres Bau- und Schutz-Herrn Sr. Majestät des Königs von Preußen Friedrich Wilhelm IV.“ enthalten die eigenhändigen Unterschriften des Monarchen und seiner Entourage, die sich anlässlich der Feierlichkeiten am 29. Juni 1852 in der Stadt im romantischen Oberen Mittelrheintal die Ehre gaben. Der bekanntlich für Kunst und Architektur schwärmende Friedrich Wilhelm, Initiator zahlloser Bau- und Restaurierungsprojekte im Rheinland, hatte zuvor höchstpersönlich mehrfach in die Pläne des Architekten Johann Claudius von Lassaulx eingegriffen und veranlasst, das statt des ursprünglich geplanten Bethauses eine der wachsenden Gemeinde angemessene Kirche mit vorgelagerter Säulenhalle errichtet werde und das noch von seinem Vater Friedrich Wilhelm III. genehmigte Budget entsprechend aufgestockt. Während der Bauzeit reiste Ortspfarrer Heinrich Bungeroth regelmäßig in die nur knapp 15 km von Boppard entfernte Sommerresidenz des Monarchen Schloss Stolzenfels, um diesen über den Fortgang der Arbeiten informieren, und mehrfach machte der König auch selbst in Boppard Station, um die Baustelle zu besichtigen oder mit dem Pfarrer den Festablauf der Einweihung zu besprechen.

aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 030B, A 13

Die Feierlichkeiten am 29. Juni 1852 gerieten zu einer wahren Demonstration von preußischer Vorherrschaft und königlicher Volksnähe. Gegen neun Uhr morgens trafen Friedrich Wilhelm IV., sein Bruder Prinz Wilhelm (der spätere Kaiser Wilhelm I.) und dessen Ehefrau Prinzessin Augusta (die auch schon der Grundsteinlegung am 26. August 1850 beigewohnt hatte) mitsamt einer illustren Delegation aus Spitzenbeamten und -militärs per Dampfschiff in Boppard ein. Wie dem Album zu entnehmen ist, gehörten zu den Festgästen der Oberpräsident der Rheinprovinz Hans-Hugo von Kleist-Retzow, Regierungsvizepräsident Friedrich von Spankeren, der Geheime Kabinettrat Ernst Emil Illaire, der Geheime Regierungsrat und Kabinettssekretär Marcus von Niebuhr, General Karl von der Groeben, Generalleutnant und Schlosshauptmann von Stolzenfels Philipp von Wussow, Hofmarschall Iwan Gustav Alexander von Keller, der Flügeladjutant des Königs Oberst von Schoeler sowie vermutlich der Präsident des Evangelischen Kirchentages Moritz August von Bethmann-Hollweg. Nach der Weihe der Christuskirche durch den Generalsuperintendenten der Rheinprovinz Dr. Georg August Ludwig Schmidtborn in Anwesenheit zahlreicher evangelischer Geistlicher trug sich der König als erstes in das Erinnerungsalbum ein: „Der Herr hat sein Haus gegründet“, schrieb er, „Er wird es erhalten und erweitern.“ Das sollte sich bewahrheiten. Die noch junge evangelische Kirchengemeinde konnte sich eines starken Partners gewiss sein.

aus Bestand: AEKR 4KG 030B, A 13

Literatur: Hildegard Tschenett, Christuskirche Boppard, hg. v. d. Evangelischen Kirchengemeinde Boppard, Boppard 2019.

Die Top Five Statements bei Archivpflegeterminen

Die Archivpflege, also die archivfachliche Beratung der Kirchengemeinden und Kirchenkreise vor Ort, nimmt in der Evangelischen Kirche im Rheinland traditionell einen zentralen Stellenwert ein. Der Sprengel der EKiR, der immer noch exakt der preußischen Rheinprovinz entspricht und sich damit über vier Bundesländer erstreckt, wird von den beiden Archivstandorten Düsseldorf (für den NRW-Teil) und Boppard aus betreut.

In den allermeisten Fällen kommt es dabei zu erfolgreichen Absprachen, die entweder zu einer professionellen Archivordnung oder aber zu räumlich-technischen Sicherungsmaßnahmen führen. Ausnahmen bestätigen jede Regel. Auf der empirischen Grundlage von 28 Berufsjahren und vielen hundert Ortsterminen von Saarbrücken bis Emmerich sei hier eine zugegeben höchst subjektive Auswahl gemeindlicher Reaktionen präsentiert:

Nr. 5: „Wir haben alles an Düsseldorf abgegeben.“

Diese beliebte Reflexantwort auf alle externen Anfragen zu einer Einsicht in die örtlichen Archivbestände ist quantitativ der Klassiker. Es lässt sich aber fast immer befriedigend aufklären, dass die fraglichen Unterlagen doch in der Gemeinde liegen.

Nr. 4: „Wir müssen erst den regionalen Datenschutzbeauftragten konsultieren.“

Ein wissenschaftlicher Benutzer erhielt auf seine Anfrage bei einer Kirchengemeinde erst einmal gar keine Antwort und nach mehrfacher Nachfrage dann diese Auskunft. Ohne jetzt über das grundsätzliche Verhältnis von Archivrecht und Datenschutz zu sinnieren, ist dieser Satz besonders originell, da es im fraglichen Fall um Schriftgut aus dem 18. Jahrhundert ging.

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Huldigung für Kaiser Wilhelm II. 1897 in Bethel mit Beteiligung aus dem Wuppertal

Die Anstalt Bethel wurde 1867 für Menschen mit epileptischen Erkrankungen gegründet. Nach ihrem Leiter, Pfarrer Friedrich von Bodelschwingh, der der Anstalt von 1872 bis 1910 vorstand, wurde sie „von Bodelschwinghsche Anstalten“ benannt und ist als großes Werk der Diakonie sehr bekannt. Die Anstalten (heute: Stiftungen) liegen bekanntermaßen bei Bielefeld in Westfalen. Interessant für uns im Rheinland ist aber eine Beteiligung einer Abordnung des „Wupperthales“ an der Kaiserhuldigung in Bethel.

Kaiserhuldigung in der Anstalt Bethel am 18. Juni 1897: dargebracht von den Jünglings-, Jungfrauen- und Posaunen-Vereinen Minden-Ravensbergs unter Beteiligung der angrenzenden Westfälischen und Lippischen Bezirke sowie des Wupperthales, aus Bestand: Archivbibliothek AEKR, Signatur: P 2017

In unserer Archivbibliothek befindet sich ein Programmheft mit dem Titel „Kaiserhuldigung in der Anstalt Bethel am 18. Juni 1897, dargebracht von den Jünglings-, Jungfrauen- und Posaunen-Vereinen Minden-Ravensbergs unter Beteilung der angrenzenden Westfälischen und Lippischen Bezirke sowie des Wupperthales„. Offensichtlich machten Kaiser Wilhelm II. und seine Gattin Kaiserin Auguste Viktoria den Anstalten seine Aufwartung zum 30jährigen Jubiläum.

Die Kaiserin trifft laut Programm gegen 9 Uhr zunächst alleine auf dem Anstaltsgelände ein; der Kaiser besichtigt noch die nahegelegene Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf. Bei der Ankunft Auguste Viktorias „erklingt I. Maj. Lieblings- resp. Trauungschoral Jesu, geh voran auf der Lebensbahn“, mit Posaunenbegleitung. Bei der späteren Ankunft des Kaisers „erschallt im Tonsatz von Bach aus dem Posaunenbuch Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren.“ Beim Erscheinen des Kaiserpaares auf dem Festplatz wird es pathetisch: Von der Nationalhymne „Heil Dir im Siegerkranz“ wird von allen Anwesenden mit Posaunenbegleitung der zweite Vers gesungen „Herrsche nach Gottes Recht, Du und Dein Geschlecht, Deutschland zum Heil! […]“ Auch die Kaiserin kommt zu ihrem Recht, da direkt ihr Heimatlied „Schleswig-Holstein, meerumschlungen, Deutscher Sitte hohe Wacht! […]“ folgt.

Von dem Festplatz können wir uns ein Bild machen, denn es ist ein Lageplan mittig in das Programmheft eingebunden:

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Von der Heiterkeit der Christen – Ein Beitrag zum Rosenmontag

Karneval in Düsseldorf „Drei tolle Tage“ aus Der Weg, Nr. 9/1960, S. 1
Presseverband 4287 

Fast wäre es in diesem Jahr einfach an uns vorbei gegangen: Karneval ! Am heutigen Rosenmontag wäre die Düsseldorfer Innenstadt eigentlich überfüllt von Menschen anlässlich des Rosenmontagszuges. Dieses Jahr kaum denkbar. Daher hier ein kleiner Ausschnitt aus der Zeitschrift „Der Weg“ aus dem Jahre 1960, der ganz gut zur aktuellen Corona-Situation passt, aber auch Hoffnung verspricht. Auf das wir vielleicht im kommenden Jahr wieder Karneval zelebrieren können:

„Fröhlich warten heißt, den Abstand zwischen Jetzt und Dann nicht übersehen, das Vorläufige nicht mit dem Endgültigen verwechseln, heißt: irgendwo auch heiter nein sagen zu können. Um der geforderten Ganzheit des Ja willen. Heiterkeit und Distanz schließen einander nicht aus, denn Heiterkeit hängt mit Klarheit zusammen, nicht nur im Wetterbericht.— Fröhlich Warten heißt auch; die Geduld nicht verlieren, nach dem Gott so viel Geduld an uns wendet. Geduld in Bezug auf die Zeit des Wartens, Geduld in Bezug auf unser Sein mit anderen. Wahrer Humor ist der Liebe verwandt und von guter, herzlicher Art. Die Heiterkeit des Christen stellt Zeichen und Praxis mitmenschlicher Solidarität dar.“

AEKR 8SL046 (Bildsammlung)/Fotografen Hans Lachmann: Karneval in der Düsseldorfer Altstadt

Das Archiv der EKiR wünscht allen Karnevalisten einen schönen Rosenmontag.

Feldpost und sonstige Kriegskorrespondenz im Archiv der EKiR

„Was sollen wir sagen, was sollen wir selbst tun, wenn es heißt unter Berufung auf das Erstechen und Massakrieren zurückgebliebener Verwundeter durch die Russen: Gefangene werden nicht gemacht!, wenn für einen vermissten Soldaten 300 Juden an die Wand gestellt werden?“

Dieses Zitat aus einem Brief des im Oktober 1941 gefallenen Hilfspredigers Friedrich Wilhelm Hesse bildet eine seltene Ausnahme. Die regulären Feldpostbriefe unterlagen in allen Kriegen einer rigiden Zensur mit ggf. scharfen Verfolgungsmaßnahmen, zumal 1939-1945 unter den Bedingungen des nationalsozialistischen Staates. Es ist daher gänzlich unrealistisch, hier kritische Äußerungen über die militärische Lage oder gar das politische System als solches zu erwarten. Wenn überhaupt, finden sich diese in privater Kriegskorrespondenz, die etwa von Fronturlaubern mitgenommen worden war.

Feldpostbrief, Deutschland, 1944

Eine dritte Kategorie bildet der organisierte Postverkehr zwischen kirchlichen Dienststellen und ihren zum Militär eingezogenen Vikaren und Hilfspredigern. Im Rheinland unternahmen sowohl das NS-affine Konsistorium wie auch der Bruderrat der Bekennenden Kirche große Anstrengungen, den Kontakt zu ihrem kirchlichen Nachwuchs zu halten. Hierzu gibt es bereits eine wissenschaftliche Auswertung, ebenso auch zu den Diakonen der Kreuznacher Brüderschaft Paulinum. Einzelne rheinische Pfarrer hielten seit 1943/44 über Briefe die Verbindung zu ihren ausgebombten und evakuierten Gemeindegliedern in Süddeutschland und Thüringen aufrecht. Schließlich ist noch an Post aus Kriegsgefangenenlagern zu denken.

Dennoch finden sich in allen Briefkategorien mannigfache Untertöne, die Aufschlüsse über den Alltag im Krieg, die Zustände an der sog. Heimatfront sowie die Mentalität  der jungen Kriegsteilnehmer vermitteln.

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Ausgeblendete Schuld

In der unmittelbaren Nachkriegszeit war auch die evangelische Kirche mit der Situation konfrontiert, dass viele ihrer Amtsträger – auch wenn sie nicht dem theologischen Irrweg der „Deutschen Christen“ gefolgt waren – ab 1933 doch NSDAP-Mitglieder gewesen und deshalb nach dem Krieg von der Entnazifizierung betroffen waren. Die Bereitschaft zu einer echten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit war in den Nachkriegsjahren allerdings äußerst gering ausgeprägt. Ein bezeichnendes Schlaglicht auf diese Zeit wirft der Brief, den der Koblenzer Pfarrer Friedrich Hennes im September 1947 an den Chefarzt des Evangelischen Stiftskrankenhauses Koblenz, Dr. Fritz Michel, zu dessen 70. Geburtstag gerichtet hatte und dessen Konzept im Archivbestand der Kirchengemeinde Koblenz erhalten ist.

Konzept des Briefs von Pfarrer Friedrich Hennes an den Chefarzt des Evangelischen Stifts Koblenz, Dr. Fritz Michel, zu dessen 70. Geburtstag am 17. September 1947 (AEKR Boppard, Bestand 4KG 031B, Kirchengemeinde Koblenz, Reg.-Nr. 84)

Der ursprünglich katholische, später aus der Kirche ausgetretene Fritz Michel (1877-1966), der sich auch durch Forschungen zur mittelalterlichen Geschichte des Mittelrheingebiets einen Namen gemacht hatte, war ab 1936 NSDAP-Mitglied gewesen und hatte als Gynäkologe in den 1930er und 1940er Jahren zahlreiche Zwangssterilisationen in Folge des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 zu verantworten. Zur Rechenschaft gezogen wurde er dafür nach Kriegsende nicht – möglicherweise bewahrte ihn sein Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1947 vor einer Konfrontation mit seiner Nazi-Vergangenheit. Zwischen den Zeilen der Geburtstagsglückwünsche von Pfarrer Friedrich Hennes kann man aber durchaus erkennen, dass Fritz Michel nach 1945 offenbar unter einen gewissen Druck geraten war.

Transkription Brief Hennes-Michel
Transkription des Briefs von Pfarrer Friedrich Hennes an Dr. Fritz Michel zu dessen 70. Geburtstag am 17. September 1947.

Dass ausgerechnet Friedrich Hennes (1890-1966) sich an Michel wandte und Vorwürfe wegen dessen Verstrickungen in das NS-System verharmlosend als vorübergehende „Tagesmeinung und -ungunst“ abtat, entbehrt nicht einer gewissen Delikatesse. Denn auch Hennes war NSDAP-Mitglied gewesen, hatte sich bei den „Deutschen Christen“ engagiert – allerdings im eher gemäßigten Flügel dieser Bewegung und ohne sich theologisch zu kompromittieren – und war deshalb nach Kriegsende ganz ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt wie offenbar Fritz Michel. Als Angehöriger des Geburtsjahrgangs 1890 war allerdings die Pensionierung keine Option für ihn. Im Zuge der kirchlichen Entnazifizierung musste er 1948 das Koblenzer Pfarramt aufgeben, konnte aber im kirchlichen Dienst bleiben und amtierte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1956 als Pfarrer in Engers.