Die Spanische Grippe 1918 in Düsseldorf: Eine statistische Auswertung anhand der Kirchenbücher

Meine Urgroßmutter starb im Herbst 1918 im saarländischen Industrierevier als junge Frau. Sie hinterließ eine zwölfjährige Tochter, meine Großmutter, von der ich als Jugendlicher erfuhr, ihre Mutter sei wie viele andere damals an einer grassierenden Grippeepidemie innerhalb von nur drei Tagen gestorben. Warum starb man als junger kräftiger Erwachsener an einer Grippe? Erst viel später fand ich historische Literatur zum Thema und verstand die Zusammenhänge: Die nur zufällig so benannte Spanische Grippe forderte weitaus mehr Opfer als der Erste Weltkrieg und zählt zu den schwersten Pandemien der Geschichte. Allein im Deutschen Reich sind 1918-1920 zwischen 300.000 und 600.000 Menschen an der Grippe gestorben. Weltweit belaufen sich die vorsichtigsten Schätzungen auf 25 Milionen Grippetote, kalkuliert wird auch mit der doppelten bis dreifachen Zahl.

Auf der Grundlage der Sterberegister der evangelischen Kirchengemeinde Düsseldorf (damals mit ca. 90.000 Gemeindegliedern eine der größten Kirchengemeinden im gesamten Reich) soll die Dramatik des Geschehens an einem regionalen Beispiel veranschaulicht werden.

War die jährliche Zahl der Bestattungen zunächst konstant geblieben (1914: 903; 1915: 890; 1916: 915), so stieg ihre Zahl nach der Mangelernährung des „Steckrübenwinters“ 1916/17 auf 1123 an (davon 621 in der ersten Jahreshälfte). 1918 sind dann bis zum 30. Juni nur 571 Sterbefälle erfasst, was zeigt, dass die erste Welle der Spanischen Grippe im Mai-Juni 1918 zumindest in Düsseldorf kaum Todesopfer gefordert hat. Umso unbarmherziger schlug das mittlerweile mutierte Virus ab Ende September 1918 zu:

Sterbefälle 09/1918 – 12/1918

Allein im Oktober und November 1918 fanden 454 Bestattungen statt, wodurch die Zahl der Todesfälle 1918 gegenüber dem Vorjahr insgesamt um 24,5 % auf 1.391 anstieg. Die an der Westfront gefallenen Soldaten spielen hierbei keine Rolle, abgesehen von einigen wenigen im Lazarett Verstorbenen. 1918, 1919 und 1920 bewegten sich die Sterbefälle in Düsseldorf dann wieder auf dem Niveau von 1917.

Noch frappierender als die absoluten Zahlen ist freilich der genaue Blick auf ihre Verteilung: Ist es schon auffällig, dass in den beiden Krisenmonaten deutlich mehr Frauen als Männer starben (250 zu 204), so gehörten nicht weniger als 44,5 % (202/454) der Altersgruppe zwischen 15-40 Jahren an. Es war ein bekanntes Phänomen der Spanischen Grippe, dass sie ausgerechnet die jüngeren Erwachsenen traf, deren starkes Immunsystem dann Amok lief gegen den eigenen Körper.

In der Rückschau vermag man sich nur zu wundern, wie die Krankheit in den Medien teils bewusst verheimlicht (Stichwort Kriegszensur), teils aber auch in der öffentlichen Wahrnehmung von dem politischen Umbruch im Herbst 1918 völlig überlagert wurde. So findet sich in dem von der Ev. Kirchengemeinde wöchentlich herausgegebenen „Düsseldorfer Sonntagsblatt“ 1918-1919 keine einzige Erwähnung der Grippe. Erst im Jahresbericht der Kreissynode Düsseldorf vom Juli 1919 heißt es recht nüchtern im Rückblick: „In Düsseldorf häuften sich in den Monaten Oktober und November die Sterbefälle derart, dass die Beerdigungen mit 1/4stündigen Zwischenpausen erfolgen mussten. Infolgedessen hielt man es für notwendig, einen besonderen Friedhofsdienst für Geistliche einzuführen dergestalt, dass auf jedem Friedhof ein Geistlicher nachmittags von 2 Uhr ab die Beerdigungen übernahm. Für die Katholiken war der Vormittag für die Beerdigungen festgelegt. Diese Einrichtung hat etwa 3 Wochen lang bestanden.“

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