Geburtsurkunde der Evangelischen Kirche im Rheinland wieder aufgetaucht

Heute vor 75 Jahren, am 15. Mai 1945, trafen sich um 10 Uhr vormittags im Dienstgebäude des Konsistoriums in der Düsseldorfer Inselstraße sechs führende Persönlichkeiten des rheinischen Protestantismus. Stundenlang feilten sie an der abschließenden Redaktion eines wegweisenden Dokuments zur zukünftigen Gestalt der Evangelischen Kirche im Rheinland, das sie präzise um 13:30 Uhr unterzeichneten. Es trug den etwas sperrigen Titel „Vereinbarung zur Wiederherstellung einer bekenntnisgebundenen Ordnung und Leitung der Evangelischen Kirche der Rheinprovinz„.

Eine bislang unbekannte Ausfertigung dieser kirchlichen Verfassungsurkunde ist jetzt an unerwarteter Stelle aufgetaucht. Sie werden sich vielleicht auch fragen, was der Sieg des heiligen Michael über den Drachen auf dem Gemälde von Hans Thoma mit der künftigen Kirchenleitung zu tun hat?

Festkalender von Hans Thoma, Verlag von E. A. Seemann, Leipzig. Mappe mit 31 farbigen Tafeln.

Im Protokoll heißt es: „Dieselbe (also die Vereinbarung) wurde um 13:30 Uhr in vierfacher Ausfertigung von den Anwesenden unterzeichnet. Pfr. Held nahm hiernach Bezug auf ein Gemälde von Hans Thoma vom Siege St. Michaels über den Drachen und Generalsuperintendent D. Stoltenhoff sprach auf Bitte des geschäftsführenden Vorsitzenden, Pfr. lic. Dr. Beckmann, ein Gebet. Damit hat sich die Leitung der Evangelischen Kirche constituiert.“

Neben den beiden späteren Präsides Heinrich Held und Joachim Beckmann sowie dem noch amtierenden Generalsuperintendenten Ernst Stoltenhoff unterzeichneten Johannes Schlingensiepen, Rudolf Harney und Helmut Rößler. Die Vereinbarung stellte somit einen Kompromiss dar: Der neuen Kirchenleitung gehörten neben den drei prominenten Vertretern der rheinischen BK (Held, Beckmann und Schlingensiepen) auch drei Vertreter der etablierten kirchlichen Institutionen an: Stoltenhoff, Harney als letzter Präses der Provinzialsynode von 1932 und Rößler als Vertreter des Konsistoriums.

Vereinbarung zur Wiederherstellung einer bekenntnisgebundenen Ordnung und Leitung der Evangl. Kirche der Rheinprovinz. Bestand: AEKR_7NL 216M (Elfriede Goerisch), 15

Letztgenannter Konsistorialrat war als Repräsentant des alten Kirchenregimes so etwas wie die graue Eminenz hinter den Kulissen. Er bildet auch den Schlüssel für die Herkunft der jetzt entdeckten Ausfertigung.

Die unterschriebene maschinenschriftliche Erstschrift wurde korrekterweise als Anlage zu den KL-Protokollen genommen (Jg. 1945, Nr. 1-26); eine beglaubigte Abschrift ohne Unterschriften legte man in den Konsistorialakten ab (AEKR Best. 1OB 002, Nr. 537). Die Unterschrift des BK-Juristen Karl Mensing holte man am 25. Mai nach. Es ist zu vermuten, dass die übrigen drei unterschriebenen Durchschläge bei den Handakten einiger der handelnden Protagonisten gelandet sind. Es fand sich aber kein weiteres Exemplar, bis unlängst der Nachlass von Elfriede Goerisch ins Archiv kam. Goerisch (1917-2018) leitete über viele Jahre hinweg im LKA die Präseskanzlei und war auch privat dem Ehepaar Rößler eng verbunden. Ein munteres Video-Interview anlässlich ihres 100. Geburtstages finden Sie hier. In ihren Unterlagen befand sich dann überraschenderweise eine Mappe mit Schriftstücken zum kirchlichen Neuanfang 1945 (AEKR Best. 7NL 216M, Nr. 15), die noch 1983 bei der Bearbeitung des Nachlasses Rößler dort registriert worden war, aber seitdem als verschollen galt.

Ein letzter Blick zurück zu St. Michael und dem Drachen: Wahrscheinlich interpretierte Heinrich Held die neu gebildete Kirchenleitung als Sieger über den Drachen des NS-loyalen Konsistoriums und der Deutschen Christen (DC) und über Kunstgeschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.

2 Gedanken zu „Geburtsurkunde der Evangelischen Kirche im Rheinland wieder aufgetaucht

  1. 38 Jahre habe ich für diese wunderbare rheinische Kirche hauptamtlich und jetzt seit fast vier Jahren ehrenamtlich gearbeitet und gekämpft. Eine Kirche, die sich durch ihre presbyterial-synodale Verfassung von unten nach oben aufbaut – was für eine weise und kluge Erkenntnis und Entscheidung ihrer Gründungsfiguren insbesondere auch für das Lebensgefühl des heutigen autonomen Menschen!
    Ob wir genug dafür gesorgt haben, dass er das auch wahrnimmt und weiß?
    Mit herzlicher Gratulation
    Reinhard Bartha

  2. Vielen Dank, dass Sie die Urkunde vom 15.Mai 1945 online zugänglich gemacht haben. Der Nachlass von Frau Goerisch ist gewiß eine Fundgrube für die Geschichte der Rh. Kirche..
    Die Wahl des KonsRates Rößler in die neue KL ist mir im nachhinein immer noch ein Rätsel.—–
    Es gibt übrigens einen Briefwechsel zwischen Dietrich Bonhoeffer und Helmut Rößler in der DB. Ausgabe. -H. R. hat an D.B. öffentlichen Lic. Verteidigung teilgenommen und waren später noch als Auslandpfarrer brieflich verbunden .Gibt es persönliche Verlautbarungen des K. R.über den völlig anderen Weg des ehemaligen Freundes (?) .Vielleicht kann jemand dem einmal nachgehen ?j

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