
Auf unserer Website sind neue Digitalisate zur Aachener Kirchengemeinde (4KG 004) verfügbar. Online einsehbar waren bisher die Kirchenzeugnisse der reformierten und lutherischen Gemeinde, sowie einige Amtsbücher.
Ergänzend sind nun Akten (Az. 0) zugänglich, die die reformierte Kirchengemeinde, ihre Entstehung, Verfassung und ihren Bekenntnisstand zum Inhalt haben, Nr. 47 und 48. Sie umreißen den Zeitraum Mitte des 16. bis Mitte des 17. Jahrhunderts und werfen ein Schlaglicht auf das Leben der Reformierten in Aachen in der Frühen Neuzeit.
Daneben finden sich unter den Nummern 49, 50 und 51 die ersten Teile der Korrespondenzserie von Pfarrer Wenningius, die ihn in seiner Rolle als Beobachter und Vertreter bei den Friedensverhandlungen in Osnabrück und Münster, die schließlich zum Westfälischen Frieden führten, dokumentieren.
Georg Ulrich Wenning (1615-1696) nimmt eine bedeutende Stellung in der Geschichte der reformierten Gemeinde Aachens ein. Über die Kindheit des aus Eschenbach in der Oberpfalz stammenden Wenning ist nichts bekannt. In Quellen tritt er als Student erstmals in Erscheinung. So kann zumindest nachverfolgt werden, dass er in Wittenberg, Zerbst und Bremen Theologie studiert hat, wobei er v.a. in Bremen theologisch besonders geprägt wurde. 1642 kam Wenning an die Leidener Universität und ab 1645 trat er vertretend als Prediger in Amsterdam auf.
Wenning wurde als Prediger für die ref. Gemeinde Kölns und für die ref. Gemeinde Aachens berufen. Während er Kölns Ruf ablehnte, nahm er den Aachens an. Nach seiner Ordination am 17. Mai in Den Haag traf er schließlich am 12. Juni 1645 in der Reichsstadt Aachen ein.
Doch kaum ein Jahr später entband ihn das Aachener Konsistorium von seiner Tätigkeit. Stattdessen entsandte es ihn als Beobachter und Vertreter zu den Friedensverhandlungen zunächst nach Osnabrück, wo er sich mit gelegentlichen Unterbrechungen fast zwei Jahre aufhielt, dann nach Münster. Georg Ulrich Wenning vertrat aber nicht nur die Interessen der Reformierten Aachens, sondern auch der Reformierten Kölns und der Aachener Lutheraner. Ein besonderes Anliegen war es ihm, für die Protestanten die Erlaubnis zu erringen, frei und öffentlich Gottesdienst feiern zu dürfen. Die zunehmenden Rekatholisierungsoffensiven des Aachener Magistrats zwangen die Protestanten nämlich, ihre Gottesdienste im Verborgenen abzuhalten.
Über den Verlauf der Verhandlungen informierte Wenning in seinen ins Rheinland abgehenden Berichten. Wie damals nicht unüblich verschlüsselte er einige der Berichte. Dabei verwendete Wenning je nach Adressat unterschiedliche Codes. Er kombinierte Zahlen, griff auf lateinische, griechische und hebräische Buchstaben zurück und bediente sich auch astronomischer oder sonstiger Fantasiezeichen. Er erstellte Listen, die Aufschluss darüber gaben, was kodierte wurde und welche Personen oder Themen der Geheimhaltung unterlagen. Zudem arbeitete er sehr akribisch, sauber und überlegt.

In dieser Zeit knüpfte Wenning viele wichtige Kontakte und vernetzte sich v.a. mit brandenburgischen und niederländischen Gesandten, seine Beziehungen reichten z.T. bis in die Amsterdamer Oberschicht. Sein angestrebtes Ziel den Aachener Protestanten öffentliche Gottesdienste zu ermöglichen, erreichte er leider nicht. Stattdessen griff man – Wenning war ab Februar 1649 wieder in Aachen – auf die Taktik des „Auslaufens“ zurück. Darunter versteht man die Überquerung einer (Landes-)Grenze, um jenseits der Grenze ungehindert freie, öffentliche Gottesdienste abhalten zu können. Im Aachener Fall wich die reformierte Gemeinde nach Vaals aus, wo Wenning am 8. Februar 1949 zusätzlich zum Prediger berufen wurde. In Personalunion betreute er nun die Gemeinden Vaals, Aachen und Eupen. In Burtscheid übernahm er zudem seelsorgliche Pflichten.
Wennings Wirken blieb nicht ohne Einfluss auf das protestantische Leben. So trieb er den Bau einer Kirche für die deutschsprachige Gemeinde in Vaals voran, akquirierte Spenden für neue Abendmahlsgerätschaften und vermittelte mit diplomatischem Geschick nicht nur zwischen den Konsistorien Aachens, Burtscheids, Eupens und Vaals, sondern auch mit der katholischen Seite. So gelang es ihm, das freie öffentliche Exercitium in Vaals wesentlich zu stärken. Seine persönliche Stellung untermauerte Wenning durch die Heirat mit Catharina Römer, die einer der einflussreichsten, angesehensten und reichsten ref. Familie Aachens entstammte.
Thomas Richter fasst über Wenning treffend zusammen: „Wenning entwickelte sich durch seine lange Amtszeit, durch sein exzellentes Netzwerk und durch seine Tatkraft zur zentralen Figur des Aachener Protestantismus in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Mit Geschick sorgte er für die Möglichkeit des freien öffentlichen Gottesdienstes jenseits der Grenze und navigierte die ihm anvertrauten Gemeinden durch schwierige Jahrzehnte. Sein Einfluss auf die Geschicke der Reformierten im Raum Aachen kann kaum zu hoch eingeschätzt werden“ (Richter, Thomas: Georg Ulrich Wenning, in: BBK Bd. XLVIII, Nordhausen 2025, Spalte 1566).