Die Historie der heutigen Nationalstaaten Tschechiens und der Slowakei gestaltet sich sicherlich als eine der spannenderen hinsichtlich der eigenen Nationen- und Identitätsbildung. Neben einer gemeinsamen Geschichte, weisen beide Nationalstaaten auch diverse unterschiedliche Prägungen auf, die oftmals im Gedächtnis der Öffentlichkeit wenig Beleuchtung finden. Offiziell konstituierte sich ein moderner Staat der „Tschechoslowakei“ erst im Jahre 1918 und zerfiel 1992 in die beiden heutigen Staaten. Bereits im 10. Jahrhundert fand eine Trennung der beiden „Völker“ statt, die de jure bis in das 20. Jahrhundert existierte. Während Tschechien zum österreichischen Reichsteil der Habsburger gehörte, wurde die Slowakei als „Oberungarn“ vor 1918 politisch und kulturell vornehmlich durch das königliche Ungarn geprägt. Natürlich darf die geographische Trennung nicht darüber hinweg täuschen, dass aufgrund der gemeinsamen mittelalterlichen Geschichte und Zugehörigkeit zu der westslawischen Sprachfamilie durchaus kulturelle und politische Verbindungen konserviert blieben, wie sich anschaulich am sogenannten „Völkerfrühling“ (Mitte des 19. Jahrhunderts) analysieren lässt. Dennoch erscheint es aufgrund der faktisch vorherrschenden Trennung ebenfalls nicht verwunderlich, dass beide Staaten eine durchaus weitreichende Pluralität aufweisen, die sich auch in konfessioneller Hinsicht zeigt.
Wie bereits für die ungarischen Protestanten, erleichterte das josephinische Toleranzedikt das religiöse Leben der Protestanten in Böhmen, Mähren und der Slowakei maßgeblich. Wenngleich keine Rückbesinnung auf die alten Traditionen der „Böhmischen Brüder“ oder „Hussiten“ stattfinden durfte, sodass die evangelische Minderheit sich den Lutheranern oder Reformierten anschließen mussten. Der Protestantismus erhielt bereits im frühen 17. Jahrhundert Einzug in beiden Ländern. Nach dem „Österreichisch-Ungarischen Ausgleich“ von 1867 erfuhr das Slowakische eine Abwertung und wurde durch die zunehmende Magyarisierung marginalisiert. Der politische Widerstand wurde vornehmlich durch die slowakischen Protestanten getragen, die im Geistesleben, aber auch in der Wirtschaft, überrepräsentiert waren. Als Zeichen des Widerstandes feierten die protestantischen Slowaken ihre Gottesdienste beispielsweise weiterhin auf Slowakisch und lehnten eine lateinische Liturgie ab. Auch in den tschechischen Gebieten machten sich die Bewegungen des Völkerfrühlings bemerkbar, sodass aufgrund nationaler Spannungen der Versuch unternommen wurde Böhmen in eine westliche (deutsche) und eine östliche (tschechische) Superintendentur zu unterteilen.
Nach Beendigung des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch der Doppelkrone Österreich-Ungarn, konstituierte sich der gemeinsame Staat der Tschechoslowakei. Der nun gemeinsame Staat unterlag konfessionell durch die historische Zweiteilung, in das österreichische Tschechien und die ungarische Slowakei, unterschiedlichen Traditionen. Folglich mussten erst neue kirchliche Strukturen begründet werden. Im tschechischen Gebiet agierte die „Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder“ als größte protestantische Partei. Hierbei vereinigten die Böhmischen Brüder sowohl die Lutheraner als auch die Reformierten. Ein anderes Bild zeichnete sich für den slowakischen Landesteil, wo weiterhin eine Teilung zwischen Lutheranern und Reformierten existierte, da die Lutheraner überwiegend als national slowakisch und die Reformierten als national ungarisch klassifiziert werden konnten. Der Staat erkannte nur die Lutherische Kirche an, weshalb sich erst am 21. Januar 1919 die „Slowakische Evangelische Kirche Augsburgischen Bekenntnis“ gründete. Die Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges gestaltete sich für die religiösen Institutionen des Landes als allgemein schwierig. Mit der Umwandlung des Staates in einen kommunistischen Staat, wurde das religiöse Leben staatlich beschnitten, was sich unteranderem darin äußerte, dass die Geistlichen aller Kirchen nun den Status eines Staatsbeamten erhielten.
Trotz dieser bewegten Kirchengeschichte, die nicht frei von Unterdrückung und innerkirchlichen Unterschiedlichen ist, unterhielt die Evangelische Kirche im Rheinland enge Beziehungen zu den tschechisch-slowakischen Glaubensgeschwistern. In der Zeitschriftenreihe „Monatshefte für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes“, die sich im Bestand „8SL 034 – Sammlung Martin Rohkämper“ findet, wurde bspw. im Jahre 1963 der Artikel „Die Beziehungen zwischen den tschechischen und rheinischen Evangelischen im 19. Jahrhundert“ (Archivbibliothek, ZH 073) veröffentlicht. Interessant erscheint hierbei, dass dieser Aufsatz aus der Feder des tschechischen Professors Dr. Rudolf Rican stammt. Rican referiert, dass zum einen das gemeinsame reformierte Bekenntnis eine Bindung zwischen dem Rheinland und Böhmen schaffte und zum anderen bedeutende theologische Persönlichkeiten das Verhältnis nachhaltig prägten. Hier wird u.a. auf Theodor Fliedner verwiesen, der bereits in den 1860er Jahren auf die böhmisch-mährischen Glaubensgeschwister aufmerksam machte und vornehmlich tschechische Pfarrerstöchter nach Kaiserswerth einlud. Die Verbindungen rissen auch im 20. Jahrhundert nicht ab, was eindrucksvoll am Bestand „6HA 003 – Präses Professor D. Dr. Joachim Beckmann“ nachgewiesen werden kann. Die Akte Nr. 384 inkludiert einen Schriftwechsel Beckmanns mit dem bedeutenden tschechisch-lutherischen Theologen Josef Hromádka, welcher Beckmann zu der „Konferenz des Ökumenischen Rates“ für Mai 1958 einlud. Zusätzlich lassen sich weitere Korrespondenzen finden, die im Vorfeld des Tschechoslowakei-Besuches 1959 das „Programm“ der rheinischen und westfälischen Kirche thematisieren.
Bestände:
6HA 003 – Präses Professor D. Dr. Joachim Beckmann
8SL 034M – Sammlung Martin Rohkämper
Literatur:
Birnbaum, Immanuel: Tschechoslowakei, in: Hefte zur Ostkunde, H. 4, Hannover 1963.
Fitschen, Klaus: Protestantische Minderheitenkirchen in Europa im 19. Jahrhundert und 20. Jahrhundert, Leipzig 2008.

