25 Jahre Archivstelle Boppard

Ein Vierteljahrhundert archivische Dienstleistung für Kirche und Öffentlichkeit im südlichen Rheinland

Das ehemalige St. Martins-Kloster in Boppard/Rhein, seit 1996 Sitz der Evangelischen Archivstelle Boppard (Foto: Stefan Flesch).

Am 30. Mai 2021 jährt es sich zum 25. Mal, dass das Landeskirchliche Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland seine Außenstelle in Boppard eröffnet hat. Seit einem Vierteljahrhundert werden von der Archivstelle Boppard basisnahe archivische Serviceleistungen für die kirchliche Verwaltung, aber auch für die kirchenhistorische und genealogische Forschung in den rheinland-pfälzischen, saarländischen und hessischen Kirchenkreisen der EKiR angeboten. Aus einem Anfang der 1950er Jahre errichteten bescheidenen Kirchenbuchdepot hervorgegangen, hat sich die Archivstelle Boppard seit ihrer Einrichtung 1996 zu einem modernen archivischen Dienstleistungszentrum entwickelt. In enger Abstimmung mit der Düsseldorfer Zentrale ist das Team der Archivstelle Boppard Ansprechpartner für alle Fragen aus den Bereichen Schriftgutverwaltung, Kirchengeschichte und nicht zuletzt auch Familienforschung.

Warum ein Kirchenarchiv im rheinischen Süden?

KB 111-3
Letzte Seite des kirchlichen Sterberegisters der Gemeinde Veldenz mit dem französischsprachigen Vermerk des Präsidenten der Munizipalverwaltung Bernkastel über die Schließung des Registers (AEKR, KB 111/3).

Dass es für die Evangelische Kirche im Rheinland überhaupt notwendig wurde, neben der Zentrale in Düsseldorf auch eine Archivaußenstelle in Rheinland-Pfalz einzurichten, ist kurioserweise eine Folge der Kirchenpolitik der Französischen Revolution in Verbindung mit der Neugliederung der deutschen Länder nach dem Zweiten Weltkrieg. Als nämlich ab 1798 das linke Rheinufer in den französischen Staat integriert wurde, mussten evangelische wie katholische Kirchengemeinden ihre Tauf-, Heirats- und Sterberegister an die damals neu eingerichteten Standesämter abgeben, wo sie auch in der preußischen Zeit nach 1815 zunächst verblieben.

Anfang des 20. Jahrhunderts überstellte dann die preußische Verwaltung die Kirchenbücher aus den Regierungsbezirken Koblenz und Trier in das Koblenzer Staatsarchiv, von dem sie Anfang der 1950er Jahre wieder an die beiden großen Kirchen zurückgegeben wurden – allerdings unter der Bedingung, dass sie auf dem Territorium des nach dem Krieg neu gebildeten Bundeslandes Rheinland-Pfalz, dem der Südteil des Gebiets der EKiR zugeschlagen worden war, verbleiben. Da also eine Überführung der Bücher in das im nordrhein-westfälischen Düsseldorf gelegene Landeskirchliche Archiv nicht in Frage kam, war die einzige Alternative, auf dem Gebiet des Landes Rheinland-Pfalz eine Außenstelle des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland zu eröffnen. Das war im Jahr 1953 die Geburtsstunde der Evangelischen Archivstelle Koblenz, die zunächst im früheren Dienstsitz des rheinischen Generalsuperintendenten in der Mainzer Straße (heute Superintendentur) untergebracht und von dem pensionierten Staatsarchivdirektor Dr. Bruno Hirschfeld (1877-1964) betreut wurde. Vier Jahre später erfolgte der Umzug in angemietete Räumlichkeiten im 1957 errichteten Neubau des Staatsarchivs Koblenz, wo seit 1964 Hirschfelds Nachfolger Rektor i.R. Heinz Schüler für die Kirchenbücher zuständig war.

Dr. Bruno Hirschfeld (1877-1964) und Heinz Schüler (1901-1985), die beiden ersten Betreuer der Evangelischen Archivstelle Koblenz (Foto Hirschfeld: LHA Koblenz, Best. 710, Nr. 4754; Foto Schüler: Pestalozzi-Schule Koblenz).
Die beengten Räumlichkeiten in der Archivstelle Koblenz (Foto: Stefan Flesch).

In Heinz Schülers bis 1981 währenden Amtszeit machte sich die kleine Archivstelle Koblenz einen guten Namen bei Familienforschern und in der kirchengeschichtlichen Fachwelt, doch war angesichts einer „Magazinfläche“ von 25 qm(!) einem gezielten Ausbau der Bestände engste Grenzen gesetzt – von einer echten archivpflegerischen Betreuung der zahlreichen südrheinischen Kirchengemeinden ganz zu schweigen. Erst als seit den späten 1980er Jahren der kirchenarchivische Reformstau immer drängender wurde, kam auch in die Raumfrage Bewegung.

Das ehemalige Klostergebäude Sankt Martin in Boppard – von der Besserungsanstalt zum Archiv

Die Einladung zur Eröffnung der Evangelischen Archivstelle Boppard am 30. Mai 1996 mit einer Zeichnung des Klostergebäudes aus dem Jahr 1858 (AEKR, Best. 2LR 053B, Nr. 71).

Am 30. Mai 1996 konnte die Evangelische Archivstelle Boppard als für den Südteil der EKiR zuständige Außenstelle des Landeskirchlichen Archivs feierlich eröffnet werden. Vorausgegangen war ein mehrjähriger Planungsprozess, in dessen Mittelpunkt das frühere Kloster St. Martin in Boppard stand. Das in der Tradition einer bereits 911 erwähnten Martinskapelle stehende Gebäude aus dem 18. Jahrhundert hatte bis 1803 als Franziskanerinnenkonvent gedient. Nach der Säkularisation und anschließender privater Nutzung der Gebäude wurde 1855 in dem ehemaligen Kloster das Magdalenenasyl Bethesda eröffnet, eine kirchliche Stiftung zum Schutz so genannter „gefallener Mädchen“. Schon zwei Jahre später musste die Stiftung Bethesda allerdings einer staatlichen „Besserungs-Anstalt für jugendliche Korrigenden evangelischer Konfession“ weichen und konnte erst nach Auflösung dieser Erziehungsanstalt in den 1920er Jahren wieder in das Klostergebäude St. Martin zurückkehren.

Der Innenhof des Klostergebäudes bei einer Festveranstaltung der Stiftung Bethesda in den 1930er Jahren. Auf dem unteren Bild ist der Gebäudeflügel zwischen Innenhofecke und Turmuhr zu erkennen, in dem sich heute die Archivstelle befindet. In der Mitte desselben Fotos der langjährige Stiftungsratsvorsitzende des Magdalenenasyls Bethesda, Generalsuperintendent i. R. Karl Klingemann (1859-1946) (AEKR, Best. 5WV 025B, Nr. 177).
Archivalienausstellung anlässlich der Eröffnung der Archivstelle Boppard am 30. Mai 1996; 2. v. r. der bereits seit 1993 in der Archivstelle Koblenz tätige Außenstellenleiter Dr. Stefan Flesch (Foto: Barbara Bißantz-Schönefeld).

Zu Beginn der 1990er Jahre kam dann der Plan auf, im Bopparder Klosterareal ein kirchliches Tagungs- und Bildungszentrum für die Region Südrhein einzurichten und dort auch die bisherige Archivstelle Koblenz unterzubringen. Diese Idee ließ sich zwar im ursprünglich angedachten Umfang nicht verwirklichen, aber wenigstens das Archiv fand im ehemaligen St.-Martins-Kloster dennoch eine neue Bleibe. Mit ca. 1400 lfd. Metern Magazinfläche bestand jetzt endlich die Möglichkeit, nicht nur den Kirchenbuchbestand durch Abgaben aus Gemeinden zu erweitern, sondern vor allem auch historisch wertvolle Akten, Urkunden und Amtsbücher aus dem gesamten Südteil der Rheinischen Kirche fachgerecht und unter guten klimatischen Bedingungen aufzubewahren und der Forschung zur Verfügung zu stellen. Seit 25 Jahren bietet die Archivstelle Boppard allen an Familienforschung, Heimatkunde oder der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Geschichte interessierten Menschen ein breites Repertoire an historischen Quellen, das dazu einlädt, die verschiedensten Facetten kirchlichen Lebens vergangener Zeiten zu entdecken. Die in der Evangelischen Archivstelle Boppard aufbewahrte archivische Überlieferung umfasst einen Zeitraum von knapp 700 Jahren, von der ersten Hälfte des 14. bis ins frühe 21. Jahrhundert.

Geschichte aus erster Hand durch Vielfalt an Originalquellen

Kirchenbücher

Die mit Abstand am häufigsten genutzten Quellen sind in der Archivstelle Boppard nach wie vor die Kirchenbücher, für die die Archivstelle eine landekirchenweite Zuständigkeit hat. Ihrem ursprünglichen Enstehungszweck nach waren die Tauf-, Heirats- und Bestattungsregister dazu da, im Zeitalter der Konfessionalisierung die Zugehörigkeit zur „richtigen“ Konfession zu dokumentieren – heute sind sie vor allem Quellen ersten Ranges für die Familienforschung. Dass evangelische Kirchenbücher – wie im links unten angeführten Beispiel der Hunsrückgemeinde Bell – noch bis in den Dreißigjährigen Krieg hinein auf Latein geführt wurden, ist allerdings eine sehr seltene Ausnahme.

Die Anfangsseiten der Kirchenbücher der Gemeinden Bell im Kirchenkreis Simmern-Trarbach aus dem Jahr 1570 (AEKR, KB 12/3) und der Gemeinde Langenlonsheim im Kirchenkreis An Nahe und Glan aus dem Jahr 1752 (AEKR, KB 137/4).

Akten

Akte über das Organistenamt in der Gemeinde Laubenheim/Nahe, Laufzeit 1900-1960 (AEKR, Best. 4KG 104B, Nr. 50).

Die vom Umfang her größte Beständegruppe in der Archivstelle Boppard sind die Gemeindeakten, die seit dem 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart zu den unterschiedlichsten Themen des gemeindlichen Alltags geführt werden; zur Erforschung der Geschichte einer südrheinischen Kirchengemeinde führt deshalb am Aktenstudium im Archiv kein Weg vorbei. Sind sie für die Zeit vor der Französischen Revolution noch vielfach in vergleichsweise unstrukturierter Form überliefert und müssen vom Archivpersonal in einem manchmal mühsamen Prozess erst einmal einzelnen Sachgruppen zugeordnet werden, so zog mit der klar strukturierten preußischen Verwaltung im 19. Jahrhundert eine größere Übersichtlichkeit auch in die kirchlichen Registraturen ein, wie das Deckblatt der nebenstehend abgebildeten Akte aus dem Bestand der Kirchengemeinde Laubenheim/Nahe eindrücklich belegt.

Mittelalterliches

Es mag auf den ersten Blick erstaunen, in einem evangelischen Kirchenarchiv Dokumente aus vorreformatorischer Zeit zu finden. Doch muss man sich vergegenwärtigen, dass in den Gebieten des südlichen Rheinlandes – im Unterschied zu den niederrheinischen Territorien – der Übergang vom katholischen zum evangelischen Bekenntnis im 16. Jahrhundert in der Regel vom jeweiligen Landesherrn initiiert wurde – und zwar in einem geordneten, reichsrechtlich abgesicherten Prozess. Im Fall der im 16. Jahrhundert zur Landgrafschaft Hessen gehörenden Gemeinde St. Goar am Mittelrhein blieb etwa das bereits in karolingischer Zeit gegründete örtliche Stift als juristische Person auch nach der Reformation weiterhin bestehen – und mit ihm auch sein Archiv. Es entbehrt deshalb nicht einer gewissen Pikanterie, dass eines der ältesten Dokumente in den Beständen der Evangelischen Archivstelle Boppard ausgerechnet eine Ablassurkunde ist.

Ablassurkunde für das Stift St. Goar, ausgestellt von der päpstlichen Kanzlei in Avignon am 22. April 1344. Mit der links unten angehefteten kleinen Urkunde bestätigte der Trierer Erzbischof Balduin am 20. Oktober 1344 den Ablass (AEKR, Best. 5WV 021B, Urk. Nr. 2 u. 3)
Rechnungsbuch der Kirchenschaffnei Meisenheim aus dem Jahr 1673. Der Buchrücken ist mit einer Seite eines auf Pergament geschriebenen spätmittelalterlichen Messbuchs verstärkt (AEKR, Best. 5WV 022B, Nr. III.A.1673).

Doch nicht allen mittelalterlichen Dokumenten war in evangelisch gewordenen Territorien das Glück beschieden, wohlverwahrt im Archiv die Jahrhunderte zu überdauern. Messbücher und sonstige liturgische Handschriften aus katholischer Zeit, für die man nach der Reformation keine Verwendung mehr hatte, wurden vor allem im 17. Jahrhundert ohne mit der Wimper zu zucken zweckentfremdet und das wertvolle Pergament zum Einbinden von so profanen Dingen wie Rechnungsbüchern verwendet. In der Archivstelle Boppard finden sich vor allem im Bestand der Rechnungsbücher aus der Evangelischen Kirchenschaffnei Meisenheim/Glan zahlreiche Beispiele.

Manchmal kann es dabei gelingen, die Messtexte wieder ihrem ursprünglichen liturgischen Kontext zuzuordnen. Im links abgebildeten Ausschnitt aus dem Meisenheimer Rechnungseinband von 1673 ist ein Messgesang aus der lateinischen Liturgie der 2. Nachtwache des Karfreitags zu erkennen: [Circa horam nonam exclamavit /] Ihesus voce magna deus deus ut / quid me dereliquisti et inclinato capite / emisit spiritum (Um die neunte Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf).

Neuzeitliche Amtsbücher

Prachtvoll gestaltetes Titelblatt der Chronik des Evangelischen Frauenvereins Koblenz, begonnen 1856 (AEKR, Best. 4KG 031B, A 7).

Neben den Akten waren in früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten Amtsbücher die wichtigsten Verwaltungsinstrumente einer Kirchengemeinde. Insbesondere die Protokolle der Presbyteriumssitzungen sind vielfach ausgesprochen aussagekräftige Quellen zum Innenleben einer Gemeinde. Während die meisten Amtsbücher – insbesondere Rechnungsbände – ein ausgesprochen nüchternes, zweckorientiertes Äußeres aufwiesen, waren die vor allem im 19. Jahrhundert sehr beliebten Chroniken teilweise sehr aufwändig gestaltet.

Nachlässe

Aus dem Nachlass des Koblenzer Superintendenten Wilhelm Rott: Gruppenbild der Vikare des BK-Predigerseminars Finkenwalde/Pommern im Wintersemester 1936/37. Dietrich Bonhoeffer in der 2. Reihe von oben 3 v. l., Wilhelm Rott schräg unterhalb rechts neben ihm; Fotograf unbekannt. (AEKR Boppard, Best. 7NL 024B Nr. 41).

Die Nachlässe bilden in der Archivstelle Boppard eine besondere Beständegruppe. Sie ist bei weitem nicht so umfangreich wie ihr Pendant in der Düsseldorfer Zentrale, wo die privaten und halbdienstlichen Papiere zahlreicher kirchenleitender Persönlichkeiten eine höchst aufschlussreiche und teils unverzichtbare Ergänzung der amtlichen Aktenüberlieferung der Rheinischen Kirche darstellen. Die in Boppard aufbewahrten Nachlässe, in der Regel von Pfarrern, sind hingegen nur selten ausgesprochen spektakulären Inhalts, sondern erlauben stattdessen interessante Einblicke in das Typische und Alltägliche von Theologenbiographien des 19. und 20. Jahrhunderts. Dennoch gibt es auch hier einige „Leuchttürme“, insbesondere aus der Zeit des Kirchenkampfs der 1930er Jahre – etwa den Nachlass des pensionierten Gymnasialprofessor Karl Hermann, Gründer und Leiter der Koblenzer Bekenntnisgemeinde, oder den des Koblenzer Nachkriegssuperintendenten Wilhelm Rott, der während des Kirchenkampfs ein enger Mitarbeiter Dietrich Bonhoeffers war.

Landkarten

Karte der Diasporagemeinde Mayen und ihrer Filialgemeinde Niedermendig aus dem Jahr 1951 (AEKR, Best. 8SL 050, Nr. 243).

Die Kartensammlung der Archivstelle Boppard umfasst Landkarten und Pläne aus dem gesamten Gebiet der Evangelischen Kirche im Rheinland. Der Schwerpunkt der Sammlung, die überwiegend aus Karten der ehemaligen Rheinprovinz, Gebietskarten einzelner Kirchenkreise und Karten zur kirchlichen Organisation besteht, liegt auf dem 20. Jahrhundert. Von besonderem Reiz sind handgezeichnete Karten einzelner Gemeinden. Das gilt insbesondere für Diasporagebiete, wo die wenigen Evangelischen manchmal weit verstreut lebten und ihre Zordnung zu einer Gemeinde gelegentlich noch bis in die 1950er Jahre ungeklärt war und erst dann definitiv festgelegt wurde.

Die Dienstbibliothek

Die Bibliothek der Archivstelle Boppard dient in erster Linie dem Archivpersonal, das zur Ordnung der Archivbestände und zur Bearbeitung wissenschaftlicher, heimatkundlicher und genealogischer Anfragen die nötige Fachliteratur zur Hand haben muss. Sie umfasst deshalb schwerpunktmäßig regional- und kirchengeschichtliche Literatur, Hilfsmittel zur Familienforschung sowie archivwissenschaftliche Spezialpublikationen. Von großer Bedeutung für die historische Forschung sind auch kirchenamtliche Publikationen vergangener Jahrhunderte, etwa Amtsblätter, Gesangbücher oder Kirchenordnungen aus den zahlreichen Territorien, die es früher im Gebiet des südlichen Rheinlandes gab. Externe Benutzer können über den Online-Katalog der Bibliothek recherchieren und bekommen die sie interessierenden Werke im Lesesaal vorgelegt.

Die Bücher in der Dienstbibliothek der Archivstelle Boppard enthalten wichtige Informationen über das vielfältige kirchliche Leben in den zahlreichen Vorgängerterritorien der preußischen Rheinprovinz.

Die fachliche Arbeit in der Archivstelle Boppard

Benutzung im Lesesaal der Archivstelle Boppard im Corona-Modus.

Für die Öffentlichkeit sichtbar ist zunächst der Bereich der Benutzerbetreuung. Wer in der Archivstelle Boppard forschen will, bekommt eine gründliche Beratung, bei der es vor allem darum geht, welche Quellen für die Fragestellung der Benutzung aussagekräftig sind und welche Hilfsmittel es gibt – für Genealogen etwa Familienbücher, für Heimatforscher Literatur zur Regionalgeschichte.

Ein Archivmitarbeiter bei der archivischen Bearbeitung von modernen Akten.

Was Archivbenutzerinnen und -benutzer von der Arbeit des Archivpersonals mitbekommen, ist allerdings nur ein kleiner Ausschnitt einer ausgesprochen vielfältigen Tätigkeit. Das Kerngeschäft, das es den Benutzern erst ermöglicht, gezielt auf die sie interessierenden Informationen zuzugreifen, ist die inhaltliche Erschließung von Verwaltungsunterlagen und die Erstellung von Findbüchern mit der Fachsoftware ActaPro. Dabei kommt es – nicht zuletzt auch mit Blick auf die begrenzte Magazinfläche in der Archivstelle Boppard – vor allem darauf an, das Verwaltungsschriftgut einer konsequenten Bewertung zu unterziehen und nur das aufzuheben, was von historischer oder rechtlicher Bedeutung ist.

Neben der Erschließung spielt auch die Archiv- und Registraturpflege in den Kirchenkreisen und -gemeinden vor Ort ein wichtige Rolle in der Arbeit der Archivstelle Boppard. Die Archivare stehen in regelmäßigem Austausch mit den Verwaltungskräften der südrheinischen Kirchenkreise und -gemeinden, um sie mit Blick auf korrekt geführte Registraturen zu beraten und zu schulen, denn nur eine sauber strukturierte Registratur kann einmal zum aussagekräftigen Archiv werden. Auch die Überprüfung bereits geordneter Archivbestände, die in den Gemeinden und Kirchenkreisen vor Ort aufbewahrt werden, sowie die Betreuung ehren- und nebenamtlicher Archivordnungskräfte steht bei zahlreichen Auswärtsterminen auf der Agenda.

Viele Kirchenbücher können im Lesesaal der Archivstelle Boppard digital benutzt werden.

Einen immer größeren Stellenwert nimmt das Thema der Digitalisierung ein. In der Archivstelle Boppard geht es dabei vor allem um die Digitalisierung von Kirchenbüchern, die nach wie vor die am intensivsten genutzte Quellengattung sind. Bereits 2005 wurde in Boppard damit begonnen, von der früheren Mikroverfilmung auf die Erstellung einer digitalen Zweitüberlieferung umzustellen. Der kontinuierliche Aufbau einer entsprechenden technischen Infrastruktur hat sich vor allem in den Lockdowns der Jahre 2020 und 2021 bewährt, als der größte Teil der eingehenden genealogischen Anfragen vom Home-Office aus unter Zugriff auf die auf dem Server der Archivstelle abgelegten Kirchenbuchdigitalisate beantwortet werden konnte. Ein wachsender Teil der digitalisierten Kirchenbücher ist inzwischen auch über das Internetportal archion.de abrufbar.

Bei ihrem Besuch in der Archivstelle Boppard am 31. Januar 2014 lassen sich der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (l.), der Bopparder Bürgermeister Walter Bersch (2. v. l.) und Oberkirchenrat Klaus Eberl (r.) vom Leiter der Archivstelle Boppard Dr. Andreas Metzing (2. v. r.) die Kirchenbücher mit den Taufeinträgen von Karl Marx und August Bebel erläutern (Foto: Werner Dupuis).

Schließlich ist auch die Öffentlichkeitsarbeit eine wichtige Aufgabe. Als eher kleines Archiv muss die Archivstelle Boppard aktiv daran arbeiten, in der Öffentlichkeit präsent zu sein. Dazu gehört die Beiteiligung am alle zwei Jahre durchgeführten bundesweiten „Tag der Archive“, aber auch die Durchführung von Sonderveranstaltung zu aktuellen Themen mit kirchenhistorischem Bezug. So führte die Archivstelle Boppard 2014 im Rahmen des Themenjahres „Reformation und Politik“ in ihren Räumlichkeiten die Vortragsreihe „Das Kreuz mit der Politik“ durch, die mit einem Besuch des früheren rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck in der Archivstelle eröffnet wurde.

Ein Blick nach vorn

Wie alle Bereiche des öffentlichen Lebens, so ist auch die Archivarbeit im
digitalen Zeitalter einem fundamentalen Wandel unterworfen. Chancen und Risiken
dieses Transformationsprozesses für die Evangelische Archivstelle Boppard
wurden in der Corona-Krise 2020/21 wie in einem Brennglas sichtbar. So musste
der für den 31. Mai 2021 vorgesehene Festakt zum Jubiläum der Archivstelle
abgesagt werden – für ein kleines Archiv, das innerkirchlich wie
gesellschaftlich auf öffentliche Wahrnehmung angewiesen ist, war das eine
schmerzvolle Entscheidung. Doch die alternativen digitalen Formate – etwa
dieser Blogbeitrag oder eine für Juli 2021 geplante Online-Ausstellung zu
Geschichte und Gegenwart der Archivstelle Boppard – bieten durchaus
Möglichkeiten, eine wesentlich breitere Öffentlichkeit zu erreichen, als das
mit einer Feierstunde vor erlesenem Publikum der Fall gewesen wäre. Digitale
Techniken wie Videokonferenzen haben auch dem fachlichen Austausch der
Archivstelle Boppard mit der Düsseldorfer Zentrale einen neuen Schub gegeben.

Auf der anderen Seite bringt der Digital Turn gerade für die kirchliche Archiv- und Registraturpflege in einem überwiegend ländlich strukturierten Sprengel wie dem südlichen Rheinland enorme Herausforderungen mit sich. Was für großstädtische kirchliche Verwaltungsämter mit breit aufgestellten hauptamtlichen Mitarbeiterstäben möglich ist – etwa die Einführung von Dokumentenmanagementsystemen -, stellt kleine Landgemeinden derzeit noch vor personell und finanziell kaum zu bewältigende Probleme. Die große archivische Herausforderung der nächsten Jahre und Jahrzehnte wird sein, auch in Zeiten knapper Kassen technische, organisatorische und personelle Infrastrukturen bereit zu stellen, die eine strukturierte Sicherung der schriftlichen Überlieferung kirchlichen Handelns gerade auch in der Fläche ermöglichen. Der Evangelischen Archivstelle Boppard wird deshalb auch im zweiten Vierteljahrhundert ihres Bestehens die Arbeit nicht ausgehen.

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Über Dr. Andreas Metzing

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