„Lieber Rößler“: Briefe Dietrich Bonhoeffers im Archiv der EKiR

In den letzten Tagen ist intensiv an den 80. Todestag des Theologen Dietrich Bonhoeffer erinnert worden. Er hatte sich im Widerstand gegen das NS-Regime engagiert und wurde noch am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet. 1906 geboren, machte er während seines Studiums in Berlin Bekanntschaft mit dem etwas älteren Helmut Rößler (1903-1982). Es entwickelte sich eine Freundschaft und Im Dezember 1927 verteidigte Bonhoeffer seine Promotionsthesen gemäß dem damals üblichen akademischen Verfahren gegen Rößler und zwei weitere Kommilitonen.

Pfarrer Dietrich Bonhoeffer in Sigurdshof 1939 (Bundesarchiv, Bild 146-1987-074-16 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE)

1934 entzweiten sie sich aber bitter über die kirchenpolitischen Haltung der Auslandsgemeinden zur staatstreuen und NS-affinen Deutschen Evangelischen Kirche: Rößler, damals im niederländischen Heerlen tätig, wandte sich in einem Rundschreiben an die westeuropäische Pfarrkonferenz explizit gegen den Plan Bonhoeffers, zu der Zeit Pfarrer einer Londoner Gemeinde, sich der Bekennenden Kirche anzuschließen. Der Kontakt zwischen beiden wurde nie mehr aufgenommen.

Neun Autografen Bonhoeffers aus dem Zeitraum 1928-1934 sind im Nachlass Rößlers erhalten. Er hatte sie in den 1960er Jahren Bonhoeffers Freund und Biograf Eberhard Bethge für die Gesamtausgabe der Werke Bonhoeffers überlassen. Dort sind sie dann auch 1991 in Band X publiziert worden. Freilich steht dort beim Quellennachweis jeweils „verschollenes Original“, was nicht zutrifft: Die Korrespondenzen waren zu einem unbekannten Zeitpunkt bereits vor 1982 an Rößler zurückgegeben worden.

Helmut Rößler (1903-1982) hält einen Vortrag über Liturgik auf dem Predigerseminar in Essen Nachlass OKR Rößler Datum: 1968 Ort: Essen Signatur: AEKR 8SL 046 (Bildarchiv), 011_0176 Fotosammlung: 10.R/58

Hat der würdige Düsseldorfer Konsistorialrat und spätere Oberkirchenrat Helmut Rößler eigentlich jemals gelächelt? Zumindest wahrscheinlich nicht in der Öffentlichkeit, und bei all seiner unstrittigen intellektuellen Kapazität und seinem Können als Prediger sind ihm wohl niemals Humor oder Ironie bescheinigt worden. Aber für Bonhoeffer war er sicherlich ein geschätzter und theologisch versierter Gesprächspartner. In der Studienzeit und selbst bis zu dem bitteren kirchenpolitischen Konflikt 1934 empfanden sie sich unzweifelhaft als Freunde, wenn es auch in der Anrede stets beim respektvollen „Sie“ blieb.

Zur Illustration des vertrauensvollen Miteinanders sei Bonhoeffers Brief vom 23. Februar 1930 zitiert. Hintergrund ist die gerade erfolgte Geburt von Diethelm, dem ersten Kind Rößlers und seiner Frau Alix, die im Vorjahr geheiratet hatten:

Lieber Rößler,

Herzlich habe ich mich über die frohe Nachricht aus Ihrem Haus gefreut. Wie geht es Ihrer Frau und dem Jungen? Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass nun alles gut vorbeigeht und Ihre Frau bald wieder heimkann. Wirklich, es ist Ihnen viel gegeben und anvertraut. Dass Sie zum Pfarrer und Ehemann nun Vater eines Sohnes sind – es ist wirklich eine große Sache. Ich nehme an Ihrem Glück aus der Ferne teil, denn ein kleines Stück ist ja unser beider Leben nebeneinander- und ineinandergelaufen und das vergisst sich nicht so schnell.

Gern käme ich mal zu Ihnen herüber Sonntags oder in den Ferien einen Tag. Aber es ist auch immer wieder soviel anderes, dass wir uns mit seltenen Grüßen gegenseitig begnügen müssen. Ich stehe eben an der Einreichung der Habilitationsschrift, will im Sommer 2. Examen machen und im September nach Nordamerika. Es ist viel vorzubereiten, bis alles soweit ist. Bald werde ich auch meine Gemeinde in Barcelona noch auf 14 Tage besuchen gehen, an der ich doch sehr hänge, wie ich überhaupt merke, dass es mich nicht sehr lange bei der Wissenschaft halten wird. Aber ich halte freilich eine möglichst gründliche wissenschaftliche Vorbildung für überaus wichtig.

Das Buch von Fendt scheint mir doch sehr wertvoll, ebenso fesselt mich sehr G. Dehns Markusauslegung. Von R. Seeberg hörte ich neulich eine Predigt, die beschämend war. Ein flaches religiöses Geplauder 45 Minuten, es war qualvoll. Fendt und Dehn sind fast die einzigen, die ich wirklich hören kann. Ich höre wirklich bei den meisten restlos – Nichts. Das ist das Entsetzliche. – Ich würde gern mit Ihnen mal reden. Meine Generation ist hier ziemlich ausgestorben, ist im Amt, oder im Seminar, hier steht man ziemlich auf sich; denn die Studenten, so traurig das ist, erwecken leider sehr wenig Hoffnungen.

Leben Sie wohl, Vater Rößler! Bitte sagen Sie Ihrer Frau die allerherzlichsten Grüße und viele gute Wünsche. Ihrer und Ihres lieben Jungen denkt mit treuen Wünschen Ihr

Dietrich Bonhoeffer.

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