Publikationsinteressen rheinischer Theologen

Wat Korona mit uns macht – Betrachtungen auf Ruhrdeutsch; Autor: Walther Henßen, Zeichnungen u. Gestaltung: Rainer Holweger; Herausgeber: Altstadt-Buchhandlung, Essen, 2020

„Wat Korona mit uns macht.“ Die humorvolle und tröstliche Neuerscheinung des ehemaligen Essener Pfarrers Walther Henßen in (moderatem) Ruhrdeutsch veranschaulicht die überraschende Bandbreite der Publikationen rheinischer Theologen quer durch die Jahrhunderte. Dieses Sammelgebiet wird seit jeher in unserer Archivbibliothek nach Kräften gepflegt, ohne dass hier freilich Vollständigkeit zu erzielen ist. Viele Titel sind der Grauen Literatur zuzuordnen und gelangen oft nur über Nachlässe zu uns. Dominierten in der frühen Neuzeit naturgemäß die Theologie mit exegetischen Werken sowie Predigtsammlungen, so weitete sich das Interessenspektrum der schreibenden Pfarrer seit dem Rationalismus des 18. Jahrhunderts erheblich aus.

Abhandlungen zur Botanik, Astronomie, Meteorologie und generell zur Naturkunde traten hinzu. Angeregt durch die historistische Grundströmung im 19. Jahrhundert widmeten sich dann auch einfache Gemeindepfarrer im ländlichen Raum der Erarbeitung von anspruchsvollen Quelleneditionen und historischen Arbeiten, und zwar nicht nur „klassisch“ zur regionalen und lokalen Kirchengeschichte, sondern auch zu allgemein orts- und landesgeschichtlichen Themen. Zusammen mit dem Idealtyp des nebenher forschenden Volksschullehrers ist diese Klientel nach 1945 weitgehend dem soziologischen Wandel und der fortschreitenden Wissenschaftsspezialisierung zum Opfer gefallen. Die letzten Jahrzehnte sahen dafür eine weitere Ausfächerung des Publikationsspektrums. Belletristik, nicht nur aber auch das Genre der Kriminalromane, ebenso wie Titel zur Philosophie beispielsweise zur Systemtheorie Luhmanns traten hinzu.

Auch wissenschaftliche Studien vermögen ihre Leserschaft, falls gut geschrieben und thematisch interessant, zu fesseln. Hierzu zwei Beispiele: So veröffentlichte der Wuppertaler Pfarrer Holger Pyka 2018 seine kirchengeschichtliche Dissertation „Vom Sittlichkeitskampf zur Büttenpredigt„. Hier untersucht er den erstaunlichen Mentalitätswandel, der im rheinischen Protestantismus seit den 1980er Jahren in Bezug auf den Karneval zu konstatieren ist. An die Stelle eines kompromisslosen „Kampfes gegen die Leichtfertigkeit“ ist teilweise eine begeisterte Rezeption getreten. „Langes Seil. Schneller Tod„: Ebenfalls mit hohem wissenschaftlichem Anspruch, freilich naturgemäß in nüchternem naturwissenschaftlichem Stil, untersucht unter diesem Buchtitel der frühere Hildener Pfarrer Traugott Vitz die Hinrichtungspraxis des Hängens in England von 1868 bis 1964. Akribische Fallhöhentabellen untermauern seine abschließende Einschätzung, dass es mit dem kolportierten schmerzlosen Tod durch Hängen nicht weit her war.

Last but not least: Auch die netten Cartoons in dem eingangs erwähnten Büchlein Henßens stammen von einem evangelischen Pfarrer: Rainer Holweger versieht eine württembergische Kirchengemeinde. Der bereits erwähnte Holger Pyka steht ihm da mit seiner Cartoonsammlung „Schwarz macht schlank“ nicht nach.

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