Otium cum dignitate

Bevor wir unseren Archivleiter, Dr. Stefan Flesch, in den wohlverdienten Ruhestand schicken und der Staffelstab offiziell weitergegeben wird, begleiten wir ihn auf seiner letzten Archivführung. Aber entscheiden Sie selbst für sich und wählen die KISS1 Variante mit einem Augenzwinkern oder alternativ die längere Fassung mit Archivalien „en détail” weiter unten.

Wer es ausführlicher mag, schaut gerne hier vorbei:


  1. Apronym aus dem Marketing mit der Bedeutung „Keep It Short and Simple“ / „Gestalte es kurz und einfach“ ↩︎

Une certaine idée des archives, oder: Time to say goodbye

Bei der Überschrift schimmert die Sentenz von Charles de Gaulle durch, der sich dazu bekannte, zeit seines Lebens eine gewisse feste Vorstellung seines geliebten Frankreichs besessen zu haben, „une certaine idée de la France“. „Grandeur“ à la de Gaulle bildet nun freilich keine geeignete Kategorie für ein Archiv (und schon gar nicht für das Archiv der EKiR), hingegen ist das anvertraute Archivgut durchweg „très valable“.

Als ich vor über 32 Jahren in den kirchlichen Archivdienst trat, zunächst in Koblenz, dann in Boppard und seit 2001 in Düsseldorf, hatte ich wie alle Berufsanfänger viele mehr oder minder gute Ideen für die Konzeption und Priorisierung der künftigen Arbeitsschwerpunkte. Nicht alle haben den rauen Alltag periodisch wiederkehrender Sparrunden überlebt. Sehr wohl hat sich aber bald ein fester Kern an Überzeugungen herauskristallisiert. Erlauben Sie mir in Abwandlung der Devise „Liberté, Égalité, Fraternité“ gewissermaßen als archivisches Credo zu wählen: „Fiabilité, Accessibilité, Diversité“, also Verlässlichkeit durch die Sicherung und den Ausbau der archivischen Infrastruktur, erleichterte Zugänglichkeit mittels intensivierter Erschließung sowie größtmögliche Vielfalt des Quellenangebotes auch durch gezielte Acquisitionen.

Unser Archiv kann bald sein 175-jähriges Bestehen feiern. Es war mir eine Ehre und Freude, an seiner Entwicklung für eine gewisse Wegstrecke mitwirken zu dürfen. Heute ist nun mein letzter Arbeitstag und dies ist auch der letzte von gut 200 Beiträgen im Blog. Bleiben Sie dem Archivteam an seinen beiden Standorten in Düsseldorf in Boppard weiterhin gewogen und schauen Sie auch gelegentlich in das Archivblog hinein. Adieu!

Wie ein Großteil des Schöneberger Kapitalienbuches verloren ging

Kürzlich war hier von einem verschollen geglaubten Kirchenbuch zu lesen, das wie durch ein Wunder nach langer Zeit doch noch wieder aufgetaucht ist. Auf eine ähnlich glückliche Fügung hofft man in der Westerwaldgemeinde Schöneberg bislang vergeblich, wo vor fast neun Jahrzehnten große Teile eines Ende des 17. Jahrhunderts begonnenen Kapitalienbuches verloren gingen. Von dem ursprünglich mehrere hundert Seiten umfassenden Band, der zu den ältesten Dokumenten des Archivs der Evangelischen Kirchengemeinde zählt, sind heute nur noch wenige Fragmente erhalten. Der Grund dafür lässt jede/-n Archivar/-in erschaudern: Das Kapitalienbuch wurde 1935 an einen Heimatkundler verliehen. Dieser gab 1937 nur noch Reste des wertvollen Bandes an die Pfarrei zurück. Ein Großteil der Blätter war entnommen und „versehentlich“, wie der Leihnehmer beteuerte, vermischt mit anderen Dokumenten als Aktenbündel verkauft worden. In dem durchsichtigen Versuch zu vertuschen, dass es sich bei den Schriftstücken um Seiten aus einer geschlossenen Quelle handelte, hatte er noch dazu die Paginierung an der oberen rechten Ecke jedes Blattes abgerissen.

Ausschnitt des ältesten Schriftstücks der Fragmente. Deutlich zu erkennen die oben rechts entfernte ursprüngliche Paginierung; aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 145B (Schöneberg), Nr. 283, S.1

Die erhaltenen Fragmente beginnen mit einer zehnseitigen Aufstellung der Pfarrgüter und Renten, die 1695 von Pfarrer Friedrich Wilhelm Losius angelegt und von seinen Nachfolgern bis 1783 weitergeführt wurde. Ebenfalls zehn Seiten nehmen die 1705 von Pfarrer Friedrich Höcker erstellten Inventaria ein, die in den Jahren 1709, 1714, 1755 und 1797 ergänzt wurden. Eine weitere Quelle ist die Zehntenliste von 1756 bis 1758, angelegt von Pfarrer Wilhelm Henrich Seel, auf deren Rückseite sich eine Beschwerde des reformierten Pfarrers gegen den lutherischen Kirchspiels-Geschworenen Philipp Jugnitius aus dem Jahr 1758 befindet.

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