Kirchenarchivar Rosenkranz im Kriegseinsatz

In einer Akte des Rheinischen Konsistoriums finden sich zwei Berichte zu ein und derselben Dienstreise, die mentalitätsgeschichtlich aufschlussreiche Zeitdokumente bilden.

Saargebiet: Kartenausschnitt, Hrsg. vom Landeskirchenarchiv Düsseldorf 1960

Saargebiet: Kartenausschnitt, Hrsg. vom Landeskirchenarchiv Düsseldorf 1960

Während des Polenfeldzugs 1939 wurden große Teile der Bevölkerung im Saargebiet evakuiert und französische Truppen besetzten im Warndt bei Saarbrücken das Vorfeld des Westwalls. Ende Oktober zogen sich die Franzosen wieder zurück. Die Pfarrhäuser und Gemeindeämter der betroffenen Zone waren nur eilig verschlossen worden, für die Bergung der wichtigsten Amts- und Kirchenbücher oder auch der Abendmahlsgeräte war keine Zeit verblieben. Dies sollte Provinzialkirchenarchivar Rosenkranz nun im Auftrag des Konsistoriums nachholen. Vom 7.-9. Dezember 1939 bereiste er das geräumte Saargebiet; die Gestapo in Ottweiler stellte hierzu auf Weisung von Berlin einen Dienstwagen und zwei Beamte zur Verfügung.

 

Der Ruhestandspfarrer Lic. Albert Rosenkranz (1876-1975(!)) war gerade erst am 1. Juli 1939 zum Leiter des Rheinischen Provinzialkirchenarchivs ernannt worden. Dieses hatte damals seinen Sitz am Hofgarten in Bonn. Sein Bericht ist recht sachlich formuliert und beschreibt die Besuche auf der gesamten Tour: Herrensohr, Jägersfreude, Fechingen, Güdingen, Bübingen, die Saarbrücker Gemeinden St. Johann, Alt-Saarbrücken und Malstatt, Klarenthal und Karlsbrunn. Akribisch listet er dabei die mitgenommenen Unterlagen auf und ist enttäuscht, dass einige Pfarrhäuser so sorgfältig verschlossen sind, dass er dort nichts mitnehmen kann. Am gefährlichsten erwies sich die Bergung der Kirchenbücher von Karlsbrunn, da das Dorf vermint war und unter Artilleriebeschuss lag. Der Geheimen Staatspolizei attestiert er abschließend, dass die Reise nur dank deren „verständnisvoller Mitarbeit“ ein Erfolg geworden sei.

Den Parallelbericht verfasste sein Reisebegleiter, der junge Konsistorialassessor Hans-Joachim Quenstedt (1910-1960). Als strammer SA-Mann und Parteimitglied war er ein Protegé des Düsseldorfer Konsistorialpräsidenten Dr. Walter Koch. Von seinem Text ist nur Abschnitt 4 zu Karlsbrunn erhalten. Für Quenstedt stellt die ganze Aktion offensichtlich einen spannenden Abenteuerausflug dar, die ihm die Chance eröffnet, auch im kirchlichen Dienst einmal Kriegsluft zu schnuppern. Voller Entrüstung ist er über die angetroffenen Zerstörungen; in seiner ideologischen Engführung kann er sich mit Blick auf das 1914-1918 deutsch besetzte Nordwestfrankreich „nicht denken, dass unsere Leute auch nur so ähnlich gehaust haben können.“ Lautmalerisch schildert er den erlebten Artilleriebeschuss: Eine Formulierung wie „Rums… huiii…batsch!“ dürfte sich sonst kaum in kirchlichen Verwaltungsakten finden.

Quenstedts Leben erfuhr später eine tragische Wendung: 1940 zum Militärdienst eingezogen, stellte ihn 1945 die neue Kirchenleitung –erstaunlicherweise- erneut zumindest auf Widerruf an. Nach einem Anfall geistiger Verwirrung wurde er in die Heil- und Pflegeanstalt Tannenhof eingeliefert, wo er sich 1947 selbst blendete. In den Ruhestand versetzt, beging er 1960 in Düsseldorf Suizid.

Archivbestand: Evangelisches Konsistorium der Rheinprovinz
Findbuch: AEKR Düsseldorf, 1OB 002 (Rheinisches Konsistorium), Nr. 1165 

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