Vordigital – Arbeit in den 1950ziger und 1960ziger Jahren

Messerschleifer in einem Schleifkotten bei Solingen/Bergisches Land, Fotograf: Hans Lachmann, Schachtel Nr. 137: Arbeit, aus Bestand: AEKR 8Sl 046 (Bildarchiv), 7_002301

Man weiß es aus den eher beiläufigen Schilderungen der Eltern und Großeltern: In den 1950ziger und 1960ziger Jahren wurde viel und hart gearbeitet. Es fällt heute allerdings schwer, die enorme Arbeitsbelastung wie auch die zumeist bescheidenen Lebensumstände der Menschen in dieser Zeit des „Wiederaufbaus” im Nachkriegsdeutschland nachzuempfinden.

Der Fotograf Hans Lachmann, der in dieser Zeit die Gesellschaft in und um Düsseldorf im Sucher seiner Kamera hatte, führt uns die damalige Arbeitswelt vor Augen: Messerschleifer in gebückter Haltung an ihren Schleifmaschinen, Tankwart, Schmied, Fahrer einer Straßenwalze, Gerüstbauer, die ein Holzgerüst aufbauen, Arbeiter in einem Stahlwerk, ein KFZ-Mechaniker mit einem – aus heutiger Sicht – primitiven Messgerät an einem Motorblock, Werkzeugmacher, Schichtwechsel.

  • Evangelische Arbeiterkolonie Lühlerheim, Schmied, Fotograf: Hans Lachmann, Schachtel Nr. 137: Arbeit, aus Bestand: AEKR 8Sl 046 (Bildarchiv), 7_002345

 

Die Fotos deuten an, dass manuelle Tätigkeiten nach wie vor überwogen. Die Bedeutung der Landwirtschaft verringerte sich stetig, Berufe im Handwerk und in der Industrie nahmen dagegen rasant zu. Diese Arbeiten waren häufig ohrenbetäubend, staubig, schweißtreibend und kräftezehrend. Auf Dauer ruinierten sie die Gesundheit. Fragen des Arbeitsschutzes wurden selten gestellt. Da verwundert es nicht, dass die Arbeiter Rationalisierungsmaßnahmen der Arbeitgeber begrüßten, zumal sie nur selten mit Entlassungen verbunden waren. Der Aufstieg des tertiären (Dienstleitungs-) Sektors (Handel, Verkehr) deutete sich bereits in den 1960ziger Jahren an. Tätigkeiten, die eine höhere Bildung erforderten, waren dagegen rar gesät. Einige statistische Daten mögen dies verdeutlichen:

  • Die Zahl der Erwerbstätigen wuchs von 1950 bis 1960 um 4,5 auf 26,5 Millionen. Die Arbeitslosenquote sank in diesem Zeitraum von elf auf 1,3 Prozent. Es herrschte Vollbeschäftigung, in vielen Branchen bestand sogar akuter Arbeitskräftemangel.
  • Der Anteil von Frauen an den Erwerbstätigen betrug 35 bis 37 Prozent.
  • Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit betrug 1955 49 Stunden, verteilt auf sechs Tage – die längsten Arbeitszeiten nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis 1960 fiel diese Quote auf 44 Stunden. Der Übergang zur Fünf-Tage-Woche reduzierte die wöchentliche Arbeitszeit zunächst nicht, im Gegenteil nahm die Zahl der täglichen Überstunden zu.
  • 1960 arbeiteten zwölf Prozent aller männlichen Arbeitnehmer im Schichtdienst.
  • Die Zahl der Berufspendler stieg von ca. 15 (Volkszählung 1950) auf ca. 33 Prozent (Volkszählung 1961).
  • Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren gingen zu 69 Prozent, Jugendliche im Alter von 18 bis 20 Jahren zu 85 Prozent einer Berufstätigkeit nach. 1950 besuchten nur zehn Prozent der 16-Jährigen eine allgemeinbildende Schule, 1960 waren es 20 Prozent. Die Quote der Auszubildenden (Lehrlinge) an der Gesamtheit der Jugendlichen stieg von 46 (1950) auf 55 (1960) Prozent. Die Zahl der Abiturienten bewegte sich auf einem niedigen Niveau – ca. vier Prozent 1950 und ca. sechs Prozent 1960. Der Anteil der Schülerinnen in der gymnasialen Oberstufe lag bei ca. 30 Prozent.

Der Soziologe Helmut Schelsky brachte 1953 die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ ins Gespräch: Infolge des Zweiten Weltkriegs verstärkte sich der Aufstieg der Industriearbeiterschaft und der Beamten und Angestellten der Verwaltungen in den Mittelstand. Zugleich verarmten früher wohlhabende Schichten des Besitz- und Bildungsbürgertums. Es bildete sich eine kleinbürgerliche-mittelständische Gesellschaft mit bescheidenem Einkommen heraus, der der bis dahin grundlegende Konflikt zwischen den Klassen fehlte. In der Zeit des „Wirtschaftswunders“ wurde die Gemeinsamkeit der „Sozialpartner“ prägendes Leitbild.

Bildarchiv der Evangelischen Kirche im Rheinland

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