NS-kritische Satire „Das Rotkäppchen“ fand ihren Weg auch nach Weiler

Im Archiv der Kirchengemeinde Merxheim-Weiler fand sich bei der Verzeichnung des Bestandes unter den von Pfarrer Martin Ernst Heinrich aus der Zeit des „Dritten Reiches“ nachgelassenen Dokumenten ein maschinenschriftlicher Durchschlag der NS-kritischen Satire „Das Rotkäppchen“, die 1937 in den „Münchner Netteste Nachrichten“, Faschingsausgabe der „Münchner Neueste Nachrichten“, erschienen und unter der Hand reichsweit verbreitet worden war. Die Satire erzählt das bekannte Märchen mit nationalsozialistischem Kolorit:

aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 121B Merxheim-Weiler

Es ist nicht bekannt, wie das Schriftstück in Pfarrer Heinrichs Besitz kam. Da das Blatt nicht gefaltet und demnach nicht per Brief verschickt worden ist, wurde es vermutlich in seinem näheren Umfeld verteilt oder dort sogar vervielfältigt. Es verwundert nicht, dass Pfarrer Heinrich die Satire aufbewahrte. Der Pfarrer, seit 1934 Mitglied der Bekennenden Kirche, kam des Öfteren mit NS-Behörden in Konflikt. Schon im Oktober 1932 beschwerte er sich schriftlich massiv bei Ernst Schmitt aus Staudernheim, Abgeordneter der NSDAP im Preußischen Landtag, über Vorkommnisse bei einem nationalsozialistischen „Deutschen Abend“ der Hitler-Jugend in Weiler am 23. Oktober 1932. Dort hätte man gotteslästerliche Reden gehalten und sich verächtlich über Geistliche und die Religion allgemein geäußert.

Im Juli 1933 ermahnte ihn der Oberbannführer Koblenz der Hitler-Jugend, seine Einstellung gegenüber der HJ „etwas wohlwollender zu gestalten, damit wir nicht denselben Kampf mit der evangelischen Jugend bekommen, wie wir ihn an vielen Orten leider gegen die kath. Jugendverbände führen müssen.“ Pfarrer Heinrich hingegen verlangte eine Entschuldigung für das Verhalten einiger Hitler-Jungen, die nach einem Ausflug der Konfirmanden, bei dem ein Wimpel mit Kreuz getragen wurde, ins Pfarrhaus eingedrungen wären, ihm Aufmärsche verboten und den Wimpel an sich gerissen hätten. Eine solche Behandlung von 15-Jährigen müsse er sich nicht gefallen lassen. Die Angelegenheit kam auch Provinzialjugendpfarrer Theodor Voß zu Ohren, der am 2. August 1933 an den Landesjugendpfleger in Düsseldorf schrieb, dass „die Entgleisung in Weiler unbedingt richtig gestellt werden [muss], um nicht durch solche Vorkommnisse […] die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat empfindlich stören zu lassen. Die Evangelische Kirche wird es jedenfalls nicht einfach hinnehmen […].“

aus Bestand: AEKR Boppard 4KG 121B Merxheim-Weiler

Auch mit der NS-Frauenschaft kamen Pfarrer Heinrich und seine Schwester in Konflikt. Die Ortsfrauenschaftsleiterin beschwerte sich 1935 in einem langen Brief bei ihm über die Abhaltung von Kindergottesdiensten durch die Diakonisse, und an die Schwester schrieb sie im folgenden Jahr, dass durch deren Engagement für die Frauenhilfe „die Frauenschaft vernichtet werden soll.“ Pfarrer Heinrich seinerseits beklagte sich beim Schulrat über Lehrer Lötzberger, der auch im Religionsunterricht wiederholt längere Vorlesungen aus dem „Stürmer“ gehalten und die Kinder mit der Aussage verstört hätte, „Es ist wichtiger, den Stürmer zu kennen, als die Bibel!“

Reagierten die NS-Behörden zunächst noch beschwichtigend auf die Eingaben des Pfarrers, verschärfte sich ab 1937 der Ton. Nach eigener Auskunft wurde Heinrich vom Amtsbürgermeister von Gemünden beim Landrat in Simmern angezeigt, weil er in Kellenbach eine halbe Stunde lang die verbotene Fürbittenliste der Bekennenden Kirche für gefangene und gemaßregelte Pfarrer verlesen und mit der Bemerkung ergänzt hätte „Die um ihres Glaubens Willen verfolgt werden.“ Das war offenbar nur eine von mehreren Anzeigen. Die Gottesdienste wurden regelmäßig überwacht, wie man einem Schreiben Pfarrer Heinrichs vom November 1946 entnehmen kann: „Pfarrer Wüsthoff“, heißt es darin, „hielt 1937 in Weiler einen Aufklärungsabend der BK […]. Im überfüllten Gotteshaus sprach er mit grossem Mut von den Religionsbedrückungen des Nationalsozialismus. Nach seiner eignen Mitteilung erfolgte darauf eine Anzeige, was mich nicht wunderte, da ich Überwachung in der Kirche selbst bemerkt hatte.“

Über die Kriegsjahre 1939-45 gibt das Archiv nur wenig Auskunft. Erst nach Kriegsende wird Pfarrer Heinrich wieder „aktenkundig“: Er engagierte sich für aus seiner Sicht zu Unrecht der NS-Mittäterschaft verdächtigte, zum Teil inhaftierte Personen und schrieb zahlreiche Eingaben und Bescheinigungen.