Kennen Sie bereits „Der Frommen Lotterie“?

Bister, Ulrich (Hrsg.): Geistliches Blumen-Gärtlein (Sig. GT 12 64)

Während meiner ersten Arbeitswochen beschäftigte ich mich mit der Arbeit des Pietismus-Forschers Horst Neeb (Bestand 8SL 059). Dabei stieß ich zwangsläufig auf den Namen Gerhard Tersteegen. Jener Tersteegen erlangte vornehmlich durch seine Poesien und Dichtungen überregionale Bekanntheit.[1] Zu den einflussreichsten Beiträgen Tersteegens zählt zweifelsfrei das Werk „Geistliches Blumen-Gärtlein“. Eine Besonderheit des Werkes bildet der letzte Teil, der den Namen „Der Frommen Lotterie“ trägt. In unserem Bestand der Archivbibliothek (I.11, übernommene Bibliothek Brüderverein) finden sich zwei Variationen der Lotterie: Zum einen die klassische Buchform und zum anderen eine Ziehkästchen aus dem Jahre 1791.  

Lotterie mit Versen (1791)

Dieser Fund löste in mir einige Fragen aus: „Lotterie und Glücksspiel im Pietismus?“ – Das klingt doch nicht gerade nach klassisch pietistischen Religions- und Lebenspraktiken, oder etwa doch? Welche Funktion nahm die Lotterie in der alltäglichen Lebens- und Glaubenspraxis der Pietisten ein?

Die schriftliche Form „Der Frommen Lotterie“ Tersteegens erschien 1732 erstmals als Monographie und später als Ziehkästchen-Sammlung. Die 412 Verse und Sprüche umfassende Sammlung Tersteegens bot eine religiöse Alternative zu dem von der Kirche verpönten Lotteriespiel.[2] Interessant erscheint, dass sich das Phänomen der religiösen Lotterie keinesfalls nur auf Tersteegen und seinen Kreis innerhalb der Grenzen des Rheinlandes beschränkte. Bereits 1714 betrieben Anhänger Gottfried Arnolds eine ähnliche Form der Lotterie, dessen Kärtchen eine Vielzahl an Bibelsprüchen aufwiesen.[3] Die Akte zum zweiten Zürcher Pietistenprozesses vom 24. Mai 1718 veranschaulicht die Popularität des religiösen „Glücksspiels“ innerhalb des Pietismus.[4] Folglich wurde während der täglichen Andacht zufällig einer der Verse oder Sprüche aus dem Kästchen gezogen. Die Pietisten verbanden mit dieser Praxis den Glauben, dass sich der Wille Gottes in dem gezogenen Vers offenbare. Gleichzeitig schuf die Losung eine direkte Nähe zu Gott und wurde als Heilszeichen interpretiert.[5]

Ausgewählte Verse der Lotterie

[1] Benrath, Gustav Adolf: Gerhard Tersteegen in seiner Zeit, in: Kock, Manfred (Hrsg.): Gerhard Tersteegen – Evangelische Mystik inmitten der Aufklärung, Köln 1997, S. 7-23, hier S. 9.

[2] Bister, Ulrich (Hrsg.): Geistliches Blumen-Gärtlein, Zürich 2001.

[3] Bütikofer, Kaspar: Prädestination und Providenz. Eine Spurensuche im frühen Zürcher Pietismus, in: Zwingliana, Bd. 46 (2019), S. 149–195, hier S. 185-188.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

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