Kürzlich war hier von einem verschollen geglaubten Kirchenbuch zu lesen, das wie durch ein Wunder nach langer Zeit doch noch wieder aufgetaucht ist. Auf eine ähnlich glückliche Fügung hofft man in der Westerwaldgemeinde Schöneberg bislang vergeblich, wo vor fast neun Jahrzehnten große Teile eines Ende des 17. Jahrhunderts begonnenen Kapitalienbuches verloren gingen. Von dem ursprünglich mehrere hundert Seiten umfassenden Band, der zu den ältesten Dokumenten des Archivs der Evangelischen Kirchengemeinde zählt, sind heute nur noch wenige Fragmente erhalten. Der Grund dafür lässt jede/-n Archivar/-in erschaudern: Das Kapitalienbuch wurde 1935 an einen Heimatkundler verliehen. Dieser gab 1937 nur noch Reste des wertvollen Bandes an die Pfarrei zurück. Ein Großteil der Blätter war entnommen und „versehentlich“, wie der Leihnehmer beteuerte, vermischt mit anderen Dokumenten als Aktenbündel verkauft worden. In dem durchsichtigen Versuch zu vertuschen, dass es sich bei den Schriftstücken um Seiten aus einer geschlossenen Quelle handelte, hatte er noch dazu die Paginierung an der oberen rechten Ecke jedes Blattes abgerissen.

Die erhaltenen Fragmente beginnen mit einer zehnseitigen Aufstellung der Pfarrgüter und Renten, die 1695 von Pfarrer Friedrich Wilhelm Losius angelegt und von seinen Nachfolgern bis 1783 weitergeführt wurde. Ebenfalls zehn Seiten nehmen die 1705 von Pfarrer Friedrich Höcker erstellten Inventaria ein, die in den Jahren 1709, 1714, 1755 und 1797 ergänzt wurden. Eine weitere Quelle ist die Zehntenliste von 1756 bis 1758, angelegt von Pfarrer Wilhelm Henrich Seel, auf deren Rückseite sich eine Beschwerde des reformierten Pfarrers gegen den lutherischen Kirchspiels-Geschworenen Philipp Jugnitius aus dem Jahr 1758 befindet.

Auf zwei weiteren Blättern sind die Konfirmation des Sohnes des lutherischen Schulmeisters und Vorsängers in der reformierten Kirche zu Oberdreis 1761 sowie die Auflösung der lutherischen Schule in Schöneberg 1760 vermerkt. Unter der Überschrift „Supplica varia“ finden sich auf fünf beschriebenen Seiten eine Bittschrift des reformierten Pfarrers Höcker an die Gräfin von Pöttingen von 1704, in der dieser um Verschonung der Almersbacher Mitbedienung ersucht, eine Beschwerde des lutherischen Pfarrers Anton Reusch zu Almersbach über den reformierten Pfarrer Loos aus dem Jahr 1694 sowie das Dekret der Gräfin Franziska von Pöttingen zu eben dieser Beschwerde (ebenfalls 1694, in Abschrift).
Weitere kurze Aufzeichnungen betreffen den Anbau einer Scheune am Schulhaus 1752, die Zahl der Kommunikanten 1705 sowie Angaben zu Fruchtzehnten in den Jahren 1705, 1707, 1709, 1710 und 1756. Aus dem Jahr 1706 stammt die zweiseitige Abschrift eines Schreibens des Kanzleirats Banz in Altenkirchen an Pfarrer Höcker, in dem es um den Ausschluss einer Frau vom Abendmahl und die Rechtfertigung des Pfarrers geht. Ferner finden sich eine Mitteilung des Pfarrers J. M. Wehler von 1720 über den „Obersten alten Weiher“ bei Kinhausen, Berichte des Pfarrers Seel aus dem Jahr 1759 über das Verhältnis zu den Lutheranern sowie eine Mitteilung des Pfarrers Altgelt um 1770 zu Hand- und Spanndiensten der Kirchspielsangehörigen.
Der Inhalt der erhaltenen Fragmente lässt erahnen, wie wertvoll das Kapitalienbuch für die Geschichte der Kirchengemeinde ist und welch spürbare Lücke sein weitgehender Verlust in der Überlieferung hinterlässt.
This article offers a fascinating glimpse into the rich history of a church community, highlighting the importance of archival records like the Capitalienbuch. The detailed descriptions make it clear how invaluable these documents are for understanding the past. A must-read for anyone interested in local history and archival studies!