Spröde Quellen zum Sprechen bringen – Presbyteriumsprotokolle und Jahresrechnungen

Unter diesem Titel warben wir bereits 2012 bei einer Fortbildungsveranstaltung für ehrenamtliche Archivbetreuer für das Crowdsourcing bei der Transkription früh-
neuzeitlicher Amtsbücher. In erster Linie kommen hier die Protokolle der örtlichen Presbyterien oder Konsistorien in den Blick. Sie bilden eine Quellengruppe von kaum zu überschätzender Bedeutung, von der bislang nur wenige Gemeindeserien als Editionen vorliegen. Einen aktuellen Überblick für das Rheinland finden Sie hier.

Im Unterschied zum Sprachgebrauch seit preußischer Zeit, der den Begriff Konsistorium auf die zentralen kirchlichen Oberbehörden einengt, ist hierunter in der frühen Neuzeit, vor allem im reformierten Kontext, das gewählte ehrenamtliche Leitungsgremium der Kirchengemeinde zu verstehen. Es entspricht dem heutigen Presbyterium und setzte sich zusammen aus den Ältesten, den Diakonen und dem
oder den Predigern. In den Protokollen bietet sich der historischen Forschung nun wirklich das alltägliche Leben in der dörflichen oder städtischen Gemeinde dar.

Die Sitzungen, die zumeist einmal im Monat, gelegentlich auch in kürzerem Turnus, stattfanden, hatten zunächst drei wiederkehrende Themenschwerpunkte: Organisation der Armenpflege, Einnahmen und Ausgaben der Gemeinde sowie schließlich die Wahrnehmung der Kirchenzucht: Das Konsistorium verstand sich gemäß reformierter Auffassung als Aufsichtsorgan auch über den privaten Lebenswandel der Gemeinde-
glieder. Das Anprangern von Alkoholmissbrauch, Tanzvergnügungen und ähnlichen „Leichtfertigkeiten“ überwiegt quantitativ bei weitem, doch stehen ebenso Fälle von Selbstmord, vorehelichen Beischlafs und zerrütteter Familienverhältnisse immer wieder auf der Tagesordnung. Als Disziplinierungsinstrument diente die ganze Palette von Hausvisitationen, öffentlichen Ankündigungen von der Kanzel bis hin zum Ausschluss der Missetäter vom Abendmahl.

Etwa 40 Protokollbände des 16.-18. Jahrhunderts aus den Kirchengemeinden Aachen, Düsseldorf, Essen, Goch, Haan, Kleve, Krefeld, Moers, Stolberg und Urdenbach werden jetzt erstmals digitalisiert und stehen ab 2021 für Erschließungsprojekte zur Verfügung.

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