Nach dem der Protestantismus im Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens beleuchtet wurde, führt uns die Kirchengeschichte in das Nachbarland Ungarn. Ähnlich wie in Slowenien und Kroatien, können die Ursprünge des Protestantismus bereits im 16. Jahrhundert verortet werden. Diese doch weitreichende Historie erscheint vor allem bemerkenswert, wenn der Umstand der habsburgischen Eingliederung betrachtet wird. Folglich verlor Ungarn in den 1520er Jahren seine selbstständige Stellung und wurde Teil der (erz-)katholischen Krone Habsburgs. Die protestantischen Lehren wurden zunächst überwiegend durch den ungarischen Adel getragen, der sich anfänglich dem Einfluss der Habsburger-Monarchie entziehen konnte. Unter dem Schutz des Adels, der vorwiegend dem Luthertum angehörte, verbreiteten sich die protestantischen Lehren ebenfalls in der Bevölkerung, die vermehrt den Reformierten angehörten. (1) Trotz des relativen Schutzes durch die ansässige Obrigkeit startete die österreichische Krone den Versuch einer umfangreiche Rekatholisierung, was den Protestantismus eindämmte. (2) Insgesamt waren die Evangelischen Kirchen Ungarns zur Zeit der habsburgischen Monarchie einer starken Marginalisierung ausgesetzt.
Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts erhielten die Protestanten das, unter Josef II. bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert (!) zugesicherte, Selbstverwaltungsrecht zurück. (3) Diese Bestimmung erleichterte das religiöse Leben der religiösen Minderheit in Ungarn maßgeblich, schließlich durften nun Synoden abgehalten werden und die Kirchenleitung selbstständig gewählt werden. (4) Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges, und dem Zerfall des Vielvölkerstaates, erlangte Ungarn seine staatliche Eigenständigkeit zurück. Die neu gezogenen Grenzen hatten allerdings zur Folge, dass das stark protestantisch geprägte Gebiet Siebenbürgen an Rumänien fiel. Ähnliche Verhältnisse lassen sich auch für weitere Orte analysieren, die an den gegründeten Nationalstaat der Tschechoslowakei bzw. an das Königreich Jugoslawien fielen. Die Gebietsabtretungen an die Nachbarstaaten waren hauptsächlich ethnisch begründet. Das slowenische Prekmurje, das im Artikel zu Jugoslawien ausführlich behandelt wurde, fiel aufgrund seiner überwiegend süd-slawischen Demografie bereits im Jahre 1920 an das neu gegründete Königreich Jugoslawien. Die neuen Grenzen nahmen zwangsläufig einen Einfluss auf das religiöse Leben der Minderheit in Ungarn, da sowohl das evangelische Schulwesen als auch das theologische Hochschulwesen nun zerschnitten waren. Für die Ausbildung von Theologen blieb lediglich die Hochschule in Sopron im Gebiet des eigenen Staates, während die Hochschulen in Hermannstadt (Sibiu) und Pressburg (Bratislava) nun im Ausland lagen. Insgesamt stabilisierte sich die religiös-politische Lage der evangelischen Protestanten Ungarns allerdings dennoch nach dem Ende des Ersten Weltkrieges deutlich, was auch in der Machtergreifung des Horthy-Regimes begründet lag. Die neue Regierung verfügte über eine prinzipielle Gleichstellung der evangelischen Kirchen und der Katholischen Kirche. (5) Der politische Kurs und somit ebenfalls die Gleichstellung der Kirchen blieb bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vornehmlich stabil, sodass die synodal-demokratische Kirchengestaltung weiter vorangetrieben werden konnte
Die Situation änderte sich drastisch mit der sowjetischen Regierungsübernahme des Jahres 1947. Das kirchliche Leben wurde staatlich reglementiert, was bedeutete, dass ein Großteil des kirchlichen Besitzes „kollektiviert“ wurde. Die Ausbildung neuer Theologen wurde eingeschränkt, wobei den Protestanten allerdings immerhin drei Ausbildungsstätten gestattet wurden. (6) Bis zum Rückzug der Sowjetunion im Jahre 1989 waren die Kirchen dem „staatlichen Kirchenamt“ unterstellt, das die Schirmherrschaft über theologische Angelegenheiten behielt. (7) Zusätzlich zu der schwierigen politischen Lage, war sich der Protestantismus bezüglich innertheologischen Fragen gänzlich uneinig, was ein angespanntes Verhältnis der „Reformierten“ und Lutheranern“ initiierte. (8)
Trotz dieser turbulenten Historie existierte das protestantische Leben auch weiterhin. Ein Zeugnis dieses regen Lebens stellt der Bestand „5WV-004 Gustav-Adolf-Werk der EKiR“ dar. Dass die ungarischen Protestanten keinesfalls isoliert waren, unterstreicht die Akte „Osteuropa“ Nr. 228, die vornehmlich einen Einblick in das Leben der ev. Christen zur Zeit der Ungarische Volksrepublik erlaubt. (9) Die Akte inkludiert Korrespondenzen des Gustav-Adolf-Werkes mit ev. Kirchen in Ost- und Südosteuropa. Aus den Schreiben der ungarischen Gemeinden geht hervor, dass die Evangelische Kirche im Rheinland den ungarischen Glaubensgeschwistern der „Reformierten Kirche Ungarn“ finanzielle Hilfe bot, um bspw. „den Bau von Altwohnungen in Budapest“ zu unterstützen. (10) Hier handelte es sich keineswegs um einen Einzelfall. So übermittelte das Gustav-Adolf-Werk auch der „Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Ungarns“ eine Spende, die für die Instandhaltung des Pfarrwitwenheim genutzt wurde. (11) Insgesamt lassen sich Parallelen zu den jugoslawischen Gemeinden, die ebenfalls enge Kontakte mit dem „Gustav-Adolf-Werk“ pflegten, analysieren. Doch möchte ich an dieser Stelle auf einen gravierend Unterschied verweisen, der die schwierige politische Situation der ungarischen Protestanten unterstreicht. Während die Schriftwechsel mit den jugoslawischen Glaubensgeschwistern explizit auf stattgefundene Besuche verweisen, bieten die Korrespondenzen mit den ungarischen Gemeinden keinerlei Hinweise bezüglich gegenseitiger Treffen. Diese Tatsache lässt vermuten, dass „Einreisen“ in westliche Staaten negiert wurden. Dieser Umstand stellt einen deutlichen Kontrast zu der Situation der jugoslawischen Gemeinden dar, die eine relative „Reisefreiheit“ genossen. Anhand des (Foto-)Bestandes „Hans Lachmann“ kann nur vermutet werden, dass persönliche Kontakte während des „Lutherischen Weltbundes“ im Jahre 1984 in Budapest stattgefunden haben sollten. (12)

Anmerkung:
Der Aufsatz basiert überwiegend auf deutschsprachiger Literatur.
Fußnoten:
- Fitschen, Klaus: Protestantische Minderheitenkirchen in Europa im 19. Jahrhundert und 20. Jahrhundert, Leipzig 2008, S.119.
- ebd.
- Mierau, Gottfried: Ungarn, in: Rössler, Andreas (Hrsg.): Protestantische Kirchen in Europa, Stuttgart 1993, S.174.
- ebd.
- Fitschen, Klaus: Protestantische Minderheitenkirchen in Europa im 19. Jahrhundert und 20. Jahrhundert, Leipzig 2008, S.126.
- Mierau, Gottfried: Ungarn, in: Rössler, Andreas (Hrsg.): Protestantische Kirchen in Europa, Stuttgart 1993, SS.172-177, hier S.174-175.
- Vgl. Schmidt, Maria: Ungarns Gesellschaft in der Revolution und im Freiheitskampf von 1956, in: Kirchliche Zeitgeschichte. Internationale Zeitschrift für Theologie und Geschichtswissenschaften, Jh. 17, H. 1 (2004), S.101.; Mierau, Gottfried: Ungarn, in: Rössler, Andreas (Hrsg.): Protestantische Kirchen in Europa, Stuttgart 1993, SS.172-177, hier S.174-175.
- Fuisz, Jozsef: Der Beitrag der Religionsgemeinschaften zum Ungarnaufstand 1956, in: Kirchliche Zeitgeschichte. Internationale Zeitschrift für Theologie und Geschichtswissenschaften, Jh. 17, H. 1 (2004), S.114.
- Bestand 5WV 004 Gustav-Adolf-Werk.
- Schreiben „Reformierte Kirche Ungarns“ an Gustav -Adolf-Werk vom 10. Dez. 1980, Bestand 5WV 004 Gustav-Adolf-Werk.
- Schreiben von Kendeh György an Gustav-Adolf-Werk vom 21. Nov. 1978, Bestand 5WV 004 Gustav-Adolf-Werk.
- Vgl. Lachmann, Lutherische Weltbund (LWB) in Budapest (Signatur: AEKR 8SL046 (Bildarchiv), 7_0090361).
Bestand:
5WV004 – Gustav-Adolf-Werk der EKiR
Literatur:
Fitschen, Klaus: Protestantische Minderheitenkirchen in Europa im 19. Jahrhundert und 20. Jahrhundert, Leipzig 2008.
Fuisz, Jozsef: Der Beitrag der Religionsgemeinschaften zum Ungarnaufstand 1956, in: Kirchliche Zeitgeschichte. Internationale Zeitschrift für Theologie und Geschichtswissenschaften, Jh. 17, H. 1 (2004).
Mierau, Gottfried: Ungarn, in: Rössler, Andreas (Hrsg.): Protestantische Kirchen in Europa, Stuttgart 1993.
Schmidt, Maria: Ungarns Gesellschaft in der Revolution und im Freiheitskampf von 1956, in: Kirchliche Zeitgeschichte. Internationale Zeitschrift für Theologie und Geschichtswissenschaften, Jh. 17, H. 1 (2004).
